Botschafter der Erde

von Clemens Hohmann erschienen in Hagia Chora 21/2005

Steinsetzungen haben Gewicht - ein Jahrmillionen altes Steinwesen wird bewegt und prägt nachhaltig seinen neuen Standort. Soll ein leben-diger Ort entstehen, muss der Stein Anlass geben, ihn zu lieben. Clemens Hohmann ist dies mit seinem Rutsch-Stein in Karlsruhe gelungen. Seine Arbeit geschah in Resonanz mit dem Wandel der eigenen Biografie — und dies scheint sich auf den Ort zu übertragen.

Die Geschichte des Steins, von dem im Folgenden die Rede ist, ist eng mit meiner persönlichen Entwicklung verknüpft. Er ist mein Bruder und war mein Begleiter auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt.
Es ist noch nicht lange her, da war auch ich ein typischer Mensch unserer heutigen Gesellschaft, für den es Umwelt und Unkraut gab, und der an das glaubte, was die Ratio "bewies". Wie so viele Menschen ignorierte ich meine Träume und überhörte die leisen Stimmen der Erde.
Im Jahr 1999 las ich eine Anzeige über eine "geomantische Führung" durch Karlsruhe. Ein ungekannter Drang entfachte in mir das Interesse, diese Stadt einmal anders kennenzulernen. So wurde Siegfried Prumbach, der damals die Stadtführung anbot, für mich der Impulsgeber, eine Ausbildung bei der Anima Mundi Akademie zu beginnen. Während dieser Ausbildung zum Lebensraumgestalter begann ein Wandlungsprozess in meinem Leben, der mich zu einer neuen Lebensaufgabe führte: Menschen den Kontakt mit den wunderbaren Kräften der Erde zu vermitteln, mit diesen Kräften, die sich weder zähmen noch bezwingen lassen, sondern auf verblüffende Weise mit uns kooperieren.
"Mit anderen Augen sehen, staunen statt analysieren" - ich verstehe jetzt immer mehr, wovon schon unsere Mythen und Märchen berichten. Die Geschichte des "Steins von Karlsruhe", des uralten Botschafters, der aus dem feurigen Innern der Erde kam, ist ein solches Märchen.
Es war nach dem ersten großen Abschnitt der Ausbildung, der uns mit der Aufgabe entließ, ein Untersuchungsobjekt für die Diplomarbeit zum Geomantieberater zu finden. Eine mir bis dahin unbekannte innere Stimme sagte, dass dies die Stadt Karlsruhe sein würde. Faszination und Bestürzung zugleich herrschten in meinem Innern. Wie sollte ich, als Neuling auf diesem Gebiet, eine Stadt mit 300000 Einwohnern untersuchen und womöglich "behandeln"? Jene Stadt, von der man sagt, sie sei die geomantischste unter allen Städten. Das konnte nicht gutgehen.
Ich verdrängte die Stimme und wandte mich "kleineren" Dingen zu, wie dem Stadtteil, in dem ich lebte. Doch ich blieb immer im Ansatz stecken. Eine regelrechte Lähmung überkam mich. So ging es mir mit jedem Ort, den ich in Erwägung zog. Diese Erfahrung sowie eine berufliche Veränderung ließen mich damals jegliche Aktivität mit dem Thema Geomantie beenden. Ich stieg aus.
Achtzehn Monate später weckte mich die Einladung zur Weiterbildung zum geomantischen Gestalter aus meinem Dornröschenschlaf. Aus einem plötzlichen Impuls heraus meldete ich mich ohne zu überlegen an und tauchte wieder ein in jene Welt. Ich holte meine alten Aufzeichnungen hervor, und mit der Entscheidung, die Stadt Karlsruhe nun endlich als Arbeitsaufgabe anzunehmen, begann das Abenteuer. Auf einmal kam alles in Fluss. Es eröffneten sich mir Botschaften und Kontakte, die ich nie für möglich gehalten hätte. Stück für Stück setzte sich das Puzzle zusammen, begleitet von zum Teil heftigen inneren Reaktionen.

In Karlsruhe regiert das Quadrat
Insgesamt vergingen über zwei Jahre, bis die Arbeit vollendet war, eine Zeit, die geprägt war von Wandel, Veränderung und Neuorientierung. Ich habe den Ort nach der Arbeitsweise der integralen Geomantie untersucht, die durch Offenheit, Kooperation und Feedback gekennzeichnet ist. Das ist eine prozessorientierte Vorgehensweise, die an das Einfühlungsvermögen des Gestalters hohe Ansprüche stellt. Bis zur Vollendung stand ich so in fortwährendem Austausch mit dem Ort, dem Stein, den Formen und allen Energien und Energie-Ebenen. Ich habe gelernt, mich diesem Fluss hinzugeben, wurde vom Planer und Agierer zum Vermittler und Reagierer. Ich erkannte, wer die wahren Gestalter sind. Die Untersuchung ergab im Groben Folgendes:
Die männlichen Aspekte der Stadt sind stark ausgeprägt und scheinen zum Teil blockiert, sie werden nicht in ihrem positiven Aspekt erfahren. Dies zeigt sich in zunehmenden Spannungen: Der Kontakt der Volksvertreter zu ihrem Ort und den Menschen verliert sich immer mehr. Es wird beschlossen, bestimmt und durchgesetzt. Diese Handlungen spiegeln sehr treffend die lange Wirkung der bewusst konstruierten Anlage der Stadt.
Durch eine Drehung der Nord-Süd-Achse um 4° nach Ost erscheint Karlsruhe mit allen energetisch wichtigen Plätzen Deutschlands und darüber hinaus verbunden. Versteckt unter dem Kreis und dem Zirkel im Grundriss der Stadt, "regiert" das Quadrat, das die Energien bündelt und festhält. Die 32 Straßen, die wie ein Strahlenkranz vom Schlossturm ausgehen, ziehen Kraft aus dem Umfeld ab und leiten sie über die Turmspitze nach oben. Ein Geschenk des Markgrafen an Gott? Jedenfalls ein zur Zeit des Absolutismus reichlich eingesetztes Machtmittel. Äußerlich betrachtet, präsentiert sich die Stadt offen und gebend mit ihrem berühmten Straßenfächer, oft als "Sonnenkranz" bezeichnet, der nach außen strahlen soll. Ich habe davon bisher nichts gespürt, denn wenn ich auf dem Turm stehe, zieht es mich regelrecht nach oben. Nur wenige Menschen scheinen das Wesentliche, das im Verborgenen Liegende wahrzunehmen: die starke weibliche Engelskraft, die diesen Ort auszeichnet. Als ich dies entdeckte, wurde mir das Ziel meiner Arbeit klar: Die starke, gebündelte und gehaltene Energie sollte wie ein Springbrunnen nach außen verteilt werden, zum Nutzen aller. Dafür sollte ein Stein einen Impuls setzen.
Der Spruch, den der Markgraf bei Gründung der Stadt unter dem Turm eingraben ließ, bekam für mich einen neuen, tieferen Sinn: "Möge dieser Stein, der jetzt von Karl gelegt wird, um in die aufgegrabene Erde versenkt zu werden und zugleich den zu den Gestirnen aufgebauten Turm (das energetische Zentrum der Stadtanlage) zu tragen, fortbestehen und Jahrhunderte überdauern, und je länger er dauert, desto mehr möge er auch erstarken und sich ausbreiten."

Dem inneren Ruf folgen
Vor Jahren hatte ich unbewusst einen Artikel über Marko Poga?cniks Tochter Ana aufgehoben, in der sie von der deutlichen Wahrnehmung einer versteckten weiblichen Kraft in Karlsruhe sprach. Während der Untersuchung war ich voller Erstaunen wieder auf diesen Artikel gestoßen. Solche scheinbaren Zufälle erlebte ich häufig - eines von vielen Zeichen dafür, dass die Zeit reif war für mein Handeln.
Vor diesem Hintergrund begann ich meine Ausbildung zum geomantischen Gestalter. Mit der Umsetzung meiner Erkenntnisse und dem handwerklichen Tun stieg ich endgültig ein in jene Anderswelt und in die Interaktion mit den Kräften des Ortes. Es gab viele Tage, an denen ich glaubte, aus einem langen Tagtraum aufzuwachen. Ich betrachtete die Tagesarbeit und war selbst verblüfft über mein Tun. Von Anbeginn hatte ich mich ausschließlich meinen Gefühlen und Wahrnehmungen hingegeben. Kein Lineal, keine Richtschnur oder sonstigen Messinstrumente beeinflussten meine Arbeit. Es schien mir, als ob nicht ich selbst gearbeitet hätte, sondern jemand anders meinen Körper benutzte. Noch heute stehe ich voll Staunen und Ehrfurcht vor dem Stein und labe mich an seiner Kraft, seiner Schönheit und seinem besonderen Wesen. Nicht ich, sondern der Stein selbst, die Erde, die Stadt und der Himmel erscheinen mir als die wahren Gestalter. Deshalb wird mein Name dort nie als Künstler stehen.

Akupunkturstein für die Stadt
Der Weg dorthin war verblüffend und schöpferisch, hart und turbulent, aber auch erfüllend und schön. Oft war ich verzweifelt, verwirrt und aggressiv, dann wieder offen und inspiriert. Ich lebte das ganze Spektrum der Stadt. Als ich mich in einem therapeutischen Zusammenhang mit archetypischen Formen beschäftigte und sie in einem dreidimensionalen Tonmodell zusammenführte, fiel der Satz: "Das sieht ja aus wie eine Rutsche", und auf einmal war mir klar, dass es ein Rutsch-Stein aus Granit sein müsste, der wie ein Akupunkturwerkzeug auf die Stadt einwirken würde, um so zu helfen, die vorhandenen Energien zu verändern, ohne sie zu blockieren oder gar aufzulösen. Ein Stein, auf dem Kinder klettern und hinunterrutschen würden. Der Euphorie folgte auf dem Heimweg die Ernüchterung. Wo sollte ich, als Laie in Sachen Stein, so einen Koloss auftreiben?
Eines Nachts träumte ich, dass der Stein im Odenwald liegen und auf mich warten würde. Ich folgte meiner Eingebung und machte mich auf den Weg. Dort wurde ich regelrecht zu einer alten Grabsteinfirma hingeführt. Spontan erkundigte ich mich nach einem Findling. Als ich auf den Lagerplatz geführt wurde, zeigte man mir einen Stein, der durch einen Erdrutsch aus dem Inneren der Erde gekommen war. Da wusste ich voller Dankbarkeit und ohne jeglichen weiteren Zweifel: Mein Werk war bestimmt und würde gelingen.
Mit der Kraft, die mir diese Erkenntnis gab, gelang alles weitere wie im Märchen. Der Stein fand seinen Platz, setzte sich, und ich bearbeitete ihn in Verbundenheit. Den ganzen Prozess über durchströmte mich eine bedingungslose Liebe. Keine Arbeit war mir zu schwer, kein Aufwand zu groß, kein Hindernis zu hoch. Alle Ebenen kooperierten und ließen den Stein Gestalt annehmen. Ich wundere mich heute, wie ich das alles geschafft habe, vor allem körperlich. Und doch war ich nie erschöpft oder ausgelaugt. Es war, als ob ich beim Arbeiten Energie aufnahm.
Ich werde immer wieder gefragt, wie ich soviel unbezahlten Einsatz und eigenes Geld in etwas stecken konnte, das nicht bezahlt wurde. Doch die Erfüllung, die ich fand, der Kontakt zu den Energien der Anderswelt und zu den Kräften in meinem Inneren sind ein Lohn, der mit Geld nicht aufgewogen werden kann. Die Liebe zur Erde und zu dieser Stadt, die während der Arbeit in mir aufgeblüht ist, gehört offenbar zu den Faktoren, die den Stein wirken lassen. Das ist mit den Maßstäben unserer rationalen Gesellschaft nicht zu erfassen.

Den richtigen Ort finden
Der Platz des Steins liegt an der östlichen Stadtgrenze auf einem erhöhten Punkt. Er hat die gleiche Schwingung wie der Schlossgarten am Schlossturm und ist auf diesen ausgerichtet. Um den Stein habe ich kreisförmig elf Reineisenringe gesetzt, die ich von Hand in Feuerschweißtechnik geschmiedet habe, um den Platz energetisch zu halten und zu schützen. Der Kreis ist zum Schlossturm hin offen, um die Verbindung zu markieren. Der Stein ist so tief eingelassen, dass er sich mit dem Sandstein-Untergrund verbindet. Wer auf dem Stein rutschen möchte, kann eine Treppe hinaufsteigen. Die Bewegung beim Rutschen erzeugt eine Welle, die die Energie ins Fließen bringt. Das Material, ein 280 Millionen Jahre alter Granit, steht für Auflösung und Erlösung. Es ist ein Stein zum Anfassen, zum Berühren und zum Interagieren. Damit wird er lebendig und zeigt uns die Lebendigkeit der Natur. Er ist auf das Energiezentrum der Stadt ausgerichtet und soll helfen, die festgefahrenen Strukturen zu lösen und das wahre Potenzial der Stadt zutage zu fördern.

Der Stein wirkt
Inzwischen ist einige Zeit vergangen. Der Stein hat sich eingesessen und wirkt. Vor allem Kinder belagern und nutzen ihn und zeigen uns damit die Unbekümmertheit und Leichtigkeit, die den Erwachsenen so fehlt. Sie spüren seine Schwingung, achten und ehren ihn. Oft beobachte ich den Stein und betrachte die Erwachsenen, die um ihn herumgehen, sich auf ihn setzen und ihn berühren. Das macht mich glücklich. Der Platz, direkt an der A8, Ausfahrt Karlsbad/Stupferich gelegen, ist ein beliebter Grillplatz, daher sind im Sommer viele Familien dort. Inzwischen ist ein Trampelpfad entstanden, der von der Straße über den Platz -direkt am Stein vorbei nach Osten zum Wald führt.
Doch auch die andere Seite ist präsent. Manchmal entdecke ich um den Stein herum Glasscherben und sonstigen Müll, der auf "Partys" von Jugendlichen schließen lässt. Dieses Zeugnis einer Fühllosigkeit für die Schönheiten der Natur und den respektvollen Umgang mit ihr, die doch ein Teil von uns allen ist, macht mich traurig. Es scheint nicht populär zu sein, Achtsamkeit und Sorgfalt im Umgang mit der Umwelt zu üben. Doch zeigt mir dieser Umstand umso mehr die Wichtigkeit, solche Zeichen wie diesen Stein zu setzen.
Der Stein wirkt nicht allein durch seine Gestaltung, sondern vor allem auch durch die Lebenskräfte, die Besucher in sein Feld hineintragen. Nur wenn er entdeckt, beachtet und berührt wird, kann er seine Botschaft verbreiten.

Zu dieser Arbeit gibt es eine ausführliche Bilddokumentation, die beim Autor bestellt werden kann: www.clemens-hohmann.de.