Wege zu den Göttern

von Andreas Gruschke erschienen in Hagia Chora 20/2005

Der Mythos vom heiligen Berg als Mittelpunkt der Welt ist einer der Urmythen der Menschheit und bildet damit die Grundlage der geomantischen Ordnung der Welt. Die buddhistische -Tradition kennt den Berg Meru als Weltenberg, und der Berg Kailash in West-Tibet gilt als -dessen physische Verkörperung. Der Ethnologe Andreas Gruschke bereist seit 20 Jahren die Regionen Tibets und ist auch den Pilgerpfaden um den Kailash gefolgt. Neben dem Buddhismus interessieren ihn insbesondere die Glaubens-vorstellungen der einfachen Leute Tibets. Ihre Lebensumwelt ist von den gewaltigen Bergen des Himalaya geprägt, die sie als von Göttern, Geistern und Ahnenwesen belebt erfahren. Wer sich auf die andere Realität einer traditionellen Kultur einlässt, so meint Gruschke, gewinnt ein erweitertes Verständnis der eigenen Umwelt und findet zugleich besser auf den Boden der Wirklichkeit zurück.


Berge üben auf die meisten Menschen eine Faszination aus. Manche sprechen von einer beklemmenden Wirkung hoher Berge, sie fühlen sich von ihnen bedroht. Faszination und Beklemmung liegen nicht weit auseinander, sie sind Gefühle, die aufwühlen, bewegen. Wachheit und Unruhe erzeugen Aufmerksamkeit - so werden Berge nicht nur betrachtet, sondern bewusst wahrgenommen und gedeutet.
In Tibet, diesem gewaltigsten Hochland der Welt, gibt es mehr mächtige Gipfel als anderswo auf unserem Globus. Aber nicht nur an Zahl sind dort die Berge groß, sondern auch an Bedeutung. Als machtvoll über dem Land aufragende Gipfel, die sich in Form und Farbe oft von der Masse der sonstigen unendlich scheinenden Bergketten abheben, kommt ihnen stete Verehrung zu. Zu ihnen wird gepilgert, man bringt ihnen Opfergaben dar, und zu bestimmten Zeiten und Anlässen werden zu ihren Ehren Riten und Zeremonien abgehalten. Sie sind nicht nur Teil der natürlichen Umwelt der in ihrer Umgebung lebenden Menschen, sondern auch ein fester Bestandteil ihrer -Seelen-Landschaften.
Worin aber liegt die Bedeutung solcher Berge, was begründet ihre Heiligkeit? Die Antwort auf diese Frage ist durchaus vielfältiger als manche denken mögen, und es haben verschiedene Denksysteme darin Platz. Vielerorts galten solche sakralen Orte, und gerade auch heilige Berge, als Ursprung der Welt, sie spielten eine Rolle in den Schöpfungsmythen der Völker. Im alten Ägypten beispielsweise lag der Ursprung der Pyramiden in der Idee von einem mythi-schen Sandberg, auf dem der Sonnengott erstmals aus den Fluten des Urmeeres auftauchte. Nach iranischer Vorstellung befindet sich der Berg Haberezaiti im Mittelpunkt der Welt und verbindet Himmel und Erde. Die Edda spricht vom Himingbjörg, einem himmlischen Berg, von dem aus sich der Regenbogen Bifröst zur Himmelskuppel spannt, und auch die Paradieswelt der Kelten ist ein von Wasser umgebener weißer Berg. In Irland gilt noch heute der Hügel von Uisneacht in der Mitte des Landes als geheimes Zentrum der Insel, das eine mythische fünfte Provinz repräsentiert.
Mittelpunkt der Welt
Durch all diese Mythen zieht sich als roter Faden die Idee des Weltenbergs, des Nabels der Welt, der dem Lebensraum eine klare Mitte gibt. Neben der Zeit ist der Raum eine der Grundkategorien der menschlichen Wahrnehmung, des menschlichen Denkens und Ordnens. In ihm verschränken sich das Nahe, das subjektiv Erlebte und umweltlich Bestimmte des Raums mit dem unüberschaubaren Fernen, das sich der Erfahrung entzieht und in den unabsehbaren Räumen der Welt und des Kosmos endlos ausdehnt. Damit er sich orientieren kann, schafft sich der Mensch zentrale Fixpunkte, wobei sich zuallererst markante Berge als solche anbieten, die wiederum in der unmittelbaren Lebenswelt der Menschen durch Pfeiler, Zeltstangen oder Paläste repräsentiert werden. Als Ordnungs- und Orientierungspunkte begrenzen sie den Lebensraum gegenüber dem nicht kontrollierbaren und daher als Chaos empfundenen Naturraum.
Entsprechend der Ausdehnung Tibets und der großen Zahl verschiedener Stammesgruppen finden sich sehr viele solcher Berge auf dem "Dach der Welt". Unter den Berggöttern hoben sich entsprechend der Himmelsrichtungen oft vier von den anderen ab, und mit ihnen entstand ein Ordnungssystem von vier heiligen Bergen. Die Ausdehnung der Herrschafts- und Lebensräume zog nach sich, dass neue sakrale Orte in sie einbezogen wurden. Damit wurde der Raum mit neuen Grenzen neu geordnet und die Mitte neu definiert.
Die mythische Bedeutung der heiligen Berge ist auch in Tibet diejenige einer kosmischen Achse, die sich in der Mitte der Welt erhebt und die verschiedenen kosmischen Sphären miteinander verbindet. Musterbeispiel einer solchen Axis mundi ist der Weltenberg Meru der indischen Kosmologie, der mit dem Buddhismus seine Verbreitung über die Seidenstraße nach China, Tibet, Japan, Korea und alle Teile der buddhistischen Welt gefunden hat. In seinem uralten Mythos wird ein kosmisches System beschrieben, das in der Erschaffung der Welt seinen Ausgangspunkt hat:
Am Anfang der Schöpfung existierte ein ungeheurer See, der Weltozean. Darüber wehte ein Wind und ließ über dem Meer
wie über der Milch eine Haut entstehen. Am Grunde des Meeres lagerte eine riesige Schildkröte, auf deren Rücken etwas Erde niederkam. Aus dieser wuchs der Meru herauf, der Zentralberg der Welt, der sich aus schimmerndem Gold und glänzenden Juwelen in unvorstellbare Höhen hinaufschwingt und dort Sonne und Mond dazu zwingt, ihn zur Huldigung seines unbestrittenen Glanzes zu umkreisen. Auf seinem erhabenen Gipfel, hoch über den Quellen der vier heiligen Flüsse, die an seinem Fuß entspringen, steht der göttliche Thron des Weltenschöpfers Brahma.
Um den Meru herum wurden die vier großen Welten und die acht kleinen Welten gebildet - daher ist er die Achse des Universums. An seinem Fuß herrschen als Könige der dort wohnenden Scharen verschiedener Dämonen und Geisterwesen die vier Weltenhüter. Es gibt auch unterirdische und über ihm schwebende Bereiche. Unsere Welt schwimmt südlich des Zentralberges und wird als Insel Jambu (Jambudvipa) bezeichnet. Halbgötter bewohnen die Gipfel der Goldberge, den Berg Meru bis zu seinem höchsten Punkt und die Planeten. Auf dem Gipfel des Weltenbergs liegen die Paläste und Gärten der Götter aus dem "Himmel der dreiunddreißig Götter". Über dem Gipfel liegen die Wolkenbehausungen der höheren Göttergruppen aus dem Bereich der sinnlichen Begierden und darüber die entsprechenden Wohnsitze des Bereichs der reinen Form. Der formlose Bereich ist an keinen Ort gebunden.
Dieses Bild widerspiegelt die buddhistische kosmologische Vorstellung von der "Drei-Welt", Sanskrit triloka, wonach sich jede Welt in drei Bereiche teilt: 1. kama-loka, der Bereich, in dem die Wesen leben, die sinnlicher Begier unterworfen sind; 2. rupa-loka, der Bereich feinstofflicher devas, Götter im "Bereich der reinen Form", und 3. arupa-loka, der formlose, in der höheren Versenkung erfahrbare Bereich.
Nicht von ungefähr heißt es in unserer Sprache, wir seien dem Himmel näher, wenn wir auf Berge steigen. Spürt man sprachlichen Ausdrucksformen nach, findet man immer wieder Hinweise darauf, dass Berge und andere Naturphänomene auch in unserer westlichen Kultur einstmals eine spirituelle Bedeutung hatten, z.B. wenn der österreichische Sänger Wolfgang Ambros in seinem "Bauernstück" vom Watzmann die Alpenbewohner sagen lässt: "Der Berg ruft mich". Oder wir sprechen vom "Vater" Rhein" und drücken damit aus, dass dieser Fluss vor langer Zeit für die Menschen mehr war als nur ein beliebiger Wasserlauf. Schließlich vermitteln Flüsse ebenfalls Ordnung, sie dienen als Orientierungslinie statt als Mittelpunkt. Dies kennen wir von China, wo man den Gelben Fluss (Huang He) einfach nur "Fluss" (He) nennt, denn es gab keinen bedeutenderen, an dem zu orientieren sich lohnte. Gleiches gilt für den Brahmaputra, dessen Oberlauf in Tibet nur Tsangpo, ”Fluss", genannt wird.
Über solche Ordnungssysteme lassen sich die ursprünglichen Lebenswelten der Kulturen in ihrer Frühzeit eruieren. Die große Zahl heiliger Berge in Tibet kann nur bedeuten, dass sie die Orientierungsmittelpunkte verschiedener Stämme, Völker und Kulturen darstellten, die in späterer Zeit zu größeren Reichen zusammengefügt wurden. Raum im menschlichen Sinn hat sich ja immer weiterentwickelt. Zudem orientierte man sich nicht nur zur Mitte hin, sondern zu den Grenzen des eigenen Lebensraums. Naturgemäß wurden diese über die Himmelsrichtungen, in welche hohe Berge als "Himmelspfeiler" aufragten, definiert. So erklärt sich das Fünfersystem heiliger Berge im daoistischen China, das wie andere asiatische Kulturen neben Osten, Süden, Westen und Norden die Mitte als eigene Himmelsrichtung kennt. Andere Systeme ordneten ihre Welt ausschließlich über die Richtungssysteme, weshalb vielerorts vier heilige Berge die Grenzen alter Reiche absteckten. Sie galten jedoch nicht nur als goldene Pfeiler, die den Himmel stützen, sondern darüber hinaus als Rückzugsort für die Ahnen.
Wohnstätten der Ahnen
In Tibet ist die Lebenskraft bla eines Menschen, einer Familie oder eines ganzen Volkes mit einer Örtlichkeit verhaftet, von der ihre Existenz abhängig ist. Der Stammsitz dieser Lebenskraft ist in vielen Fällen ein Berg, der als Residenzort der wichtigen Ahnengeister gilt. Der auf Bergeshöhen vollzogene Ahnenkult ist ein wesentliches Kennzeichen der Hirtenkriegerkulturen im frühzeitlichen Nord-China, in Tibet, Inner-asien, Mittel- und Vorderasien, aber auch in Afrika. Die vergöttlichten Ahnen nahmen ihren Wohnort einst auf Bergen, die aus diesem Grund sakrale Bedeutung erlangten. Daraus erklärt sich auch, weshalb man annahm, dass auf diese Berge zunächst göttliche, später aber sterbliche Herrscher von himmlischen Sphären in die Welt her-absteigen. Die alten Königslegenden Tibets berichten, wie der erste Herrscher der legendären Yarlung-Dynastie (7.-9. Jahrhundert), Nyatri Tsenpo, vom Himmel auf den Berg Yarlha Shampo herabstieg und an seinem Fuß lebte und herrschte. Daher wird der Berg Böje-Lha genannt, Lebensseele der Herrscher von Tibet.
Auch das Grab der ersten Herrscher und die Wohnung ihrer Nachkommen befindet sich im Gebiet des Yarla Shampo im oberen Chonggye-Tal. Im vorbuddhistischen Tibet bestattete man auf den Bergen auch die Schamanen, die als Mittler zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt den Berggöttern am nächsten standen. Zu deren Wohnsitz sollen die Seelen aller Verstorbenen zurückkehren. In diese Richtung weist auch die Totenreich-Legende der Lepchas in Sikkim, die ihre Ahnen hinter der gewaltigen Gebirgsmauer des Konglochu wähnen, d.h. des Kangchenjönga.
Dieser dritthöchste Gipfel des Himalaya gilt als Sitz der Reichtumsgottheit Kubera, und wer steht der Reichtumsgottheit näher als jene der Fruchtbarkeit? In alter Zeit war in vielen Gesellschaften die Fruchtbarkeitsgottheit weiblich, und so überrascht es kaum, dass die Ngolok-Stämme im nordosttibetischen Amdo sich trotz ihres kriegerischen Berggottes Machen Pomra auf eine Urahnin berufen, die anfangs ebenfalls als Gottheit des entsprechenden Berges galt. Nach einer Überlieferung habe sie durch einen Pfeil, den ihr Geliebter, ein anderer Berggott, abgeschossen habe, empfangen und kam mit den Vorfahren der Ngolok nieder. Eine andere Version sieht die Ngolok-Ahnin als Seegottheit. Sehr häufig tritt in Tibet tatsächlich ein Götterpaar auf: männlicher Berg und weiblicher See. Entsprechend kommen männliche und weibliche Attribute vor: Pfeil und Spiegel, Vajra (Donnerkeil) und Edelstein, Speer und Vase usw. Ein Pfeil mit daran gebundenem Spiegel gilt als beliebtes Attribut von Berggottheiten und dient im tibetischen Kulturkreis als phallisches Fruchtbarkeitssymbol.
Wer sich das Umfeld herausragender heiliger Berge anschaut, versteht leicht ihre Rolle als Nahrungs- und damit Lebensspender: Durch die topographischen Besonderheiten fördern sie Bewölkung, Regenfälle und Bodenfeuchtigkeit. Sie sind verantwortlich für gute Weiden oder Ackerböden, für gesunde und große Herden oder üppige Ernten - also für den Wohlstand der Menschen schlechthin, die im Hinblick auf spirituelle und materielle Bedürfnisse von ihnen abhängen. Aus den einstigen Ahnengeistern haben sich die Berggottheiten folglich zu Schutzgottheiten entwickelt, die Fruchtbarkeit und damit Reichtum und Wohlstand spenden sowie Unheil abwenden können. Ihr Dasein wird als das eines mächtigen Herrschers über unter- oder überweltliche Reiche imaginiert. Während z.B. die Sadag, "Erdherren" genannte Erdgeister der Yarlung-Region, von Yarlha Shampo befehligt werden, unterstehen jene der Provinz Ü dem Berggott Nyenchen Thanglha, und Herr über die Sadag von Tsang ist Kangwa Sangpo.
Integration früher Ahnenkulte
Im mythischen Yarlung-Tibet ist das System der vier heiligen Berge durch die Gipfel von Kula Kangri, Yarlha Shampo, Nyen-chen Thanglha und Nöjin Kangsang vertreten. In manchen Quellen kommt der Berg Öde Gunggyal sozusagen als Urkönig oder mächtigster Urahn hinzu. Die Namen der Götter variieren, wie auch nicht alle Vierersysteme dieselben Berggottheiten nennen. Das oben genannte ist auf den zent-ral- bzw. südtibetischen Raum beschränkt. Es existiert auch eine erweiterte Reihe mit Öde Gunggyal als Vater von acht Berg-Ahn-Schutzgeistern, die der Mitte sowie den Haupt- und Nebenhimmelsrichtungen zugeordnet werden: die "neun Geister der Weltschöpfung".
Die Kombinationsmöglichkeiten scheinen unermesslich. Sie haben nicht nur in der historischen Entwicklung einen Wandel durchgemacht, sondern auch lokalen Varianten zu ihrem Recht verholfen. Die Region am Oberlauf des Gelben Flusses gilt als Domäne Machen Pomras, während die Götter, die ihren Sitz auf den Bergen Chola Tsaltse, Jangri Mugpo und Riwo Tsenga (der Wutai Shan in Nordchina) haben, den Erdgeistern der Länder Hor und Jang in Osttibet sowie China zugeordnet werden. Die mächtigsten dieser Berggottheiten haben in der Regel ein größeres Gefolge von 360 Heldenkriegern, die sich in der großen Zahl der Nebengipfel in den mächtigen Gebirgsmassiven Nyenchenthanglha und Amnyemachen verkörpern. Zudem treten durch die Zahl der begleitenden Geister kosmologische Bezüge, die teilweise auf animistischen Anschauungen fußen, an den Tag.
Die große Bedeutung der Ahnenschutzgeister zeigt sich nicht allein in der alten tibetischen Volksreligion, sondern auch in der Bön-Lehre und darüber hinaus in allen tibetisch-buddhistischen Schulen. Die Auseinandersetzung der importierten Weltanschauung mit den örtlichen Gegebenheiten und dem Volksglauben hatte Assimilierungsprozesse zur Folge, die solche Ahnengottheiten in die neuen Lehrsysteme integ-rierten. Der Volksglaube fand Eingang in die Hochreligion. Zunächst wurden aus den Ahnengeistern örtliche Schutzgeister. Die mächtigeren von ihnen entwickel
ten sich zu "Landesschutzgeistern" (Shidag) und schließlich gar zu "Weltbeschützern". Dem Buddhismus ursprünglich feindlich gesonnen, wurden die Berggötter gemäß der lamaistischen Überlieferung überwunden und in den Dienst der buddhistischen Lehre gezwungen. Auf diese Weise wurden sie schließlich sogar zu Dharmapalas, d.h. "Beschützern der Lehre" (Chögyong).
Diese buddhistische Umdeutung von Berggottheiten wird in der Biographie des buddhistischen Weisen und Magiers Padmasambhava anschaulich überliefert. Darin wird berichtet, wie der in das alte schamanisch geprägte Bön-System einzuordnende Berggott Yarlha Shampo dem heiligen indischen Tantriker den Weg versperrte. Er erschien in der Gestalt eines mächtigen weißen Yaks, aus dessen Nüstern er ihm ein Schneesturm entgegenblies. Der heilige Lehrer aus Indien jedoch konnte Yarlha Shampo nicht nur bezwingen, sondern ihn auch für den Dienst an der buddhistischen Lehre gewinnen und ihn zu einem "Beschützer der Lehre", einem Dharmapala des Buddhismus machen. Es gibt noch weitere Geschichten über die Bekehrung anderer Berggötter durch Padmasambhava, die alle nach dem gleichen Muster ablaufen: Die Geister fallen den Zauberer immer zunächst wuterfüllt an, werden dann aber von ihm durch magische Künste gebannt und geben ihm ihre Lebensessenz hin.
Das Schneejuwel
Der berühmteste und im Westen bekannteste heilige Berg ist sicherlich der Kailash. Mancher Reisebericht nennt eine Reise zum Kailash als Pilgerschaft zu "Tibets heiligem Berg" und erweckt so den Eindruck, es gäbe in dem riesigen Hochland gerade einen einzigen Berg, dem sakral-religiöse Bedeutung zukomme. Gewiss: Der Kailash ist der angesehenste unter diesen Bergen. Zudem ist er nicht allein den tibetischen Buddhisten heilig, sondern auch den Hindus Indiens, den Jainas und den Bön-Anhängern. Gleichwohl liegt es nahe, dass eine religiöse Ordnung, die wie jene der Tibeter auf animistischen Anschauungen fußt, eine größere Zahl sak-raler Orte der Natur hervorgebracht hat.
Der Kailash liegt im Westen des so genannten Transhimalaya, dessen bedeutendster, wenn auch nicht höchster Gipfel er ist. Obschon rund zweitausend Meter niedriger als die höchsten Himalaya-Riesen, überragt der Kailash seine Umgebung derart, dass er weithin sichtbar ist. Seine Lage im Schnittpunkt der Quellgebiete der großen Ströme Indus, Sutlej, Karnali und Brahmaputra begründet es, dass er als irdische Manifestation der Weltenachse gilt - des mythischen Berges Meru. Als Axis mundi ist der Kailash daher von besonderer Heiligkeit. Sein eigentlicher tibetischer Name lautet Tise, er wird aber in aller Regel mit dem hohe Verehrung ausdrückenden Begriff Kang Rinpoche, "Schneejuwel", bezeichnet. Zu diesem Namen hat ihm sein schneebedeckter Gipfel verholfen, der von einer äußerst markanten, die Fantasie anregenden Form ist.
Eine Legende berichtet, wie diese Felsen im Zweikampf zwischen dem tibetischen Mystiker Milarepa und einem Bön-Priester herausgeschlagen wurden: als nämlich die Trommel des Schamanen-Priesters herabfiel und gegen die Schneewand schlug. Von den Buddhisten wird der Kailash als der irdische Teil der kosmischen Weltenachse Meru betrachtet sowie als Residenz der tantrischen Gottheit Demchok. Die Hindus dagegen sehen in ihm den Thron Shivas, der zerstörerischen Kraft in der dreifach gegliederten Göttlichkeit des Hinduismus. So vermeinen sie in den aus dem Schnee ragenden Felsen am Gipfel des Kailash auch das Gesicht Shivas zu erblicken. Die Jainas verstehen ihn als den Ort, wo ihr erster Heiliger Adinath seine Erleuchtung erlangte, während er für die Anhänger der alten Bön-Religion das geistige Zentrum des alten Landes Shangshung ist und der Ort, an dem ihr Religionsstifter Shenrab Miboche vom Himmel auf die Erde herabstieg.
Eine Pilgerschaft zum Kailash bedeutet eine Reise zum wahrhaften Mittelpunkt des Universums. Hier liegt der kosmische Punkt, an dem alles beginnt und alles endet, die göttliche Quelle von allem, was existiert und von Bedeutung ist. Der Berg bietet die Möglichkeit der rituellen Umkreisung, so wie das Rad sich um die Achse, die Welt sich um den Weltenberg dreht. Indem die Pilger den Gipfel umwandeln und einer Vision von Shiva oder Demchok auf dem glänzenden Gipfel huldigen, stellen sie den Kontakt her mit etwas tief in ihrem eigenen Innern Liegenden, etwas, das sie mit der übergeordneten Wirklichkeit verknüpft, die dem Kosmos selbst unterliegt und ihm eingegeben wird.
Die den Kailash umgebenden Schneeberge sind die Wohnstätten von fünfhundert weiteren buddhistischen Heiligen, welche das Nirvana erlangt haben, den gesegneten, von Leiden befreiten Zustand jenseits unserer Begrifflichkeit. Der Legende nach können all jene, die die geistige Reife erlangt haben, manchmal die göttliche Musik der Gesänge dieser Heiligen in der klaren Atmosphäre des tibetischen Hochlands vernehmen.
Allerdings dürfen wir uns nicht sicher sein, dass mit dem Kailash der indischen Überlieferung tatsächlich der Gipfel in Westtibet gemeint ist. Es gibt eine Reihe weiterer Berge im westlichen Himalaya, die den Namen Kailash tragen, und nach Meinung des Indologen Reinhold Grünendahl gibt es Hinweise darauf, dass die frühere britische Kolonialverwaltung Indiens das Interesse von Hindu-Pilgern auf den heiligen Berg in Tibet gelenkt hat. Da die Briten selbst Tibet nicht betreten durften, rüstete man als Pilger verkleidete Inder entsprechend mit Höhenmessgeräten im Pilgerstab aus, die z.B. ihre Gebetsketten als Schrittzähler benutzten, um Tibet auszukundschaften. Dessen ungeachtet ist dieser Berg inzwischen zu ihrem Kailash geworden.
Die nach ältester Sanskrittradition als Meru oder Berg Sumeru bezeichnete Achse des Universums bezieht sich nicht nur auf die kosmische und metaphysische Ordnung. Unser psycho-physischer Organismus gilt nämlich als mikrokosmisches Abbild des Kosmos. Darin entspricht Meru der Wirbelsäule bzw. dem Rückenmark (Meru danda) in unserem Nervensystem. So wie die verschiedenen Bewusstseinszentren (Chakren) mit dem Rückenmark der Wirbelsäule verbunden sind, von dem sie wie vielblättrige Lotusblüten abzweigen, bildet der Berg Meru die Achse der verschiedenen überweltlichen Bereiche. Der psycho-physische Mikrokosmos des Menschen ist vom höchsten Bewusstseinszentrum überwölbt, so wie den Weltberg Meru und sein irdisches Gegenstück, den Kailash, unsichtbare Tempel der höchsten transzendenten Mächte krönen, die jedem Pilger in der jeweiligen Form erscheinen, die ihm die höchste Wirklichkeit symbolisiert. Daher ist der Kailash für Hindus der Sitz Shivas, während er für die Buddhisten ein riesiges Mandala von Dhyani-Buddhas und Bodhisattvas darstellt, wie dies im berühmten Demchok-Tantra beschrieben wird, dem "Mandala der höchsten Glückseligkeit". Demgemäß ist die Personifizierung dieses Tantras, Demchok, der besondere Beschützer des Kailash und damit jener außergewöhnlichen Weltenregion, die Himmel und Erde, das Reich der Götter mit dem der Menschen, der Erd- und Wassergeister verbindet. Da die verschiedenen Himmels-ebenen ihre Entsprechung in Schichten aus dunklem und hellem Gestein, von nacktem Fels und Eis finden, ist der Kailash ein völlig natürliches Mandala, ein Abbild des Kosmos auf Erden, ja der Kosmos schlechthin.
"Der Pilger wird sich bewusst, dass er sich durch ein riesiges Mandala bewegt, das wie durch ein Wunder der Natur hier geschaffen wurde, ein Mandala, das durch Farben und Formen zu ihm spricht in der Symbolsprache der Meditation, die seit Beginn der Menschheit von Generation zu Generation weitergegeben wurde", beginnt der berühmte Lama Govinda seine Beschreibung des Pilgerpfads um den Kailash. Ihr wollen wir hier ein Stück folgen.
Der Pilgerweg um den Kailash
Indem der Pilger das enge Tal an der westlichen Flanke des Kailash betritt, der Himmelsrichtung Amitabhas ("Der von unermesslichem Glanz"), dessen Farbe rot ist, befindet er sich in einem Canyon von roten Felswänden, deren architektonische Struktur im Pilger den Eindruck erweckt, er wandere zwischen Reihen gigantischer Tempel, die mit Galerien, Gesimsen und Pfeilern geschmückt sind. Hoch über ihnen erscheint plötzlich der blendend-weiße Dom des Kailash. Seine Form ist von überraschendem Gleichmaß, als ob er aus einem immensen Eisblock gehauen wäre. Auf seiner Westseite befinden sich zwei tiefe Aushöhlungen, die wie die Augenhöhlen in einem weißen Totenschädel geheimnisvoll auf den Pilger herniederschauen und ihn an die schrecklichen Aspekte Shivas und Demchoks erinnern, die beide mit Schädeln geschmückt sind und die Weisheit der metaphysischen Leere und der Vergänglichkeit aller dinghaften Erscheinungsformen symbolisieren.
Buddhistische Mönche und Eremiten, die über diesen Aspekt des heiligen Berges meditieren wollten, bauten ein kleines Höhlenkloster in der Mitte der gegenüberliegenden Felswand. Wie ein Schwalbennest hängt es am Felsen. Bevor sich das Tal in nordöstlicher Richtung wendet, steigt ein etwa tausend Meter hoher Fels vom Talboden empor. Seine Form erinnert an Shivas heiligen Nandi-Stier, dessen Kopf zum Gipfel des Kailash erhoben ist, als ob er hingebungsvoll zu seinem Meister emporblickte.
Wenn der Pilger die nördliche Seite des Berges erreicht, verändern sich plötzlich die Farbe der Felsen und die geologische Struktur. Hier erwartet ihn ein höchst unverhoffter Anblick: Die Vorberge, die den Fuß des Kailash umsäumen oder seine Basis bilden, treten zur Seite, und der Pilger steht unvermittelt dem gewaltigen Dom des Kailash gegenüber. Den heiligen Schriften zufolge ist der Ort, von dem aus dieser Anblick sich eröffnet, die Stelle, an der die in die Rituale
und Meditationen der entsprechenden Tantras Eingeweihten ihre devotionellen Riten zu Ehren des "Mandalas höchster Glückseligkeit" ausüben sollten. Wer das tut, wird nicht nur mit dem Anblick des heiligen Berges in seiner unbeschreiblichen Majestät und Schönheit eines naturgeschaffenen Tempels von vollendeter Symmetrie begnadet, sondern auch mit der Vision seiner erwählten Schutzgottheit, der Gottheit oder dem Ideal seines Herzens, beglückt, sei es in Form von Shiva und Parvati oder Demchok und Dorje Pagmo oder anderer Emanationen von Buddhas und Bodhisattvas, die mit diesem Ort und seiner emotional geladenen Atmosphäre verbunden sind.
Was der Pilger mit seinem leiblichen Auge sieht, ist nur der Unterbau oder die Emanation von etwas viel Größerem und Gewaltigerem. Für den Tibeter ist der Berg umgeben und bewohnt von Tausenden meditierender Buddhas und Bodhisattvas, die Frieden und Segen ausstrahlen und den Samen des Lichts in die Herzen derer säen, die den Wunsch haben, sich von der Dunkelheit des Nichtwissens, des Hasses und der Begierden zu befreien. Die zwei Vorberge, zwischen denen das "Schneejuwel" erscheint, werden als die Thronsitze Vajrapanis und Manjushris benannt. Der erstere ist der das diamantene Szepter schwingende Herr esoterischer Mysterien, der gegen die Mächte des Dunkels und der Vernichtung kämpft, während der letztgenannte der Bodhisattva transzendentaler Erkenntnis und aktiver Weisheit ist, der mit dem flammenden Schwert des Wissens und der Wahrheit die Knoten der Unwissenheit und der Vorurteile zerschneidet. Neben dem Gipfel Manju-shris erhebt sich der Sitz Avalokiteshvaras, des "Gütig Herabblickenden", des Schutzpatrons Tibets, während sich in unmittelbarer Nähe des Vajrapani-Gipfels, an der nordöstlichen Seite des Kailash, der Thron der aus einer Träne Avalokiteshvaras geborenen Dölma erhebt. Diese Berggipfel stehen wie Wächter zu beiden Seiten des Kailash.
Während der Pilger, im Gefühl der Gegenwart jener erleuchtenden Kräfte, sich anschickt, die heilige Stätte zu verlassen, befindet sich sein ganzes Wesen in einem Zustand der Ekstase und der inneren Wandlung. Aber diese Wandlung kann nicht vollständig sein, solange er noch sein altes Ich mit sich herumschleppt. Er muss die Tore des Todes durchschreiten, bevor er das Tal des Aksobhya ("Der Unerschütterliche") im Osten betreten hat und wiedergeboren werden kann zu einem neuen, größeren Leben. Dies ist die letzte Prüfung.
Während er zum Dölma-Pass emporsteigt, der das nördliche von dem östlichen Tal trennt, kommt er zu einer Stelle, an der er den Spiegel des Totenkönigs erblickt, in dem all seine vergangenen Taten sich widerspiegeln. An dieser Stelle legt sich der Pilger zwischen zwei großen Felsblöcken in der Stellung eines Sterbenden auf den Boden. Er schließt die Augen und sieht sich dem Urteil Yamas ausgeliefert, dem Urteil seines eigenen Gewissens, das ihm den Spiegel seiner Taten vorhält. Und indem er sich ihrer bewusst wird, erinnert er sich all derer, die vor ihm starben und deren Liebe er nicht zu vergelten imstande war; er betet für ihr Wohlsein, in welcher Form sie auch wiedergeboren sein mögen. Als Zeichen dieses Wunsches lässt er Symbole oder Reliquien ihres Erdenwandels an diesem geweihten Ort: ein Stück Tuch, eine Haarlocke, ein wenig Asche vom Scheiterhaufen, auf dem der Leib des Toten verbrannt wurde, oder was immer er für diesen letzten Liebesdienst aufbewahren konnte.
Nachdem er auf diese Weise Frieden geschlossen hat mit seiner Vergangenheit und durch die Tore des Todes gegangen ist, überquert er die Schwelle seines neuen Lebens auf dem schneebedeckten Pass der mütterlich schützenden, allbarmherzigen Dölma. Zu Füßen des Passes erscheint ein See von reinster Smaragdfarbe inmitten von Felsen und Schnee. Die Tibeter nennen ihn "See des Großen Erbarmens", während die Hindus ihn als Gaurikund bezeichnen. Hier empfängt der Pilger seine erste Taufe als neugeborenes Wesen. Nun hat er die letzte Prüfung bestanden, und alle Entbehrungen und Mühen liegen hinter ihm. Gar mancher Pilger ist den Anstrengungen des Aufstiegs zum Dölma-Pass erlegen, auf dessen Höhe ein Schneesturm in wenigen Minuten einen Menschen vernichten kann und wo jeder Atemzug als das kostbarste Lebenselixier sorgsam gehütet werden muss. Aber selbst der Tod verliert seinen Stachel für den frommen Pilger, der in Gegenwart der Götter auf geheiligtem Boden stirbt; denn sein Tod fällt mit dem erhabensten Augenblick seines Lebens zusammen und wird so zur Verwirklichung seines höchsten Strebens.
Das freundliche Tal des östlichen Dhyani-Buddha Aksobhya begrüßt den Pilger mit lieblichen Matten und silbernen Strömen kristallklaren Wassers. Als eine letzte Erinnerung an vergangene Prüfungen sieht er beim Abstieg ins Tal einen aufrechtstehenden, einzelnen Felsen in der Form einer Axt. Es ist das Wahrzeichen des Totengottes, die Axt des Karma. Für den frommen Pilger hat sie durch die Barmherzigkeit der Erretterin, der getreuen Dölma, ihre Schrecken verloren, denn Barmherzigkeit ist stärker als Karma; sie wäscht unsere früheren Taten hinweg mit den Tränen ihres Mitleids für alle lebenden und leidenden Wesen. Teilnahme an den Leiden anderer lässt keinen Raum für das eigene Leiden und führt schließlich dazu, dass wir über unser eigenes kleines Ich hinauswachsen.
Dies war es, was der Buddha wie auch viele seiner Nachfolger lehrten, besonders aber der große tibetische Heilige und Dichter Milarepa, an den noch viele Erinnerungen im östlichen Tal lebendig sind, besonders aber in der Höhle von Zutrulpuk. In dieser Höhle sang und meditierte er, und man zeigt dem Pilger noch den Abdruck seiner Hand an der Decke der Höhle, die als Heiligtum neben einer kleinen Einsiedelei zu sehen ist. Zutrulpuk, die "Wunderhöhle", ist jener Ort, wo der Magier-Zweikampf zwischen Milarepa und Naro Bönchung stattgefunden haben soll. Nachdem Milarepa bereits am See Manasarovar und an anderen Punkten am Kailash seine magischen Fähigkeiten bewiesen hatte, schlug er hier seinem Gegner vor, einen Unterschlupf vor dem eben einsetzenden Regen zu bauen. Milarepa spaltete einen Fels, um daraus das Dach zu bauen, aber Naro Bönchung war der Stein zu schwer. Milarepa brachte ihn ganz allein in die richtige Stellung, wobei er die Abdrücke von Kopf und Händen im Stein hinterließ, die man heute noch sehen kann.
So zieht der Pilger durch den letzten Teil des östlichen Tales, ein Märchenland von Farben. Einige Felsen sind flammend rot, andere dunkelblau und grün, und wieder andere, unmittelbar daneben, leuchten in lebhaftem Orange oder in hellem Gelb. Es ist, als ob der Pilger, bevor er den Kailash verlässt, Proben aller Gesteinsarten, deren Farben er auf seiner Wanderung bewunderte, als Abschiedsgeschenk dargeboten erhielte. Nun betritt er wieder die weite Ebene, und nach kurzer Zeit erreicht er den Ausgangspunkt seiner Bergumwanderung in dem kleinen Kloster von Tarchen. Während er an zahlreichen Mani-Mauern entlangzieht, die mit Tausenden von Steinplatten mit der Formel Om mani padme hum bedeckt sind, fügt der Pilger seinen Stein hinzu, in Dankbarkeit für alles, was diese Pilgerschaft ihm gab und als Segenswunsch für alle, die nach ihm dieses Weges kommen.
Eine Geographie des sakralen Raums
In gewisser Weise haben wir es hier mit einer Geographie des sakralen Raumes zu tun, die das höhere Bewusstsein des Gläubigen schärfen soll. Tatsächlich sind die Ziele der Pilgerschaft und des 55 km langen Pilgerwegs für die einfachen Gläubigen sehr viel konkreterer, leichter faßbarer Natur. Sie erhoffen sich von einer Umrundung, dass die Sünden eines Lebens weggewaschen werden, während 108 Umwanderungen das Nirvana noch in diesem Leben garantieren sollen. Es ist die Heiligkeit des Ortes, die Erlösung verheißt - selbst für jene, die der hohen Schule der Meditation fern stehen.
Die Symbolik der Weltachse ist für die Menschen so bedeutend, dass sie zu allen Zeiten ihre Entsprechnung in der menschlichen Lebenswelt gefunden hat. Im Großen waren es der Weltenberg und der Weltenbaum (wie Yggdrasil der nordischen Mythologie), im Kleinen der Mittelpfeiler im Haus, die Mittelstange im Zelt vieler Reitervölker, der Schamanendolch oder später auch besondere architektonische Zeugnisse. Zusätzlich zur weiträumigen Orientierung an Gewässern und Bergen wurde das eigene Haus als Zentrum der Welt aufgefasst, und die Beziehung zwischen mythischer Weltmitte und der Ebene des Hauses begründet die kosmologische Orientierung. Als später das Haus in der Weiterentwicklung buddhistischer Vorstellungen zum Tempel wurde, bildete dieser nicht nur die mythische Achse ab, sondern definierte den Raum für eine mehr oder weniger große Zahl von Menschen neu. Deutlichstes und bekanntestes Sinnbild des Weltenberges wurde im Buddhismus der Stupa, der als einzigartiges Bauwerk die Idee der Zentrumsbildung durch den Schnittpunkt kosmischer Achsen konkretisiert.
Dieser wichtigste Kultbau des Buddhismus entstand als Reliquienschrein und Symbol für die Grabstätte des historischen Buddha Gautama. Dessen Weisung, seinen Grabhügel auf einer Kreuzung von zwei in Kardinalrichtungen verlaufenden Wegen zu errichten, wurde zum Ausgangspunkt für den Bau zahlloser Nachfolge-Stupas, die in Süd-, Ost- und Südostasien bis heute errichtet werden. Darin erkennen wir die architektonische Umsetzung der Weltachse, der in zahllosen Religionen im wahrsten Sinne des Wortes zentrale Bedeutung zukommt: als Verbindung niederer und höherer kosmischer Sphären. 7