Licht in der Erde

von Sabine Mayer erschienen in Hagia Chora 21/2005

Einer Landschaft, in der man lebt, wächst über die Jahre ein ungleich tieferes Verstehen zu als Regionen, die nur Reisebekanntschaften bleiben. Sabine Mayer hat mit ihrer Heimat, dem Fichtel-gebirge, eine lange Geschichte.

Geboren und aufgewachsen im Fichtelgebirge, verbindet mich vieles mit diesem Landstrich. Vier Flüsse entspringen hier, die sich ihren Weg nach Norden, Süden, Osten und Westen bahnen, um sich dort mit größeren Flüssen zu vereinen: nach Süden die Naab, die später die Donau bis zum schwarzen Meer begleitet, nach Norden die Saale und nach Osten die Eger - beide strömen mit der Elbe in die Nordsee - und nach Westen der weiße Main, der sich später mit dem roten Main und dann mit dem Rhein vereint, um auch in der Nordsee zu münden. Viele Sagen und Geschichten ranken sich um dieses Gebiet, die in sehr alte Zeit zurückreichen. Ob es bereits in Zeiten matriarchaler Kulturen eine Bedeutung hatte, lässt sich schwerlich sagen. Es gibt durchaus Hinweise, z.B. viele Schalen- und Näpfchensteine wie die Venedigerschüssel im Bachbett der Gregnitz bei Grünlas oder die Druidenschüssel in Hochwald und in den Stein gehauene Treppenstufen oder Sitze etc., doch wann diese Bearbeitungen entstanden sind, ist archäologisch nicht belegt.
Meine Beschäftigung mit dem Fichtelgebirge betrachte ich weniger als ein Projekt, in dem ich ein Untersuchungsobjekt erforsche, sondern als eine Begegnung. Eine Begegnung, die mir vielleicht irgendwann ein Verstehen ermöglicht, und ein solches Verstehen braucht Zeit. Meine Begegnungsreise führte mich nicht nur an verschiedene Orte in dieser Region, sondern auch an Orte im eigenen Inneren.
Geologisch ist das Fichtelgebirge eine europäische Wasserscheide zwischen Nordsee und schwarzem Meer. Vielleicht wird aus diesem Gebiet, in dem früher Radarstationen für den großen Lauschangriff Richtung Osten installiert waren, in Zukunft ein Verknüpfungspunkt zwischen Ost und West. Einige Ansätze in dieser Richtung gibt es bereits, wie sein Status als Euro-Region "Egrensis" oder das Comenius-Projekt, in dem Schulen aus dem Hofer Raum mit Schulen in Tschechien, Frankreich und Polen zusammenarbeiten, andeuten.

Inneres Gold
Der zentrale Berg der Region ist der Schneeberg. Er ist leicht zu erkennen, da den Gipfel eine ehemalige Radar-Überwachungsanlage der Bundeswehr krönt. Vor dem Fall der Mauer lag er im Sperrgebiet, erst jetzt ist eine Begehung bis zum Gipfel möglich. Als ich mit einem Begleiter dort wanderte, schien uns dieses Gebiet wider Erwarten sehr kontaktfreudig und ursprünglich. Es war leicht, in eine intuitive Symbolwelt einzutauchen, in der wir am Fuß des Berges die Präsenz einer männlichen Gottheit wahrnahmen. Für mich war es ein schöner Kontakt, allerdings ein sehr kurzer, da ich gleich an die Göttin des Ortes weiterverwiesen wurde. Sie erzählte mir in der inneren Schau:
"Er hat dich zu mir geschickt, weil ich schon lange vorher da war. Ich rief nach ihm, und er kam. Er brachte Licht, er ist derjenige, der die sonnengelben, goldenen Kugeln auffängt und mir schenkt. Ich nehme diese Kugeln tief in mich hinein. Es gibt auch eine Sonne in der Tiefe der Erde. Das Licht in der Erde und die Sonne des Himmels vereinen sich in mir. Meine vielen Helfer verteilen die Sonne in den Schichten und Lagen des Erdinneren. So gibt es hier viel Gold zu finden. Gold kann in verschiedenen Formen in Erscheinung treten. Nicht Gold als Geld habe ich den Menschen geschenkt, sondern den Zugang zu den Schätzen ihrer Herzen. Dieses Gebiet schenkt Zugang zu den Tiefen des Inneren. Das innere Licht wird hier nach außen geboren . Für die Erde ist Arbeit an dir selbst das Wichtigste, da alles auf die Gesamtheit einwirkt. Es geschehen schöne Dinge der Verwandlung in der Erde, aber es sind auch Kräfte aktiv, die alles zum Bersten bringen können. Pflege deine Seelenlandschaft, und du pflegst mich. Sei im Unaussprechlichen, dann bist du alles, was du bist. Es geschieht von selbst."
Nord-nordöstlich des Schneebergs liegt der Epprechtstein, an dem es viele Steinbrüche gab, die jetzt brach liegen bzw. zu Schauzwecken geöffnet sind. Aus der Sagenforschung der Gegend lässt sich schließen, dass die ursprüngliche Bevölkerung, die vor den Germanen hier lebte, sich in die Berge zurückgezogen hatte und zur mythischen Vorlage für die sagenhaften Zwerge wurde. Ähnliches kennt man auch z.B. aus Irland von den Fir Bolg, und aus jüngerer Zeit gibt es eine Parallele: Der Sagenforscher Ludwig Zapf schreibt, er habe manche Geschichten von einem "ungenannten zweitältesten Schriftsteller des Fichtelgebirges" übernommen. Dabei handelt es sich um die Beschreibung der "Ausländer" in der Gegend, Wallonen, Venezianer, Mailänder, Brabander und Flandrier. Diese dem einheimischen Volk etwas unheimlichen Menschen waren zum Goldsuchen in die Berge gekommen. So heißt es: "Nahe bei Wunsiedel am Fichtelberg ist eine unüberwindliche schreckliche Höhe; darauf siehet man alte Stollen und unterschiedliche Gänge, darinnen findet man Gold und Silber, und das ist nahe bei denen alten Schlössern, so vor Zeiten Raubschlösser derer von Losburg gewesen, daher dieser Berg den Nahmen hat." Vielleicht suchten diese Menschen etwas anderes als äußeres Gold, vielleicht ist hier von einer Alchemistenhochburg die Rede.
Das Goldsuchen, Schürfen und Graben in den Stollen wurde von den Venezianern eingeführt. Es entstanden professio-nell geführte Bergwerke, die schließlich auf eine 1000-jährige Tradition zurückblicken konnten. Aber es gab auch Flauten im Bergbau. Vielleicht entstanden dann Sagen, die über das Verschlossensein der Region berichten, von Berggeistern, die ihre Schätze tief in den Bergen versteckten: Nur einfältige und fromme Menschen könnten an Sankt Johanni in den geöffneten Berg gelangen, um sie zu bergen.
Wenn ich mich innerlich in eine sehr frühe Zeit zurückversetze, entsteht in mir das Bild von einer anfänglich guten Zusammenarbeit zwischen Menschen und "Zwergen" im Fichtelgebirge. Erst menschliche Habgier und die Missachtung der Naturkräfte könnten dazu geführt haben, dass der Abbau der Erze sich immer schwieriger gestaltete. Und mit dem Rückzug der Wesen der Anderswelt tief ins Berginnere wurde auch der Zugang zu bestimmten Qualitäten auf der immateriellen Ebene erschwert. Einige Sagen berichten auch von habgierigen Menschen und Menschen, die Geschenke von Naturwesen in den Wind schlugen.
Das Fichtelgebirge hat verborgene Qualitäten. Vielleicht ist es gerade für Menschen interessant, die im eigenen Inneren gleichfalls verborgene Qualitäten erschließen möchten, die danach streben, tiefe Gänge und Höhlen aufzusuchen. Da gibt es einiges zu finden, zum Beispiel eine gefangene Jungfrau, die sich manchmal im Außen als junge Frau zeigt, dann wieder als hässliche Alte, so wie es die Nusshardt-Sage darstellt. Oder den wilden Mann, der seinen Wohnsitz am Haberstein hat. Ich habe am Nusshardt sehr viel über die schwarze Göttin in meinem eigenen Inneren erfahren. Es ist ein Ort, der mir beim Loslassen von Abgestorbenem behilflich ist. Der Haberstein konfrontierte mich mit der Ehrlichkeit vor mir selbst: Ich musste mich in der Woche nach meinem Besuch mit heftigem Kopfschmerz auseinandersetzen. Gefühle mit dem Kopf klären zu wollen, kann nicht gutgehen. Körpersymptome sind auf jeden Fall ehrlich.

Der Steinmetz
Ich habe den Epprechtstein erwähnt, der für mich ein wichtiger Ort ist. Wenn ich seine Qualitäten mit den Planetenkräften beschreiben soll, würde er zum Tierkreiszeichen Stier und damit zum Planeten Venus gehören. An diesem Platz konnte ich einiges über meine Einstellung zu diesem Themenkreis erfahren. Bei einem Freund und mir kam eine uralte Geschichte, die wir beide im Bild eines vergangenen Lebens erfuhren, an die Oberfläche. Sie erschloss uns auch einiges über die Landschaft des Fichtelgebirges: Ein Steinmetz sollte für eine Kirche nördlich von Paris die richtigen Steine finden, es ging um die passende "Stimmung" der Steine. Er wanderte bis ins Fichtelgebirge, wo er mit Unterstützung der Zwerge das richtige Gebiet fand - den heutigen Epprechtstein. Er erkannte den "Ton" des Gesteins, da er innerlich auf diesen Ton gestimmt war. In der Nähe des Steinbruchs lebte eine Frau als Hüterin dieses Gebiets, die mit der Landschaftsgöttin des Schneebergs tief verbunden war. Durch sie bekam der Steinmetz die Genehmigung, Steine zu brechen, allerdings mit der Auflage, ein Taufbecken daraus zu fertigen. Nach vielen Jahren, in denen die beiden zusammenlebten, ging er wieder zurück und führte in Frankreich seine Arbeit fort. Als er wieder ins Fichtelgebirge zurückkehren wollte, fiel er Räubern zum Opfer.
1300 Jahre später schien es mir als Frau an der Zeit, die Qualitäten dieses Mannes in mir wiederzuerkennen und zu wecken.
Interessant ist an der Geschichte die Verbindung mit Frankreich, die Ost-West-Achse, die in dieser Region so ausgeprägt ist. Man sagt, dass sich unter dem Schneeberg "Zwergenwerkstätten" befinden, zu denen unterirdische Gänge führen, die parallel zu den oberirdischen Straßen verliefen. Durch das Fichtelgebirge ziehen sich alte Handelsstraßen in Richtung Prag, die auch zu Zeiten Napoleons genutzt wurden. Es ist unsere Entscheidung, wie wir diese Straßen heute nutzen - als Wege für wirtschaftliche Kriegführung oder für freundliche Annäherung und Zusammenarbeit.
Die Geschichte über den Steinmetz vermittelte uns auch, dass dieses Gebiet noch ziemlich lange naturreligiös gewesen sein muss. Er kommt aus dem christianisierten Frankreich in ein Land, wo noch ein Göttinnen- und Götterkult lebt. Wo stehen wir im Fichtelgebirge heute? Sind auch wir wieder Lichtjahre von der Moderne entfernt, oder machen wir einen Quantensprung in die Zukunft? Ich hoffe, ich verschlafe hier nichts.

Das Schneckensystem
Bei der Rückschau in jene Zeit vor der Christianisierung zeigte sich uns das damals noch funktionierende Landschaftssystem. Der zentrale Punkt darin ist der Schneeberg; er ist ein "Weltenberg", verbunden mit dem Zentrum des Universums und dem Herz der Erde. Unser Bild von der energetischen Struktur der Landschaft ist das einer Schnecke. Das beste Bild -dafür gibt ein halbierter Nautilus pompilius ab, dessen Zentrum der Schneeberg ist. Die Windungen der Schnecke bilden Räume oder Kammern aus. Die erste Schleife ist in elf solche Abschnitte unterteilt. In unserer Vision verbanden diese elf Orte, die auf Mittwinter ausgerichtet waren, den kosmischen Tierkreis mit dem Tierkreis in der Erde. An diesen Orten wirkten die mythischen Zwerge, um die verschiedenen Plätze zu verbinden. Sie dienten der großen Umgebung und nicht den Menschen.
Die Qualität der zweiten Windung, die zwölf Abschnitte umfasst, beschrieben wir als "Elfenreiche". Zu jedem dieser Reiche gehört eine bestimmte Farbe, die aus dem "Engelreich", das die nächste Schleife darstellt, dorthin herabstrahlt. Das "Engelreich" formt eine zwölfstrahlige Krone, in deren Mittelpunkt eine goldene Kugel sitzt, belebt durch einen großen Engel.
All diese verschiedenen Gebiete stehen durch alle Ebenen hindurch miteinander in Verbindung. Die einströmenden Farben fließen tief in die Erde, in eine Art "alchimistischen Kessel". Mit diesem sind die dreizehn Bereiche der nächsten Schleife verbunden. Sie zeigten sich uns wie schwarze Zylinder, die tief in die Erde eindringen. In diesem Kessel finden Transformationsprozesse statt. Die Zylinder ziehen Verbrauchtes an, das in den Kessel fließt, und zugleich ergießt sich daraus Transformiertes in die Landschaft.
Am dreizehnten Platz liegt die Stadt Hof. Sie hat eine Art Wächterfunktion, da sich hier die Schnecke großräumig öffnet und vom Norden gespeist wird. Hof ist mit dem Transformationskessel unterirdisch verbunden, und eine Lichtbahn verbindet die Stadt mit dem Schneeberg. Manche sensitive Menschen nehmen verschiedene Einströmungspunkte auf der Erdoberfläche wahr, und Hof könnte ein solcher Einströmungspunkt sein. Folge ich mit meiner inneren Führung der einströmenden Kraft, lande ich in der so genannten Vorstadt, wo sich die heimischen Spinnereien und Webereien, die heutige stark gebeutelte Textilgruppe Hof, niederließ. Dieses Gebiet reizt zu Assoziationen wie "schwarze Göttin", "Transformationskraft" oder "Eingang in die Unterwelt".
Zu Zeiten dieses "Schneckensystems" gab es in Hof, das erst durch Aufzeichnungen des Bistums Bambergs im 11. Jahrhundert urkundliche Erwähnung fand, keine nachweisbare Besiedelung. Gleichgültig, ob dieses System ein symbolisches, mythisches, natürliches oder menschengemachtes ist - ich bin sicher, dass es, wenn es jetzt wieder mit Aufmerksamkeit genährt wird, wieder strahlen und die Kräfte ins Fließen bringen wird.

Literatur:
Rudolf Steiner: Erdinneres und Vulkanausbrüche, April 1906; 14. Vortrag, September 1906. • Heimatbeilage zum Oberfränkischen Schulanzeiger, Hefte Nr. 300; 304; 247; 241; 294. • Ludwig Zapf: Sagen aus dem Fichtelgebirge, Verlag B. Seligsberg, 1912, Antiquariatsbuchhandlung Bayreuth.
www.bayern-fichtelgebirge.de, www.goldsucher.de.