An Allmutter Erde

von Robert Josef Kozljanic erschienen in Hagia Chora 20/2005

Eine der ältesten mythischen Vorstellungen der Menschheit ist die der Erdmutter. Doch ist diese Vorstellung keineswegs naiv, und sie hat im Lauf der Geschichte zahlreiche Abwandlungen erfahren. Der Philosoph Robert Josef Kozljani?c versucht in seinem Beitrag, anhand einer Interpretation des homerischen Hymnus an Gaia den zugrundeliegenden Urmythos freizulegen.

Eines der aufschlussreichsten Zeugnisse antik-polytheistischer Religiosität und Weltanschauung ist sicherlich der homerische Hymnus an die "Allmutter Erde". Der Hymnus findet sich in der Sammlung der so genannten homerischen Hymnen, die in der archaischen und klassischen Epoche Griechenlands vom 7. bis 4. Jahrhundert v.Chr. gesammelt und zusammengestellt worden sind. Manche der Hymnen dürften aber älter sein und in die vorgeschichtliche Zeit - und damit in eine Zeit, in der die griechische Kultur noch keine Schriftkultur, sondern eine ausschließlich mündlich tradierende Kultur war - zurückreichen. In jedem Fall aber gehören die homerischen Hymnen neben dem um 800 v.Chr. entstandenen homerischen Epos "-Ilias", dem um 750 v.Chr. entstandenen homerischen Epos "Odyssee" und der um 700 v.Chr. entstandenen hesiodischen "Theogonie" zu den ältesten schriftlichen Zeugnissen der abendländischen Kultur. Unter den 34 Hymnen findet sich auch ein kleiner Hymnus an die Allmutter Erde, die mit griechischem Namen Gaîa oder Gê, oder auch Chthón, was nichts anderes als "Erde" bedeutet, benannt wird. Das Adjektiv chthónios, chthonisch, hängt damit zusammen und bedeutet: unterirdisch, erdgeboren.

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