Die Stimme der Landschaft
Der Philosoph David Abram ist manchen Lesern vielleicht noch durch seinen wunderbaren Text "Von Gaia umfangen - Wie die Gaia-Hypothese unsere Wahrnehmung verändert" aus Hagia Chora Nr. 15 bekannt. Manche haben vielleicht sein inspirierendes Buch "The Spell of the -Sensuous" gelesen, das in Amerika der Ökologie-Bewegung zahlreiche Impulse gegeben hat. -Abrams Ausgangspunkt ist die sinnliche Erfahrung der Welt, die immer die Erfahrung einer belebten, beseelten und magischen Lebenswelt ist, in die wir untrennbar verwoben sind.

In unserer Begeisterung für das Internet sollten wir nicht vergessen, dass sich unser linguistisch und intellektuell staunenswert leistungsfähiges Gehirn nicht erst angesichts des Computers entwickelt hat, genausowenig wie in der Wechselbeziehung zum geschriebenen Wort. Das menschliche Gehirn entfaltete seine Fähigkeiten in einer Welt mündlich überlieferter Geschichten. Viele, viele Jahrtausende lang haben wir Menschen uns gegenseitig Geschichten erzählt, bevor erstmals Wörter niedergeschrieben wurden - sei es auf Papyrus oder auf den Bildschirm.
Erzählte Geschichten waren die lebendigen Enzyklopädien unserer Ahnen, dynamische und lyrische Kompendien praxisbezogenen Wissens. Mündliche Erzählungen, die man zu bestimmten Gelegenheiten wiedergab, vermittelten die Geheimnisse, wie man sich in seinem Kosmos orientieren konnte. In den magischen Abenteuern ihrer Helden verbargen sich genaue Informationen darüber, welche Pflanzen sich für Nahrung eigneten und welche giftig waren, oder wie man bestimmte Kräuter zubereiten müsse, um Krämpfe zu heilen oder Schlaflosigkeit oder Fieber. Solche Geschichten unterrichteten die Menschen in der Kunst, einen Unterstand für den Winter zu bauen oder eine Trockenperiode zu überleben - schlicht, wie man in seinem Land gut leben konnte, ohne dessen in seiner Wildheit gegründete Vitalität zu zerstören.
Wieviel erdgebundene Weisheit bewahrten die alten Geschichten! Und da es kein literarisches Medium gab, in dem man sie aufzeichnen und konservieren konnte - keinen geschriebenen Text -, fungierte die umgebende Landschaft selbst als primäre Gedächtnisstütze, um sich der Erzählungen zu erinnern. Die heimischen Tiere spielten wichtige Rollen in diesen Erzählungen, als Lehrer oder Trickspieler, als Clowns oder Hüter der Weisheit. Wenn einem nun beim Verrichten der täglichen Arbeiten zufällig ein bestimmtes Tier begegnete, vielleicht ein Fuchs oder eine Elster, weckte das die Erinnerung an die eine oder andere Geschichte, in der dieses Tier eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Wichtige Szenen der Geschichten wurden mit Plätzen in der Umgebung assoziiert, wo man glaubte, dass sich das Geschehen abgespielt hatte. Und wenn einem ein solcher Ort auf der Wanderung begegnete - dieser Feldstein oder jene scharfe Flussbiegung - erinnerte man sich an die erzählten Ereignisse.
Das gesammelte Wissen unserer Vorfahren mit ihrer auf mündlicher Weitergabe gegründeten Kultur war in ihren Geschichten gespeichert, und die Geschichten selbst waren dem sie umgebenden Land eingeprägt. Die heimatliche Landschaft wurde durch ihre Geschichten erst lebendig! Wer durch das Gelände streifte, dem sprangen aus jedem Eck und Fleck die Erzählungen und Lehren entgegen, sie lauerten unter den Felsen und warteten nur darauf, sich von den nahen Bäumen auf den Wanderer herabzustürzen. Die Balken seiner hölzernen Hütte lachten und weinten, wenn sich der Wind wieder einmal besonders heftig dagegenstemmte, und von den windgezausten Wiesen wehten wispernde Wünsche an sein Ohr. Die Menschen mündlich tradierter Kulturen erfuhren alle Dinge als mit Sprache und Macht begabt. Noch heute gibt es für die indigenen Völker der Welt, die keine Schrift kennen, nichts, was starr oder unbelebt wäre. Jedes Ding hat seinen eigenen Rhythmus, seinen inneren Lebens-impuls, sein eigenes Wesen. Flüsse fühlen die Gegenwart der Fische, die in ihnen schwimhe mit krausen roten und grünen Flechten überzogen ist, beeinflusst das Geschehen um ihn herum, sogar das Denken der Menschen, die sich an ihm niederlassen - er verleiht ihren Gedanken einen gewissen Schwerpunkt und eine Art mineralischer Weisheit. Insbesondere auch Fische gelten als Träger von Weisheit, und wer sie fängt, den begaben sie mit ihren Einsichten. Alles ist voll Leben - sogar die Geschichten selbst sind lebendige Wesen!
Bei den Cree-Indianern in Manibota z.B. sagt man, dass die Geschichten, die gerade nicht erzählt werden, in entlegenen Dörfern wohnen, wo sie ihr eigenständiges Leben führen. Hin und wieder jedoch verlässt eine von ihnen das Dorf, um in einem Menschen Wohnung zu nehmen. Plötzlich wird diese Person von der Geschichte besessen und kann nicht anders, als sie in die Welt hinaus zu erzählen, sie in den lebendigen Kreislauf zurück zu singen.
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