Organische Architektur
Gibt es in der Architektur Strömungen, in denen geomantische Aspekte erkennbar sind? Dieser Frage gehen wir in Zukunft in der Rubrik -"Bauen" nach. Der Beitrag von Joachim Zimmer beschäftigt sich mit der so genannten -organischen Architektur, -deren Konstruktionsprinzipien von Wachstumsformen in der Natur inspiriert sind.

Die zweite Hälfte des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch gesellschaftliche Umwälzungen, technischen Fortschritt und neue Bewusstseinsinhalte. Eine rückwärts gewandte Architektur der "Neo"-Stile (Neugotik, Neubarock, Neurenaissance, Neuromanik usw.), wie z.B. der 1865 fertiggestellte Bahnhof Gare du Nord in Paris (von Jacques-Ignace Hittorf) mit Säulenformen eines griechischen Tempels, konnte da nur noch als anachronistisch erlebt werden. In der Architektur setzte eine Suche nach neuem Sinngehalt und -neuen Ausdrucksmöglichkeiten ein, die sich nicht mehr auf vorgegebene Formen-Kanons stützen sollten. Pioniere wie -Louis H. Sullivan, Antoni Gaudí, Rudolf Steiner, Frank Lloyd Wright, Hugo Häring und andere fanden diesen Sinn in einem neuen Verhältnis des Menschen zur Natur. Wright formulierte es so: "Die Bauten wurden geschaffen, um nicht nur die Affinität des menschlichen Lebens zu seinem Boden, sondern auch, um die des Bodens zu dem Wesen des Menschen, der darauf lebt, klarzumachen und auszudrücken."
Innere Natur des Menschen und äußere Natur sollten durch Architektur zusammengeführt werden, als Ganzheit auf höherer Ebene erscheinen, die Seele des Ortes zum Ausdruck bringen, den Geist der Natur stützen, zur organischen Einheit verschmelzen. Diese Architektur wurde von ihren Protagonisten daher "organische" Architektur genannt. Es sind grundlegende geomantische Themen, die in die Architektur eingeführt, damals allerdings noch nicht so benannt wurden. Organische Architektur hat seitdem die verschiedenen Strömungen und Tendenzen der Architekturgeschichte beeinflusst und mitgestaltet. Heute sind weitere Gesichtspunkte wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Baubiologie und eben auch der Umgang mit Geomantie, Radiästhesie etc. wichtige Bestandteile, die uns einen bewussteren Einsatz der architektonischen Mittel erlauben.
Bevor ich dies an einigen Beispielen aufzeige, möchte ich anhand eines kurzen Rückblicks in die Baugeschichte zeigen, wie das Verhältnis von Mensch und Natur ursprünglich ein enges war, das sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem immer distanzierteren wandelte und erst mit den Bemühungen der organischen Architektur eine Wiederbelebung erfuhr, allerdings auf einem neuen Bewusstseinsniveau, ausgestattet mit neuen Erkenntnissen und Fähigkeiten und vor allem mit der Freiheit in der Wahl der eingesetzten Mittel.
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