Emotion Follows Colour

Über die Maßhaltigkeit von Farbprofilen in der energetischen Farbgestaltung

von Christina Kalko erschienen in Hagia Chora 23/2006

Die subtile Ebene der Farb-wirkungen ist das Fachgebiet von Christina Kalko. Jede Farbnuance in der Außen- und Innengestaltung des auf den vorigen Seiten dargestellten Bauprojekts des Studentenhauses in Garching ist von ihr bewusst komponiert. Hier erklärt sie, wie die richtigen Farbklänge ein Gebäude in den Ort einbinden und den Bewohnern ein Gefühl von Heimat verschaffen können.

Im Yoga werden die seelischen Zustände des Menschen mit der Bewegung von Luft (Geist) und Wasser (Gemüt) beschrieben. Im unruhigen, vom Wind aufgewühlten Wasser ist alles in Bewegung, in ständiger Umordnung. Die Wasseroberfläche spiegelt uns und unser Umfeld verzerrt. Das ruhige Wasser dagegen ordnet und spiegelt, was ist - die göttlichen Prinzipien treten uns aus ihm klar entgegen. Die Unruhe, dieser Mangel an Ruhe und Ausgeglichenheit, erleben wir heute in den meisten unserer gestalteten Umwelten. Ständiger Lärm, Musikberieselung, wohin man auch geht, Verkehrshektik, Arbeits- und Zeitdruck sind die schon bekannten Stressoren. Den ständigen An- oder Überspannungen im Bereich der Form- und Farbgestaltung wird dagegen noch wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Farbgestaltung und Wahrnehmung
Farben und die mit ihnen verbundenen Formen und Strukturen erreichen unseren Geist, unsere Gefühle und den Körper auf einer Art Datenautobahn. Schnell und in großer Menge umspülen uns Fluten von Licht- und Farbreizen.
Der Mensch muss bei der visuellen Verarbeitung seiner Umwelt ständig die komplexen Informationsfelder Raum, Farbe, Form und Bewegung auswerten. Diese Bearbeitung fordert ein kompliziertes Zusammenspiel unterschiedlichster Bereiche des Gehirns. Die wahrgenommenen Informationen werden im Gehirn vielfach hin und her übertragen, und Schicht für Schicht baut sich so das Verstehen des Wahrgenommenen auf. Innerhalb dieses Prozesses entstehen die Gefühle. Aus den objektiven Impulsen der Lichtquanten entstehen subjektive Reaktionen und individuelle Wertungen. Ob mir etwas gefällt oder nicht, ob ich mich wohlfühle oder nicht, ist Folge einer harmonischen oder unharmonischen Feinstabstimmung wahrgenommener Reize.
Die Basis dieser visuellen Auswertungskriterien sind farb- und formbezogene Ur-Informationen. Bei „größer als ich“ ist Vorsicht angeraten. „Kleineres“ wird auf Bewegungsmuster hin abgetastet. Mit dem Auge gesehen, steigern Gelb oder Rot den Blutdruck und regen die Atem- und Herzfrequenz an. Blau dagegen verringert diese und wirkt damit beruhigend. Es sind uralte evolutionäre Muster in der Informationskette Auge, Gehirn und Emotion.
Wenn wir also sehen und daraufhin innere Bilder erschaffen, sind wir Teil der Interaktion von Licht (Energie) und Materie. Das emittierte oder reflektierte Licht verändert die Moleküle unserer Sehfarbstoffe und ermöglicht so erst unsere visuelle Teilhabe an der Welt. Wir absorbieren oder reflektieren - wie alles, was in oder um uns ist. Wir sind ein kleiner Teil eines umfassenden Energieaustauschs, der am besten ungehindert und wandlungsfähig fließen soll. Bei der Farbgestaltung ist daher schon die Auswahl der verwendeten Trägermaterialien von entscheidender Bedeutung. Materie ist ein Lichtträger, sie ist geronnene Lichtenergie. Das oft in der Gestaltung vernachlässigte Tageslicht mit seinen natürlichen Rhythmen ist ein durch nichts zu ersetzendes, lebensnotwendiges Grundnahrungsmittel des Menschen. Für ein gesundes Wohn- und Arbeitsumfeld ist es wichtig, die Auswahl der Lichtquellen, der Trägermaterialien und der Pigmente ausgewogen aufeinander abzustimmen.
Nicht nur über das Auge und die von ihm ausgehende unbewusste Körpersteue-rung erreicht uns das Licht, auch durch das Eindringen in die Haut und das Durchstrahlen unserer feinstofflichen körper-umgebenden Schichten entfaltet das Licht seine Wirkung. Licht - und damit Farbe - ist auf verschiedensten Ebenen unseres Seins Energie- und Informationsträger.
Licht und Farbe sind zudem in ständigem Fluss - ihre Rhythmen bestimmen die menschlichen Lebensabläufe. Wie Sonne und Mond, Tag und Nacht, bedarf der Mensch des Lichts und des Schattens. Nur Buntes zu sehen - das wäre wie immer nur Weißmehl und Zucker zu essen. Die Polarität von Bunt und Unbunt ist ein für den Menschen notwendiges Stimulans. Alle Rhythmen sind Abbilder der Lebenskräfte des Kosmos und der Erde. Die Trigramme des Yijing beispielsweise bilden dieses Kräftespiel ab. Sie stellen den Menschen zwischen die Kräfte des Himmels und der Erde. Als Mitte, als Mittelnder ist der Mensch in Harmonie, je mehr er diese Prinzipien im eigenen Inneren zu finden und zu entfalten in der Lage ist.

Die Farben des Orts
Die Schöpfung eines menschlichen Lebensumfelds heißt also, eine Welt im Kleinen zu erschaffen. Sie sollte den Prinzipien des Ganzen unterstehen und, wie eine russische Puppe, stets Raum lassen, weitere Welten aus ihr zu schöpfen. Denn Schöpfung endet nicht - ein Phänomen, das die meisten Gestalter dann zu spüren bekommen, wenn sie ihr Werk einige Zeit nach dem Einzug der Auftraggeber für ein Fachmagazin fotografieren wollen.
Um für diesen Prozess der fortlaufenden Schöpfung den nötigen Freiraum zu lassen, sollte Gestaltung immer auf den oben genannten Grundprinzipien ruhen. Sie sollte maßhalten, wie es den Alten selbstverständlich war. Freiraum, das ist: Zu spüren, was dem Ort, dem Gebäude und den Menschen entspricht. Zu spüren, was ich als Gestalter zu geben in der Lage bin. Und immer wieder innezuhalten und zu schauen, zu hören - im biblischen Sinn sonntäglich zu ruhen - und der Frage nachzulauschen: Ist es gut, wie es ist?
Diese Thesen möchte ich nun an einem Projekt verdeutlichen. In Garching, nördlich von München, entstand im Auftrag der Firma Domino Bau GmbH in Zusammenarbeit mit dem Planungsbüro axis mundi und anderen Fachplanern ein ganzheitlich geplantes Wohngebäude für Studenten der TU München. Bei der Umsetzung eines solch vielschichtigen Vorhabens ist nicht nur die fachliche Präsenz von Spezialisten, sondern vor allem die Offenheit und Überzeugungskraft des Bauherrn notwendig. Der Bauherr (oder sein Vertreter) ist die Kraft, die eine lücken-lose Umsetzung des Geplanten durch die ganze Bauzeit hindurch aufrechterhält. Domino Bau hat sich im Wohnbau auf diese Aufgabe spezialisiert.
Das Gebäude, ein langgestrecktes U mit schmalrechteckigem Innenhof, liegt in der Münchener Kiesebene. Es ist in seiner Außenfarbigkeit auf den Kiesuntergrund abgestimmt. Zartfarbige, naturtonige Fassadenfarben schwingen frei beweglich im Farbraum. Sie reagieren daher auf jedes Licht und alle Wettersituationen. Das Wohnhaus rechts neben dem Studentenhaus ist mit einer Farbe außerhalb des natürlichen Farbumraums verputzt, sie wirkt daher künstlich und unverbunden mit dem Ort. Sich abzuheben und zu entfernen, war nicht der Wunsch der Bauherrenschaft, sie wünschten, den Studenten hier für die Zeit ihres Studiums eine Heimat zu geben. Daher spiegelt die Fassade den Untergrund (Erdkräfte), verbindet sich mit ihnen und verschafft den Studenten das Gefühl einer soliden Basis. Die verlorengegangene Erdung der Menschen z.B. durch regionale Materialien zu schaffen, war hier nicht möglich, da solche Baustoffe in einer überregional orientierten Industrie nicht mehr erhältlich sind. Deshalb wird hier der Organismus des Menschen durch den Farbklang auf den Ort eingestimmt.
Um der Schwere der Ebene, in der das Gebäude steht, entgegenzuwirken, umläuft das Gebäude oben ein blaues Farbband - das Haus wendet sich dem Himmel zu. Zugleich wurde mit der Gestaltung bewusst der technische Charakter angesprochen, eine Reminiszenz an die technische Ausrichtung der Studenten.
Das Farbkonzept des Gebäudes beruht auf wenigen, aber konsequent eingesetzten Farbmaßen und dem Prinzip der Farbvitalität. Die Wandfarben sind alle hell und im Farbraum beweglich. Kiestöne und Maschinenblau stehen an der Fassade, zum Innenhof hin wird der Farbklang wärmer und weicher. Damit wird der Innen- vom Außenraum geschieden - notwendig in einer Gegend, die gerade am Entstehen ist. Auf Wunsch der Bauherrenschaft sollte daher der Impuls der Wärme und des Miteinanders im Hofbereich betont sein. Von Stockwerk zu Stockwerk zeigen sich Farbunterschiede an der Fassade. Jeder Schritt hinauf ist farblich abgebildet, jeder Schatten, jede Decke zeigt Farbübergänge und Plastizität.
Was auf den ersten Blick aussieht wie ein komplizierter Farbleitplan, ist der Einsatz der von mir erarbeiteten -Vitalfarbe“ und der aktive Umgang mit Licht und Schatten. Die Wände beleben den Innenhof - auch wenn wenige Menschen darin unterwegs sind, wirkt er nie leer und tot.
Die Orientierungsleitlinien dagegen bleiben relativ farbstabil. Fenster und Türen im Blau der Fassade haben eine -ruhige und ordnende Qualität. Jedes Stockwerk bildet mit ihnen einen individuellen Klang. Im Erdgeschoß ist das die Pflasterung der Zugangswege mit ihren buntfarbigen Steinen, die auch das vom Hof aus sichtbare Ziegeldach einbinden (meist liegen die industriell rotbunten Dächer zusammenhanglos über den Häusern). Die Böden der außen liegenden Zugänge der Obergeschoße haben einen dementsprechenden zarteren Farbklang.
Dass dieser Farbraum auch unbunt werden kann, zeigen die Innenflure und Treppenhäuser. Ein klarer und dynamischer Formenschwung übernimmt hier die Führung und wird begleitet von einem Orchester zurückhaltender Naturtöne. Schiefer, gebrochen, und polierter Stein. Fugenlinien, Geländer und Handlauf: Alles fein abgestimmt und kontrastiert zur Wandfarbe. Das Treppenhaus wird zur material-betonten Skulptur.
Durch den bewusst an der Wahrnehmungsschwelle gehaltenen Kontrast zur Wand bewegt sich der Treppenlauf frei im Raum. Die Farbleitung findet im Überkopfbereich durch ein blaues Band statt, das dem Treppenverlauf folgt und vor jeder Bewegungsänderung einen Punkt zeigt. In Treppenhäusern bewegt man sich meist unbewusst, deshalb sollten Hilfestellungen hier aus dem Wahrnehmungsrand bzw. Überkopfbereich kommen.
Richtig bunt wird es erst in den Appartements. Natursteinintarsien statt langweiliger Bordüren im Sanitärbereich entstanden aus der planerischen Zusammenarbeit von Bauherrenschaft, Farbgestaltung und dem Fachhandel. Hölzer (Eiche-Indust-rieparkett), Fliesen (Schiefer) und Laminate (helle Birke und Ahorn) geben mit satiniertem Glas und transparenten Gardinenstoffen einen jugendlich-loftigen und doch weichen Grundklang. Auch das Weiche und Zarte sollte ausgleichend in die Gestaltung eingebracht werden, um dem technischen Grundklang das weibliche Prinzip beizustellen. Es war auch notwendig, für die eher kleinen Appartements den Raum so weit als möglich optisch zu weiten und die Anzahl der Akzente zu beschränken: Blau im Bezug von Bett und Stuhl und ein leicht austauschbares Paneel hinter der Küchenzeile beispielsweise machen die Appartements zeitunabhängig. Mit geringen Mitteln können so später neue, aktuellere Klänge eingebracht werden. Der Farbklang - ein Ergebnis von Farbbemaßungen und Testungen - lässt die Freiheit der hier Lebenden, die Räume in ihrem Sinn weiter zu gestalten, unangetastet und kann doch auf sanfte Weise den Biorhythmus stimulieren.
Garching zeigt als Farbentwurf, dass die Farbe als Energie- und Informationsträger ein komplexes geomantisches Gesamtkonzept kompetent begleiten und erweitern kann. In diesem Fall war die Schaffung eines emotionalen Umfelds gewünscht, das die Aufmerksamkeit zunächst auf keine bestimmte Raumsituation lenkt. In der Abfolge der Raumsituationen - von der Fassade bis in die Appartements - begleitet die Farbe das Leben. Sie enthält eine Unzahl Möglichkeiten und lässt jedem die Chance, seine eigene Kommunikation mit dem Raum zu beginnen. Sie ist Freiraum und doch Stimulus, Erdung und Lichtnahrung. Sie regt an, mit leisen Tönen, die Wahrnehmung zu schulen. Es gibt vieles in ihr, was zur Weiterentwicklung einlädt, was in ihr noch verborgen ist. Ein wichtiger Impuls für junge Menschen in der heutigen Zeit. +