Versunkene Heiligtümer

von Julian Kuppe erschienen in Hagia Chora 20/2005

Die Gegend um Halle assoziiert man meist mit einer eintönigen, von der Industrialisierung gezeichneten Landschaft. Julian Kuppe gibt hier eine ganz andere Sicht auf die "Diva an der Saale", indem er den Sagen der Gegend nachspürt und mythologische Bezüge in der Landschaft erkennt, die lange im Verborgenen lagen.

Bis vor 15 Jahren galt die Gegend von Halle an der Saale als eine der am stärksten von Umweltbelastungen betroffenen Regionen der ehemaligen DDR. Seit der gesellschaftlichen Umwälzung von 1989 hat sich dies gebessert, doch die seitdem massiv betriebene Bautätigkeit zeigt offensichtlich, dass die Dissoziation von Natur und Kultur damit noch nicht überwunden wurde. In dieser Situation scheint es notwendig, nach Möglichkeiten zu suchen, wie Menschen zu einer Verbindung zur Natur, innen wie außen, finden können. Die Beschäftigung mit Landschaft und Mythologie könnte ein Ansatzpunkt für die Erkenntnis sein, dass zwischen Mensch und Natur eine substanzielle Verbindung besteht und diese sich auch auszudrücken vermag und somit erfahren werden kann.
Die Menschen in archaischen Kulturen nahmen die Zusammenhänge von äußerer und innerer Landschaft durch ihr eng mit der Natur verbundenes Bewusstsein in einer Art magischen Schau war. Jean Gebser und Ken Wilber bezeichnen diese Art von Bewusstsein als archaische und magische Bewusstseinsstufe. Daraus entwickelte sich mit der voranschreitenden Zivilisation die von der konkreten Verbundenheitserfahrung abstrahierende mythologische Bewusstseinsstufe.
In Mythen werden die Zusammenhänge zwischen äußerer und innerer Natur auf vielfältige Weise wiedergegeben. Einerseits weisen viele Orts- und Flurnamen in der Landschaft einen mythologischen Bezug auf, und zum anderen sind viele Mythen und Sagen mit bestimmten Orten verbunden. So lassen sich Orte erkennen, die verschiedene Archetypen bzw. Urbilder symbolisieren. Wenn ein Mensch mit dem Urbild, das der Gestalt einer Landschaft zugrunde liegt, in Resonanz tritt, kann es in ihm wirksam werden. Es entsteht ein Dialog mit der Landschaft, mit bestimmten Orten. Im Sinne eines integralen Denkens können so unbewusste Bewusstseins- oder Seelenbereiche integriert werden. Auf diese Weise können Landschaften zu Orten der Transformation und Mythologie zur Sprache der Transformation werden.
Die Erde, und mit ihr die Natur und die Landschaft, wurde in der matriarchalen Kultur des Neolithikums als Schöpfung der großen Göttin angesehen. Die Dreiteilung in heilige Berge, heilige Täler und heilige Seen gibt das Prinzip der Dreigliederung der Welt der Göttinkultur wieder. Dabei symbolisieren die weiße Göttin das Prinzip der Ganzheitlichkeit und der Allverbundenheit, die rote Göttin das Prinzip der Fruchtbarkeit, der Kreativität und der Lebensfülle und die schwarze Göttin das Prinzip der Wandlung. Alle drei Aspekte ergeben das zyklische, weibliche Urmuster der Schöpfung. Heide Göttner-Abendroth beschreibt das Auftreten dieser Prinzipien in der Landschaft so: Heiligtümer der weißen Göttin als Himmelsherrin lagen auf Bergspitzen und Hügelkuppen, Heiligtümer der roten Göttin befanden sich in Tälern, Flussauen und Schwemmlandebenen, und Heiligtümer der schwarzen Göttin waren Höhlen, Schluchten, Teiche, Brunnen, Quellen und Seen. Spuren dieser Landschaftssicht sind heute noch in Namen und Sagen auch in dem Gebiet von Halle und dem Saalkreis zu finden.
Heilige Berge
Der Petersberg im Saalkreis ist der höchste Berg in dieser Gegend. Bis zum 14. Jahrhundert trug er den Namen Lauterberg oder lateinisch Mons serenus, was heiterer, klarer, reiner Berg bedeutet. Hier sind viele frühgeschichtliche Funde, unter anderem eine Reihe von Grabanlagen, entdeckt worden. Es wird vermutet, dass dieser Berg in germanischer Zeit Donar heilig war und in slawischer Zeit dem slawischen Gewittergott Perun. Nach der Christianisierung wurde sehr früh, wahrscheinlich schon im 10. Jahrhundert, eine christliche Taufkapelle errichtet. Im 12. Jahrhundert baute man hier ein Augustinerchorherrenstift, dessen Kirche dem heiligen Petrus geweiht wurde, dem heutigen Namensgeber des Berges. Die Übertragung ehemals Donar heiliger Berge auf Petrus ist eine verbreitete Erscheinung.
Um den Petersberg ranken sich viele Sagen. So soll der Teufel von dem Berg aus große Steine nach mehreren Kirchen im Saalkreis geworfen haben, die er aber allesamt verfehlt hat. Diese Sage geht auf Steinblöcke in der Nähe dieser Kirchen zurück, vermutlich vorchristliche -Kultsteine.
Eine weitere Sage erzählt von einem Mönch, der durch unterirdische Gänge, durch die der Berg mit mehreren Orten in der Umgebung verbunden sei, in diese Orte kommt, um nach dem Rechten zu schauen und sich um das Wohlergehen der Tiere zu kümmern. Eine Sage berichtet von einer goldenen Gans mit goldenen Eiern unter dem Petersberg und eine andere von einem Verbindungsgang von einem Ort im Saalkreis, wo ein Basiliskenweibchen wohnte, zu einem Basiliskenmännchen auf dem Petersberg. Weitere Sagen schildern verschiedene Wunder im Zusammenhang mit Petrus, dem Heiligen des Berges.
Bei all diesen Geschichten verbinden sich verschiedene Motive miteinander. Die Beziehungen des Berges zu den Teufelssteinen in der Umgebung und durch unterirdische Gänge zu anderen Orten kennzeichnen ihn als ein sakrales Zentrum der Region. Die Verbindung zum Teufel drückt seine Funktion als vorchristliches Kultzentrum, insbesondere als heiligen Ort Donars, der in christlicher Zeit zum Teufel entstellt wurde, aus. Die Symboliken des Mönchs und der goldenen Gans verweisen auf eine noch ältere Göttin- und Fruchtbarkeitskultur. Der Basilisk, ein Drache, offenbart mit der Symbolik der Erdkraft und des zyklischen Prinzips ebenfalls einen Bezug zur erdbezogenen Göttinkultur, der ältesten mythologischen Ebene.
Der alte Name Lauterberg oder Mons serenus lässt auch an Gipfelerlebnisse als spirituelle Erfahrungen im Sinne von Einheit und Allverbundenheit denken. Eine verwandte Symbolik kann auch in den Bildern von Blitzen, als Eingebungen oder Visionen, und des Donners ("vom Donner gerührt") gesehen werden. Dies würde gut mit Heide Göttner-Abendroths Charakterisierung der Berge als heilige Stätten der weißen Göttin, der Himmelskönigin als Verkörperung des Prinzips der Ganzheit, übereinstimmen.
Der Giebichenstein in Halle ist ein hochaufragender Felsen am Ufer der Saale. In seiner Nähe wurde ebenfalls eine große Anzahl frühgeschichtlicher Funde, vor allem Begräbnisse und Gerätschaften zur Salzgewinnung, aber auch römische Münzen, gemacht. Der Name des Felsens soll auf einen Beinamen Wodans zurückgehen. Es gibt in Deutschland noch weitere Felsen mit diesem oder einem ähnlichen Namen. Heilige Orte Wodans waren hochaufragende Berge oder Felsen. Ursprünglich waren auch diese wohl der weißen Göttin heilig. Eine spätere christliche Entsprechung dazu stellt der Erzengel Michael dar, dem viele Kirchen und Kapellen auf einsam aufragenden Höhen geweiht wurden. Ein anderes christliches Pendant Wodans ist der heilige Martin.
Zu diesem Berg gibt es eine Sage, wonach er eine goldene Ente mit drei goldenen Eiern beherbergen soll und von ihm aus ein unterirdischer Gang zur Moritzburg in Halle ausgeht. Auch zu einem ehemals in der Nähe befindlichen Klosterhof auf dem Gelände des heutigen Reichardts Garten soll ein unterirdischer Gang geführt haben. Dies gibt wiederum Hinweise auf seine Funktion als sakrales Landschaftszentrum.
Im 12. Jahrhundert wurde auf dem Felsen die Burg Giebichenstein erbaut. Sie diente den Erzbischöfen von Magdeburg als Residenz. Aus dieser Zeit stammt die Sage von Ludwig dem Springer, dem Landgrafen von Thüringen, der in der Burg gefangengehalten wurde und durch einen Sprung in die Saale, bei dem er von seinem Mantel getragen wurde, aus der Gefangenschaft entwich. Im dreißigjährigen Krieg wurde die Burganlage auf dem Felsen weitgehend zerstört. Die Burgruine wurde später zu einem bedeutenden Ort für die deutsche Romantik.
Bei beiden Bergen ist die früheste mythologische Schicht die Verehrung der Erdgöttin in ihrem weißen Aspekt. Eine darauf folgende Schicht sieht in ihnen das Heiligtum eines männlichen Gewitter- oder Luftgottes. Weitere Sagen beziehen sich schließlich auf christliche oder historische Thematiken. Es findet im Lauf der Zeit eine Überformung erdbezogener Sakralität durch eine mehr von Bewusstseins- und Verstandesaspekten bestimmte Sakralität statt. Als Essenz ergibt sich aber auch, dass Berge letztlich immer als Verbindung zwischen Himmel und Erde, als Axis mundi, begriffen wurden.
Ein weiterer sagenumwobener Felsen in Halle befindet sich auf der Peißnitzinsel inmitten der Saaleaue. Hier soll eine Wallburg und das Heiligtum eines sorbischen Fürsten gelegen haben. Die Sorben wurden durch die erobernden Franken bedroht, und der Sorbenfürst versprach für einen Sieg, den Göttern das Erste zu opfern, was ihm nach seiner Rückkehr begegne. Nach seiner Rückkehr aus dem erfolgreichen Kampf kam ihm als erstes seine jungfräuliche Tochter entgegen. Er musste sie nun seinem Versprechen gemäß den Göttern opfern.
Diese Geschichte könnte darauf hinweisen, dass an diesem Ort einmal die Göttin der Erde verehrt wurde und dieser Kultus auf tragische Weise ein Ende fand. Interessant ist hierbei, dass Marko Pogaÿcnik diesen Ort, der von ihm als Steininsel der Urgöttin bezeichnet wurde, als zentralen sakralen Ort des Landschaftstempels der Göttin im Auen-gebiet der Saale bei Halle charakterisiert hat, ohne diese Sage zu kennen.
Diva an der Saale
Die Stadt Halle an der Saale geht auf eine Siedlung, in der Salz gewonnen wurde, zurück. Der Name Halle soll einen keltischen Ursprung haben und sich auf die Salzgewinnung beziehen (vgl. Hallstatt, Hallein etc.). "Saale" ist entweder ebenfalls keltischen Ursprungs (Salaha - Salzfluss bzw. sal, saal - heilig) oder geht auf eine alteuropäische Sprache zurück.
Einer Sage zufolge wurde das Salz von einem Schweinehirten entdeckt, nachdem die Schweine sich im Schlamm gewälzt hatten und dieser in der Sonne getrocknet war. Eine sehr ähnliche Erzählung gibt es erstaunlicherweise über die Entdeckung der Salzquellen in Lüneburg. Eine der Salzquellen von Halle, der Deutsche Born, soll einst von einem Basilisken verstopft worden sein, der durch Vorhalten eines Spiegels getötet wurde. Das Stadtwappen von Halle mit dem roten Halbmond und zwei roten Sternen auf weißem Untergrund mit einer schwarzen Umrandung, also den Farben der drei Göttinnenaspekte, hat seinen Ursprung im Siegel der Talstadt, dem Gebiet der ehemaligen Saline am heutigen Hallmarkt.
All dies deutet auf einen Bezug zu zyklischen weiblichen Kräften der Erde und des Wassers an der alten Salzgewinnungsstätte hin. Der Historiker Siegmar von -Schultze-Gallera nimmt an, dass auf der Anhöhe über dem Tal der Salzquellen ein Heiligtum der Erdgöttin gelegen hat. Um das Jahr 800 soll dort ein slawischer Tempel gestanden haben. Nach der Christianisierung durch die Franken wurde im 11. Jahrhundert an der Stelle eine Kirche errichtet, die der heiligen Gertrud geweiht wurde. Diese fränkische Heilige übernahm einige Eigenschaften und Attribute, die an die Erdgöttin erinnern. Im 12. Jahrhundert wurde hinter dieser Kirche eine zweite Kirche erbaut, die der Maria geweiht wurde. Nach dem Abriss beider Kirchenschiffe im 16. Jahrhundert -wurde zwischen den beiden stehengelassenen Turmpaaren ein neues Kirchenschiff errichtet, so dass eine viertürmige Kirche entstand. Sie trägt heute den Namen "Unser lieben Frauen". Das Festtagsbild des Altars zeigt Maria mit dem Christuskind auf dem Mond thronend und auf der linken Seite den schwarzen Heiligen St. Moritz. Vor dem westlichen Turmpaar, den "Blauen Türmen", an der Stelle, an der sich das alte Heiligtum der Erdgöttin befunden haben soll, steht heute ein Brunnen, der eine goldene Kugel, die von vier Drachen umgeben wird, trägt. Die Symbolik, die mit der Göttin der Erde, wohl vor allem in ihrem roten Aspekt, in Verbindung steht, hat sich hier offensichtlich über die Zeiten hinweg erhalten.
Marko Pogaÿcnik deutet innerhalb eines Landschaftstempels Ostdeutschlands Halle als weiblichen und Leipzig als männlichen Aspekt des Prinzips der roten Göttin der Lebensfülle. Analog zur Entwicklung des Bewusstseins über die weiblichen Dimensionen des Kosmos war Halle seit frühester Zeit bis zur Verleihung des Privilegs einer Reichsmesse durch Kaiser Maximilian I. 1497 an Leipzig die größere und bedeutendere der beiden Städte. Seitdem hat sich das Verhältnis umgekehrt. Eine natürliche Verbindung zwischen den Städten bildet die Weiße Elster und ihre Auenlandschaft.
Die Stadt Halle entstand inmitten eines Geländes von sieben Hügeln. Auf diesen Hügeln befanden sich bedeutende sakrale und weltliche Zentren der Stadt: die Moritzkirche, der Alte Markt mit einer Michaelskapelle, die Marktkirche "Unser lieben Frauen", der Dom, die Moritzburg, eine Peterskapelle, eine Martinskapelle, das Kloster Neuwerk, das Kloster Marienkammer und die Georgenkirche. Von den genannten Bauten existiert heute nur noch ein Teil. Auffallend dabei ist manche symbolische Kontinuität, die auf frühe Kultplätze verweist, wie die oben beschriebene am Platz der heutigen Marktkirche. So auch auf dem Hügel der ehemaligen Martinskapelle: Hier befindet sich heute der Stadtgottesacker, eine einzigartige Renaissance-Friedhofsanlage in der Art eines Campo Santo. Bei der Annahme eines ehemals Wodan geweihten Platzes an diesem Ort ergibt sich eine Kontinuität aus dessen Bedeutung als Totengott.
Am Ort der Moritzkirche könnte Moritz als schwarzer Heiliger eine Entsprechung zur Gestalt der schwarzen Göttin darstellen. In der Kirche steht, passend dazu, ein Standbild der Schmerzensmutter. Am früher nahegelegenen Moritztor befand sich ein Steinrelief mit dem Wappen der Stadt Halle und des Erzstifts Magedburg mit einem Basilisken in der Mitte. Zum Ort der Moritzburg, einer ehemaligen Residenz der Magdeburger Erzbischöfe, gibt es die Sage, dass dort das schwarze Schloss eines schwarzen Grafen gestanden haben soll - ebenfalls eine Kontinuität des schwarzen Aspekts. In dem mit Halle sowohl historisch als auch in geistigem Sinn und über Saale und Elbe auch physisch eng verbundenen Magdeburg gibt es mit dem Moritzkloster einen vergleichbaren Ort.
Solche Kontinuitäten weisen auf die Existenz einer Seele des Ortes (Anima loci) oder eines Geists des Ortes (Genius loci) an den entsprechenden Plätzen hin. Sie lassen sich als Bewusstseinsfelder, die mit dem Ort verbunden sind, vorstellen. Menschen haben dies über Jahrhunderte und Jahrtausende, dem Zeitgeist entsprechend in jeweils veränderter Form, an diesen Orten ausgedrückt.
Heilige Seen
Im Gebiet der Stadt Halle gab es früher zwei Teiche, die Gütchengrube und den Roten Teich, mit denen ähnliche Sagen verbunden sind. In beiden Teichen soll zuweilen ein versunkenes Schloss zu sehen gewesen sein. Aus der Gütchengrube soll der Storch, das Botentier der Göttin mit den Farben der drei Göttinnenaspekte, die Kinder, die in Halle geboren wurden, geholt haben. Die Kinder in Glaucha, einer ehemaligen Vorstadt Halles, sollen aus dem Roten Teich gekommen sein. Von der Gütchengrube wurde erzählt, dass eine Gräfin mit ihrer schwarzen Kutsche im Wasser versunken sein soll, außerdem sollen sich dort wiederholt Menschen ertränkt haben. Ein weiterer besondere See ist der Herthateich der Dölauer Heide, wo gelegentlich eine weiße Frau zu sehen gewesen sein soll.
Diese Sagenmotive deuten darauf hin, dass diese Gewässer heilige Orte der Erdgöttin, insbesondere in ihrem schwarzen Aspekt, gewesen sind. Tacitus berichtete von einem Kult einer Erdgöttin namens Nerthus bei den Germanen. Mit diesem Bericht wird auch der Herthasee auf Rügen in Verbindung gebracht, wenn dies auch von der mythologischen Forschung, so beispielsweise von Simek, abgelehnt wird. Bei diesem Kult wurde die Göttin in einem Wagen umhergefahren. Anschließend wurden der Wagen und die Göttin in einem See gewaschen. Diejenigen, die dies ausführten, wurden danach im See ertränkt. Das Bild von einer versunkenen Kutsche könnte auf eine solche Kultstätte hinweisen. Auch die Bezeichnung Herthateich deutet darauf hin. Es kann angenommen werden, dass solche Kulte weit verbreitet waren, ebenso wie die Vorstellung von versunkenen Schlössern oder von Seen als Ursprünge der Kinderseelen. Diese Sagen stehen häufig mit der Gestalt der Frau Holle oder vergleichbaren mythologischen Figuren in Zusammenhang, bekannt ist z.B. ein solcher See am Hohen Meißner. Diese Orte erscheinen als Verbindung zur Unterwelt, beziehungsweise als Tore zur Anderswelt. Von anderen Orten in Halle und im Saalkreis wird von der Anwesenheit der Frau Holle oder ähnlicher Gestalten in den zwölf heiligen Nächten oder zur Fastnacht erzählt. In diesem mythologischen Zusammenhang geht es um Reinigung, Erneuerung und Wiedergeburt. Dieses transformierende Geschehen wurde zu mat-riarchaler Zeit wohl als Wirken der schwarzen Göttin betrachtet.
Eine weitere Sage im Saalkreis steht im Zusammenhang mit einem Gelände zwischen Morl, Möderau und Beidersee, welches "die Hölle" genannt wurde. Dort befand sich ehemals ein See und danach ein moorartiges Gelände. Ein Graf soll der Sage nach dort sein Schloss gehabt haben. Dieser hatte eine Jungfrau entführt und im Schloss gefangengehalten. Man versuchte, es zu erobern und die Jungfrau zu befreien, doch dabei wurde das Schloss in Brand gesteckt, wobei auch die Jungfrau ums Leben kam.
Der Name des Gebietes "Hölle" (Verbindung zu Holle und Hel) und der Charakter als See beziehungsweise Moorlandschaft legen hier wiederum eine Beziehung zur Erdgöttin nahe. Auch das Bild der Jungfrau ist damit in Zusammenhang zu bringen. Ihr Tod in der Sage deutet möglicherweise, ähnlich wie bei dem Felsen auf der Peißnitz-insel, auf eine dramatische Beendigung eines ihr gewidmeten Kultes hin.
Eine steinerne Jungfrau
In der Nähe von Dölau, noch innerhalb der heutigen Stadtgrenze von Halle, befindet sich mit 5,5 m Höhe der zweithöchste Menhir in Mitteleuropa, die "Steinerne Jungfrau". Im 19. Jahrhundert soll er noch eine Höhe von über 7 m aufgewiesen haben. Einer alten Quelle zufolge hat der Stein früher das Bildnis einer Göttin getragen. Noch bis ins 19. Jahrhundert sollen hier nach -Schultze-Gallera dreimal jährlich christliche Predigten abgehalten worden sein.
Eine Sage über den Stein berichtet von einer Riesenjungfrau, die auf dem Heimweg von einem Unwetter überrascht wurde. Um eine morastige Stelle zu überqueren, warf sie ein gerade gekauftes Brot auf die Erde, um darauf zu treten. Dafür wurde sie auf der Stelle zu Stein verwandelt.
Der Stein wurde früher außerdem als Nagelstein benutzt, wovon noch ein handgeschmiedeter Nagel und Löcher im Stein künden. Damit wurden magische Handlungen, unter anderem wohl zu Heilungszwecken, vollzogen. In der Innenstadt von Halle sollen sich früher ebenfalls zwei Nagelsteine befunden haben.
Alle Spuren an diesem Ort deuten auf einen Kult der Göttin und der Fruchtbarkeit. In der nahegelegenen Dölauer Heide befinden sich eine Reihe steinzeitlicher megalithischer Grabanlagen. Bei Ausgrabungen wurde dort auch ein steinzeitlicher Siedlungsplatz nachgewiesen. Im Zusammenhang mit dem Menhir ergibt sich das Bild einer steinzeitlichen Kulturlandschaft, einer Verbindung von sakraler Landschaft und deren Nutzung durch den Menschen.
Evolution des Bewusstseins
In der Gegend der Stadt Halle und des Saalkreises spiegeln sich die verschiedenen Epochen der Kulturentwicklung für mich in beeindruckender Weise wider. Dies liegt auch daran, dass diese Landschaft, die als Gefildelandschaft oder Altsiedelland bezeichnet wird, aufgrund ihrer Fruchtbarkeit schon seit frühester Zeit von Menschen bewohnt wurde. Die archaische Kultur der Jäger und Sammler der Altsteinzeit ist nur über archäologische Funde nachzuweisen. Die matriarchale Kultur der Göttin in der Jungsteinzeit hat als erste sesshafte Kultur die Landschaft bewusst gestaltet und in ihr gesellschaftliches Leben einbezogen. Später haben die patriarchalen Kulturen der Kelten, Germanen und Slawen dieses mythologische Erbe entsprechend ihrem Weltbild überformt. Schließlich hat das Christentum die vorgefundene Landschaft und ihre zugehörigen Überlieferungen nochmals in großem Ausmaß umgestaltet.
Indem wir die Geschichte der Beziehung zur Landschaft nachvollziehen, können wir unsere heutige Kultur als Ergebnis einer langen Entwicklung begreifen. Es zeigt, dass die Menschen über sehr lange Zeiten hinweg die Landschaft auch in einer sakralen Dimension wahrgenommen haben und mit ihr in tiefer emotionaler und geistiger Beziehung standen. Sich daran zu erinnern, könnte in der Gegenwart einen Schritt zu einem umfassenderen Verständnis der Natur und der Landschaft darstellen.
Ein tieferer Blick in die alte Sprache der Landschaft weist, gerade in der Gegend von Halle, auf bemerkenswerte Weise auf die weiblichen Dimensionen der kosmischen Entwicklung, auf die Prinzipien der materiellen Schöpfung hin. Die Stadt Halle, die aufgrund ihrer alten, lange vernachlässigten Bausubstanz und der starken Umweltverschmutzung auch als "Diva in Grau" bezeichnet wurde, offenbart ihre ursprünglich stark weiblich geprägte Qualität besonders in ihrem Wappen, das ich bereits beschrieben habe. In neueren Gestaltungen fehlt meist der schwarze Rand des Wappens, und außerdem wird der untere Stern kleiner dargestellt als der obere Stern. Es ist sehr bezeichnend, wenn in der heutigen Zeit der schwarze Aspekt, das Prinzip der Wandlung, des Todes und der Wiedergeburt und der zyklischen Erneuerung, weggelassen wird. Dieses Prinzip, das gerade heute so dringend erforderlich wäre, wird in der gegenwärtigen Kultur kaum anerkannt und mehr oder weniger ins Verborgene verdrängt.
In der Darstellung des Mondes und der beiden Sterne wurde der Mond von Marko Pogaÿcnik als Symbol für die Auenlandschaft, den Landschaftstempel der Göttin, gedeutet. Der obere Stern steht für ihn für den Himmel und der untere Stern für die Erde. Die Darstellung könnte in ähnlicher Weise auch als Symbolisierung von Himmel, Erde und Unterwelt gedeutet werden. Indem heute der untere Stern kleiner dargestellt wird als der obere, drückt sich die eingeschränkte Beziehung der gegenwärtigen Kultur zur Erde bzw. zur Unterwelt aus.
Potenziale wiedererwecken
Es ist sehr eindrucksvoll und faszinierend für mich, wie sich die Entwicklung der menschlichen Kultur in der Landschaft und ihrer Symbolik widerspiegelt, insbesondere auch in der jüngeren Zeit. Potenziale, die bisher eher im Verborgenen lagen und die wiederzufinden und zu entfalten sich lohnen würde, wären für die Stadt Halle vor allem die Aspekte der Wandlung, das Prinzip der schwarzen Göttin und die Aspekte der Kreativität und Lebensfülle als Qualitäten der roten Göttin.
Einiges deutet darauf hin, dass sich so etwas zukünftig entwickeln könnte. Seit dem politischen Umbruch 1989 hat sich die Umweltsituation in der gesamten Region erheblich verbessert, und im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich hat eine beachtliche Entfaltung stattgefunden. Seitdem Magdeburg zur Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts gewählt wurde, bezeichnet sich Halle als Kulturhauptstadt des Landes. Auch wenn dieser Anspruch bisher noch nicht angemessen umgesetzt wird, weist dies doch in die richtige Richtung. In Zukunft soll auch der Saale, dem heiligen Fluss der alten Kulturen, mit einem planerischen Konzept "Stadt am Fluss" wieder eine höhere Bedeutung für das Leben in der Stadt zukommen. Zur Zeit der DDR war der Fluss durch die Einleitung von Abwässern vor allem aus der chemischen Industrie bio-logisch tot. Heute hat er sich schon soweit regeneriert, dass inzwischen wieder viele Fischarten in dem Fluss leben. Schließlich ist noch die Bewerbung Halles um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 unter dem Motto "Halle verändert. Die Kulturstadt an der Saale" zu nennen, bei der mit Bezeichnungen wie "Halle - Die Traditionsreiche", "Halle - Die Wandlungsfähige" und "Halle - Die Veränderte" geworben wird. All diese Aktivitäten könnten, wenn sie auch jetzt hauptsächlich mit vordergründigen Zielen verbunden sind, zukünftig durchaus mit tiefgehenderen Ansprüchen verbunden werden.
Bei dieser Wiederentdeckung verdrängter Dimensionen und der Rückbesinnung auf Qualitäten der Göttinkultur kann es im Sinne einer integralen Kultur freilich nicht zu einer Rückkehr zur Kultur der Göttin führen, denn in der jungsteinzeitlichen Göttinkultur gab es kein mit dem heutigen vergleichbares individuelles Bewusstsein, das sich frei entscheiden konnte. Die Wiederentdeckung der weiblichen, göttlichen Dimension, der Heiligkeit der Schöpfung, und ihre gleichwertige Anerkennung neben dem männlichen, göttlichen Prinzip, dem Prinzip des Geistes und des transzendenten Aufstiegs, geschieht vielmehr im Entwicklungsmuster einer aufwärtsführenden Spirale, denn Wachstum vollzieht sich immer wieder auf einer neuen Ebene. Dies ist ein bedeutsamer Schritt für die Entwicklung einer integralen Kultur.