Der Kristallplanet

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 21/2005

Kosmische Rhythmen und musikalische Gesetzmäßigkeiten münden in ein einheitliches mathematisches System, das bereits den Dichtern der Veden bekannt war, so die These des Musikwissenschaftlers Ernest McClain, den Marco Bischof bereits in der vorigen Folge seiner Artikelserie vorstellte. Diesmal geht es um die Yantras, geometrische Umsetzungen dieser Zahlentheorie als Darstellung der Grundordnung der Welt.

Wie wir bereits im ersten Teil unseres Berichts über Ernest -McClains "Mythos der Invarianz" gesehen haben, gehen auch Korrelationen zwischen Musik und Astronomie in die Ton-Mandalas des amerikanischen Forschers ein. Hauptbestreben der Schöpfer des archaischen Weltbilds war es offensichtlich, die verschiedenen von ihnen beobachteten Rhythmen zu einem einheitlichen System zu fassen und damit auch die Gesamtharmonie von Himmel, Erde und Mensch auszudrücken. Es war daher von entscheidender Bedeutung, den Kalender mit dem kosmischen Geschehen in eine klingende Einheit zu bringen. So spielten in der Antike die mathematische Theorie sowohl in der Astronomie wie auch in der Musiktheorie die zentrale Rolle, wie Otto Neugebauer in seinem berühmten Werk über "Die exakten Wissenschaften im Altertum" (1952) schreibt.
In McClains Untersuchungen nimmt die Korrelation zwischen den einfachsten Formen der Tonleiter und dem Kalender, der Sonne- und Mondrhythmen harmonisiert, einen zentralen Platz ein. Der 30-Tage-Monat und das schematische 12-Monate-Jahr mit 360 Tagen, die schon früh in der Geschichte auftreten, besitzen eine enge Beziehung zur Tonleiter, und zwar in Form der diatonischen Tonleiter mit den kleinsten ganzen Zahlen in der 30:60--Oktave sowie der davon abgeleiteten chromatischen Tonleiter in der 360:720-Oktave. So bestand z.B. das vedische Jahr aus 12 Monaten von je 30 Tagen mit einem gelegentlichen Schaltmonat von ebenfalls "dreißig Gliedern", und der vedische Tag enthielt 30 Stunden von je 60 Minuten. Die Monate waren gruppiert in Paare von Doppelmonaten, durch die das Jahr sechs Jahreszeiten erhielt. Im Rigveda wird die Sonne metaphorisch als der "Vogel" bezeichnet, dessen "Morgengesang, der das Gebet repräsentiert, über die 30 Reiche oder Regionen der Welt herrscht". Ein Zyk-lus von 30 Einheiten hat die Eigenschaft, den Monat auf arithmetischer Ebene mit der diatonischen, indisch-griechischen Tonleiter zu harmonisieren; die dazu reziproke harmonische Tonleiter harmonisiert das 360-Tage-Jahr mit der chromatischen Tonleiter.
Die heutigen Astronomen halten gewöhnlich nicht viel von der Auffassung, ihre Vorläufer im Altertum könnten solche unbequemen Kalendereinheiten wie den 30-Tage-Monat und das 360-Tage-Jahr erfunden haben, da Beobachtungen ein solches System sehr schnell als falsch erwiesen hätten. Offenbar hatten musikalische Erwägungen hier ein größeres Gewicht; Musiker brauchen Einheiten dieser Größe für eine systematische Erkundung der Oktave. Die 7-Tage-Woche wurde von den Indern und Hebräern lange vor ihrer Einführung in Ägypten und Griechenland verwendet - vermutlich wurde sie als Entsprechung zu den sieben Tönen der diatonischen Tonleiter aufgefasst.

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