Rituelle Trance
Ein heilsamer Weg der Erkenntnis
Eine Kernaufgabe der Geomantie ist, die Wahrnehmung zu erweitern und sich selbst und die Welt aus dieser neuen Sicht zu erfahren. Zu den Pionierinnen der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände und ihrer heilenden Wirkung gehört die vor kurzem verstorbene Anthropologin Felicitas Goodman. Nana Nauwald stellt hier Goodmans Forschungen und die daraus entstandene therapeutisch-schamanische Praxis der -rituellen Körperhaltungen vor - ein Ansatz, der die geomantische Arbeit mit der Wahrnehmung bereichert.

Herbstnacht. Der unerbittliche Nordwind fegt über die Heidelandschaft, sucht und findet die Ritzen in der Bretterverkleidung des kleinen Atelierhäuschens am Rand eines Heidedorfs. Mächtiger, gleichmäßiger Trommelklang füllt das Innere des Häuschens, verwebt sich mit dem Geheul des Windes. Die Samenklappern am Handgelenk der Trommlerin rasseln mit jedem Trommelschlag mit, vermischen sich mit dem an die Fensterscheiben prasselnden Regen zu einem gemeinsamen Gesang.
Ein glühendes Holzkohlebecken lässt den Kreis der stehenden Menschen im Raum nur schemenhaft erkennen. Würziger Rauch durchzieht den Raum, auf den Holzkohlen verglimmt Wacholder.
Die Trommlerin steht außerhalb des Kreises. Innerhalb der Runde der stehenden Gestalten liegt jemand ausgestreckt auf dem Boden. Alle zeigen die gleiche Körperhaltung: Mit geradem Rücken stehen sie, die Knie leicht gebeugt, die Füße parallel. Die Oberarme liegen locker am Oberkörper an, die Hände sind zu Fäusten geformt, so als würden sie ein kleines Ei umfassen. Die Fäuste liegen so über dem Bauchnabel, dass sich nur die Knöchel der Zeigefinger berühren und die Spitze eines nach unten geöffneten Dreiecks bilden. Die Fäuste sind fest an den Körper gedrückt, die Köpfe in den Nacken gelegt, die Münder sind geöffnet.
Die Frau in der Mitte des Kreises liegt in der gleichen Körperhaltung. Damit auch im Liegen die Knie gebeugt sind, wurde ein Kissen unter die Kniekehlen gelegt. Eine gerollte Decke stützt den Nacken, so dass der Kopf nach hinten fällt.
Was ist Ekstase?
Würde ein neugieriger Beobachter sich von Regen und Sturm nicht erschrecken lassen und sein Gesicht an die Scheibe pressen, so würde das Szenario sicherlich Befremdung in ihm auslösen - oder sogar Angst. Was geht da im Dunklen vor sich? Eine Versammlung von Hexen, Spiritisten, Satanisten oder eine neue Eso-Sekte?
Nichts von alledem! Keine wie auch immer orientierte Glaubensgemeinschaft hat sich hier zusammengefunden, sondern Menschen, die nur eines verbindet: ein offener Geist und die Bereitschaft, die Filter der Wahrnehmung mit Hilfe von Rhythmus und einer Körperhaltung so zu verändern, dass die Erfahrung mit allen Sinnen in einen ganzheitlichen, heilsamen Zustand der Erkenntnis führen kann. Was sie dort miteinander praktizieren, sind -rituelle Körperhaltungen, die in einen Zustand der ekstatischen Trance führen können.
Ekstase - ein anrüchiger Begriff in unseren Zeiten: assoziiert mit Hemmungslosigkeit, Exzess, Drogen. Doch die Sehnsucht nach Ekstase ist untrennbar verbunden mit der Geschichte des Menschen: weit zurück in der Frühzeit der Menschen zeugen archäologische Funde von seinem Bemühen, sich willentlich in einen außergewöhnlichen Zustand der Wahrnehmung und des Erkennens von -Wirklichkeit zu versetzen. Rhythmus, Bewegung, Konzentration, Gesang, Räucherungen, der Aufenthalt an kraftvollen Orten und entheogene Pflanzen waren und sind die hauptsächlichen Schlüssel zum -Verschieben der Wahrnehmungsfilter zur unmittelbaren Erfahrung und zum Erkennen der Vielfalt von Wirklichkeiten und Welten.
Ekstatisches Erleben ist gekennzeichnet von einem angstfreien Hochgefühl, das zugleich das Gefühl eines Geborgenseins wie einer Weite enthält und das Erkennen, mit allem, was ist, ohne Beschränkung von Zeit und Raum verbunden zu sein. Dieser Zustand wird von den Mystikern oft als -Süße beschrieben. Die Voraussetzung, diesen heilsamen Zustand zu erreichen, ist in jedem Menschen angelegt, immer noch. Alles, was wir zum -wahren Sehen, zum Erkennen der Wirklichkeit benötigen, tragen wir mit uns.
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