Was macht Orte "besonders"?

von Erich Leitenbauer erschienen in Hagia Chora 21/2005

Warum bestimmte Orte den körperlichen Zustand eines Menschen und sein Bewusstsein ändern können, ist nur wenig erforscht. In Österreich hat sich eine Forschungsgruppe von Ingenieuren, Ökologen und Wissenschaftlern zusammengefunden, die an der Aufklärung dieser "Standortwirkung" arbeitet. Die Forschung soll die besonderen Orte der Region ins öffentliche Bewusstsein heben.

Was bewegt uns Menschen? Welche Fragen haben Bedeutung für unser Leben? Was existiert außerhalb unserer sichtbaren Welt? Warum kann unser Körper Dinge spüren, die mit hochsensiblen Messgeräten nicht erfassbar sind? Seit einem Erlebnis in meiner frühen Jugend lässt mich dieses Thema nicht mehr los. Ich war damals neun Jahre alt und kam mit meinen Eltern zufällig an dem Tag zu befreundeten Bauersleuten, an welchem diese einen "Brunnensucher" beauftragt hatten, eine Quelle für das nahe-gelegene Gehöft ausfindig zu machen. Mit kindlicher Neugierde folgte ich jeder Bewegung dieses Mannes, der einen gebogenen Eisenstab zwischen seinen Händen balancierte. Wie von Geisterhand begann dieser Stab plötzlich zu rotieren, um dann wenige Meter weiter wieder zum Stillstand zu kommen. Dem Brunnensucher war mein Interesse nicht entgangen, und er gab mir die Rute in die Hand mit der Aufforderung , es ebenfalls zu versuchen. Nie werde ich diesen Moment vergessen, an dem ich mit dieser geheimnisvollen, faszinierenden Welt konfrontiert wurde.
Die Jahre gingen ins Land, und in der Hektik des Berufs und des Alltags verliert man leicht seinen Weg aus den Augen - bis man vom Schicksal mit sanftem Druck zurückgeleitet wird: Wieder war es ein besonderer Mensch, der mir bewusst machte, welche Phänomene und zukunftsträchtigen Technologien existieren: Noemi Kempe, die Leiterin der Ludwig Bolzmann Forschungsstelle für Biosensorik in Graz, die mit wissenschaftlicher Methodik ähnlich faszinierende Dinge vollbringt wie der Brunnensucher vor 20 Jahren. Diese Begegnung war der Auslöser für das Projekt "Die Besonderen Plätze in der Region", in dem eine Gruppe von Ingenieuren, Ökologen und Wissenschaftlern den Versuch unternahm, eine Brücke zwischen der Welt der subjektiven Erfahrung und der Wissenschaft zu schlagen.

Heilende Orte
Jede Ortschaft hat ihre Geschichten und Legenden zu bestimmten Plätzen. Meist sind es Orte, an denen sich etwas ereignet hat, das nachhaltig ins Bewusstsein der Bevölkerung überging. An einigen dieser Plätze haben sich so genannte Heilungswunder zugetragen, und viele sind noch heute beliebte Wallfahrtsziele. Solche Überlieferungen und Traditionen bildeten für uns den Ausgangspunkt aller weiteren Forschungen. Auch wenn es sich meist nur um mündlich weitergegebene Legenden und Erzählungen handelt, kann doch vielfach von einem wahren Kern ausgegangen werden. Die beiden Orte, an denen wir erste Untersuchungen durchführten, sind durch einen uralten Wallfahrtsweg verbunden, auf dem auch heute noch alljährlich im Sommer die Menschen pilgern. Bei den historischen Erhebungen wurde uns schnell klar, dass es in jeder Gemeinde eine Vielzahl von besonderen Plätzen gibt, die es wert sind, genauer untersucht zu werden. Wir mussten uns jedoch auf einige wenige beschränken, um den Rahmen des Projekts nicht zu sprengen. Faszinierend war dabei die Entdeckung, wieviel Wissen und Bewusstsein zu diesem Thema in der Bevölkerung noch vorhanden ist.

Medizinische Auswirkungen
Aus der großen Zahl der möglichen Plätze wurden zwei für eine weitergehende Untersuchung ausgewählt: der so genannte Kapellenberg in Etmißl und die Alexi-kirche in St. Katharein an der Laming. Beide Orte können auf eine lange Geschichte zurückblicken.
Bei den Messungen, die von Noemi Kempe durchgeführt wurden, kamen das Expertensystem Imedis und das Protonenresonanz-Magnetometer G856 der Firma Geometrics zur Anwendung (siehe dazu auch den Artikel von Noemi Kempe in der Ausgabe 18 von Hagia -Chora, -Seite 43). Die Versuchsanordnung stellte sich wie folgt dar: Eine Versuchsperson wurde auf einem radiästhetisch neutral wirkenden Ort vermessen, dann für 15 Minuten auf dem "besonderen Platz" positioniert und danach wieder auf dem neutralen Ort vermessen. Aus der Differenz der Messergebnisse konnten wir Rückschlüsse auf die Veränderung der Gesundheit bzw. des Wohlbefindens ziehen. Das Magnetometer gab Auskunft über eventuelle Anomalien im Erdmagnetfeld auf den besonderen Plätzen.
Auf dem Kapellenberg zeigte sich bei allen Probanden eine ausgleichende Wirkung auf die Energie der Körpermeridiane und damit auf die zugehörigen Organfunktionen. Die Homöostase (die körpereigene Fähigkeit, sich unter wechselnden Außenbedingungen selbst gesund zu erhalten) veränderte sich ebenfalls merklich. Das vegetative Nervensystem reagierte etwas langsamer. Vielleicht wäre ein etwas längerer Aufenthalt auf diesem Platz in dieser Hinsicht noch aussagekräftiger gewesen. Wenn man den Versuch einer Interpretation wagen will, könnte man sagen, dass Menschen hier Harmonisierung und Ausgleich erfahren, damit sie geistige Informationen besser aufnehmen können. Dieser Platz könnte für Menschen, die in der Hektik des Alltags den Bezug zu sich selbst verloren haben, besonders positiv wirken.
Die Alexikirche in St. Katharein an der Laming ist schon von der Lage her ein "besonderer Platz". Sie schmiegt sich an den Berghang oberhalb der Ortschaft und prägt das gesamte Ortsbild. Innerhalb der Kirche wirkt die Atmosphäre eher beruhigend. Unsere Messungen in der Kirche zeigten, dass hier offenbar die Energieverteilung in den einzelnen Körperteilen gleichmäßiger zu werden scheint. Ein sehr interessantes Messergebnis war, dass bei einigen Probanden, bei denen die Voruntersuchung zeigte, dass sie von geopathischem Stress oder Elektrosmog belastet waren, diese Belastung auf dem besonderen Platz verschwand. Es schien auch, als könne der Platz positive ebenso wie negative Tendenzen in der Homöostase verstärken. Das heißt, bei Personen mit guten Ausgangswerten wirkt der Aufenthalt auf diesem Platz zusätzlich stabilisierend, bei Personen mit schlechten Ausgangswerten zusätzlich destabilisierend. Dieses Phänomen könnte mit gewissen historischen Gegebenheiten in Verbindung stehen. Für eine seriöse Interpretation müssen jedoch weitere Nachforschungen im historischen sowie im medizinischen Bereich abgewartet werden.

Sommerstall und Steiner Kreuz
Wie eingangs erwähnt, gibt es in den beiden Gemeinden noch eine ganze Reihe weiterer besonderer Plätze. In Etmißl befindet sich der so genannte Sommerstall, eine Anhöhe, von der aus man einen herrlichen Ausblick über das gesamte Tal hat. Nach einem etwa einstündigen Aufstieg über zahlreiche Kehren wird der Wanderer reich belohnt: Er steht einer mächtigen Linde gegenüber, die an diesem Platz im Lauf der Jahrhunderte wohl viel gesehen hat und so manche interessante Geschichte erzählen könnte. Dieser Ort wirkt durch seine Offenheit und Klarheit. Hier kann man Kraft tanken und den Blick "nach oben" richten.
Unweit des Sommerstalls findet man das "Steiner Kreuz" auf einer Lichtung zwischen hohen und mächtigen Bäumen, die den Menschen klein erscheinen lassen. Eine besondere Stimmung umgibt den Besucher. Es ist ein Platz zur Einkehr und zum Innehalten.
Gegenüber der Alexikirche in St. Katharein an der Laming ist noch ein weiteres Kleinod im Wald versteckt - die "Kircherlbrunnkapelle". Ursprünglich ist in der Kapelle eine Quelle zutage getreten, die für ihre positiven Wirkungen bei Augenleiden weithin bekannt war. In den letzten Jahren ist diese kulturelle Kostbarkeit immer mehr in Vergessenheit geraten, und die Quelle versiegte. Auf eine Initiative der Gemeinde St. Katharein hin soll dieser besondere Platz wieder belebt werden. Ob dann auch das Wasser wieder zu fließen beginnt, darauf darf man schon jetzt gespannt sein.

Persönliche Eindrücke
Die medizinischen Messergebnisse sind zwar ein wesentlicher Teil des Projekts, doch darf man die individuellen Wirkungen nicht vergessen, die besondere Plätze auf jeden einzelnen Menschen ausüben. Solche Empfindungen sind immer subjektiv, daher können diese Erfahrungen auch nicht verallgemeinert werden. Es kann aber sehr fruchtbar sein, sich darüber mit anderen auszutauschen.
Am Kapellenberg in Etmißl hatten alle am Projekt Beteiligten den Eindruck, dass "Ruhe" eingekehrt war. Wer sich auf diesem Platz aufhielt, wurde ruhiger und besinnlich, daher nannten wir diesen Ort "Besinnungsplatz". Im Zug der Messungen war ich den ganzen Tag (von 8 bis 16 Uhr) auf dem Kapellenberg gewesen, und diese lange Zeitspanne war für mich persönlich schon etwas zu viel des Guten. Nach einiger Zeit wurde mir leicht schwindelig, und es kam das Gefühl auf, als würde ich neben mir stehen, ein wenig der Wirklichkeit entrückt. Man darf nicht vergessen, dass solche Orte früher nur zu bestimmten Zwecken und für eine begrenzte Zeitspanne aufgesucht wurden. Es muss also sehr sorgsam mit diesen Energien und Wirkungen umgegangen werden.
In der Alexikirche in St. Katharein an der Laming umfängt einen ebenfalls eine ruhige Grundstimmung, wenngleich auch deutlich die Unterschiede in den einzelnen Bereichen der Kirche zu spüren sind. Die Plätze vor dem Altar bzw. in der ehemaligen Sakristei haben andere Qualitäten als der restliche Kirchenraum. Unmittelbar über der Sakristei, die von vielen als besonders starker Platz wahrgenommen wird, befanden sich früher die Sitzplätze der Grafen und höhergestellten Persönlichkeiten. Meinem Eindruck nach wirkt dieser Ort besonders ausgleichend und entspannend, man hat dort einen klaren Kopf. Es wird wohl kein Zufall sein, dass gerade dieser Teil der Kirche einem gehobenen Personenkreis vorbehalten war.
Die Kirche vermittelt einen sehr ursprünglichen Eindruck. Sobald man eintritt, entsteht das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Kirche nicht so stark frequentiert ist und sie sich eine gewisse Ausstrahlung über die Jahrhunderte hinweg bewahrt hat.
Auch solche subjektiven Erfahrungen sollten meiner Ansicht nach Gegenstand von Forschungsprojekten sein. Dabei sollte jedoch unbedingt darauf geachtet werden, dass es, bedingt durch eine notwendige Kategorisierung der Wirkungen, nicht zu einer Einengung der Wahrnehmung kommt und jeder Mensch weiterhin unbefangen an die Plätze herangeht.

Die ARGE Besondere Plätze
In der gesamten Region Obersteiermark nördlich von Graz warten noch viele "besondere Plätze" auf eine genauere Untersuchung. Aus diesem Grund wurde die Arbeitsgemeinschaft "ARGE Besondere Plätze" gegründet, die als organisatorische Plattform für alle weiteren Untersuchungen dieser Art dient. In der Arbeitsgemeinschaft arbeiten zusammen: Otmar Grober (Wassermeister), Heribert Haidenhofer (für die historische Forschung verantwortlich), Erich Leitenbauer (Betriebswirt, Sprecher der ARGE), Eva-Maria Leitner (Landschaftsökologin, Wasserbautechnikerin) und Gerhard Vötsch (Berater für nachhaltige Entwicklung). Die Gruppe sieht ihre Aufgabe in der weiteren Erforschung von besonderen Plätzen, wobei insbesondere geeignete wissenschaftliche Methoden zum Einsatz kommen sollen. Wir hoffen, bald eine Messreihe zur Untersuchungen der Wirkung von besonderen Plätzen auf die Herzfrequenz-Variabilität durchführen oder die Orte auf mögliche physikalische Strahlungen hin untersuchen zu können. Unser geplanter nächster Versuch wird die Beobachtung des Wachstums von speziellen Pilzkulturen in Petrischalen an den Plätzen sein. Vor allem aber möchten wir einen Beitrag zur Stärkung eines positiven Bewusstseins hinsichtlich der Schätze, die unsere Region zu bieten haben, leisten. In nächster Zukunft sollen weitere Untersuchungen in Gemeinden der Region Obersteiermark durchgeführt werden. Zusätzlich wirkt die ARGE Besondere Plätze bei der Revitalisierung der Kircherlbrunn-kapelle in St. Katharein an der Laming mit.
Oft ist man selbst überrascht, wie aus einer Idee plötzlich eine konkrete Sache entsteht, wie die Leidenschaft und der Enthusiasmus einer Gruppe auf andere überspringt. Mit dem notwendigen Hintergrundwissen und der entsprechenden Sachkenntnis können Dinge bewegt werden, die man anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Wir wissen nicht, was uns dieses Forschungsgebiet, das noch nicht einmal als solches definiert ist, in den nächsten Jahren bringen wird. Eines jedoch ist sicher: Wenn man einen Fuß auf diesen Weg gesetzt hat, gibt es kein Zurück mehr. Die Grundwahrheit, die wir bei allen technischen Ansätzen und Möglichkeiten niemals vergessen dürfen, ist, dass wir mit offenen Sinnen unserer größten Lehrmeisterin folgen müssen - der Natur.