Schöpferischer Vulkan

César Manrique und sein Gesamtkunstwerk Lanzarote

von Alessandra Dylla erschienen in Hagia Chora 22/2005

Die kanarische Insel Lanzarote erhielt durch den Maler, Bildhauer und Architekten César Manrique ein besonderes Gesicht. Kraftvolle Architektur findet zu einer innigen Symbiose mit der Natur. Alessandra Dylla begegnete den besonderen Orten der Baukunst Manriques in der bizarren Vulkanlandschaft der Insel.

Wer heute die Insel Lanzarote verstehen möchte, muss den Lebensweg eines besonderen Menschen kennen, der die Insel wie kein anderer prägte: César Manrique. Er wurde am 24. April 1919 in Arrecife, der Hauptstadt Lanzarotes, geboren. Sein Vater war Geschäftsmann, sein Großvater der Notar auf der Insel. Zeit seines Lebens bestimmte die Verbundenheit mit der Landschaft der Insel seinen Weg. Wenn er von seiner Kindheit berichtete, erzählte er meist von Naturerlebnissen, die ihn am stärksten beeindruckt hatten. -Als Kind verbrachte ich alle Sommer in Famara, einem kleinen Fischerdorf an der Nordwestküste von Lanzarote. Die Schönheit der Landschaft beeindruckte mich stark, vor allem die mächtige Steilküste von Famara, die ich stundenlang bewundern konnte, verzaubert von ihrer Spiegelung im flachen, ablaufenden Wasser am Strand. Ich nahm das Farbenspiel dieses Mikrokosmos in mir auf, den Himmel, das Meer und die Steilküste, betrachtete neugierig Pflanzen und Tiere, und die Struktur des Sandes beeindruckte mich sehr.“
Wenn jemand so intensiv beobachten kann, ist es nicht verwunderlich, dass er einen künstlerischen Weg einschlägt. Nachdem er sein Städtebau-Studium in Teneriffa nicht fortsetzen wollte, trat César Manrique 1945 in die Academia de Bellas Artes de San Fernando in Madrid ein, um Malerei zu studieren. Doch schon vor dieser Zeit verstand er sich als Maler und stellte im Alter von 23 Jahren erstmals öffentlich aus. Ein einflussreicher Freund der Familie, Don Pepin Ramirez, hatte ihm zu dieser Ausstellung verholfen. Ramirez sollte später Präsident der Inselregierung von Lanzarote werden und war Zeit seines Lebens ein wichtiger Unterstützer von Manriques Ideen.
Als der Surrealismus in den 50er-Jahren Einzug in die internationale Kunstwelt hielt, bildete César Manrique zusammen mit einer Gruppe gleichgesinnter Künstler die Vorhut der abstrakten Kunst und eröffnete im Jahr 1953 die erste nicht-figurative Galerie in Spanien, Fernando Fé in Madrid - ein mutiger Akt in der repressiven Zeit der frühen Franco-Diktatur, kaum 15 Jahre nach Beendigung des spanischen Bürgerkriegs.
Im Jahr 1964 wurde Manrique von Nelson Rockefeller, der einige seiner Bilder gekauft hatte, nach New York eingeladen. Manrique stellte in Houston und in New York aus, wo die bekannte Galerie Catherine Viviano während der nächsten vier Jahre exklusiv seine Werke präsentierte.
Ein Lebensweg soweit, der eine internationale Karriere als Maler in der mondänen Kunst-Welt von New York vermuten lässt. Doch in dieser Welt war er nicht zu Hause. Aus New York schrieb er einem Freund in Lanzarote: -… mehr denn je plagt mich ein starkes Heimweh und eine Sehnsucht nach der wahrhaftigen Bedeutung der Dinge. Nach der Einfachheit der Menschen. Nach der Kargheit meiner Landschaft und nach meinen Freunden … Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch in New York letztlich eine Ratte ist. Menschen sind nicht für solche künstlichen Welten geschaffen. Da ist das starke, zwingende Bedürfnis, zurück zur Erde zu gehen. Sie zu spüren, ihren Duft zu atmen. So fühle ich mich.“
Im Jahr 1966 - er war nun 47 Jahre alt - kehrte César Manrique in seine Heimat zurück. Doch nicht, um alten Zeiten nachzuträumen. Für ihn begann vielmehr eine 26-jährige, höchst kreative und folgenreiche Schaffensperiode bis zu seinem tragischen Unfalltod im Jahr 1992, in der herausragende architektonische Werke entstanden.
Er hatte bei seiner Ankunft mit einem Blick erkannt, welcher Gefahr seine Heimatinsel ausgesetzt war: Sie stand kurz vor dem Ausverkauf an den Massentourismus. César Manrique wollte mit aller Kraft vermeiden, dass die kulturelle Identität der Insel unter dem Druck der Tourismus-Industrie zerbrechen würde. Sein Leben lang kämpfte er gegen ausbeuterische Immobilien-Spekulanten und verhandelte mit Behörden, um drohende Umweltsünden zu vermeiden. Durch tausende von persönlichen Gesprächen, Vorträgen und Veranstaltungen aller Art gelang es ihm, sowohl auf der Insel wie auch international ein Bewusstsein für den Wert der indigenen kanarischen Kultur, ihrer Architektur und Naturschönheit zu wecken. Es gebe Wege, so plädierte César Manrique, die sensiblen Biotope und Landschafts-Szenerien den Besuchern der Insel zugänglich zu machen, ohne der Natur zu schaden, und man könne Unterkünfte für Touristen schaffen, die sich an die traditionelle Architektur anlehnten. Dank seiner guten Kontakte zu Schlüsselpersonen in den Behörden und seinem starken Charisma wurde seine Stimme gehört, und er konnte viele seiner Pläne in die Tat umsetzen.
Im Rückblick zog er ein Resümee seines Einsatzes für seine Heimat: -Als ich aus New York zurückkam, fand ich einen Müllplatz vor, und ich sagte zu Pepin Ramirez, der damals Präsident der Inselregierung war: ‚Wenn du mir hilfst, mache ich die Insel zu einem der schönsten Orte der Welt.‘ Obwohl er mich als Phantasten bezeichnete, gab er mir nach, und Schritt für Schritt begannen wir. Trotz der vielen Anstrengungen, die Insel einzigartig zu machen, haben wir nicht alles geschafft. Das Prestige von Lanzarote hinkt, wir haben die Utopie nicht erreicht, wohl war sie uns zum Greifen nah.“
Doch was er erreicht hat, ist in jeder Hinsicht immens. Als die Regierung Lanzarotes im Jahr 1995 den Künstler posthum zum -Bevorzugten Sohn“ der Insel erklärte, verpflichtete sie sich auch, seinen Weg zukünftig weiterzugehen.

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