Wirkkraft für die Zukunft
Landschaftskunst von Heinrich Brummack und Alan Sonfist
Kunst, die bewusst in die Landschaft gesetzt wurde, wirkt immer geomantisch, auch wenn dies nicht die Intention der Künstler war. Aus dieser Perspektive unterzieht der Maler Edgar Diehl zwei neue Werke auf dem Waldskulpturenweg in Bad Berleburg einer kritischen Würdigung. Sein Schluss: Land-Art harmoniert nicht a priori besser mit dem Land als ein mit konventionellen Mitteln geschaffenes Werk.

Jeder Mensch ist ein Künstler. Dieser Ausspruch von Joseph Beuys ließ die Herzen aufgehen und fand einen langen Widerhall, seit er zu Anfang der 70er-Jahre zum ersten Mal erklang und den Kunstdiskurs veränderte. Jeder kennt diese Aussage des Düsseldorfer Bildhauers, Lehrers und Visionärs. Sein erweiterter Kunstbegriff, der ihn berühmt machte, fußt auf einem entwickelten Menschenbild:
Nach Beuys ist der Mensch als Element der Schöpfung ein großes Kunstwerk. Das Ich und das Individuum sind es hingegen nicht. Das Individuum ist zunächst in schlafendem Zustand, unfrei, manipuliert, und teilweise fehlgeleitet. Erst wenn das Ich erwacht und seiner Bestimmung nachgeht, kann sich das Individuum erheben. Es steht buchstäblich auf aus einem schlafenden Zustand und übernimmt die volle Verantwortung für sich selbst. Diese Arbeit der Autopoesis ist die Forderung, die das Leben an den Menschen stellt. Beuys bezeichnet denjenigen, der ihr nachkommt, als Künstler, weil er das Staffelholz aus der Hand des Schöpfers übernimmt und die biologische Evolution auf der Ebene des Individuums aus eigener, freier Einsicht fortsetzt. Das Individuum wird selbst zum Kunstwerk. Dieser Künstlerbegriff hat mit der Berufsbezeichnung des bildenden Künstlers nichts zu tun. Im Zentrum der Arbeit an sich selbst steht bei Beuys die Suche nach der eigenen Bestimmung. Er sucht nach seiner Begabung und Motivation, seinem Auftrag im Leben, worin er sich verwirklicht und zugleich seinen Beitrag für die Gemeinschaft übernimmt. Dann wird sein Leben selbstbestimmt und stimmig. Die Frage nach der Bestimmung des Einzelnen führt zur Frage nach der Bestimmung der Menschheit im Ganzen und wird bei Beuys politisch. Er nennt diesen Themenkomplex soziale Plastik. Der Kapitalismus hindert die Bestimmungsfindung des Menschen, weil er ihn auf eine kommerzielle Schiene setzt und den Materialismus in den Vordergrund stellt.
Nach Beuys gibt es keine Kunsttherapie. Kunst ist Therapie und der professio-nelle Künstler ist Therapeut. Durch seine beispielhafte innere Arbeit können er und seine Werke der Bestimmungsfindung des Menschen helfen. Seine Bestimmung nicht zu finden, entfremdet zu sein, heißt nach Beuys, krank zu werden. Hier kommt der Begriff des Heilens ins Spiel. Wenn es Menschen, Institutionen, Bauwerke und Gemeinden nicht gut geht, können sie nach Beuys nur gesunden, wenn sie nach ihrer Bestimmung suchen. Bildende und darstellende Künstler können hier aus ihren besonderen Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag leisten. Die Arbeit der Maler und Bildhauer findet nach Beuys nicht nur im Atelier statt, vielmehr sollen sie ihren Gestaltungswillen auch im sozialen Prozess ausdrücken. Alles, was in der bildenden Kunst an der Bestimmungszueignung der Menschen zuwiderläuft, was beispielsweise die kommerzielle Ausrichtung verschärft, ist in Beuys Augen krankheitsfördernd. Beuys war seiner Zeit voraus, und man beginnt heute, die Inhalte seiner Lehre zu verstehen. Es ist kurios, dass sein erweiterter Kunstbegriff als Adelsschlag für Werke, die so aussehen wie Kunst, für Kunstgewerbe oder andere Bereiche, die mit Kunst aber nichts zu tun haben, missverstanden oder gar missbraucht wurde.
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