Landschaft der Verkörperung

von Marko Pogačnik erschienen in Hagia Chora 20/2005

Weltweit erzählen alte Mythen, dass die Kinderseelen aus bestimmten heiligen Orten wie Höhlen oder Seen hervorgehen. Die Vorstellung, dass sich Inkarnation in Landschaftsräumen vollzieht, scheint tief in unserem mythischen Bewusstsein zu wurzeln. Marko Pogacnik hatte im Oberallgäu den Eindruck, einer solchen Landschaft zu begegnen. Bei seinem Versuch, diese Wahrnehmung zu beschreiben, knüpft er an Bilder aus dem Gralsepos an.

Landschaften der Erde in ihren natürlichen und kulturellen Ausgestaltungen entsprechen oft verschiedenen Urbildern, die für Menschen eine grundlegende Bedeutung haben. Das Geheimnis der Verkörperung des Geistes in der Materie ist eines dieser Urbilder. Wie kann es geschehen, dass eine Geistseele, die von jeglicher Form frei ist, sich in der festen Form inkarniert, ohne dass ihre schöpferische Freiheit verloren geht? Die Landschaft des Oberallgäus gibt darauf eine Antwort.
Im Rahmen der Geomantie-Ausbildung der Schule Hagia Chora hatten wir uns in den Jahren 2003 und 2004 vorgenommen, die Landschaft des Oberallgäus, und dabei insbesondere die Region um Immenstadt, geomantisch zu entschlüsseln. Hier münden drei Täler ineinander, das Tal der Konstanzer Ach mit dem Alpsee, das obere Tal der Iller und das untere Iller-Tal, das in Richtung Kempten ausläuft.
Was uns ein Gefühl vermittelte, dass es sich hier um eine sakrale Landschaft handelt, ist die Tatsache, dass wir in diesem Bereich drei Kompositionen von je drei Kirchen vorfanden. In Bühl über dem Alpsee steht eine Loretto-Kapelle neben einer zweistöckigen Doppelkirche. Auch in Oberstdorf gibt es eine Loretto-Kapelle dicht bei zwei weiteren Kirchen. Loretto-Kapellen sind Abbilder der berühmten Marien-Wallfahrtskapelle in der italientischen Stadt Loretto, wohin auf wundersame Weise im Jahr 1295 Marias Geburtshaus aus Nazareth überführt wurde. Nach der Legende haben es Engel nach Loretto gebracht, nachdem Palästina durch den Islam erobert worden war. Solche Kapellen weisen also auf eine starke Rolle der universellen Mutter in der jeweiligen Landschaft hin. Die Muttergottes mit dem Kind in ihrem Schoß und ihr Geburtshaus sind starke Symbole.
Auch die Ortschaft Rauhenzell, die sich auf dem Hügel befindet, an dem sich die Räume der drei Täler zusammenschließen, wartet mit drei Kirchen auf, eine am Fuß des Hügels und zwei oben. Unsere Gruppe bemerkte, dass die Hauptkirche viele verschiedene Darstellungen des Christuskindleins zeigt, sowie die seltene Darstellung der Anna Selbdritt, die als Mutter der Maria gleich zwei Kinder, den kleinen Jesus und Maria als kleines Mädchen auf dem Arm hält. Auch hier begegnen uns wieder die Themen Mutterschaft und Geburt.
Aus drei mal drei Kirchen ergibt sich die Zahl Neun der universellen Mutter, der dreigestaltigen Göttin. Es handelt sich um die weiße Göttin der Ganzheit, um die rote Göttin der Schöpfung und die schwarze Göttin der Wandlung, von denen jede alle drei Aspekte beinhaltet, also drei mal drei.
Prozesse der Annäherung
Ein weiteres Merkmal, dass es sich hier um eine sakrale Landschaft handelt, hat uns der Mittagberg vermittelt, der über den Zusammenschluss der drei Täler wacht. An der Vorderseite des Berges gibt es eine steile, enge Schlucht, das so genannte Teufelsloch. Solche negativen Namen deuten oft auf tabuierte Bereiche hin, die nicht betreten werden sollten. In unserer Wahrnehmung deuteten wir das Teufelsloch als einen Zugang zur Gralsburg. Wenn ich das Motiv der Gralsburg aus dem mittelalterlichen Epos vom heiligen Gral in heutige Wort zu kleiden versuche, handelt es sich bei dieser Burg um eine ätherische Formation, die durch hoch entwickelte Menschenseelen bewohnt wird, die über die Entwicklung unserer irdischen Welt wachen. Aus dem “Parzival”, dem Gralsepos, geht klar hervor, dass es sich bei der Gralsburg um kein physisch vorhandenes Gebäude handelt, sonst würde sie nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden und wieder erscheinen können. Die “Burg” befindet sich also in einer anderen Wirklichkeit, allerdings in einer ganz nah an der materiellen Ebene befindlichen Dimension, häufig spricht man hier von der ätherischen Dimension. Das Epos berichtet im Grunde davon, dass in einer solchen “Burg” diejenigen Seelen der Verstorbenen, die sich verpflichtet haben, der Menschheit bei ihrem Ringen nach Wahrheit und nach Frieden zu Seite zu stehen, zusammengeführt werden. Im Gralsepos wird ausdrücklich gesagt, dass ihre Aufgabe auch darin besteht, die besonders wichtigen Seelen der zukünftigen Kinder an ihren vorgesehenen Platz hinzuführen, damit sie später als Erwachsene die Entwicklung der Menschheit beschleunigen können.
Worüber wacht nun die ätherische Gralsburg am Teufelsloch im Oberallgäu? Während unserer geomantischen Untersuchungen gewannen wir mehr und mehr den Eindruck, dass wir es in dieser Landschaft mit vorgeburtlichen Prozessen zu tun hatten, als wache die Gralsburg über die Verkörperung der Menschenseelen, die sich in den drei Tälern vollziehen. Eine solche Vorstellung mag für einen modernen Menschen abenteuerlich klingen, aber es ist keine an den Haaren herbeigezogene Idee, sondern sie hat sehr alte Wurzeln. Alte Mythen verbinden oft sakrale Orte in der Landschaft mit dem Thema der Geburt. Bekannt ist z.B. der Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meissner in der Nähe von Kassel. Man erzählt, dass die Frau Holle aus diesem Teich Kinderseelen holt, um sie den schwangeren Frauen zu bringen. Es gibt unzählige Geschichten dieser Art, die darauf hindeuten, dass Menschen früher eine gewisse Wahrnehmung von seelischen Prozessen, die vor der physischen Schwangerschaft stattfinden, gehabt haben. Heute erleben sensitive Menschen zunehmend bewusst die komplizierte Annäherung der sich inkarnierenden Seele an die Welt der Materie, die wohl erst in den frühen Stadien der Schwangerschaft zum Abschluss kommt, nachdem die Seele so weit angekommen ist, dass sie in den Fötus “hineinschleichen” kann.
Ajra Miska, meine Tochter und Autorin des Buches “Von der Ewigkeit berührt”, hat in einem anderen, nur auf slowenisch erschienenen Buch das Herannahen ihres Sohnes Matija beschrieben, der im Jahr 1995 geboren wurde. Sie unterscheidet drei Phasen, welche die sich inkarnierende Seele durchläuft, bevor es zu der physischen Schwangerschaft kommen kann die geistige, emotionale und energetische Zeugung. Die zwischen den drei Phasen gelegenen Perioden können Jahre dauern.
Für mich liegt die Vorstellung ganz nah, dass die Menschenseele, bevor sie im Schoß der Mutter angelangt ist, eine gewisse Zeit im Mutterleib einer gewissen Landschaft durchlebt, die dazu geeignet ist, solche Prozesse zustande zu bringen. Das Oberallgäu könnte auf der geistig-seelischen Ebene ein solcher Mutterleib der Erde sein. Aus geomantischer Sicht betrachten wir den Körper des Menschen und den Körper der Landschaft als zwei parallele und eng verwandte Räume. Also müsste es auch in der Landschaft so etwas geben wie den Mutterleib bei einer Frau. Naheliegenderweise wären dies gut geschützte Landschaften wie die engen Alpentäler des Oberallgäu.
Seelenwege durch drei Täler
Der Prozess der Annäherung an die materielle Welt beginnt am kreisrunden Freibergsee unter dem pyramidenartigen Himmelsschrofen. Der See wie der Berg vermitteln eine besonders sakrale Atmo-sphäre, die auf das Geheimnis des sich immer wieder erneuernden Lebens hinweist. Zwischen Berg und See spürten wir ein “ätherisches Portal” für die absteigenden Seelen.
Etwas weiter, da, wo die drei Kirchen des Oberstdorfer St. Loretto stehen, begegnen die Seelen dem Urbild des vollkommenen Menschen. In meiner Wahrnehmung erschien es so, als sei das Urbild der so genannte Adam Kadmos in der ätherischen Dimension des Ortes codiert, so dass es von den Seelen als Inspiration für ihre zukünftige Inkarnation wahrgenommen wird. Die Schöllanger Burgkirche auf dem Burgberg-Rücken steht für die nächste Stufe, bei der die Seelen in die Geheimnisse des irdischen Weges eingeweiht werden. Über dem Plateau des Sonthofener Burghügels nehmen sie den ersten Kontakt mit vitalen Kräften auf. So könnte man unsere Deutung der vier sakralen Orte im oberen Iller-Tal zusammenfassen.
Der fünfte Ort in dieser Reihe wäre der Rauhenzeller Hügel mit den erwähnten drei Kirchen. Ein Traum hat mir geholfen, seine Rolle zu verstehen. Ich sah mitten im Berg einen wilden Reigen. Kleine Kinder saßen huckepack auf dem Rücken verschiedener Tiere. Als Repräsentanten der menschlichen Seele freuten sich die Kinder außerordentlich darüber, mit ihren irdischen Urbildern (dargestellt durch die Tiere) wieder vereint zu werden.
Der Mensch ist ja in der Tat eine kuriose Mischung aus Geist und dem elementaren Selbst, aus Geist- und Tierkörper. Also könnte man sich vorstellen, dass durch die verschiedenen Stationen des zweiten Tales die irdischen Elemente des sich inkarnierenden Menschen vorbereitet werden. Es beginnt am Staufnerberg, wo die Urbilder des Tierkreises verankert sind. Sie stellen die verschiedenen Urmuster des irdischen Lebens dar, durch welche die Charakteristik des zukünftigen Lebens einer bestimmten Seele geflochten wird. Es folgt der kreisrunde Teufelssee, der das Portal für den elementaren Aspekt des Menschen darstellt. Der nächste Ort, der Wallfahrtsort Bühl mit den drei Kirchen über dem Alpsee wäre dann der Ort, wo die Seele sich mit ihrer vergangenen Erdgeschichte verbindet und ihre positive bzw. negative Hinterlassenschaft an sich nimmt.
Die Achse führt weiter in Richtung Immenstadt, wo unsere Studiengruppe den Eindruck gewann, dass sich hier früher ein Orakel befunden hat. Wir stießen zufällig auf diese Erinnerung, als wir das Yin-Zentrum des Ortes untersuchten, das sich mitten im Fluss Ach in der Nähe der alten Mühle befindet. Beim Orakellesen hat man vermutlich die Wellenbildungen des Flusses beobachtet.
Durch den elementaren Arm des Seelenweges sind wir wieder in Rauhenzell angelangt, wo sich der elementare mit dem geistigen Arm vereint. Nun ist der Keim des zukünftigen Menschen vorbereitet. Über den Ort der Vereinigung der beiden komplementären Seelenwege walten zwei heilige Berge, der Mittagberg mit der ätherischen Gralsburg und der Grünten, der heilige Berg der schwarzen Madonna, die die Menschen durch ihre Verkörperung begleitet.
In der Geomantie spricht man oft von Seelenwegen. In meiner Vorstellung handelt es sich dabei um eine Art ätherische Tunnel, durch die sich die Seelen der zur Zeit nicht verkörperten Menschen entlang der irdischen Landschaften bewegen, vielleicht, um sich bestimmten heiligen Orten zu nähern, weil diese wichtig für ihre innere Entwicklung sind. Vielleicht bewegen sie sich entlang des Seelenwegs auch in der Richtung ihrer Verkörperung. Bei einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela habe ich z.B. bemerkt, dass in der Schicht über dem landschaftlichen Pilgerweg auch ein Seelenweg nach Compostela führt.
Von Rauhenzell führt der nun vereinte Seelenweg über den Rücken “auf dem Falken” Richtung Oy-Mittelberg. Die Menschenseele ist nun bereit, sich mit dem Embryo zu vereinen, der im Bauch der auserwählten Mutter vorbereitet wird. Der weite Mutterleib der Landschaft wird von nun an gegen die Enge des mütterlichen Bauches getauscht. Ein Kind wird geboren, vielleicht irgendwo weit entfernt vom Allgäu.