Schöpferischer Vulkan

César Manrique und sein Gesamtkunstwerk Lanzarote

von Alessandra Dylla erschienen in Hagia Chora 22/2005

Die kanarische Insel Lanzarote erhielt durch den Maler, Bildhauer und Architekten César Manrique ein besonderes Gesicht. Kraftvolle Architektur findet zu einer innigen Symbiose mit der Natur. Alessandra Dylla begegnete den besonderen Orten der Baukunst Manriques in der bizarren Vulkanlandschaft der Insel.

Wer heute die Insel Lanzarote verstehen möchte, muss den Lebensweg eines besonderen Menschen kennen, der die Insel wie kein anderer prägte: César Manrique. Er wurde am 24. April 1919 in Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes, geboren. Sein Vater war Geschäftsmann, sein Großvater der Notar auf der Insel. Zeit seines Lebens bestimmte die Verbundenheit mit der Landschaft der Insel seinen Weg. Wenn er von seiner Kindheit berichtete, erzählte er meist von Naturerlebnissen, die ihn am stärksten beeindruckt hatten. -Als Kind verbrachte ich alle Sommer in Famara, einem kleinen Fischerdorf an der Nordwestküste von Lanzarote. Die Schönheit der Landschaft beeindruckte mich stark, vor allem die mächtige Steilküste von Famara, die ich stundenlang bewundern konnte, verzaubert von ihrer Spiegelung im flachen, ablaufenden Wasser am Strand. Ich nahm das Farbenspiel dieses Mikrokosmos in mir auf, den Himmel, das Meer und die Steilküste, betrachtete neugierig Pflanzen und Tiere, und die Struktur des Sandes beeindruckte mich sehr.“
Wenn jemand so intensiv beobachten kann, ist es nicht verwunderlich, dass er einen künstlerischen Weg einschlägt. Nachdem er sein Städtebau-Studium in Teneriffa nicht fortsetzen wollte, trat César Manrique 1945 in die Academia de Bellas Artes de San Fernando in Madrid ein, um Malerei zu studieren. Doch schon vor dieser Zeit verstand er sich als Maler und stellte im Alter von 23 Jahren erstmals öffentlich aus. Ein einflussreicher Freund der Familie, Don Pepin Ramirez, hatte ihm zu dieser Ausstellung verholfen. Ramirez sollte später Präsident der Inselregierung von Lanzarote werden und war Zeit seines Lebens ein wichtiger Unterstützer von Manriques Ideen.
Als der Surrealismus in den 50er-Jahren Einzug in die internationale Kunstwelt hielt, bildete César Manrique zusammen mit einer Gruppe gleichgesinnter Künstler die Vorhut der abstrakten Kunst und eröffnete im Jahr 1953 die erste nicht-figurative Galerie in Spanien, Fernando Fé in Madrid - ein mutiger Akt in der repressiven Zeit der frühen Franco-Diktatur, kaum 15 Jahre nach Beendigung des spanischen Bürgerkriegs.
Im Jahr 1964 wurde Manrique von Nelson Rockefeller, der einige seiner Bilder gekauft hatte, nach New York eingeladen. Manrique stellte in Houston und in New York aus, wo die bekannte Galerie Catherine Viviano während der nächsten vier Jahre exklusiv seine Werke präsentierte.
Ein Lebensweg soweit, der eine internationale Karriere als Maler in der mondänen Kunst-Welt von New York vermuten lässt. Doch in dieser Welt war er nicht zu Hause. Aus New York schrieb er einem Freund in Lanzarote: -… mehr denn je plagt mich ein starkes Heimweh und eine Sehnsucht nach der wahrhaftigen Bedeutung der Dinge. Nach der Einfachheit der Menschen. Nach der Kargheit meiner Landschaft und nach meinen Freunden … Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch in New York letztlich eine Ratte ist. Menschen sind nicht für solche künstlichen Welten geschaffen. Da ist das starke, zwingende Bedürfnis, zurück zur Erde zu gehen. Sie zu spüren, ihren Duft zu atmen. So fühle ich mich.“
Im Jahr 1966 - er war nun 47 Jahre alt - kehrte César Manrique in seine Heimat zurück. Doch nicht, um alten Zeiten nachzuträumen. Für ihn begann vielmehr eine 26-jährige, höchst kreative und folgenreiche Schaffensperiode bis zu seinem tragischen Unfalltod im Jahr 1992, in der herausragende architektonische Werke entstanden.
Er hatte bei seiner Ankunft mit einem Blick erkannt, welcher Gefahr seine Heimatinsel ausgesetzt war: Sie stand kurz vor dem Ausverkauf an den Massentourismus. César Manrique wollte mit aller Kraft vermeiden, dass die kulturelle Identität der Insel unter dem Druck der Tourismus-Industrie zerbrechen würde. Sein Leben lang kämpfte er gegen ausbeuterische Immobilien-Spekulanten und verhandelte mit Behörden, um drohende Umweltsünden zu vermeiden. Durch tausende von persönlichen Gesprächen, Vorträgen und Veranstaltungen aller Art gelang es ihm, sowohl auf der Insel wie auch international ein Bewusstsein für den Wert der indigenen kanarischen Kultur, ihrer Architektur und Naturschönheit zu wecken. Es gebe Wege, so plädierte César Manrique, die sensiblen Biotope und Landschafts-Szenerien den Besuchern der Insel zugänglich zu machen, ohne der Natur zu schaden, und man könne Unterkünfte für Touristen schaffen, die sich an die traditionelle Architektur anlehnten. Dank seiner guten Kontakte zu Schlüsselpersonen in den Behörden und seinem starken Charisma wurde seine Stimme gehört, und er konnte viele seiner Pläne in die Tat umsetzen.
Im Rückblick zog er ein Resümee seines Einsatzes für seine Heimat: -Als ich aus New York zurückkam, fand ich einen Müllplatz vor, und ich sagte zu Pepin Ramirez, der damals Präsident der Inselregierung war: ‚Wenn du mir hilfst, mache ich die Insel zu einem der schönsten Orte der Welt.‘ Obwohl er mich als Phantasten bezeichnete, gab er mir nach, und Schritt für Schritt begannen wir. Trotz der vielen Anstrengungen, die Insel einzigartig zu machen, haben wir nicht alles geschafft. Das Prestige von Lanzarote hinkt, wir haben die Utopie nicht erreicht, wohl war sie uns zum Greifen nah.“
Doch was er erreicht hat, ist in jeder Hinsicht immens. Als die Regierung Lanzarotes im Jahr 1995 den Künstler posthum zum -Bevorzugten Sohn“ der Insel erklärte, verpflichtete sie sich auch, seinen Weg zukünftig weiterzugehen.

Wiedergeborene Erde
Ich war zum ersten Mal auf Lanzarote, angezogen von Fotos und Berichten über César Manriques Werke. Als jemand, die nur selten Urlaubsreisen unternimmt, beobachtete ich staunend den geübten Gang von vielfliegenden Billigurlaubern zum Gepäckband, durch den Zoll, zu den Bussen, Taxis, zu Neckermann, TUI und Weltreisen. Sie bewegten sich so souverän, als würden sie gerade nach der Arbeit in Berlin, Köln oder München nach Hause fahren. Zwanzig Minuten später wunderte ich mich über ihre Sicherheit. Auch wir fuhren zu unserem Quartier, und ich sah plötzlich die Kulisse einer gigantischen Vulkanlandschaft - und erschrak: Dies alles hier ist doch in Bewegung! Das ist frische Erde! Schläft die Erde wirklich? Nahezu von jedem Punkt der Insel sieht man irgendeinen Vulkan. Man sagt, die sich bewegende Erde in Lanzarote verlange dies auch vom Menschen ab. Hier käme man auf den Punkt, gelange man zu seinen Themen - es sei ein Ort für Transformation.
Man kommt der Erde, ja dem Planeten auf Lanzarote sehr nahe. Am besten erfährt man das im Nationalpark, dem Parque national del Timanfaya im Westen der Insel. Montanas del Fuego, Feuerberge, heißen die Berge dort. Schon die Fahrt dorthin war aufregend - kilometerlang die Lavaflächen, anthrazitfarben wie der Asphalt der Straße, immer die imposante Kulisse der schwarzen Kegel im Hintergrund. Schroff, rauh, kantig die Steine des Lavaflusses, so, als sei er erst gestern heruntergeflossen und kaum erkaltet, da kaum verwittert. Mit den Dimensionen des Kosmos vor Augen ist es auch erst gestern gewesen - es war 1730, als sich hier die Erde auftat und sechs Jahre lang tobte, brodelte, rumpelte und röhrte. Die Bauern mussten das Land verlassen und kamen nie mehr zurück. Sie machten Platz für die Neugeburt, die Ende und Anfang zugleich war, ehrerbietend und schaurig schön. Die Rundfahrt im Zentrum des Nationalparks ist heute nur per Bus möglich. Ich empfand sie wie einen Gottesdienst, die Landschaft wie eine Kirche. Wir fuhren mittenhindurch durch die jungen Feuerberge, und jeden ergriff eine stumme Erregung. Die Farben wechseln hier von leuchtendem Rostrot bis zum graublauen Violett, dazwischen alle Schwarz- und Brauntöne auf schroffen Felsstücken und jäh erstarrten Lavaplatten.

Die Fundación
In einer solchen Lavalandschaft errichtete César Manrique nach seiner Rückkehr auf die Insel sein Wohnhaus. Vor 39 Jahren fuhr er westlich von Arrecife durch die Einöde und sah die Krone eines Feigenbaums mitten in der Lava. Er stieg aus, fand fünf Höhlen - ehemalige Lavablasen - und beschloss, hier seine Wohnung und sein Büro einzurichten. Der Eigentümer, von der Wertlosigkeit des Landes überzeugt, schenkte ihm das Grundstück.
Heute beherbergt dieser Ort die von Manrique im Jahr 1982 gemeinsam mit Freunden ins Leben gerufene Fundación, seine Stiftung zur Förderung von Kunst, Umwelt und Kultur. Der Bau steht nun allen interessierten Menschen offen.
-Die Stiftung ist für mich der Lohn für ein Leben voller kreativer Arbeit. Sie ist ein kulturelles Projekt, das diejenigen Gesichtspunkte beinhaltet, welche mir Laufe meines Lebens am Herzen lagen: die Kunst im weitesten Sinne, eine in die Natur integrierte Architektur und die Umwelt. Die Stiftung wird nicht nur auf den Kanaren, sondern auf der ganzen Welt zeigen, dass sie viel mehr ist als César Manrique. Sie ist das persönliche Erbe, das ich den Menschen von Lanzarote hinterlasse, und ich hoffe, dass es ihr gelingt, die Förderung der Kunst lebendig zu erhalten und die kulturellen und natürlichen Werte unserer Insel zu bewahren.“
Die Besichtigung fing harmlos an - ein schönes Windspiel, ein Torbogen und ein Windfang aus dunklen Lavasteinen - bis jetzt alles noch im Rahmen gut gestalteter Tourismusorte. Der moderne Flachbau am Eingang ließ immer noch nichts wirklich Außergewöhnliches vermuten. Doch dann, als es zu den Höhlen ging, verschlug es mir die Sprache: Der Anblick ist an Schönheit nicht zu überbieten. Wie in Trance folgte ich dem geführten Weg durch das Labyrinth des Lavagebildes, das hier zu einem Haus gestaltet wurde, vorbei an imposanten Kakteen über schneeweiße Stufen hinunter zu einem Wasserfall, einem Pool und einer Steinbrücke aus Fließlava. Die unterirdischen Verbindungsgänge inszenierte der Künstler mit im Stein verstecktem Licht und eingelassenen Spiegeln. Knallgrün die Pflanzen, die Palmen im starken Kontrast zu Lack-Weiß und Natur-Schwarz - ein bißchen Rot und Orange an Polstern und Einrichtung - das war schon das Farbkonzept.
Viel zu kurz war die Zeit, die ich eingeplant hatte; zwar wusste ich, dass wir etwas Besonderes sehen würden, schließlich war ich wegen César Manrique in Lanzarote - aber dass es so aufregend werden würde, hatte ich nicht vermutet, trotz der vielen viele Fotos seiner Werke, die ich gesehen hatte. Aber es sind eben Werke, deren eigentlicher Zauber sich gar nicht fotografieren lässt.
Die Architektin in mir fragte sich sofort, ob im Prinzip Ähnliches auch in unseren Breitengraden realisierbar wäre. Sicherlich, César Manrique hatte andere klimatische Bedingungen als wir in Deutschland. Bei häufigen 40 Grad im Schatten und wenigen Regentagen im Jahr hat man keine Sorgen mit Kältebrücken und Undichtigkeiten. Im Gegenteil: In diese Gewölbe durfte es hineinregnen, die Pflanzen waren dankbar, die Luft sollte zirkulieren. Lufträume öffnen und schließen sich wie ein pulsierender Strom. Das Haus ist ein atmender Organismus. Es weitet und verdichtet sich wieder in engen Höhlengängen, raffiniert und minimal gestaltet mit weißem Lack und Spiegeln. Wie in einem Theater bewegt man sich von Szene zu Szene, von einer Inszenierung zur anderen. Letzteres, nämlich wechselnde Inszenierungen statt -cooler Kisten“, ließ sich auch im kalten Mitteleuropa entwerfen. Der Bedarf, die Nachfrage, vielleicht auch die Sehnsucht nach Erlebnis im Raum müsste in unserem Land entstehen - und dazu trägt hoffentlich der Tourismus zu César Manrique auf den Kanaren bei. Jeder Stein, jeder Kaktus ist sorgfältig platziert, als könne er nur hier und nur so liegen. Und es scheint, als spielten sie alle mit in dieser Inszenierung, die Steine und Kakteen, als machte es ihnen Spaß, eine Rolle bei der hohen Kunst der Architektur zu spielen.
César Manrique konnte Räume kreieren, ohne eine Wand zu ziehen. Er verarbeitete das, was ihm die Natur vorgab - so entstanden Pflanztröge, Sitzbänke, Sitzecken und Sofas, ja auch -Tische aus Lavagestein. Im unteren Geschoß in den Höhlenräumen scheint er überhaupt keine einzige Wand gebaut zu haben, mit Ausnahme von Bad und WC. Nur zweimal entdeckte ich eine -normale“ Tür; sie überrascht in dieser archaischen Felsenlandschaft einerseits, andererseits steht sie so selbstverständlich da, dass sie an die Normalität von vor zehntausenden von Jahren erinnert, als Höhlen unser Zuhause waren - ein Zeitraum unserer Geschichte, vor dem die heutige Zeit der eckigen Häuser, der Kisten nur als ein Wimpernschlag der Geschichte erscheint.
Das einzig wirklich Künstliche, das César Manrique hier einbrachte und das von der Natur sicherlich nicht so vorgesehen war, ist das Wasser. Das kühlende Nass plätschert aus einem Rohr über einen kleinen Wasserfall in den glasklaren weißen Pool, wo es mit leuchtendem Türkis eine wundervolle Farbe in den tiefliegenden Hausgarten bringt.
Wieder oben im Erdgeschoß haben die Räume der Eingangs-ebene Länge, Breite und Höhe, so wie die meisten Menschen heute Räume gewohnt sind; sie stehen im Kontrast zu den Naturformen der Höhlen-Räume im unteren Geschoß. Doch auch hier arbeitet Cesar Manrique mit Raffinessen. Die waagerechten schmalen Spiegel, unten in den Wänden vertieft eingelassen, suggerieren Durchblicke und Transparenz. Jede Tür, jedes Fenster präsentiert entweder einen bestechenden Ausblick auf die Vul-kanlandschaft der Insel oder einen geradezu betörenden Einblick in die blühende Welt der kleinen Innenhöfe.
Auch hier ist die Lava präsent, sie dringt ein in die weißen Wände oder quillt unter einem Fenster hervor, wo sie innen wie außen noch kleine Kakteen beherbergt. Langsam wanderten wir über exzellent gepflegte Terrassen, jede für sich ein Werk, nach oben in die Patio, ein Innenhof mit einem Teich. Er wird umschlossen von einem Wandbild aus buntem Mosaik, in dem drei Kakteenbäume fester Bestandteil sind. Sie nehmen am Geschehen teil, und wieder schien es, als spielten sie bei diesem Gesamtkunstwerk -gerne aktiv mit.
Glücklich und zufrieden über dieses erfüllende Architektur-Erlebnis beschloss ich den Tag in der Meinung, wirklich mehr oder Neues könne vom großen Meister nicht mehr kommen. Doch ich sollte eines Besseren belehrt werden. Jeder Ort, den wir auf dieser Reise besuchten, war ein weiterer Höhepunkt, sei es der Jardin de Cactus, eine riesige Arena voller Kakteen mit insgesamt 1420 verschiedenen Kakteenarten aus allen Teilen der Welt, die César Manrique 1991 auf dem Gelände eines ehemaligen Steinbruchs anlegte. Hier ist aus einem Ort der Verletzung der Erde, wo man ihre Steine ausbeutete, ein kraftvoller, meditativer Ort geworden, eine bedächtige Feier der Erde. Oder sei es das 1973 in die Klippen an der Nordspitze der Insel hineingebaute Restaurant Mirador del Rio mit seinem grandiosen Ausblick über das tiefblaue Meer, aus dem mächtige Felsen emporragen.
Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, auf alle großen Bauten Manriques einzugehen, doch über einen Ort möchte ich noch etwas auführlicher schreiben, über das Restaurant Jameos del Agua.

Ein Traum im Lavakanal
Mit -Jameo“ bezeichnet man einen Teil eines Eruptionskanals, dessen Decke zusammengebrochen ist. Dadurch bleibt normalerweise eine Öffnung oben, die Tageslicht in die Höhle lässt. Zwei solche Öffnungen und der Bereich des Lavakanals zwischen ihnen dienten dem Bau von Jameos del Agua, der Wasser-Jameos. Wer die Eingangstür zu diesem Höhlensystem öffnet, steht oberhalb einer raffinierten, sich teilenden Naturtreppe, die zum -Restaurant hinunterführt. Unten graben sich die Bar und die Küche links in den Berg hinein, doch die Tische und Stühle des Restaurants befinden sich auf den Terrassen unter offenem Himmel - ganz vorne mit Blick in eine rechterhand liegende Grotte. Alles ist wohltuend mit frischem Grün bepflanzt, das aus dem dunklen Lavagestein herausglänzt. Darüber spannen sich rote Sonnensegel, die dem Außenraum die besondere Note des architektonischen Raums geben und im satten Kontrast zum geheimnisvollen Dunkel der Höhlen stehen. Unten angekommen, geht der Lavastein lückenlos in das Puzzle des massiven Holzbodens der Tanzfläche über. Jameos del Agua sei das achte Weltwunder, habe die Schauspielerin Rita Hayworth in Paris erzählt, der schönste Nachtclub der Welt.
Das Durchschreiten der Höhlen, teilweise mystisch mit grünem Licht hinterleuchtet, war für mich ein Hochgenuss. Angesichts der Fülle an herrlichen Orten kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Der Weg führte weiter hinunter über einen mäandrierenden Steinpfad durch üppiges Grün zu einem See tief im Inneren der Erde, nur wenige Lichtstrahlen tasten sich in diese Zauberwelt vor. Welch überwältigende Schönheit - es ist ein wahrer Kraftort. Alle Touristen schienen hier zu meditieren, und bei mir flossen die Tränen. Ich wusste nicht, was los war, es überkam mich einfach in dieser unglaublichen Atmosphäre. Die ganze Situation einschließlich der stillen Besucher war ein einziges Gebet.
Unten im spiegelglatten, glasklaren, dunklen Wasser sah ich dann die kleinen weißen Pünktchen der seltenen Albinokrebse, die sonst nur in sehr großer Tiefe im Meer vorkommen. Um die Dunkelheit zu brechen, hat Manrique den Felsen entlang des Durchgangs bis ungefähr auf Kopfhöhe weiß lackieren lassen, dadurch wirkt es, als schwebte die Grotte ein wenig.
Auf der anderen Seite des Sees lag im Gegenlicht eine runde Tanzfläche, die die schweigenden Besucher zögernd und vorsichtig einnahmen. Und dann schwelgte ich in den zahlreichen Möglichkeiten, sich in Gruppen in natürlich möblierten Felsnischen zusammenzusetzen, Musik zu hören, zu tanzen, an vielen Bars Platz zu nehmen, die ebenfalls in die Felsen treppauf, treppab eingefügt sind. In diesem paradiesischen Ambiente kann eine enorm große Anzahl an Gästen Platz finden. Wenn der Ort im leeren Zustand schon so begeistert, wie mag es dann sein, wenn die großen Musikfestivals hier stattfinden, wenn die zahlreichen inspirierten Gäste und die Liebhaber dieser Räumlichkeiten -Feste feiern?
Von der Tanzfläche aus etwas aufwärts erschloss sich ein neuer, märchenhafter Raum - inmitten von steilen Felsen, fast geblendet von dem Schneeweiß des lackierten Bodens, ein leuchtend türkisfarbener Pool, in den der sanft gewellte, weiße Boden langsam übergeht. Und als sei es mit den Überraschungen noch nicht genug, öffnet sich hinter einer Natursteinwand am Ende des türkis-weißen Beckens eine riesige Höhle. Sie beherbergt einen Konzertsaal mit 600 Plätzen, in dem schon viele berühmte Künstler aus aller Welt Konzerte gegeben haben. Jährlich findet in dieser herausragenden Akustik ein Musikfestival statt.
Viele Prominente waren schon in Jameos del Agua zu Gast, von Gorbatschow bis zum König von Jordanien - schön, dass auch uns, den -normalen“ Menschen, diese betörende Schönheit offen steht.

Was kann ein Mensch bewirken?
Wie gelang es Manrique, eine derart spektakuläre Architektur zu kreieren, die sich zugleich unterordnet unter die noch spektakulärere Natur? Oder bringt sie diese mit großer Geste erst zum Vorschein, um gleich wieder ins zweite Glied zurückzutreten? Die Natur wird in voller Größe inszeniert; sie wird dadurch noch schöner: Durch die staunende Betrachtung aus dieser begnadeten Perspektive gelangt sie zur Schönheit einer Braut, der ihr Bräutigam sagt, wie schön sie ist.
César Manriques Inszenierungen, so erhaben sie manchmal wirken, strahlen auch eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit aus. So muss man z.B. über die von ihm gestalteten Toiletten reden. Er hat ihnen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Sie haben immer Witz, jede schmunzelt ein wenig, und sie führen immer das Thema des Haupthauses fort. Es gibt dort eine lustige Zeichnung oder, wie im Kakteengarten, ein Mosaik, schwarze Kiesel in den weißen Putz gedrückt, die unmissverständlich klarmachen, was Männlein und Weiblein ist.
Immer wieder wünschte ich mir auf meiner Reise, mehr Zeit zu haben, zu verweilen, zu essen, zu trinken, an einem Ort zu träumen, anstatt nur zu besichtigen, zu staunen und zu fotografieren. Doch gibt sich nicht jeder seinen Gefühlen hin. Die Begleitung drängelt, will weiter - oder kommt hier die Furcht, mehr von sich selbst zu erkennen und zu fühlen, als dem coolen Städter lieb ist? Könnte es peinlich werden, sich zu zeigen, so wie sich die Architektur, die Natur und ihre Geister zeigen? Was für ein Kontrast zur gefassten Zeitgeistarchitektur der kühlen Kisten, die keinen Gefühlsausbruch zulassen, die die Gefühlswelt zu beherrschen wissen! Noch gibt es zu wenige solcher Orte auf der Welt, um den allgemeinen Zeitgeist wirkungsvoll zu beeinflussen oder ihn gar zu prägen, um Menschen kraft der Architektur das All-Eins spüren zu lassen, sogar so, dass sie es dauerhaft leben könnten.
Während meiner Zeit in Lanzarote wurde mir zunehmend bewusst, wieviel ein einzelner Mensch bewirken kann. Ein Einzelner hat es hier geschafft, aus Liebe zu seinem Land, aus Liebe zur Ästhetik, geomantische Strukturen und Kraftplätze zu bewahren, ja sogar neue zu schaffen - ohne je eine Geomantieausbildung oder einen Rutenkurs besucht zu haben.
Während Manrique in Lanzarote wirkte, wurden in Deutschland Geomanten und Rutengänger ausgebildet, die oft fleißig in ihren Zirkeln übten, ohne sich daran zu stören, dass vor ihren Augen tausende von Baukolonnen Kraftplätze zubetoniert haben und lebendige Landschaften in der so genannten Flurbereinigung nahezu widerspruchslos nivelliert wurden. Was nützt der beste Rutenkurs, wenn der Mut fehlt, zum Bürgermeister zu gehen und den Stadt- oder Gemeinderat dafür zu gewinnen, Städtebau mit Liebe zur Landschaft zu gestalten?
Dabei war die Ausgangsposition Manriques wenig günstig, als er mit der Umgestaltung der Insel startete. Die wirtschaftlichen Bedingungen auf der Insel waren hart. Das Land galt als Armenhaus der Kanaren, denn es gab wenig Regen - was wachsen sollte, musste auch gegen Wind geschützt werden, mühsam, da nahezu jede Pflanze ein kleines halbrundes Mäuerchen brauchte, um zu gedeihen. 1966 sah er die Trostlosigkeit seiner Heimat, zumal das Müllproblem des beginnenden Tourismus das Land bei starkem Wind buchstäblich überschwemmte: Alles war übersät von alten Plastiktüten. Genau in diese Situation kehrte er, -obwohl im -Ausland erfolgreich, zurück. Sicherlich, er hatte die Unterstützung eines maßgeblichen Politikers, Pepin Ramirez, und die Voraussicht, dass mit steigendem Tourismus auch steigende Anforderungen an das Land gestellt werden würden, verbunden mit steigenden Einnahmen, die Baumaßnahmen wirtschaftlich erlaubten.
In weiser Voraussicht begann er bereits, als erst wenige Menschen nach Lanzarote reisten, die traditionellen Baustile zu erforschen, zu sammeln, zu dokumentieren und vor allem ein Bewusstsein dafür in der Öffentlichkeit zu schaffen. Er rang um die Wertschätzung sowohl der alten Bauformen als auch der Landschaft, lange bevor Umweltschutz ein allgemeines Thema wurde. Aus Furcht vor unkontrollierbarer Spekulation beharrte er auf der Notwendigkeit, Normen zu schaffen, die das Wachstum harmonisch lenken sollten. So blieben Hotelkolosse größtenteils aus, stattdessen entstanden Variationen von Bungalowtypen in Anlehnung an die alten flachen Bauernhäuser mit den charakteristischen Kaminköpfen und Türmchen. Sie prägen heute wesentlich das Bild der Insel.
Möglicherweise hat Manrique seinen Mut, seine Zähigkeit und Unbeugsamkeit mit seinem Leben bezahlt. Es gibt Stimmen, die seinen Tod, einen Autounfall am 25. September 1992, 50 Meter von seinem Haus entfernt, als nicht zufällig betrachten. Ein Mensch, der über Jahrzehnte hinweg Wildwuchs und skrupellose Spekulation verhinderte, hat nicht nur Freunde.

Ein guter Geist
Aber er lebt weiter und beseelt weiterhin die Insel. Sie ist ohne ihn nicht denkbar. Und wohl nirgendwo auf der Welt besuchen ganz normale Menschen, Laien, moderne Architektur in diesem Ausmaß und so intensiv wie hier. Vielleicht ist César Manrique zu einem Ahn der Insel geworden, ein guter Geist, der nicht nur Insulaner beflügelt. Er hinterließ eine Insel, die beispielhaft ist für die Harmonie zwischen Mensch und Natur.
-Lanzarote war ein Kunstwerk ohne Rahmen und Passepartout; ich habe es gerahmt, es herausgearbeitet, und so hat die Insel heute außergewöhnliche Charakteristiken und ist eine Insel von internationalem Ruf. Es ist offensichtlich, dass Lanzarote immer die Quelle meiner Inspirationen gewesen ist; doch mein Werk und ich sind weit entfernt von jedem Lokalpatriotismus. Ich halte mich für einen Sohn des Universums, der sich zufällig auf Lanzarote befindet, was aber nicht dagegen spricht, dass ich die Insel immer im Herzen getragen habe bei meinen Reisen durch die Welt.“ #

Zitate aus der Zeitschrift -Lancelot international“ Nr. 9, -Especial César Manrique“, Arrecife 2003, www.lancelot.es.