Organische Architektur

von Joachim Zimmer erschienen in Hagia Chora 21/2005

Gibt es in der Architektur Strömungen, in denen geomantische Aspekte erkennbar sind? Dieser Frage gehen wir in Zukunft in der Rubrik -"Bauen" nach. Der Beitrag von Joachim Zimmer beschäftigt sich mit der so genannten -organischen Architektur, -deren Konstruktionsprinzipien von Wachstumsformen in der Natur inspiriert sind.

Die zweite Hälfte des 19. und der Beginn des 20. Jahrhunderts waren geprägt durch gesellschaftliche Umwälzungen, technischen Fortschritt und neue Bewusstseinsinhalte. Eine rückwärts gewandte Architektur der "Neo"-Stile (Neugotik, Neubarock, Neurenaissance, Neuromanik usw.), wie z.B. der 1865 fertiggestellte Bahnhof Gare du Nord in Paris (von Jacques-Ignace Hittorf) mit Säulenformen eines griechischen Tempels, konnte da nur noch als anachronistisch erlebt werden. In der Architektur setzte eine Suche nach neuem Sinngehalt und -neuen Ausdrucksmöglichkeiten ein, die sich nicht mehr auf vorgegebene Formen-Kanons stützen sollten. Pioniere wie -Louis H. Sullivan, Antoni Gaudí, Rudolf Steiner, Frank Lloyd Wright, Hugo Häring und andere fanden diesen Sinn in einem neuen Verhältnis des Menschen zur Natur. Wright formulierte es so: "Die Bauten wurden geschaffen, um nicht nur die Affinität des menschlichen Lebens zu seinem Boden, sondern auch, um die des Bodens zu dem Wesen des Menschen, der darauf lebt, klarzumachen und auszudrücken."
Innere Natur des Menschen und äußere Natur sollten durch Architektur zusammengeführt werden, als Ganzheit auf höherer Ebene erscheinen, die Seele des Ortes zum Ausdruck bringen, den Geist der Natur stützen, zur organischen Einheit verschmelzen. Diese Architektur wurde von ihren Protagonisten daher "organische" Architektur genannt. Es sind grundlegende geomantische Themen, die in die Architektur eingeführt, damals allerdings noch nicht so benannt wurden. Organische Architektur hat seitdem die verschiedenen Strömungen und Tendenzen der Architekturgeschichte beeinflusst und mitgestaltet. Heute sind weitere Gesichtspunkte wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Baubiologie und eben auch der Umgang mit Geomantie, Radiästhesie etc. wichtige Bestandteile, die uns einen bewussteren Einsatz der architektonischen Mittel erlauben.
Bevor ich dies an einigen Beispielen aufzeige, möchte ich anhand eines kurzen Rückblicks in die Baugeschichte zeigen, wie das Verhältnis von Mensch und Natur ursprünglich ein enges war, das sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem immer distanzierteren wandelte und erst mit den Bemühungen der organischen Architektur eine Wiederbelebung erfuhr, allerdings auf einem neuen Bewusstseinsniveau, ausgestattet mit neuen Erkenntnissen und Fähigkeiten und vor allem mit der Freiheit in der Wahl der eingesetzten Mittel.

Lebenskraft - Schönheit - Symbol
Der Pharao im alten Ägypten betrachtete und behandelte seinen Totentempel, den er sich ja schon zu Lebzeiten erbauen ließ, wie ein lebendiges Wesen. Bei dessen Errichtung wurde die Schöpfung des Menschen rituell nachvollzogen, indem der Tempel aus dem Chaos geboren wurde (Teichmann, 2003). Das Chaos, der Ur-Ozean, ist im Verständnis der alten Ägypter der Nun, der die Erde durchdringt, im Grundwasser erscheint, im Nil fließt, das Land überschwemmt und die Länder als Meer umgibt. An diesem Urquell musste der Tempel teilhaben, um all diejenigen Kräfte zu erlangen, die er als lebendiges Wesen benötigte. Deshalb wurde bei der Tempelgründung sorgfältig darauf geachtet, dass wenigstens eine Stelle des Fundaments bis zum Grundwasser, dem Nun, herunterreichte und von ihm benetzt wurde. Lag der Tempel am Rand der Wüste, musste das Wasser sogar durch unterirdische Gräben mühsam hergeführt werden. Es sind Reste von Tempel-Umfassungsmauern erhalten, die in wellenförmig verlaufenden Ziegelschichten diesen Nun darstellen. Zahlreiche Rituale belegen, wie der Tempel weiterhin mit dem Leben verbunden wurde, z.B. durch das Mundöffnungsritual noch vor der Tempelweihe oder durch das Wiegen seines Gewichts, Stein für Stein, vergleichbar der Gewichtsermittlung bei einem Neugeborenen. Und wie der menschliche Leib nach dem Tod allmählich zerfällt, so ließ man auch den Tempel einige Zeit nach dem Tod seines Erbauers zerfallen. Nachfolgende Königs-Generationen bedienten sich wie selbstverständlich des Baumaterials und stellten sich damit in die Generationenfolge der Herrschaft. So wurde der ägyptische Tempel als Leib der in ihr anwesenden Gottheit erlebt, als lebendiger Leib.
Der Tempel als Ausdruck eines lebendigen Wesens oder Gottes wurde im Lauf der parallel verlaufenden Bau- und Bewusstseinsgeschichte immer weniger verstanden. Beim griechischen Tempel, der als Heimstatt des in der Landschaft lebenden Gottes erscheint, tritt die Lebendigkeit mehr im Bild der Schönheit auf. Die ursprüngliche, erfahrene Lebenskraft ist einer äußeren Darstellung von Proportion, Anmut in der Gestaltung, Maßstäblichkeit etc. gewichen. Diese neuen Ideale sind schon stärker veräußerlicht, werden dem Schein der sinnlichen Welt, dem menschlichen Körper entnommen. Vitruv, römischer Architekt, Ingenieur und Schriftsteller, sagt im dritten seiner "Zehn Bücher über Architektur" (ca. 25 v.Chr.): "Denn es kann kein Tempel ohne Symmetrie und Proportion in seiner Anlage gerechtfertigt werden, wenn er nicht, einem wohlgebildeten Menschen ähnlich, ein genau durchgeführtes Gliederungsgesetz in sich trägt . Wenn daher die Natur den Körper des Menschen so gebildet hat, dass die Glieder seiner ganzen Gestalt bestimmten Verhältnissen entsprechen, so scheinen die Alten im Grunde es so festgesetzt zu haben, dass sie auch bei der Ausführung von Bauwerken ein genaues Maßverhältnis der einzelnen Glieder zu der ganzen äußeren Gestalt beobachteten" (Vitruv, S. 91ff).
Als die Renaissance die Antike wiederentdeckt, liest man wieder Vitruv und versucht, den Zusammenhang von Mensch und Tempel neu zu begreifen. Aber das Bewusstsein hat seine ursprüngliche, konkrete und erlebte Beziehung zu Natur und Kosmos weitgehend verloren, man kann dieses Verhältnis nur noch symbolisch verstehen. Zwar wird jetzt in den Grundriss einer kreuzförmigen Basilika eine Menschengestalt eingezeichnet, doch dies ist nur ein schwacher Abglanz dessen, was im ägyptischen Tempel tatsächlich erlebt wurde: Architektur als Leib eines Wesens. Die Kreuzform ist nur noch Symbol für etwas, ist es nicht mehr tatsächlich.

Der Mensch ohne Tempel
Selbstverständlich erschöpft sich Baugeschichte nicht in Sakralarchitektur, doch ist gerade diese geeignet, als Spiegel der Bewusstseinsentwicklung zu dienen, manifestiert und überliefert sich in ihr doch besonders ausgeprägt das Verhältnis des Menschen zu seiner jeweiligen geistigen Auffassung. Die angedeutete Entwicklungsspur macht deutlich, dass diese zunehmende Emanzipation - wie sie z.B. in der Entwicklung der Naturwissenschaften ihren Ausdruck fand - zu einem Verlust der innigen Verbundenheit von Mensch und Natur führte und damit überhaupt das Unvermögen und Unverständnis hervorrief, Architektur als mit der Natur und damit auch dem Ort verbunden, als wesenhaft und lebendig zu begreifen. Andererseits ermöglicht uns die naturwissenschaftliche Ausbildung unseres Denkens heute, die Mittel gezielt und bewusst einzusetzen, z.B. auch in der Wahl der geomantischen Maßnahmen. Der englische Politiker Edmund Burke (1729-1797) bringt diese innere Ferne des Menschen zur Architektur folgendermaßen zum Ausdruck: "Ich weiß, es ist vor langem behauptet und tausendmal von einem Schriftsteller an den anderen weitergegeben worden, dass die Maßverhältnisse in der Baukunst von denen des menschlichen Körpers entlehnt sind . Für mich aber steht außer Zweifel, dass die menschliche Figur dem Architekten niemals eine seiner Ideen geliefert hat . Und sicherlich könnte es für einen Architekten keine tollere Narrheit geben, als sein Gebilde nach der menschlichen Gestalt zu formen, denn nichts kann sich weniger gleichen oder auch nur ähneln als ein Mensch und ein Haus oder Tempel" (nach Feuerstein, 2002).
Ab dem 19. Jahrhundert liegen diese Probleme allgemein in der Luft. Man leidet zusehends an der eklektizistischen Veräußerlichung der Stile. Die beiden Seiten der Architektur, Funktionserfüllung und Ausdruck, klaffen auseinander. Führende Architekten in Europa machen sich Gedanken über eine Erneuerung der Architektur (Semper, Ruskin, Horta und viele andere), aber sie haben Mühe, die in Europa fest verankerten Traditionen zu durchbrechen.
Das gelingt bezeichnenderweise erst in den USA, wo Traditionen weniger schwer wiegen. In Chicago trifft sich ein Kreis von Architekten, um über eine zeitgemäße Architektur zu diskutieren. Äußerer Anlass ist ein verheerender Flächenbrand, der Chicago 1871 zu großen Teilen vernichtete. In die Synergieeffekte des Neubeginns schwingen Forderungen hinein, dass Architektur Ausdruck ihrer Zeit sein solle, insbesondere was gesellschaftliche Formen, naturwissenschaftliche Ausrichtung und neue Bautechniken anbelangt. Louis Henry Sullivan (1856-1924), einer ihrer Wortführer, wird zum Vordenker einer Architekturauffassung, die sich das Schaffen der Natur zum Vorbild nimmt. Es soll nicht die Natur abgebildet werden, sondern vielmehr der Bildeprozess der Natur selbst als Vorbild dienen. "Ob wir an den im Flug gleitenden Adler, die geöffnete Apfelblüte, das schwer sich abmühende Zugpferd . denken: immer folgt die Form der Funktion - und das ist das Gesetz." Und er fragt sich: "Ist diese Wahrheit so durchsichtig, dass wir durch sie hindurchsehen, ohne sie wahrzunehmen?" (Sullivan, 1896). Die Architektur solle also aus den ihr jeweils innewohnenden Funktionen und Aufgaben heraus sich ihre jeweils eigene Gestalt schaffen. Damit war ein Ansatzpunkt gefunden, der Orientierungslosigkeit und Willkür in der Formfindung Einhalt zu gebieten und die Formen ganz "natürlich" aus der Aufgabe und den Umgebungsbedingungen hervorgehen zu lassen. Freilich bedarf es immer noch eines schöpferischen Akts, um das "Wesen" der Bauaufgabe zu erfassen, um die geeigneten Materialien und Ausdrucksmittel zu finden, um Form und Funktion wie aus einem Guss daraus hervorgehen zu lassen. Sullivan wurde mit seiner Forderung "form follows function" oft missverstanden, indem daraus allgemeingültige Formenstandards für bestimmte Funktionen abgeleitet wurden. Vielmehr müssen Formen immer der Umgebung (Gelände, Gesellschaft, Baumaterialien etc.) angepasst werden. So gesehen entsteht organische Architektur in einem kreativen Prozess, in dem unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden können. Dies soll bei drei Pionieren des organischen Bauens gezeigt werden.

Natur von außen und innen
Frank Lloyd Wright (1869-1959), Schüler von Sullivan, vermochte eine ebenso spannungsreiche wie harmonische Wechselbeziehung zwischen seinen Gebäuden und der umgebenden Landschaft herzustellen. Es wird berichtet, dass er den Bauplatz vom Zentrum des zukünftigen Hauses aus betrachtete, um dann überall dort Wandöffnungen zu setzen, wo der Ausblick in die Landschaft wünschenswert war. Umgekehrt, von außen betrachtet, suchte er das Gebäude in dem Charakter der Landschaft aufgehen zu lassen, z.B. bei seinen berühmten Prärie-Häusern durch horizontale, die Weite der Landschaft betonende Gliederung. So schaffte er es, das Innere mit dem Äußeren kommunizieren zu lassen ("offene Grundrisse"). Seine Gebäude sind Teil der Landschaft, die Landschaft wird Teil des Gebäudes - im Innern oft bis in die Wahl und die natürliche Behandlung der Materialien nachvollziehbar, die er vorzugsweise aus regionalen Ressourcen bezog. Natur bedeutete für ihn mehr als Erholung oder Schönheit etc., sie war für ihn göttlich: Er schrieb sie mit großem "N" , so wie man im Englischen auch Gott mit großem "G" schreibt. Was wir heute gerne nüchtern als "standortgerechtes Bauen" bezeichnen, war für ihn mehr. Er bekannte, "dass ich im Wesen der Natur - wenn es von innen heraus betrachtet wird - auf nichts stoßen würde, was nicht heilig sei. Die Natur wurde mir zur Bibel" (Wright, "Ein Testament").
Bei Antoni Gaudí (1852-1926) spielte der Bezug zur Landschaft und zum Ort eine eher untergeordnete Rolle. Trotzdem erscheinen seine Gebäude mit der Natur verbunden, weil sie Konstruktionsbedingungen und Strukturgesetze der Natur aufgreifen, wie z.B. an seinen "Baumstützen" oder den parabelförmigen Stützbögen erkennbar, die dem parabelförmigen Hautbogen zwischen ausgestrecktem Zeigefinger und Daumen folgen. Mit seinem Wahlspruch "Originalität bedeutet zurückgehen zum Ursprung" (nach Moro, 2003) wollte Gaudí zum Ausdruck bringen, dass ihm nichts daran lag, die äußere Natur zu kopieren, wie das beispielsweise der Jugendstil tat, sondern er vielmehr die inneren Baupläne der Natur ergründen und für die Architektur nutzbar machen wollte.
Gaudí wie Wright gestalteten ihre Gebäude nach Prinzipien der Natur, der eine - Gaudí - aber mehr mit Blick nach innen, der andere - Wright - mit dem Blick nach außen.

Das Natürliche überhöhen
Rudolf Steiner (1861-1925), der Begründer der Anthroposophie, hatte sich als Herausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften intensiv mit dessen Auffassung von Natur auseinandergesetzt, die besagt, dass Natur - z.B. die Pflanze - immer hinter ihren eigentlichen Intentionen zurückbleiben müsse, da sie durch die Umwelt ständig in ihrer vollen Entfaltung gehemmt werde. So entdeckte Goethe die Urpflanze, die als Idee zwar allen Pflanzen zugrundeliege, aber nie in die sinnliche Erscheinung kommen könne. Diese Urpflanze ist keineswegs ein leeres Schema, sondern die treibende Kraft der Natur, sozusagen die "höhere Natur" der Pflanze. So schreibt Steiner über den Künstler, als welcher auch der Architekt verstanden werden darf: "Beim Künstler muss das ganze Äußere seines Werkes das ganze Innere zum Ausdruck bringen; beim Naturprodukt bleibt jenes [das Äußere] hinter diesem [dem Inneren] zurück, und der forschende Menschengeist muss es erst erkennen. So sind die Gesetze, nach denen der Künstler verfährt, nichts anderes als die ewigen Gesetze der Natur, aber rein, unbeeinflusst von jeder Hemmung" (Steiner, 1985). Steiner versuchte, diese "höhere Natur" in seiner Architektur durch das Zugrundelegen eines Baumotivs erlebbar zu machen, das wie die Urpflanze nicht als solches erscheint, sondern in zahlreichen Metamorphosen immer aufs Neue je nach Himmelsrichtung, Terrain, Funktion etc. in modifizierter Form auftritt.

Aktualität organischer Architektur
Von allen zu Beginn des 20. Jahrhunderts neu auftretenden Architekturströmungen (Jugendstil, Expressionismus, Bauhaus, Funktionalismus, Futurismus, Internationaler Stil etc.) ist der organische Architekturimpuls bezeichnenderweise der einzige, der seine Vitalität bis heute bewahren konnte. Zahlreiche Architekten haben an diesem Impuls mitgewirkt und neue Gesichtspunkte herausgearbeitet. Ab den 50er-Jahren sind es vor allem Hans Scharoun (z.B. Philharmonie Berlin, 1956-1963) und Alvar Aalto, die dem organischen Bauen weitere Impulse verleihen und Werke von Weltrang schaffen. Organische Architektur wurde nie zum Mainstream, doch sie erweist sich offensichtlich als wandlungs- und entwicklungsfähig und kann auf die Forderungen der Zeit reagieren - ganz wie ein lebendiger Organismus.
Der ungeahnte Prestigegewinn der Bio-wissenschaften, die auf vielen Lebensgebieten Einzug halten, macht organische Architektur heute aktueller denn je. Doch steht hinter diesem wachsenden Interesse nicht die Grundfrage, wie Leben entsteht, was Leben eigentlich ist? Wir können leicht nachempfinden, dass Architektur auf unsere vielfältigen Bedürfnisse zugeschnitten sein sollte wie eine "dritte Haut" (nach unserer Kleidung, der "zweiten Haut"), hat sie doch unmittelbar mit dem Leben zu tun. Also muss sie auch Sinnesorgan sein für die äußere Welt, für die Bedürfnisse der Erde, der Natur, der Gesellschaft, des Kosmos - wie unsere eigene Haut (tatsächlich entwickeln sich unsere wichtigsten Sinnesorgane wie Seh- oder Hörsinn in der Embryonalphase aus dem Ektoderm, der Haut). Doch kann diese Verbindung nicht allein durch spektakuläre biomorphe, d.h. den Formen der Natur nachgezeichnete Gestaltung erreicht werden, wie dies in jüngster Zeit vermehrt zu beobachten ist (z.B. Kunsthaus Graz, Österreich, Peter Cook und Colin Fournier). Eine äußerliche Analogie in Gestalt z.B. einer riesenhaften Niere vermag noch keine Beziehungen zum Leben zu schaffen. Heutige organische Architektur muss sowohl den Menschen mit seinen Bedürfnissen beachten, als auch die Anliegen der Natur, der Umwelt, der Gesellschaft etc. einbeziehen. Denn das Haus verbindet den Menschen mit dem Ort, auf dem er leibhaftig steht, aber auch mit dem Ort, an dem er sich psychisch, gesellschaftlich, ökologisch etc. befindet. Das Haus weist damit weit über eine rein physische Existenz hinaus. In dem Maß, wie es gelingt, dies zu realisieren, wird man ein Gebäude "organisch" nennen können.
Damit fordert die organische Architektur einen ganzheitlichen Ansatz, der insbesondere folgende Bereiche erfasst:
!Das Eingehen auf die spezifischen menschlichen Bedürfnisse, die nach Maslow und anderen als physiologische, vitale, psychische, mentale und Bedürfnisse der höheren Selbstentwicklung unterschieden werden können (Maslow, 2002).
!Das Eingehen auf die umgebenden äußeren Bedingungen, wie Ökologie, Geomantie, Gesellschaftsformen, technische Standards, ökonomischer Rahmen etc.
!Die Entfaltung des Entwurfs aus einer adäquaten Methode heraus, die diese beiden Aspekte, Mensch und Umwelt, zusammenbringt. Diese Methode kann heute nur in einem dialogischen Prozess aller am Bau Beteiligten liegen, wobei dem Architekten eine Mittlerrolle zukommt.
Wie unterschiedlich die Herangehensweisen und Methoden sein können und wie im speziellen Fall auf den Geist des Ortes eingegangen werden kann, soll abschließend an fünf aktuellen Projekten beispielhaft dargestellt werden.

Den Ort lesen
Etwa im Zentrum der zentralaustralischen Wüste steht ein riesiger Felsblock, der Uluru (von den Europäern auch Ayer’s Rock genannt), den die Ureinwohner, die Anangu, als heilig verehren. Um die täglich zu Tausenden anreisenden Touristen mit diesem Ort bekanntzumachen, sollte ein Informationszentrum eingerichtet werden. Es galt, eine Brücke zwischen einer mythologischen Kultur der Traumzeit und dem heutigen Menschen zu bauen; auch dem mit dem Tourismus einhergehenden Auseinanderbrechen der Ökosysteme sollten stabilisierende Maßnahmen entgegengesetzt werden. Der Architekt Gregory Burgess lässt sich auf einen Tanz ein, auf einen Tanz mit den Ureinwohnern vor Ort, ihren Mythen, Geschichten, Erinnerungen, um den Ort, an dem gebaut werden sollte, zu befragen: "Tjamawa, der Stammesälteste und Hüter des Gesetzes, sagt, dass das Wissen im Boden liege, es könne nicht zerstört werden - man müsse nur sorgfältig hinhören . Mit den Frauen fertigen wir eine Karte des Geländes an. Wir folgen den Gegebenheiten von Tierspuren und -fährten; weichen nachbarschaftlich aus, um Fels und Baum entgegenzukommen; der Fels in seiner Erhabenheit immer im Rücken. Wir gehen umher und herum auf dem Gebiet, um einen Raum zu erschaffen, der . es ermöglicht, sich zu versammeln . Die uralte tote Wüsteneiche zieht um sich herum ein Gelände zusammen - es ist eine Lichtung, in deren Mitte sich eine Geschichte offenbart. Die Frauen bewegen sich um sie herum; die Geschichte sammelt sich. Sie ist vielversprechend gekennzeichnet durch einen Hain kleiner Wüsteneichensprösslinge um den Stamm des Originals. Hier kann ein Schirm gebaut werden. Die Frauen haben ein Wiltja-Gelände gefunden; der Schirm der Seele, der Schirm der Toten, ein Schirm der Zuflucht. Daraus wird ein Gebäude entstehen" (Burgess, 2004). Etwas von dieser Beweglichkeit, Natürlichkeit, Würde, die den Erinnerungsspuren im Boden keine Gewalt antun, kann heute in dem verwirklichten Gebäude erlebt werden.

Schwingungen aufnehmen
Auch der ungarische Architekt Imre Makovecz knüpft an die Erinnerungen, die Mythen seines Volks an. Durch Versenkung in die Volkskunst und die Bildhaftigkeit der ungarischen Sprache macht er sich sensibel für die Wahrnehmung des Ortes: "Wir sollten uns beim Erkunden darum bemühen, Fuß und Auge von der Umgebung und nicht vom Kopf lenken zu lassen. Wir dürfen uns nicht unseren Fantasiebildern hingeben, sondern müssen wie ein Geigerzähler mit erhöhter Aufmerksamkeit und Sensibilität alle Schwingungen aufnehmen, damit alles, die geologischen und die atmosphärischen Gegebenheiten wie auch der allzu schöne oder künstliche Wuchs der Bäume, gleichzeitig in uns erklingen kann. Wir sollten auch darauf achten, wo früher Bauten standen und wohin alte Pfade führen. Denn alles flüstert uns Geheimnisse zu, will von uns verstanden werden. Lange schon leidet die Welt unter unserem Unverständnis. Alles ist uns Menschen anvertraut, alles ist für uns da. Halb Tier, halb Engel sucht der Mensch nicht umsonst die übernatürlichen Orte der Natur" (Imre Makovecz, 1984, nach Tischhauser). Vielen seiner Bauten sieht man das Verbundensein mit dem Ort an, meint eine elementare Kraft zu spüren, die durch seine Bauten aus diesem Ort aufströmt.

Lehrmeisterin Natur
Seit über 20 Jahren begleitet das Architekturbüro Portus-Bau aus Karlsruhe eine ägyptische Initiative, die ein scheinbar totes Stück Wüste zu fruchtbarem Land verwandelte. Den Architekten Winfried Reindl inspirierten die lebendigen Formen der windgeformten Sanddünen. Gleichzeitig entdeckte er, dass dieses chaotische, zur Formlosigkeit neigende Prinzip mit der Mentalität der dortigen Menschen Verwandtschaft zeigt. Er erkannte darin eine innere wie äußere Authentizität, die er in seine Entwürfe für diese Oase einfließen ließ und zu einer Gestaltung verband, die Entwicklungsräume öffnete. Ort, Mensch, Aufgabe - diese drei sind es, die ihn inspirieren: Es "muss ein sachgemäßer Stil aus der jeweiligen Bauaufgabe und dem jeweiligen Menschenbild vor Ort herausgefunden werden. Erst dann wird aus freier Gestaltung, ohne Ideologie, aus den sozialen Organismen heraus organisches Bauen entstehen" (Reindl, 2001). Nicht zuletzt dank der lebendigen Architektur entwickelte sich Sekem - so heißt der Ort - zu einer wirtschaftlich und kulturell prosperierenden Initiative mit über 1000 Mitarbeitern und enormer Ausstrahlungskraft.
Wenn der Neubau eines großen Firmensitzes geplant wird, müssen dessen Folgen auf Mensch und Natur im Vorfeld sorgsam erwogen werden, zumal wenn es sich um einen Heilmittel- und Kosmetikbetrieb wie die Firma Weleda handelt. Hier wurde lange darum gerungen, ob eine alte Weide, die sich auf dem Standort befand, wirklich gefällt werden darf. In Gesprächen mit der Belegschaft der Firma kam man dann zu der Lösung: 300 Weidenstöcke wurden geschnitten und zur Feier des ersten Spatenstichs an die Gäste verteilt. Die alte Weide konnte dann gefällt werden - sie wird 100-fach weiterleben! Eine Baumscheibe, in der die Jahresringe durch Sandstrahlen sichtbar gemacht wurden, hat einen Ehrenplatz im Hof erhalten.
Aber nicht nur Erdreich und Pflanzenwelt gehören zur Natur, auch die Luft ist ein wichtiger Faktor. Muss die Luft wirklich durch maschinell gestützte Klimaanlagen des künftigen Bürogebäudes gepresst werden, oder gibt es schonendere Möglichkeiten? Von Termitenhügeln wissen wir, dass sie die Zufuhr von sauerstoffreicher Frischluft und den Abzug von Kohlendioxid über ein geschicktes System von Strömungskanälen gewährleisten. Warum sollte man nicht von der Natur lernen und ein solches Prinzip übernehmen? Die Sonne erwärmt die Luft in den mehrstöckigen Atrien des Verwaltungsgebäudes. Der dadurch entstehende Unterdruck saugt frische Außenluft über Erdrohre an, deren Zuluftöffnungen im Bereich des Gartenteichs liegen. Durch die Erdtemperatur wird die Luft in dem über 160 m langen unterirdischen Rohrnetz im Sommer abge-kühlt, im Winter angewärmt. Wasserwände in den Atrien regulieren den Feuchtigkeitshaushalt der einströmenden Luft: Im Sommer wird auf natürliche Weise feuchter Luft Wasser entzogen, das sich an dem kalten Wasserschleier niederschlägt, im Winter dagegen wird trockene Luft befeuchtet. So sind die Arbeitsbedingungen der dort Beschäftigten gerade wegen einer Reduzierung der maschinellen Technik in Sommer wie Winter ausgezeichnet - ein Beispiel, wie die Natur als Lehrmeisterin des Bauens einen sehr handfesten Beitrag zu einer nachhaltigen ökologischen, energetisch sinnvollen Bauweise liefern kann.

Im Schoß der Erde
Der mexikanische Architekt Javier Senosiain setzt ganz auf das archetypische Bild der Höhle, er stellt der zunehmenden Zersiedelungs- und damit Versiegelungstendenz das Konzept des erdüberdeckten Höhlenhauses entgegen, das dem Baugrundstück seine "grüne Lunge" belässt, nur nach Süden geöffnet und verglast ist, Licht und Wärme hereinlässt. "Es ist sehr wichtig ., dass Erde und Sonne zusammenarbeiten, um eine stabile Temperatur im Innern des Hauses zu erzeugen: Die Erde hält die Wärme, während die Sonne erhellt und erwärmt . Das erdumhüllte Haus ist dem menschlichen Körper vergleichbar: Die Temperatur im Innern bleibt konstant, obwohl die Außentemperatur wechselt" (Senosiain 2004). Außerdem versorgt der grüne "Pelz" die Umgebung mit Sauerstoff und verbessert das Mikroklima: "Die pflanzliche Oberhaut (Epidermis) arbeitet wie die Nase, welche Staub filtert und eine konstante Innentemperatur erhält. Ebenso erhält sie eine relative Luftfeuchtigkeit, welche kräftigend wirkt und Atemwegserkrankungen der Bewohner vorbeugt." Es ist erstaunlich, wie diese lebenserhaltenden Funktionen der Natur und die weichen Bauformen sich symbiotisch vereinigen und zum embryoförmigen Ausdruck des Wohl-Seins werden, geborgen im Schoß der Erde. Auch Prinzipien der Baubiologie und des gesunden Bauens haben in solchen Ideen ihren Ursprung. Das Besondere an diesen Beispielen ist aber, dass die physiologischen Belange in Einklang stehen mit den atmosphärischen, erlebnisbezogenen Qualitäten.

Verwendete Literatur:
Burgess, Gregory: Architektur als tanzendes Kontinuum, in: Mensch+Architektur, Nr. 46/47, Berlin 2004. • Feuerstein, Günther: Biomorphic Architecture, Stuttgart/London 2002. • Maslow, Abraham H.: Motivation und Persönlichkeit, Hamburg 20029. • Moro, José Luis (Hsg): Antoni Gaudí 1852-1926, München 2003. • Pearson, David: new organic architecture - the breaking wave, London 2001. • Ree, Pieter van der: Organische Architektur, Stuttgart 2001. • Reindl, Winfried: Ägypten, in: Mensch+Architektur, Nr. 35/36, Berlin 2001. • Senosiain, Javier (1): Im Schoße der Erde, in: Mensch+Architektur, Heft 44/45, Berlin 2004. • Senosiain, Javier (2): Bio-Architecture, Architectural Press 2003. • Steiner, Rudolf (1): Goethe als Vater einer neuen Ästhetik, in: Kunst und Kunsterkenntnis, Grundlagen einer neuen Ästhetik, GA 271, Dornach 19853 • Steiner, Rudolf (2): Wege zu einem neuen Baustil, GA 286, Dornach 19823. • Sullivan, Louis H.: Das große Bürogebäude, künstlerisch betrachtet, in: P., Sherman: L. H. Sullivan, ein amerikanischer Architekt und Denker, Berlin, Frankfurt/M 1965. • Teichmann, Frank: Der Mensch und sein Tempel - Ägypten, Stuttgart 2003. • Tischhauser, Anthony: Bewegte Form, der Architekt Imre Makovecz, Stuttgart 2001. • Vitruv: De Architectura - Libri decem, Zehn Bücher über Architektur, Wiesbaden 2004. • Wright, Frank Lloyd: Ein Testament, München, o.J.