Sinn-Bilder

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 21/2005

In der letzten Folge der Artikelreihe des Naturphilosophen Reinhard Falter, in der er Themen seines Buchs "Natur neu denken" weiterführt, geht er mit den Grundannahmen der heutigen Konsumgesellschaft radikal ins Gericht. Seine Über-legungen zu Evolution, Freiheit und Transzendenz, die auch das Selbstbild der Geomantie ansprechen, sind unbequem und fordern das kritische und selbstkritische Nach-Denken heraus.

Die antiken Gottheiten sind nicht nur Namen für atmosphärisch-ganzheitlich spürbare und archetypische Qualitäten. Das sind sie auch, doch die Erfahrungsreligion ist nicht nur Theo-rie (die Anschauungsform), sondern eben auch Religion, sie vermittelt das Wissen über den Umgang mit den Göttern.
Die Götter verbinden nicht nur das Innen und das Außen, indem sie es uns ermöglichen, die eigene Seele in Kategorien der Landschaft und Landschaften in seelischen Kategorien, z.B. den angeschwollenen Wildbach vom Gefühl des Zorns her und den Zorn als Überlaufen zu verstehen. Die Götter verbinden auch Sein und Sollen. Es ist eines der Hauptdogmen der Moderne, dass Sein und Sollen völlig getrennte Bereiche sind. Wer das in Frage stellt, wer sagt, dass das, was uns begegnet, Aufforderungscharakter hat, dem wird vorgeworfen, einen so genannten naturalistischen Fehlschluss, eine Sünde wider den Geist des Modernismus begangen zu haben. Und tatsächlich: Wer einmal verstanden hat, dass die Dinge Aufforderungs-charakter haben, dass das Brot tatsächlich ruft, "Hol mich raus!" wie im Märchen von Frau Holle, der ist für den Modernismus verloren (siehe "Natur neu denken", S. 69ff.). Ich habe mich lange gegen den Einwand, der mir vor allem von Umweltschützern mit linker Tradition entgegenkam, gewehrt, die Benennung mit Göttern sei ein Rückschritt hinter die Aufklärung. Heute weiß ich, dass sie recht haben - nur handelt es sich um einen Schritt zurück hinter die menschliche Selbstverfehlung der Moderne, einen Schritt hinter das Herausgefallensein aus dem Konsens aller Kulturen in einen Konsens globaler Unkultur. Die typische Frage der Unkultur ist, "Was ist hier zu holen?", die der Kultur: "Was bin ich schuldig?" Wir sind aus dem Konsens aller menschlichen Kulturen herausgefallen und bilden uns auch noch etwas darauf ein, deren "Statik" und "Unfreiheit" überwunden zu haben.
Die Rückbindung an die Ganzheit des Seins ist das, was unsere eigentliche menschliche Aufgabe ist. Eine Zivilisation, die diese Hierarchie umkehrt, ist keine Kultur sondern eine Unkultur.
Traditionelle erfahrungsreligiöse Gesellschaften empfinden das Fest, das den Menschen mit kosmischen Mächten in Verbindung bringt, als das Zentrale im Leben. Ein moderner Interpret meint, was die Aborigines beim Hineinhorchen in die Traumzeit täten, sei aus ihrer Sicht lebensnotwendig, aus der eines modernen Industriellen dagegen Träumerei wenn nicht Faulheit (Füllsack, 2002). Die Aborigines haben recht: Es ist notwendig zur Aufrechterhaltung des Kontakts zu den Ahnen und den Grundlagen der eigenen Kultur. Aber es ist natürlich keine Arbeit, wird auch nicht zweckrational betrieben ja kann gar nicht zweckrational betrieben werden.

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