Sagenhaftes Nifelheim

von Holger Krüssmann erschienen in Hagia Chora 20/2005

Eine Auseinandersetzung mit der Siegfriedsage, dem deutschen Mythos schlechthin, bedarf großen Fingerspitzen-gefühls. Holger Krüssmann denkt über Polaritäten und -Politik des Siegfriedlieds nach und stellt die Interpretation des Autors Jürgen Lodemann vor, der Fiktion, Fakten und Erlebtes als parallele Erzählstränge entwickelt: Neue mythische Schauplätze treten ans Licht.

Vorsicht ist heute angezeigt, wenn man sich publizistisch dem deutschesten aller Mythen, dem Nibelungenlied oder, enger gefasst, der Siegfriedsage, nähert, noch dazu, wenn man dies unter erdmythischen oder geomantischen Aspekten tut. Der Stoff des Drachentöters als Kampf des heldisch Puren aus dem Norden gegen welsche Dekadenz und Verlogenheit passte nur allzu gut zum propagandistisch-wagnerschen Soundtrack, zu dem sich noch im letzten Jahrhundert zwei Weltkriege vom Zaun brechen ließen.
"Nibelungentreue" - oder pure Angst - führte nach Verdun und nach Stalingrad. Das militärisch-industrielle Kartell des 19. und 20. Jahrhunderts bediente sich des mythischen Supermanns als Propaganda-Ikone. Ein Gutteil des Aushaltens und des Sich-nicht-Verweigerns, das die Zerstörung der meisten deutschen Städte 1943-45 begleitete, fand in den Chiffren des Nibelungenmythos einen fatalen emotionalen Rückhalt. Die Ikone der Siegfriedfigur tümelt noch heute, wenn man sie mit Blut-und-Boden-Dramatik verbrämt in Sachsen und Brandenburg auf die Marktplätze von halbentleerten Städten trägt. Man hüte sich also vor Applaus von der falschen Seite!
Zur historisch-kritischen Bewältigung oder gar zur Nacherzählung eines solchen Stoffs bedarf es der Beharrlichkeit eines Archäologen, der Behutsamkeit eines Minenräumers und der Verve eines Journalisten und Erzählers - angesichts der vielfachen ideologischen Überlagerung und der naturgegeben lückenhaften Quellenlage eine Aufgabe, die im Idealfall nur mehrschichtig abzuleisten ist. Nämlich in klarem Abgrenzen zwischen den Segmenten: "Bis hierhin weiß ich etwas aus gesicherter Quelle, dieses und jenes schließe ich daraus, und das wiederum ist meine Erzählversion, mit der ich mich in die 1600-jährige Reihe von Vor-Erzählern einreihe."
Dem Journalisten und Autor Jürgen Lodemann, der sich nach der ersten Behandlung des Siegfried-Stoffs in den 90er-Jahren zum zweiten Mal an die Deutschen-Saga wagte, ist dies in seinem 2003 bei Klett-Cotta erschienenen und jetzt bei dtv wiederveröffentlichten Erzählbuch "Siegfried und Krimhild" in Idealform gelungen. Lodemann, der sich als 1937 im Ruhrgebiet Geborener bereits mehrfach mit dem gebrochenen Heimat-Begriff seiner Generation auseinandergesetzt hat, erzählt den Mythos mit einer Vielzahl von etymologischen und geomorphologischen Verweisen. Er beschreibt Siegfried nicht als germanischen (der er seiner Abstammung nach zweifels-ohne war) sondern als deutschen Helden, den ersten sozusagen: Als Held der diudisken, der diet, begegnet uns Siegfried im frühmittelalterlichen Sprachgebrauch der einfachen Leute, die nicht der lateinischen Herrschaftssprache, sondern nur des "Diudisken" (Deutschen) mächtig waren - und entsprechend be-"schränkt" in ihren gesellschaftlichen Schranken.
Siegfried im Ruhrgebiet
Lodemann untersucht die Faszination und die subversive Gefahr, die von dem Kecken aus Nifelland (Nebelland) ausging. Wir erleben einen politischen Krimi aus der Zeit der Völkerwanderung: Im Gegensatz zu frühen Mythen wie dem Gilgamesch-Epos Vorder-asiens oder der germanischen Edda mit dem Weltenbaum Yggdrasil spielt die Nibelungensaga in durchaus greifbarer historischer Zeit. Die Handlung setzt ein, als das pontifikale und monotheistische Christentum mit eindeutig patriarchaler Ausrichtung (Yang) nördlich der Alpen die Nachfolge des zerfallenden römischen Reiches antrat. Ihm stand die polytheistische und durchaus matriarchal orientierte, heterogene keltische Kultur gegenüber, deren Völker in den nebligen, von zahlreichen Mooren und Sümpfen durchzogenen Niederungen (Yin) nördlich der Mittelgebirge siedelten.
Der Königssohn Siegfried, dessen Ahnenreihe Lodemann sprachlich auf den legendären Sigurd/Arminius/Hermann zurückführt, macht sich auf seinen Weg aus dem flachen, ebenen und nebligen Nifelland, vermutlich der Gegend um Xanten am Niederrhein. Er zieht rheinaufwärts gen Süden, wo er später nach Drachentod und allerlei anderen Händeln die holde Krimhild-Fürstentochter freien soll. Sein Werkzeug Balmunk, das sagenhafte panzerbrechende Drachenschwert, schmiedet er sich unweit von Werethina (Werden), nachdem er beim Schmied Alberich, einem fiesen Gnom, in die Lehre gegangen war. Er liebt die Alberich-Tochter Baldiney und kämpft bis zur Erschöpfung gegen einen schwarzen Ritter, der sich am Ende des ergebnislosen Kampfes als Alberichs zweite Tochter Helinga entpuppt. In jener hitzigen Kampf- und späteren Lust-Episode findet sich die gleiche Metapher wie im letztlich ebenso remis ausgehenden und nur durch einen Trick mit der Tarnkappe gewendeten Kampf mit Brunhild.
Lodemanns Frage nach dem Ort des Geschehens findet ihre Antwort geologisch-technisch: Wo kann ein solches sagenhaftes Schwert geschmiedet worden sein? - Dort, wo nicht weit vom Rheinstrom die Kohle mit dem höchsten Heizwert unter frühmittelalterlichen Bedingungen, nämlich quasi im Tagebau, abzubauen war: an den Ruhrhöhen bei Essen-Heisingen. Unterhalb jener Stelle, an der später im 13. Jahrhundert die Isenburg in der Gemarkung Baldeney errichtet wurde, tritt durch tektonische Verwerfung Anthrazitkohle zutage, bestens geeignet, hochelastische Stähle zu produzieren wie später in der Industriezeit den ebenfalls mythologisierten Kruppstahl.
Lodemann stellt den Bezug der Ruhrlandschaft zu den Ur-Mythen im Gespräch so dar: "Es ist ein Urphänomen, dass jede archaische Geschichte damit beginnt, indem die Menschen versuchen, den Göttern die Naturenergien zu nehmen, sich anzueignen. Das geht nicht ohne Probleme! Die Götter bestrafen den Menschen, der so frech ist, sich das Feuer anzueignen. Luzifer, der Lichtbringer, der Feuerbringer, ist der gefallene Engel. Und auch Siegfried ist einer, dem es dann so dreckig geht, wie’s nur eben denkbar ist. Er ist jemand, der hingemacht wird in einem Herrschaftsinteresse. Es ist Frevel aus Sicht der Götter, aber trotzdem versucht es der Mensch. Das ganze Ruhrgebiet ist sozusagen ein Nibelungenort, wo man versucht hat, die Energien zu nutzen mit den entsprechenden üblen Folgen. Die Ruhrgebietler haben immer auch die Negativfolgen, nicht zuletzt im Bombenkrieg, aufs Haupt bekommen. Auch insofern ist dieses Ruhrgebiet ein mythischer, magischer Ort."
Lodemann arbeitet nach der "Faction"-Methode. Wenn es denn nicht (belegt) wahr ist, so erzählt er die Version, die anhand von Ableitung als die wahrscheinliche gelten mag. Er postuliert dabei, dass sich Spuren des Siegfriedliedes auf Aufzeichnungen aus der Benediktiner-Abtei des Heiligen Liud-ger in Essen-Werden rückführen lassen müssten. Hier wirkten im 8. Jahrhundert auch irische Mönche, hier wurde mit dem "Heliand" die erste "diudiske" Bibelübertragung vorgenommen, und von hier aus wurde die Christianisierung längs des Hellwegs in Richtung Osten vorangetrieben. (Im Feng Shui Journal Nr. 8 weist Reiner Padligur auf bemerkenswerte geomantische Aspekte, darunter eine Tiger-Drachen-Konstellation, der altfränkischen Siedlung Werden hin.)
Es scheint wahrscheinlich, dass die in ihrer Interpretation des Christentums vom Zentralismus relativ eigenständigen irischen Mönche auch den Siegfried-Stoff vor einer machtpolitisch motivierten Zensur bewahrten. Frankenkaiser Karl verhalf um 800 als "Sachsenschlächter" dem patriarchalen Christentum in Mitteleuropa endgültig zum Durchbruch und ließ mit einer systematischen Datenvernichtung (Bücherverbrennung) die schriftliche Erinnerung an den erst durch ihn entschiedenen Jahrtausend-Konflikt weiblich-männlich, heidnisch-christlich, Yin-Yang tilgen. Es ist belegt, dass die irischen Mönche jener Zeit als einzige nicht mit der keltischen Geschichte und Kultur über Kreuz lagen und damit vieles in ein irisches Exil mitnahmen.
Yin-Yang-Geschichten
Lodemann sieht den Kampf mit dem Drachen als durchaus politisch zu interpretierende Parabel und führt im Gespräch aus: "Der Drache erscheint als Verkörperung der Habsucht, der Besitzsucht, des Nicht-Hergebenwollens, des Nicht-Teilenwollens, des Hortens. Es wird nicht ohne Grund erzählt, er habe auf dem Drachenfels bei Bonn gesessen. Am Rhein als der großen durchgehenden Verkehrsader war eine Kette von Zollstationen angesiedelt, wo man abkassiert wurde. Wer mit Schiffsladungen oder mit interessanten Transporten auf den Uferwegen durchwollte, wurde aufgehalten und musste Zins und Zoll zahlen. Dabei war der Drachenfels auf dem Weg rheinauf die erste Station, an der es eng wurde. Hier musste man Treidelpferde mieten, denn Windkraft reichte gegen die Strömung nicht mehr. Also eine höchst interessante Profitecke. Und der Raffdrache hat sich nun darauf festgelegt, nur noch zu raffen. Er wird fett und gefräßig und ist noch immer in der Lage, Feuer zu speien, die Umgebung zu malträtieren mit seinem Gift, mit seiner schlechten Luft. Was auch eine alte Ruhrgebietsplage ist. Da wo Feuer ist, da stinkt es, und da, wo die Schmiede sind, ganz besonders."
Der Schatz des Rheingoldes sind demnach Steuergelder aus landesherrlicher Wegelagerei, die der Drachentöter aus Niefelheim der Bestie wieder abgejagt hatte und die er nun - möglicherweise - den gebeutelten Diudisken hätte wieder zurückgeben können oder wollen. Dass der grimme Hagen von Tronje den Helden hinterrücks beim Jagen in den Rheinauen bei Worms erstach, galt wohlgemerkt nicht der individuellen Bereicherung, sondern es geschah aus Gründen der Staatsräson. Siegfried hatte Geld und kannte die Geheimnisse und Schwachstellen einer Herrschaft, die auf einer Täuschung begründet war: Siegfried führte seinem künftigen Schwager Gunther unter dem Schutz der Tarnkappe die Klinge, als dieser Brunhild, die (heidnisch-matriarchale) Herrscherin von Bornholm besiegte und damit dem Patriarchat zum Sieg verhalf. Von ihm, der durch Drachentöten und Brunhild-Erobern das Anrecht auf die Königstochter Krimhild hatte und der obendrein volksnahes diudiskes Gedankengut verbreitete, ging eine zu große Gefahr für das burgundische Königtum aus. Es folgte ein politischer Mord.
Ohne es explizit zu benennen, folgt die Siegfriederzählung damit stringent einer Yin-Yang-Polarität, die die Wechselwirkung vom Männlich-Weiblichen, den Archetyp von Animus und Anima kongenial wiedergibt: Siegfried (Yang) aus dem Yin-Land tötet Yang (Drache) und gewinnt das Yin im Yang-Land (Königstochter). Da es keinen Stillstand gibt (nicht geben darf), muss er in einem Sumpf (Yin) sterben. Dies wiederum ist möglich durch einen Speerstich (Yang) in die einzige verletzliche Stelle, die ihm beim Baden im Blut (Yin) des Drachen (Yang) geblieben ist.
Für die schwache Stelle des Helden findet Lodemann übrigens eine weitaus sinnlichere Herleitung als das neckische Lindenblättchen, das uns die prüden Erzähler des Klerus weismachen wollen. Als Siegfried nämlich den Drachen getötet hatte - laut Lodemann fand das im engen Ruhrtal statt, denn nur dort ist es eng genug, dass ein querliegender toter Drache Wasser und Blut stauen konnte - und in dessen Blut badete, liebte er im Rausch seines Sieges die schöne Nymphe Baldiney. Dort, wo in der orgiastischen Umarmung die Hand der Nymphe zwischen Siegfrieds Schultern ruhte, kam kein Blut an seine Haut, und unser Held blieb verletzlich .
Wenn Sie also den diudisken Heldenmythos an seinem vermutlich leidenschaftlichsten Schauplatz erleben wollen, reisen Sie doch ins schöne Weretina am Ruhrfluss und suchen sich eine Nymphe am Baldeney-See. Wenn Sie aber einen Beleg dafür suchen, mit welcher Brachialgewalt in der Betonzeit der 60er- und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts auch an symbolischen und mythischen Orten gebaut wurde, selbst wenn ein weltweit besuchtes touristisches Ziel berührt wird, begeben Sie sich mit Rheinschiff, Bahn oder Zug nach Königswinter bei Bonn. Vorausgesetzt Sie bringen eine Portion Mut und starke Nerven mit. Dort am Fuß des Drachenfels, im Umkreis von 200 Metern um die Bergbahn-Talsta-tion, finden sie eine vierspurige Schnellstraße auf bis zu dreißig Meter hohen Betonpfeilern. Wer also Anti-Feng-Shui in seiner krassesten Form nachvollziehen möchte, mache sich selbst ein Bild. Ein Gefühl von Neuschwanstein am Autobahnkreuz macht sich breit, und das Baudrama ist - für sich genommen - schon wieder ein Denkmal.
Heute - so lassen fortgeschrittenes Bewusstsein, Bürgerbeteiligung und Gesetzgebung hoffen - wäre ein solches Straßenungetüm kaum mehr umsetzbar. Da man sich jedoch auch nicht getraut, den millionenteuren Beton-Lindwurm wieder wegzureißen, werkelt der zuständige Landschaftsverband Rheinland an Baukosmetik wie einem Umbau der erdrückten Bähnchen-Talstation zum "Besucherzentrum Siebengebirge".
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Alles andere ist schon beerdigt.