Spüren, was uns die Erde gibt

von Gerhard Eggers erschienen in Hagia Chora 21/2005

Ein Spazierweg sollte die Freiflächen in der dicht besiedelten "Mainspitze", der Landzunge an der Mündung des Main in den Rhein, verbinden. Gemeinsam mit den Gemeindeverwaltungen wurden entlang des Wegs Steinsetzungen verwirklicht, die zur Kommunikation mit der Erde einladen.

Als ich angefragt wurde, die Planung und Erstellung des Regional-parkwegs in der Mainspitze energetisch zu begleiten, war ich sowohl interessiert als auch skeptisch. Meine Skepsis bezog sich auf den Zustand des Gebiets: Es ist geprägt von Lärmbelästigung und Umweltbelastungen durch die Lage in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens, durch das Autobahndreieck, stark befahrene Eisenbahnstrecken und bizarre, unwirtliche Industrie-landschaften.
Eine erste Fahrt mit dem Auto in das Gebiet bestätigte alle Vorurteile. In unberührteren Landschaften ist es ein Leichtes, in ein Gespräch mit der Erde zu kommen, aber würden an einem solchen Ort überhaupt Heilung und Kommunikation mit der Erde möglich sein? Wenn das gelingen sollte, musste ich einen anderen Blickwinkel gewinnen und mich mit meinen Vorurteilen auseinandersetzen.
Auf jeden Fall war mein Interesse geweckt, und bei Wanderungen zu Fuß oder mit dem Fahrrad erschlossen sich die kleinen Schönheiten und Energiereservoire der Region. Im Lauf der gemeinsamen Arbeit im Team mit Hildegunde Henrich und Hans Henrich entstand eine immer engere Beziehung zu dieser Landschaft.

Die Untersuchung
Bei unseren erdenergetischen Untersuchungen gehen wir von der Überzeugung aus, dass die Erde ein Lebewesen ist. Die Erde hat einen physischen Körper mit einem ungeheuer komplexen Organismus, der unzählige Lebewesen miteinander und voneinander leben lässt. Wir nehmen ein Bewusstsein der Erde, der Natur wahr, mit dem wir kommunizieren können. Wenn wir uns darum kümmern, antwortet uns die Natur. Schamanen haben das zu allen Zeiten praktiziert. Zur Kommunikation gehört die Fähigkeit des Zuhörens. Gebäude und Straßen bauen wir mit den Materialien der Erde, nehmen und gestalten sie nach unseren Vorlieben und Nützlichkeitskriterien, aber wir haben in der Regel verlernt, die Erde als Gesprächspartner zu sehen. Dabei ist ihre Lebendigkeit offenkundig, und wir verlassen uns wie selbstverständlich darauf, dass Pflanzen wachsen, dass Wasser und Luft für uns bereitstehen.
Bei unseren Untersuchungen nehmen wir an, dass es ähnlich wie in der Akupunktur für den menschlichen Körper auch auf dem Erdkörper Punkte und Linienverläufe gibt, in denen sich die Erdenergie sammelt und bewegt. So entstand eine Art Energielandkarte, die uns zeigte, welche Probleme und Potenziale die Landschaft besitzt. Insbesondere Wind, Wetter und Wasser als Ausdrucksformen der Erdvitalität und landschaftsprägenden Kräfte versuchten wir zu erfassen.

Das Energiefeld des Gebiets
Nachdem wir uns längere Zeit auf das Gebiet eingelassen hatten, gewannen wir den Eindruck, dass es hier einen "Herzpunkt" gibt, mit dem eine Reihe weiterer Plätze in Verbindung stehen und kommunizieren. Diese Verbindungen können wir spüren und mit unserer Bereitschaft zur Kommunikation unterstützen. Jeder Besucher des Regionalparkwegs wird - wie eine Biene von Blüte zu Blüte - die "Energiepollen" von Platz zu Platz tragen. Wenn er sich dabei der Erdkraft bewusst ist oder sich um ein solches Bewusstsein bemüht, ist seine Bewegung besonders wirksam.
Die Menschen tun sich schwer mit der Natur. Sie haben in unseren Regionen schon immer die eigene Vorstellung vom Machbaren vor die Achtung des gemeinsamen Lebens mit allen Lebewesen gesetzt. Im Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit können wir uns aber der Erde, der Natur und dem Leben neu zuwenden. Kommunikation ist Heilung: Wir schauen nach dem Himmelswind, lassen uns führen vom Wasserwind, suchen die Wasser aus Gaia, die Erdgeister und die Feuergeister. Wir nehmen Kontakt auf zum Geist des Ortes und lassen uns ein auf seine Beseeltheit. Wir würdigen alle und alles, ohne zu bewerten, wer was geleistet oder zerstört hat. Wir hören auf den Klang der Namen und interessieren uns für die historischen Schichten: für die Bauten der Menschen als kulturelle Werke, für magische Motive und jede Art von Dynamik, für die Absichten der Menschen und ihre Fähigkeiten und Schwierigkeiten, sich in das große Gefüge der Natur einzupassen. So erkennen wir in der Landschaft den vielschichtigen Grund, der alles enthält: die Erinnerung, die Gegenwart und die Keime des Kommenden.

Die Landschaft in der Mainspitze
Die Landschaft, die der Regionalparkweg Mainspitze durchquert, ist geprägt vom Wasser und den Bemühungen der Menschen, sich vor den Gefahren des Wassers zu schützen und es sich zu Nutze zu machen. Seine jetzige Gestalt hat das Gebiet erst seit etwa 150 Jahren, in denen die Industrialisierung verstärkt die Begradigung der Flüsse und den Bau von Deichen und Entwässerungen mit sich gebracht hat. In allen Epochen stand die Beschäftigung mit dem Wasser im Vordergrund. Bei Hochwasser erleben wir die Urgewalt des Wassers, und es wird der notwendige Aufwand zum Erhalt der Anlagen deutlich. Das ständige Auf- und Abschwellen des Wasserstands von Rhein und Main sind für die Gegend so etwas wie ein umfassender großer Rhythmus, den nicht Menschenhand, sondern die Natur steuert.
Im Gebiet Mainspitze sind die Zusammenhänge und die Gegensätze von Natur und Kultur auf kleinstem Raum zu studieren: Produktivität in Industrie, Handel und Landwirtschaft, Erholungsbereiche, hohe Mobilität, Umweltbelastung und Lärm beeinflussen die Lebens- und Wohnqualität. Geschwindigkeit und Profit als Zeichen unserer Zeit bestimmen den Umgang miteinander. Diejenigen Plätze im Bereich des Regionalwegs, die starke Impulse von Erdenergie zeigen, haben wir mit Steinsetzungen gekennzeichnet. Durch ihre Anordnung bilden sie eine energetische Umfassung des Gebiets, denn die Steinkreise kommunizieren miteinander und stärken somit den natürlichen Zusammenhang.
Die Steinkreise bestehen aus acht Steinen, die den Himmelsrichtungen zugeordnet sind und jeweils spezifische Formen für die Himmelsrichtungen repräsentieren. Sie markieren Plätze, die für die Kommunikation der Menschen mit der Erde besonders geeignet sind: Die an ihrem Platz liegende Steinplatte zeigt an diesem speziellen Ort die nötige Schwerkraft, mit der sich die Erdkräfte gegen die fast bizarre industrielle Umgebung durchsetzen.
Die von uns verwendeten Steine bestehen aus Muschelkalk aus einem mainfränkischen Steinbruch. Jeden Stein wählten wir einzeln für den jeweiligen Steinkreis und die Position im Kreis aus. Insgesamt entstanden so sechs charakterlich unterschiedliche Plätze des Regionalparkwegs Mainspitze, die wir mit sechs "Themen" zu umschreiben versuchten.
Thema Geborgenheit
Dieser Steinkreis liegt innerhalb der ehemaligen Burg in Gustavsburg, in der Nähe der Mauerreste. Die Energie, die man hier spüren kann, ist sehr sanft und gleichzeitig kraftvoll. Sie kann beruhigen und Stress abbauen und fördert das Gefühl, geborgen und angenommen zu sein. Das innere Bild, das zu diesem Platz in uns entstand, zeigt ruhiges Wasser auf warmer Erde unter hellem Himmel.
Thema Impulskraft
Am Main in Gustavsburg westlich der Schleuse, 20 m westlich der drei hohen Pappeln, befindet sich der nächste Steinkreis mitten im Überschwemmungsgebiet. Die Schrebergärten stehen hier ein- bis zweimal im Jahr unter Wasser. Die Energie dieses Kreises lässt etwas von der Dynamik des ständigen Wechsels von Wind und Wasser spüren. Unser Bild war ein starker Wind, der einen Wasserfluss unterstützt und bewegt.
Thema Freiheit
Auf einer Freifläche am Rand der Hans-Böckler-Siedlung in Bischofsheim liegt der Steinkreis "Freiheit". Die Landschaft ist nach Norden und Osten hin offen, der Blick geht über Felder. Im Norden sieht man den Deich, dahinter die Weinberge von Hochheim auf der anderen Seite des Mains. Der Ort fühlt sich eher unruhig, aber kräftig an - eine Qualität, die wir mit "Freiheit" umschrieben. Die Natursteine, die den Kreis begrenzen, sind in eher schroffen Formen zueinander gesetzt. Das Symbol der Energie ist für uns fließendes Wasser, von dem ein Wind aufsteigt.
Thema Gaben, Geschenke
Am alten Gerauer Weg in Bischofsheim in einer kleinen Grünfläche findet man eine Steinplatte aus Muschelkalk. In diesem Bio-top nicht weit von der riesigen Bahnanlage liegt die Platte in Harmonie mit den sie umgebenden Pflanzen, dem Teich und den Büschen und Bäumen. Der Ort strahlt Wärme und Sanftheit aus wie nährendes Wasser aus der Tiefe und sanfter Wind, der darüber gleitet.
Thema Verbindung
An der Nahtstelle des Regionalparkwegs mit dem Bauschheimer Rundweg findet der Wanderer am Wegesrand einen Steinkreis an einer Weggabelung. Hier lassen sich unterschiedliche Energien spüren, die aus verschiedenen Richtungen kommen und sich verbinden, so wie Wasser sich ganz fein auf ebenem Boden verteilt, wenn es vom Wind bewegt wird.
Thema Einheit
In den Auen von Ginsheim, etwa 400 m nördlich der Fähre, soll in diesem Jahr noch eine Sickerspirale in die Bodenfläche eingelassen werden. Nahe am Rhein wird die vom Wasser geprägte Landschaft mit diesem Bauwerk eine besondere Würdigung erfahren. Unser Bild war hier Wasser, das sich auf der Erde sammelt und auf dem der Wind steht. Die Qualität des Ortes ist ganz dem lebenspendenden Aspekt des Wassers zugewandt: Feuchtigkeit, Bewegung, Sammlung, Verdunstung.

Das Unmögliche für möglich halten
Es gelingt derzeit erst selten, geomantisches Wissen und Gespür in das Projekt eines öffentlichen Trägers einzubringen, aber es ist möglich. In unserem Fall war es vor allem die glückliche Zusammenarbeit mit Hildegunde Henrich, die als Landschaftsarchitektin von der Regionalpark RheinMain Südwest GmbH mit dem Konzept des Regionalparkwegs beauftragt war. Wir fragten uns zwar skeptisch, ob den Behörden geomantische Untersuchungen zuzumuten seien, aber im konkreten Kontakt machten wir wunderbare Erfahrungen. Wir lernten Vertreter der Regionalpark GmbH und der Gemeindeverwaltung kennen, die unbefangen mit unseren Ideen umgingen und wohlwollend die Arbeit unterstützten und organisierten.
Hildegunde Henrich war bereits aus früheren Landschaftsplanungen in Kontakt mit den Vertretern der kommunalen Verwaltung und der Regionalpark RheinMain Südwest GmbH. Durch diesen Kontakt war eine Vertrauensbasis in der praktischen Arbeit entstanden. Das erleichterte es uns, unsere Projektidee den Verantwortlichen vorzustellen. Hinzu kam, dass ich bereits eine Reihe von Städten und Regionen geomantisch untersucht und in Exkursionen vorgestellt hatte, so dass das Thema wenigstens ansatzweise eingeführt war. Im weiteren Verlauf des Projekts verbanden sich die geomantische Arbeit und die Landschaftsplanung zu einer Einheit.
Nach einer Präsentation unseres Konzepts vor Bürgermeistern und Verwaltungsvertretern der Gemeinden Ginsheim-Gustavsburg und Bischofsheim besichtigten wir mit ihnen zusammen die ausgesuchten Steinkreis-Plätze. Alle Beteiligten hatten den Mut, der Energie nachzuspüren, und es entstanden neue Ideen zur Gestaltung.
Wir waren von der Akzeptanz und Handlungsfreude von Seiten der Verwaltung und der Regionalpark GmbH angenehm überrascht. Zügig erfolgten die notwendigen Verwaltungsakte zur Bereitstellung der finanziellen Mittel und zur Einbindung in die Regionalparkplanung. Mit jedem weiteren Schritt machten wir die Erfahrung, dass sich das Projekt mit Leichtigkeit realisieren ließ und vorübergehende Irritationen zu beheben waren.
Den Transport der Steine vom Steinbruch organisierte die Regionalpark GmbH. Die Setzung der fünf Steinkreise geschah bei Sonnenschein und klirrendem Frost unter unserer Anleitung mit Hilfe von motivierten Mitarbeitern des Bauhofs der Gemeinde Ginsheim-Gustavsburg.
Die geplante Sitzspirale soll die Wirkung der Energiepunkte noch optimieren. Wir hoffen, dass auch dafür bald die Finanzierung steht. Die Resonanz aus der Bevölkerung lässt darauf schließen, dass die Steinkreise gerne gesehen und angenommen werden. Bei der Eröffnungsfeier für den Burgpark in Gustavsburg gab es viel Interesse rund um die Steinkreise.
Schließlich sehen wir uns darin bestätigt, dass Kommunikation heilt. Über die Kommunikation mit der Erde entstanden vielfältige Gespräche über neue Themen zwischen den Menschen. Die Grundlage war immer die Würdigung, sei es die Würdigung der Erde, des Ortes oder der beteiligten Menschen. Auch den Verwaltungsvertretern lagen ihre Gemeinden und die Bemühungen um deren Lebensqualität am Herzen, und das konnten wir auf unsere Weise würdigen und unterstützen.