Wo der Geist weht

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 21/2005

Welche Orte suchten die indigenen Völker Amerikas für ihre Visionssuche auf? Aus Sicht des Schamanismus-Forschers Paul Devereux kultiviert die Visionssuche die Fähigkeit des Menschen, seiner inneren Wildnis zu begegnen.

Die Visionssuche war in der Vergangenheit das zentrale Element amerikanisch-indianischer Spiritualität. In groben Zügen umrissen, zieht sich bei der Visionssuche ein Einzelner an einen entlegenen Platz in der Natur zurück, um eine wegweisende Vision zu empfangen oder mit höhernatürlicher Kraft ("Medizin") für heilerische oder kriegerische Zwecke ausgestattet zu werden. (Das englische Wort "supernatural" muss in diesem Kontext als Ebene verstanden werden, die zwar nicht mit den physischen Sinnen erfasst, aber mit den höheren Sinnen, die ja ebenfalls "natürlich" und nicht "über"-natürlich sind, erfahren werden kann. Wir haben dafür das Wort "höhernatürlich" geprägt. Anm.d.Red.) Wer sich auf Visionssuche begab, verzichtete für die Dauer von einigen Tagen auf Essen und Schlaf und unternahm körperliche Aktivitäten zur Beförderung der erwünschten visionären Erfahrung. Meistens - jedoch nicht immer - trat in der Vision ein anthro-pomorphes Geistwesen auf, das den Visionssucher ansprach und nach einer Unterweisung in Tiergestalt wieder verschwand. Damit wurde es - so deutete man die Erscheinung - fortan zum Krafttier oder Hilfsgeist dieses Menschen.
Der in der Vision oder im Wachtraum erscheinende Geist machte dem Suchenden möglicherweise ein bestimmtes Lied oder einen Tanzschritt zum Geschenk, womit er ihn in Zukunft jederzeit um Hilfe rufen konnte. Diese Kraft-Lieder hatten bei den Ethnien der nordamerikanischen Indianer unterschiedliche Charaktere, beispielsweise kannten die -Wenatchi--Indianer in Britisch Kolumbien sehr individuelle Visionslieder, während sich die der Oberen -Skagit-Indianer kaum voneinander unterschieden.
Eine Reihe von indianischen Liedern und Gebeten dürfte auf Visionssuchen entstanden sein. Bei einigen Liedern, die von führenden Persönlichkeiten während der Ghost Dance-Zeit empfangen wurden, ist dies überliefert. Jene Bewegung versuchte gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolglos, das Joch des weißen Mannes durch ein Wiedererstarken des spirituellen Lebens der indianischen Bevölkerung abzustreifen. Die Angehörigen des Kults verwendeten den bewusstseinserweiternden Peyote-Kaktus als Sakrament. So soll das bekannte Lied "Heyowiniho" dem Ghost-Dance-Propheten John Wilson eingegeben worden sein, als er während einer Peyote-Zeremonie die Sonne aufgehen hörte. Von einer erstaunlich ähnlichen synästhetisch-auditiven Halluzination berichtet der visionäre Poet William Blake: Der Sonnenaufgang habe wie ein Engels-Chor geklungen.

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