Was bleibt echt?
Im Jahr 2004 wurden in den Städten Dresden, London und New Orleans jeweils bedeutende bauliche Landmarken wieder aufgebaut, die einst den spezifischen Charakter der Städte prägten. Auf sehr unterschiedliche Weise wird bei allen dreien der Wunsch deutlich, etwas Charakteristisches, Historisches der jeweiligen Stadt zurückzugewinnen. Eine vierte beachtenswerte Landmarke, die ich hier beschreibe, ist zugleich etwas Neues und doch ganz und gar Traditionelles. Die verschiedenen Herangehensweisen, die jeweils zur Anwendung kamen, erzählen uns etwas über das Thema Authentizität und seine Beziehung zum Genius loci.
Die Frauenkirche in Dresden wurde 1945 von der britischen Luftwaffe zerbombt und blieb während der gesamten Existenz der DDR eine Ruine. Die damals herrschende Ideologie hätte kaum eine barocke Kirche wieder aufbauen lassen, die an das Ancien Régime erinnerte und einer Religion huldigte, die im Gegensatz zum dialektischen Materialismus des Staates stand. So blieb sie ein halbes Jahrhundert lang ein Trümmerhaufen, wobei ein paar vom Feuersturm geschwärzte Reste der Außenmauern stehengeblieben waren. Fortan war die Ruine eine "charakteristische Landmarke" der Stadtlandschaft.
Mit dem Ende der DDR entstand der gemeinschaftliche Wille, dieses Meisterwerk des 18. Jahrhunderts wieder aufzubauen. Jeder verbliebene Stein wurde analysiert und mit Hilfe von Computer Aided Design (CAD) wieder seinem ursprünglichen Platz zugeordnet. So wurde jeder alte, noch brauchbare Stein am richtigen Platz innerhalb des neuen Mauerwerks wieder eingebaut. Die Kirche wurde nach den Originalzeichnungen des Architekten und mit alter Steinmetzkunst rekonstruiert. Sie wurde 2004 vollendet und krönt nun die Stadtlandschaft. Auf den vom Feuer geschwärzten Mauerresten steht das neue Mauerwerk, in dessen goldenen Schimmer sich immer wieder schwarze Einsprengsel aus Originalsteinen mischen. Somit steht das neue Gebäude in der Kontinuität des originalen und erinnert sichtbar an sein verheertes Schicksal und das seiner Stadt.
Einige Jahre nach dem Großen Stadtbrand von London im Jahr 1666 wurde der östliche Eingang der Stadt durch ein barockes, steinernes Zeremonialtor markiert, das möglicherweise von Sir Christopher Wren, dem Architekten der St. Paulâs Cathedral, entworfen wurde. Wegen seiner räumlichen Nähe zum alten Hauptquartier der englischen Tempelritter wurde das Tor auch als "Temple Bar" bezeichnet und hatte als geomantische Marke eine gewisse Bedeutung. Während der zeremoniellen Stadtbesuche der in der Whitehall-Residenz ansässigen Monarchen mussten diese am Temple Bar Halt machen, um vom Oberbürgermeister von London empfangen zu werden und anschließend in die Stadt zu ziehen.
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