Steinige Wege

Das Terra-Nova-Projekt und die Schwierigkeit, Landschaft als ökologisch-ästhetische Ressource für den sozialen Organismus zu begreifen.

von Herman Prigann erschienen in Hagia Chora 22/2005

Der Umweltkünstler Herman Prigann hat seit 1989 ein vielbeachtetes Konzept zur ökologisch-künstlerischen Heilung von Tagebaulandschaften entwickelt. In der Lausitz, wo das Thema große Dringlichkeit hat, scheiterte die Verwirklichung bisher an der fehlenden Diskussion über eine Ethik des Mensch-Umwelt-Verhältnisses.

Wir beginnen die Geschichte mit Zitaten aus einem Spiegel-Artikel vom Juni 2005: -Die Lausitz will ökonomisch partout nicht blühen … Geplant sind im östlichen Armenhaus etwa Sportboothäfen, Reiterhöfe, schwimmende Hotels, ein Wasserlandeplatz, ein Golfresort und ein Speedbootzentrum.“ Ein -gigantisches Seenland mit 21 Gewässern und einer Wasserfläche von 130 Quadratkilometern“ soll die Narben des ehemaligen Braunkohletagebaus verdecken. Seit dem Jahr 2000 ist für all diese Planungen die IBA/See (Internationale Bauausstellung) verantwortlich. Da es schnell gehen soll, wird bereits geflutet, also Wasser aus der Spree, der -Neisse und der schwarzen Elster in die Gruben geleitet.
Alles klingt groß, schnell und futuristisch, es erinnert an andere -Entwicklungsprojekte“ in der Region, sei es der für Formel-1-Rennen geplante Lausitzring - nur selten genutzt und jedenfalls nicht für Formel 1 - oder der geplatzte Luftschiffbau, in dessen Riesenhalle heute ein japanisches Unternehmen einen Tropenwald wachsen lässt. Alle Planungen gehen von einer wachsenden Freizeitgesellschaft und unerschöpflicher billiger Energie aus. Dabei sind Abwanderung und hohe Arbeitslosigkeit die Tatsachen, die diese wie auch andere Regionen bestimmen. Solche Projekte verschlingen enorme finanzielle Investitionen und Energieaufwendungen, ohne dass die Planer auch nur annähernd garantieren können, dass auf Dauer Tourismus etabliert werden kann. Denn das Wasser ist von saurer Qualität, da es durch Pyritablagerungen und Restkohleschichten sickert. Ohne Austausch und permanente Durchflutung wird es nicht besser. Darüber redet öffentlich niemand gerne. Wenn heute in schönen Landschaften mit einer eingeführten Tourismusinfrastruktur die Einnahmen rückläufig sind und die Arbeitslosigkeit eher zunimmt - wie sollen die Touristen dann in jene eher unwirtlichen Tagebaugebiete gelockt werden?

Aktionismus oder Nichtstun?
Es stellt sich die Frage, warum seit den Jahren 1989/1990 weder Planer noch Politiker andere Ideen aufkommen ließen, als diese Camouflage der realen Probleme. Gleichzeitig ist all die Jahre von nachhaltiger Entwicklung, von der Förderung nachwachsender Rohstoffe, einer ökologischen Umweltpolitik die Rede. Gehen wir in der Geschichte noch einmal zum Ausgangspunkt zurück. Mit dem Rückbau der Braunkohleförderung seit der Wende folgten eine Reihe von gekoppelten Problemen: Arbeitslosigkeit für tausende von Minenarbeitern, das Sicherheitsrisiko, das nun riesige Teile der ehemaligen Tagebaue für die Menschen darstellen - Senkungen, Hangrutsche etc. -, dazu der vollständig aus der Balance geratene regionale Wasserhaushalt durch das jahrzehntelange Abpumpen des Grundwassers. Die Wasserqualität des auflaufenden Grundwassers, das in Zeiträumen von bis zu 25 Jahren die Löcher wieder füllt, ist mit einem pH-Wert von 2,5 bis 3,5 ziemlich sauer. Die politische und planerische Antwort war die Rekultivierung durch die dafür gegründete staatliche Organisation der LMBV - Lausitzer mitteldeutsche Braunkohleverwaltungsgesellschaft. Hier fanden ehemalige Bergleute in kleinerer Zahl nochmals Arbeit. Ziel der LMBV ist die Sanierung der Tagebaue, also ihre Vorbereitung zur Flutung, und zum Teil die Aufforstung der umliegenden Kippenlandschaft.

Hier können Sie einen neuen Kommentar zu diesem Artikel verfassen





Bitte lösen Sie die untenstehende Rechenaufgabe und tragen Sie das richtige Ergebnis ein. Sie helfen damit, den Missbrauch dieses Online-Formulars und Spam zu verhindern. Herzlichen Dank.

sieben minus zwei =