Lebensraum Seeland

Ein ganzheitliches Vernetzungsprojekt

von Kurt Rohner erschienen in Hagia Chora 22/2005

Es gibt Menschen, die sich mit ganzem Herzen für ihr Land engagieren, sich mit anderen vernetzen und das Gesicht einer Region nachhaltig verändern. Der Regionalplaner Kurt Rohner ist seit vielen Jahren in diesem Sinn für das Drei-Seen-Land in der Schweiz aktiv. Geomantie war für ihn ein Medium, um Stadt und Land in dieser Region auf eine neue Art zu verbinden.

Am Anfang, 1988, stand die Idee, ein praktisches Vernetzungsprojekt in der Natur des Drei-Seenlandes um den Bielersee, den Murtensee und den Neuenburger See zu schaffen - eine 500 bis 600 Quadratkilometer -große, weitgehend flache frühere Moorlandschaft im Herzen der Schweiz, die schlicht das -Seeland“ genannt wird.
In den rund 80 Dörfern und Kleinstädten konnten sich nach der großen -Jura-gewässerkorrektion“ im Jahr 1890 und den dadurch ausgebliebenen Überschwemmungen ein intensiver Gemüsebau und eine erhebliche industrielle Entwicklung, insbesondere Uhren- und Maschinenbau, anbahnen. Das vor 150 Jahren überall in der Region präsente Wasser war durch die Regulierung einerseits in Kanäle und in die drei Seen gebannt und zum anderen in ein flächendeckendes Sickerleitungsnetz unter den Boden verdrängt worden. Die damalige technische Meisterleistung führte zu Fruchtbarkeit und Prosperität, aber auch zum Wunsch nach immer mehr Reißbrett-Landschaft, Landzusammenlegungen, nach Feldern und Wäldern mit Wegen, Straßen und Bahnlinien. Größere Maschinen, Dünger, Chemie und all das, woran man nach 1950 glaubte und oft leider immer noch glaubt, hielt seinen Einzug - eine Überbetonung des männlichen Prinzips.

Ein Land der Gegensätze
Dabei wirken in diesem Land durchaus noch andere Kräfte. Es blickt zurück auf eine uralte Besiedelungstradition. Archäologische Funde, die gut 20000 Jahre zurückreichen - und wir wissen aus den Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien, welch hohe Kulturstufe jene Vorfahren haben mussten -, zeigen, dass die Gegend zumindest seit dem frühen Neolithikum praktisch lückenlos von Menschen bewohnt war. Die steinzeitlichen Pfahlbauten an den Seen entstanden 4000 Jahre v.Chr. nach der letzten Eiszeit, die unsere Landschaft hauptsächlich mit Moränen und Molassehügeln, Seen und Moorgebieten prägte. Ausgrabungen legen den Schluss nahe, dass schon damals eine Rhonekultur offenbar friedlich neben einer Donaukultur lebte. Die beiden von Süden und Osten eingewanderten Kulturen unterscheiden sich beispielsweise durch ihre Keramik und deren Verzierung. Mehr wissen wir mangels schriftlicher Belege aus der Steinzeit kaum. Die Archäologen stellen aber beide Kulturen zur gleichen Zeit in unserem Raume fest. Auch Menhirfunde, die uns ebenso wie die große Zahl von Schalensteinen im Seeland unlösbare Rätsel aufgeben, zeugen von der frühen Besiedlung.
Nahtlos ging es mit den Kelten weiter, hier Helvetier genannt, nach deren großer bekannter Kultstätte in La Tène eine Eisenzeit-epoche ihren akademischen Namen bekam. Römer, frühes Christentum, Alemannen, Burgunder folgten in kurzen Zeiträumen aufeinander. Die im Mittelalter wichtigen Städte, wie Solothurn, Bern, Neuchâtel, Biel-Bienne, zeugen von Macht und Hegemoniegelüsten der damaligen Stadtstaaten.
Noch immer ist das Seeland ein Grenzland und ein Ort der Gegensätze. Hier die Jurakette - dort das flache Schwemmland, hier Weinbau - dort Ackerbau, hier deutschsprachige - dort französischsprachige Bewohner.
Das ist in kurzen Worten die Geschichte dieser Region, dieser Landschaft, unseres Lebensraums. Was spürt man hier heute? Prosperität, Wachstum, überbordende Infrastruktur einerseits und eine in kleine Naturschutzgebiete zurückgedrängte Natur andererseits - die Dominanz des Menschen und seines Machbarkeitsglaubens, kurz, den heutigen Zeitgeist. Wer offen ist, spürt aber noch immer das allgegenwärtige, verdrängte Wasser, fühlt starke Orte wie die Petersinsel im Bielersee, zu denen die Bevölkerung noch heute einen Bezug hat.
Als Planer konnte ich in den letzten 40 Jahren für den Staat die Raumplanung im Seeland aufbauen und später mit meinem eigenen Büro für Ökologie und Landschaft viele spannende Projekte anregen und realisieren. So durfte ich im Lauf der Jahre auch eine Vielzahl kreativer und problembewusster Menschen und Organisationen kennenlernen, die alle bemüht sind, Gutes zu tun. Handfeste Projekte entstanden, wie beispielsweise der Natur- und Heimatschutz, Ökologie in Land- und Forstwirtschaft, das -Bieler Manifest“, mit dem sich Menschen aus verschiedensten Berufen -nachhaltiges Leben“ auf ihre Fahne schrieben und später Mitbegründer eines -Gemeindeforums lebenswertes Seeland“ wurden. Dieses Forum versucht seit über zehn Jahren, 60 bis 90 Gemeinden mit einem gemeinsamen -Regenerationspark-Projekt“ zu ökologischem Verhalten zu animieren. Wir konnten auch Renaturierungen an See- und Flussufern, aber auch im intensivsten Landwirtschaftsgebiet realisieren. Weit über eine Million Quadratmeter naturnahe Flächen entstanden in kreativer Zusammenarbeit im großen Moos, dem 80 Quadratkilometer großen Kerngebiet zwischen den drei Seen von Murten, Neuchâtel und Biel.
Alles nur Tropfen auf den heißen Stein der gewinnorientierten Macherlobby? Was kann man heutzutage schon bewirken? Vernetzen, koordinieren, mit allen möglichen Mitteln motivieren, war für mich die Antwort. Als Generalist interessierten mich vor allem Prozesse in Organisationen, Gemeinden, beim Kanton, in der Bevölkerung und bei Landwirten sowie deren Vernetzung. So konnten wir z.B. 1992 mit dem Verein Bielerseeschutz ein Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose ins Leben rufen, das bis heute mit 20 bis 30 Beschäftigungslosen die Landschaft der 16 Mitgliedsgemeinden rund um den Bielersee auf über 100 Ökoflächen pflegt. Auch Subventionen holen wir für die Gemeinden bei Kanton, Bund und Stiftungen ein. Durch Arbeiten mit Schülern bemühen wir uns darum, den Nachhaltigkeitsgedanken bei der Jugend zu verankern. Das war eines der ersten sozio-ökologischen Projekte eines Vereins, das nach 13 Jahren bei Behörden und Bevölkerung gut verankert ist. Andererseits suchen wir im -Gemeindeforum lebenswertes Seeland“ die Gemeinden zu animieren, sich alle zwei Jahre gegenseitig ökologische und nachhaltige Projekte vorzustellen. Bis zu 150 Teilnehmer an jedem der bis jetzt fünf Foren und das Gesamtkonzept -Regenerationspark Seeland“ geben uns Mut, weiterzuarbeiten, obwohl das Forum praktisch keine Strukturen hat.

Stadt und Land verbinden
Aus all dem erhärtete sich 1988 bei mir die Idee des ideellen Vernetzungsprojekts, das ich im Folgenden vorstelle. Warum müssen sich Stadt und Land immer nur dann treffen, wenn die Stadt Gelder für Kulturelles oder anderes von den Landgemeinden fordert, war eine unserer Ausgangsfragen. Können wir nicht versuchen, durch ein Land-Art-Projekt eine Art homöopathische, zunächst unscheinbare, aber nachhaltige Vernetzung herbeizuführen? Kunst in der Landschaft, die Stadt und Land, Landwirtschaft und Ökologie, Wasser und Erde - warum nicht Himmel und Erde? - verbindet. Kunst, die Gegensätze zu sich gegenseitig bedingenden Polen wandelt.
Ein Besuch in England ließ mich mit Menhiren, Michaelskirchen und mit Resten von Römerstraßen bestückte Leylinien erleben, die ich aus Büchern von Autoren wie Nigel Pennick, John Michell, Jörg Purner und Marko Pogaÿcnik kannte und nun vertieft kennenlernen wollte. Gemeinsam mit einigen Freunden, unter ihnen Ökologinnen, Ingenieure, Landwirte, Forstingenieurinnen, Psychologen, Gemeindepolitiker, Naturwissenschaftler und Praktiker der -Hannes Pauli Gesellschaft HPG“ bewegte mich mehr und mehr die Frage, ob es auch in unserem Seeland geomantische Strukturen gibt und ob wir diese in unsere Projekt-idee -Landschaft - Kunst“ einbauen könnten. Wir suchten lange jemanden, der uns in diesem Bereich kompetent weiterhelfen könnte, und fanden ihn schließlich nach zwei Jahren in Marko Pogaÿcnik, der uns mit seinem Lithopunkturprojekt in Türnich bei Köln überzeugte. Das Stadt-Land-Art-Projekt erhielt Dank dieser Verbindung einen neuen Namen: Landschaft - Kunst - Geomantie, kurz L-K-G.
Das Projekt wurde rasch zu einem Hochseilakt zwischen Wissenschaft und einer von vielen falsch verstandenen Esoterik. Die Kunst sollte die wissenschaftlichen Disziplinen im Umgang mit -Landschaft“ mit der schwer fassbaren Ebene der Geomantie verbinden. Materiell sollten Landmarken in Stadt und Land die unsichtbaren Ebenen der Umgebung im fassbaren Hier und Jetzt verankern. Rasch mussten wir feststellen, dass Geomantie, Radiästhesie usw. für Naturwissenschafter ein esoterisches rotes Tuch darstellten. Anstatt, wie erhofft, wissenschaftlich klare Fragen zum Thema Geomantie und Landschaft zu stellen, gingen gewisse Hochschulkreise in Opposition. Auf der anderen Seite begann sich nach den Steinsetzungen 1998 eine Art Fangemeinde hinter Marko Pogaÿcnik zu bilden, die jegliche wissenschaftliche Kritik an Geomantie persönlich auffasste. Auch die Kunstkritiker wurden sofort skeptisch, wenn ich von Geomantie redete.
Die Besonnenen aus allen Kreisen versuchten, zu verbinden und diesen durchaus zum Projekt gehörenden Prozess positiv zu gestalten. In Anbetracht der heute 28 Steinstelen in Stadt und Land scheint das ganz gut gelungen zu sein. Wie aber lief das Projekt in der Realität ab?
Ökologisch und ästhetisch hatte ich mit meinen Fachkollegen in 30 Jahren Raumplanung die Gegend längst erfasst. Von 1992 bis 1998 ging es nun darum, mit Marko Pogaÿcnik das geomantische System Seeland zu ergründen. Die Skizze auf der vorherigen Seite gibt einen kleinen Eindruck des Gefundenen. Geomantisches deckte sich praktisch nahtlos mit den für uns in der herkömmlichen Landschaftsplanung wichtigen Orten. Gute Landschaftsplanung bedingt die Suche nach dem Genius loci oder der Seele eines Ortes, einer Landschaft. Da ist immer schon das alte Wissen der Geomantie enthalten. Die Geomantie bestätigt, ergänzt das bereits Gefundene und bringt eine neue Argumentation in unsere Planungen. Neu war das Markieren einer -transrationalen“ Ebene in der realen, das Akupunktieren der Erde mit Steinen.
Längst war ich mit C.G. Jung zur Auffassung gelangt, dass in unserer rational überbetonten Gesellschaft, wo nur noch materielle Werte zählen, das Irrationale des Unbewussten zu unseren Ungunsten vernachlässigt wurde. Die tägliche Manifestation dieser uns eben nicht bewussten Inhalte des Unbewussten bei jedem Einzelnen, aber auch in der ganzen Gesellschaft, ist ja einer der Gründe, warum wir mit den Lebensgrundlagen Natur, Landschaft, unserer Umwelt und auch mit uns selber so unvernünftig umgehen. Warum also nicht etwas in diese rationale Welt setzen, was ideell, also irrational - besser gesagt, transrational - wirken könnte? Schließlich gibt es nichts Neues, das es nicht schon gäbe! Da fand man doch Ende der 90er-Jahre beim Autobahnbau am Rand unseres Projektgebiets eine Anzahl steinzeitlicher Menhire von umwerfender Schönheit, die unsere Vorfahren vor ca. 7000 Jahren hier gesetzt hatten …

Geomantie als Teil eines Ganzen
Nach sieben Jahren vorbereitender Analyse des geomantischen Systems Seeland mit Marko Pogaÿcnik begannen wir 1998 mit gespendetem Geld, Steine zur Verbindung von Gegensätzen, von Stadt und Land zu setzen. Von den heutigen 28 Steinen stehen 21 im Land an ausgewählten Orten, vier in Biel, dem Zentrum des Seelandes, und je einer in Solothurn, Bern und Murten. Die Steine sind von ihrer geologischen Struktur her alle ähnlich, so wie sie eben aus dem Steinbruch kamen. Ein feines, von Marko Pogaÿcnik jeweils für den Ort entworfenes Kosmogramm identifiziert den Stein und verstärkt die Lithopunkturwirkung der Stelen. Da alle Steine öffentlich zugänglich sein sollten, bedingte dies eine Unzahl von Abklärungen zu Standorten und Bewilligungen, die ich wohl nur Dank meiner planerischen Erfahrung immer wieder erhalten konnte. Es war oft beschwerlich, galt es doch, auch noch Geld zu beschaffen, denn ein Stein kostete uns 3000 bis 3500 Franken, und da kam kein Geld vom Staat, es sei denn, eine Gemeinde hätte zum Abschluss einer Renaturierung einen Stein finanziert. Letztlich überwogen aber die guten Momente, die Geschichten, die sich um jeden der 28 Steine bildeten, und die Prozesse, die sie bei Menschen und Instanzen ausgelöst haben.
7, 21, 28! Das Projekt auf der materiellen Ebene scheint mir beendet. Nun wird sich weisen, ob sein Geist reicht, den weiterwirkenden Prozess lebendig zu erhalten. Ansonsten stehen eben 28 Steine im Seeland, die die einen vielleicht schön, andere vielleicht nutzlos finden. Manche fühlen sich angesprochen und halten inne. Andere beginnen zu fragen, finden den Zugang zum Projekt, auch wenn die Steine bewusst nicht beschriftet sind. Man fährt mit dem Fahrrad von Stein zu Stein und ist überrascht von den unbekannten Schönheiten eines vermeintlich bekannten Lebensraums.
Ich bin kein Freund von vermarkteten Kraftorten, denn wir alle haben unsere persönlichen Orte. Ich wollte mit Marko Pogaÿcnik und Freunden Zeichen setzen, die zum Anhalten, zum Erkennen und Genießen der immer noch großen Schönheiten in einer technisch dominierten Landschaft verleiten. Ich wollte anregen zur Bewusstwerdung, denn ohne Bewusstwerdung in der Bevölkerung über die Schönheiten und Werte in Stadt und Land lassen sich keine blumenreichen Wiesen in intensivst bewirtschaftete Landwirtschaftsflächen zaubern, werden keine schönen Bauten und Strukturen erhalten. So galt denn auch: Wo wir einen Stein stellen, muss neben der Geomantie auch eine Aufwertung von Landschafts- oder Lebensraum entstehen, wie ein renaturierter Bach, eine Blumenwiese, ein Niedrigenergiehaus, ein Naturschutzgebiet in einer Kiesgrube usw. Der Stein am Jolimont z.B. steht neben einer Feuerstelle der Gemeinde. Ein alter Bewohner meinte nach dem Setzen: -Nun habt ihr den Ort, der nämlich von altersher -Feuerstein” heißt, ganz gemacht.“ Ein Höhepunkt, umso mehr, als der Stein geomantisch an einem Herzort des Seelandes steht.
Die Geomantie war bei diesem Projekt also -nur“ ein Teil eines großen Ganzen. Gerade das war aber für mich ein wichtiger Bestandteil des Projektes L-K-G, das Einordnen aller Disziplinen in einen übergeordneten Zusammenhang. Wie weit das gelungen ist, wird die Zukunft zeigen, hoffentlich vor den nächsten archäologischen Ausgrabungen in 10000 Jahren!
Die Arbeit mit Marko Pogaÿcnik war intensiv, aufreibend, bereichernd und auch mit Auseinandersetzungen befrachtet, die, so hoffe ich, uns beide weiterbrachten. Wir haben das Gefühl, einiges sei im Seeland wieder in Fluss gekommen. Es haben sich einige aktive Geomantie-Gruppen gebildet. Ein sehr fragwürdiges Großprojekt eines amerikanischen Chemiekonzerns steht zumindest öffentlich in Frage. Auch wenn es oftmals schwierig war, die Bewilligungen für die Steine zu erlangen, so lösten sie im Nachhinein Diskussionen, Prozesse und Neuorientierungen aus, die mir letztlich fast wichtiger sind als die Stelen selbst.
Geomantie als Vernetzung, Versöhnung von Gegensätzen in einer kriegerischen Welt!? Vielleicht im Sinn eines meiner Lebensmottos: -Das Gesamtwerk Schöpfung wird nie vollendet sein, weil es ein offener Prozess ist. Wir sind aber alle aufgefordert, eine jede und ein jeder nach unseren besten Möglichkeiten, nachhaltig daran mitzuarbeiten.“ +

Kontakt zum Trägerverein des Projekts L-K-G über die Hannes Pauli Gesellschaft (HPG) in Bern. Die HPG initiierte und fördert die Interfakultäre Koordinationsstelle für allgemeine Ökologie an der Universität Bern. www.hpg-bern.ch.
Kontakt zu Geomantiegruppen -Im Gespräch mit der Landschaft“: Pierrette -Hurni, pierrete.hurni@bluewin.ch.