Das gantze Eyland ein paradis

von Hartmut Solmsdorf erschienen in Hagia Chora 20/2005

"Das gantze Eyland mus ein paradis werden!" - das berühmte Zitat von Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-79), Stadtplaner und Geomant sowie Statthalter des Großen Kurfürsten in Kleve, Berlin und Potsdam, war für eine Potsdamer

Potsdam, die Landeshauptstadt Brandenburgs, ist umgeben von einer rund 300 Jahre alten Kulturlandschaft mit der größten Dichte an Schlössern und Parkanlagen in Deutschland. Zwischen Wannsee und Werder, Fahrland und Ferch erstreckt sich das größte Weltkulturerbe-gebiet der UNESCO. Jährlich kommen sechs Millionen Besucher nach Sanssouci oder Babelsberg, verzückt durch den einzigartigen harmonischen Zusammenklang von Natur und Kultur. Das Gehen und Schauen in der Landschaft wirkt erholsam und ausgleichend. Es scheint, ein Urmuster in unserer Seele wird hier berührt, das durch diese Landschaft in idealer Weise verkörpert wird. Es ist das "preußische Arkadien" als Abbild einer idealen Landschaft, inspiriert von Italien und Griechenland, aufleuchtend in einer durch die Eiszeit geformten Landschaft, Bild einer besseren und schöneren Welt. Zugleich ist Potsdam eine Stadt, in der Menschen tagtäglich leben und arbeiten, eine Stadt, die von derzeitigen Entwicklungsproblemen genauso betroffen ist wie andere Kommunen auch. Kann die Entwicklungsplanung der Stadt aus der anhaltenden Erfolgsgeschichte der Kulturlandschaft, in deren Herzen sie liegt, noch mehr lernen? Wie wäre es, wenn die Bewohner ihre Stadt noch mehr achten und wertschätzen lernten und dadurch bisher brachliegende Ressourcen nutzten? Unsere Arbeitsgruppe möchte aus einer geomantisch erweiterten Perspektive dazu einige Anregungen geben. Wir möchten auch im Zusammenhang mit der Bewerbung Potsdams als "Kulturhauptstadt Europas 2010" Mut machen, neue Wege zu wagen und die Verwaltung unseres Erbes mit neuen Ideen zu beleben. Manches, was im Verborgenen aus der Vergangenheit fortwirkt und tragfähig ist, erzählen wir für den Ort neu.

Arbeitsmethoden

In unserer Arbeitsgruppe bringen wir Wissen um die Geschichte des Ortes, um aktuelle kommunalpolitische Diskussionen und Befindlichkeiten der Menschen mit landschaftsplanerischen und geomantischen Sichtweisen zusammen. Denn die ästhetische Wirkung einer Landschaft erschließt sich aus der kulturgeschichtlichen Bestandsaufnahme ihrer äußeren Bestandteile (Geologie, Botanik, Landschaftsgestaltung, Bebauung, Politik, Wirtschafts- und Sozialgeschichte) nur unvollständig. Es ist das atmosphärische Fluidum zwischen den Dingen, das die Seele berührt - eine unsichtbare, auch physikalisch nicht messbare und wägbare Größe, die sich dennoch an konkreten Orten so und nicht anders entfaltet. Sie erschließt sich durch die Möglichkeiten der Radiästhesie und Geomantie einer gewissen Analytik und wird dadurch planerischen Überlegungen zugänglich. Dem Geheimnis der Einzigartigkeit eines Ortes, gewissermaßen seinem Schöpfungsauftrag, nähert sich die Geomantie auf der geistig-seelischen Ebene der Landschaft. Menschen sehnen sich nach Orten, an denen es leichter fällt, dem eigenen Auftrag näherzukommen, dem roten Faden des eigenen Lebens folgen zu können. Im Idealfall bewohnen Menschen den Ort, mit dessen Einzigartigkeit sie in Resonanz stehen, und bringen durch eine entsprechende Gestaltung des Ortes die beiderseitige Entwicklung voran. Aus den Folgen unharmonischer Gestaltungen ergibt sich der therapeutische Auftrag der Geomantie, der Bewohnern und Orten gleichermaßen Entwicklungsmöglichkeiten erschließen kann. Diese Sichtweise öffnet sich aus einer tief gefühlten Liebe für die Erde: Die Erde wird als beseelt und durchgeistigt erfahren. Es wird nach einiger Übung möglich, ihr im Gespräch zu begegnen. Auch die Ebene der energetischen Strukturen eines Ortes erschließt sich durch geduldiges Üben und Fragen. Hier wie dort sind die Forschungen Marko Pogaÿcniks für uns richtungsweisend. Er und andere kreative Geomanten haben Vorstellungen von geomantischen Systemen entwickelt sowie Möglichkeiten aufgezeigt, diese in der Landschaft auch aufzufinden. Auch wenn wir im Folgenden von einzelnen konkreten Orten sprechen, geht es uns letztlich doch immer darum, das landschaftliche System als Einheit zu begreifen und die uns und diese Einheit heute bewegenden Themen zu finden. Weitere wichtige Einzelorte und -themen und weitere geomantische Systeme gibt es bei der Fülle der Lebensbezüge ohnehin, und der eine oder andere Geomant wird sicherlich auch zu anderen sinnvollen Zuordnungen kommen. Unterschiedliche Sichtweisen und Methoden können aber einander nur bereichern.
Methodisch ergänzend haben wir die entsprechenden räumlichen Strukturen radiästhetisch nach der von Reinhard Schneider entwickelten Grifflängenmethode gemutet und dokumentiert. Es wurde dabei ausschließlich mit der Kunststoffrute KR5O gearbeitet. Als Arbeitsgrifflänge für Leylines wurde der von Schneider angegebene Lecherantennenwert 7.1 verwendet, für geomantische Zonen kamen die Grifflängen nach Hensch zur Anwendung. Hypothesen über Orte und räumliche Zusammenhänge geomantischer Systeme wurden häufig kartenradiästhetisch gewonnen und jeweils vor Ort überprüft. Als drittes methodisches Verfahren ermittelten wir die räumlichen Bezüge vorhandener oder untergegangener Bebauungen, Sichtachsen und Weganlagen. Durch die Kombination aller Verfahren erschloss sich uns das Gefüge geomantischer Systeme und Bezüge der Stadtlandschaft schrittweise und zunehmend im Zusammenhang. So führte uns gelegentlich das Heimspiel mit dem Lineal beim Verlängern von Straßen- oder Parkachsen auf dem Stadtplan zu wichtigen Einzelorten, deren Bedeutung aber nur in der vertieften Wahrnehmung vor Ort aufleuchten konnte. Umgekehrt führten beispielsweise bei der Begehung gemutete Leylinien wiederum zu anderen wichtigen Bezugspunkten, auf die wir weder meditativ fragend noch kartenradiästhetisch spürend gekommen wären. Klassisch englisches Ley-Hunting kann immer noch an Orte und auf sehr alte Bezugsebenen führen, von denen keine heutige Karte weiß. Wesentlicher Ausgangspunkt allen Fragens aber war das liebevolle Interesse an der Ganzheit von Ort und Landschaft.

Grundthemen Potsdams heute

In einer Gruppenmeditation von einer Potsdamer Privatwohnung aus versuchten wir, die Stadt als ein Wesen zu visualisieren, mit dem man wie mit einem menschlichen Wesen ein Gespräch führen kann - ein Gespräch mit der Seele der Stadt. Es schien uns, als sei sie verwundert und beängstigt darüber, dass die Einwohner einer Stadt, die so viele schöpferische Geister hervorgebracht und beherbergt hat, heute so wenig Vertrauen in diese weiter vorhandene Stärke haben und stattdessen bereit sind, immer neue Wunden in Form von Einkaufszentren oder Gewerbegebieten in ihren Stadtorganismus zu schlagen. Wie wäre es denn, zu erproben, ob man auch mit den vorhandenen Ressourcen satt werden kann - ohne dass man sich Wunden schlagen muss?
Als Beispiel für eine Schwächung der Quellen des Schöpferischen und der Lebenskraft des Stadtleibs erschien dann imaginativ ein plumpes, wie aufgeblasen wirkendes Küken, das einen Königsmantel trug: Potsdam und das Königtum heute! Die Schlösser und Gärten werden zwar gerne atmosphärisch im Windschatten einer scheinbar größeren Vergangenheit genossen, doch an dem geistigen Kern des Königtums, der vielleicht in den überlieferten Märchen am klarsten leuchtet, wird nicht weitergearbeitet. Heute, in demokratischen Verhältnissen, würde das bedeuten, dass eben nicht ein König, sondern viele Menschen sich öffnen für die Weisheit der Sterne, die auf der Erde Gestalt annehmen möchte, ohne die Freiheit des Menschen einzuengen. Es wurde eine zwölfteilige ätherische Krone sichtbar, die hoch über der Stadt schwebt. Von den Bewohnern in diesem demokratischen Sinn ergriffen, würde sie sich herabsenken und eine schützende Sphäre über der Stadt bilden, die durch ein entsprechendes zwölfstrahliges System zur Einbindung des Stadtorganismus in die umgebende Landschaft zu ergänzen wäre. Denn, das zeigte sich auch bei den weiteren Untersuchungen: Die Stadt und ihre Bewohner sind weder zum Kosmos hin ausreichend geöffnet noch ausreichend geerdet. Das hat wiederum gerade mit der bewunderten Schönheit der Schlösser und Gärten zu tun: Sie zeigen bisweilen eine etwas zu schöne und kalte Brillanz, die man auch als luziferisch bezeichnen könnte. Sie ist nicht gefährlich, verlangt aber Wachsamkeit, weil sie den Blick von der Erde abkoppeln kann und den Himmel gleich mit überstrahlt. Anders gesagt: Schildkröten, Schweine oder Schlangen als Verkörperung der Erdkräfte neben Schlössern und ausgesuchten Gehölzen schön zu finden, gelingt eben nicht jedem auf Anhieb. Stadt und Land, Himmel und Erde mehr miteinander zu verbinden, würde eine Form der gegenseitigen Ernährung ermöglichen, die vielleicht auf zunächst unerwartete Weise auch alle satt machen könnte. Historisch gesehen, so fanden wir später heraus, könnte man den schrittweisen Verlust der Bodenhaftung Potsdams wie folgt skizzieren: Abbruch der alten gotischen Marktkirche St. Katharinen/St. Marien im frühen 18. Jahrhundert, Ersatz durch einen Zentralbau (St. Nikolai), später Umbaupläne der Kirche durch Schinkel. Nach Vorbild der St. Paul’s Cathedral in London entwirft er 1825 eine Kuppel, die 1843/49 realisiert wird. Sie wird exakt in die verlängerte Mittelachse des Schlosses platziert. Vom Lustgarten und bald auch von der Stadtbahn aus gesehen wirkt sie nun so, als krönte sie das Schloss - ein virtueller Effekt, ein Schweben, das sich der Wirklichkeit zu entziehen beginnt. Ein weiterer Aspekt des Potsdamer Erdungsproblems ergibt sich aus den dortigen Wissenschaftsstandorten. Dabei wird gerade in und um Potsdam viel über die Erde geforscht. Auf dem Telegraphenberg verfügt die Stadt über eine Fülle bedeutender Institute der Geowissenschaften und historisch wichtiger Standorte der Astronomie. Außerdem befindet sich auf der Rückseite des Bergs, in Bergholz-Rehbrücke, der Sitz des Deutschen Intituts für Ernährungsforschung. Das Hahn-Meitner-Institut in Berlin-Wannsee mit seinem Kernreaktor gehört - wie wir später her-ausfanden, als vitalenergetischer Ausatmungspunkt - auch noch zum Potsdamer Landschaftsraum. Geomantisch gesehen, besteht an diesen Orten das Problem, dass bei den dortigen Forschungen entscheidende Wirklichkeitsschichten der Erde nicht berücksichtigt werden. Dass dies ein wichtiges Thema für die gesamte Stadt ist, erfuhren wir durch eine vertiefte Wahrnehmung am westlichen Endpunkt der Hauptallee von Sanssouci (Kuhfortdamm). Um das volle Potenzial der vorhandenen Forschung zu erschließen, die ja auch mit geistiger Größe und daher auch mit dem Genius der Stadt zu tun hat, sollten auch die energetischen und die seelisch-geistigen Aspekte von Mensch, Himmel und Erde erforscht und Brücken zu den konventionellen Wissenschaften geschlagen werden. Nach Peter Dawkins würde man den Endpunkt der Hauptallee, an dem wiederum solche Einsichten über das Ganze möglich waren, als Basis-Chakra der Allee und damit einer wichtigen Hauptachse der Stadt verstehen können, nach Pogaÿcnik auch als einen Generalakupunkturpunkt des Stadtorganismus.

Blockaden und Verwerfungen

Als nächstes untersuchten wir die größeren menschengemachten Blocka-den in den Lebenssystemen des Ortes, die wir räumlich eingrenzen konnten. Wenn man sich redlich bemüht, die jeweilige Blockade zu verstehen, kann der Blick auf die blockierten Stärken und Fähigkeiten des Ortes frei werden. Denn Blockaden lagern sich erfahrungsgemäß nicht irgendwo, sondern bei den zentralen Orten an. Sie unterstreichen damit ihr Recht, beachtet und gelöst zu werden - eine Logik des Ausgleichs, die auch topographisch wirkt. Wie findet man nun solche Blockaden? Manche Geomanten spüren sie direkt, andere lassen sich von einem innneren Führer, einem "Erdheilungsengel" leiten. Hier ein aus der Radiästhesie entwickeltes Verfahren: Reinhard Schneider empfahl, zu Beginn einer radiästhetischen Wohnungsuntersuchung von der ungefähren Mitte der Wohnung aus mit einer Grifflänge für mentale Arbeit die vorhandenen Störzonen anzupeilen. Diese Methode ist auf größere Orte übertragbar, auch kartenradiästhetisch. Je nachdem, wie legitim und ernsthaft man fragt und wie gut man vorbereitet ist, wird man dann die Blockaden auffinden, die einem im Moment zugänglich sind. Nach Erfahrungen von Gregor Arzt grenzen sich Blockadebereiche im energetischen und astralen Bereich radiästhetisch gesehen von der Umgebung durch Störzonen ab, die mit dem Lecherantennenwert 8.65 (Verwerfung) gemutet werden können. Die Strahlungsbündel entsprechen im Rhythmus denen geologischer Verwerfungen, die Zonen solcher "Pseudoverwerfungen" sind aber rund oder können auch symbolische Formen annehmen. Im meditativen Dialog mit dem Ort fragten wir, was die symbolische Form der Zone bedeutet. Es ist nützlich, sie vor Beginn des Dialogs zu skizzieren, denn manchmal ist sie danach bereits gelöst oder verändert. Linear verlaufende Strahlungsbündel weisen auf Parallelen zu gestörten Leylinien hin. Sie werden schon bei Wohnungsuntersuchungen oft mit Verwerfungen verwechselt und sind, richtig interpretiert, wichtige Hinweise auf Störungen, die mit der Geomantie des Umfelds der Wohnung zusammenhängen. Bei Untersuchungen größerer räumlicher Zusammenhänge können sie von der Detailebene auf bisher übersehene größere räumliche Vernetzungen verweisen.

Yin und Yang, König und Königin

Wir begannen nun mit einem kartenradiästhetisch als Störzone 1 gemuteten Bereich bei der evangelischen Kirche auf der Halbinsel Hermannswerder südöstlich des Stadtzentrums. Radiästhetisch fand sich nordöstlich der Kirche auf der Fahrstraße eine schlangenlinienförmige Pseudoverwerfungszone, begleitet durch auffällige Geschwüre an den Stämmen der nächstgelegenen Straßenbäume in Kniehöhe. Eine Leylinie durchquert den Ort, eine weitere geht von ihm aus. Beim Hineinspüren in den Ort erschien imaginativ ein hochgewölbter Frauenschuh mit Stöckelabsatz, auch vorne sehr spitz, so dass er nur ganz hinten und ganz vorne knapp die Erde berührte. Der Schuh wölbte sich mittig weiter hoch wie eine Rundbogenbrücke, so dass das, was vorne und hinten auf dem Schuh lastete, unweigerlich nach vorne und nach hinten wegkippte - kein Schuh mehr, auf dem man stehen oder gar gehen könnte. Schließlich wurde der Schuh rund wie ein Autoreifen. Das Thema der Störung wurde intuitiv greifbar: Wir, auch die Männer, gehen nicht mehr. Wir fahren Auto. Insbesondere das Gehen der Frauen fehlt hier. Wir verbinden die heiligen Orte des Stadtorganismus nicht mehr durch kultisches Gehen miteinander. "Geht es auch um das heutige Frauenbild?" fragten wir. "Nein," antwortet der Ort. "Es geht um die Königin." Als der Fragende diesen Gedanken wahrnahm, hörte das Gefühl von einem Kippeln in den eigenen Füßen auf. Stattdessen entstand ein beruhigter, nach vorne-oben hinstrebender Rhythmus in den Füßen. Der ganze Körper schwang auf beiden Füßen vor und zurück, so dass die Fersen leicht abhoben, wenn die Ballen ihn hochdrückten, jedoch sicher im Gleichgewicht. Es ist dies ein zuversichtlich-freudiges, zupackendes Wippen, bewegt von der ganzen Kraft der Liebe einer Frau, die den Geliebten auf den Mund küssen möchte, den Geliebten, der vor ihr steht, ein wenig größer als sie. Sie wippt aus ihrem eigenen Impuls, aus einem festen Herzen und einem festen eigenen Stand - die Königin. Diesen Ort empfanden wir als die Quelle der weiblichen Vitalkräfte Potsdams, als Yin-Zentrum. Vielleicht hätten wir diesen Ort auch ohne diese Mühen kartenradiästhetisch auffinden und bestimmen können. Aber dann hätten wir bloß einen Punkt auf einer vorgegebenen Checkliste abgehakt, kein tieferes Verständnis für das System im allgemeinen gewonnen und keine eigene authentische Erfahrung mit dem Eigenen dieses konkreten Orts gemacht, auch kein weiteres Wissen in Bezug auf die übergreifende Thematik Potsdams gewonnen: das esoterische, zu erdende und zu demokratisierende Königtum. Zu dem Yin-Punkt muss es einen entsprechenden Yang-Punkt im Stadtorganismus geben, das Zentrum der männlichen vitalenergetischen Kräfte. Die vom Yin-Punkt ausgehende Leylinie führt uns zu einem Punkt "In den Wällen" nördlich des Stadtzentrums auf dem Bornstedter Feld, in einem Gebiet gelegen, das etwa 300 Jahre lang bis 1989 durchgehend als Truppenübungsplatz genutzt wurde - männlicher kann es wohl kaum sein. Entsprechend komplementär sind die Nutzungen auf Hermannswerder: weitgehend soziale Einrichtungen, z.B. die weitläufigen Institutionen der Hoffbauer-Stiftung und die Geschäftsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Interessanterweise befindet sich der annähernd mittig zwischen den beiden Orten liegende Yin-Yang-Ausgleichspunkt bzw. Neutralpunkt direkt am großen Potsdamer Obelisken, der zugleich das östliche Ende der Hauptallee von Sanssouci markiert. In seiner Nähe fanden wir auch das sternförmige vitalenergetische Zentrum der Stadt. So erhält der Obelisk auch den Charakter eines Omphalos, eines Nabels, genau am Übergang zwischen kompakter Bebauung und Parklandschaft gelegen. Dieses Übergängliche und zugleich Zentrale dürfte spezifisch für Potsdam sein: ein eigentlich recht kleiner bebauter Kern in einer sehr weitreichend auf ihn bezogenen und gestalteten Landschaft. Das Zusammentreffen zweier wichtiger ätherischer Organe mit der auch die gesamte Stadtlandschaft prägenden Hauptallee veranlasste uns, noch genauer die historische Stadt- und Landschaftsplanung zu betrachten. Dabei fiel uns z.B. auf, dass sich auf der nördlichen Verlängerung der Mittelachse des ehemaligen Stadtschlosses exakt folgende Gebäude aufreihen: St. Nikolai - Hauptpost und ehemalige Synagoge - Französische Kirche - Eiskeller-Pyramide. Und es ergaben sich noch weitere Zusammenhänge.

Der spirituelle Garten - das Paradies

Als an Orten wie Cluny, Chartres oder Köln im Mittelalter bereits europäische Hochkultur blühte, baute man im Raum Potsdam noch mit Palisaden und Stampferde. Bis um 1600 bestand der Ort aus einer mittelalterlichen Burg und einigen Fischerhütten. Umso erstaunlicher ist die nachfolgende rasche Entwicklung Potsdams zur Hauptstadt der europäischen Großmacht Preußen. Vielleicht war Johann Moritz von Nassau-Siegen (1604-79), Statthalter der preußischen Rheinlande, der erste, der das Potenzial der Gegend spürte. Vielleicht war er auch nur nach einer sehr langen Zeit wieder der erste. Jedenfalls forderte er nach einem Aufenthalt in Potsdam 1664 begeistert von seinem Dienstherrn, dem Großen Kurfürsten: "Das gantze Eyland mus ein paradis werden!", sich dabei auf die fast inselhafte Lage Potsdams zwischen den Havelseen beziehend. Aus heutiger Sicht könnte man Johann Moritz auch als einen geomantisch geschulten Stadt- und Regionalplaner bezeichnen, wüsste man mehr über die Geschichte bewusst angewandter geomantischer Verfahren. Gut erforscht ist zumindest, dass zuvor bereits die Landschaft bei Kleve am Niederrhein unter seinen Händen zu einer "Gral-Landschaft" , einer mythologischen Landschaft umgeformt worden war. Auch die Potsdamer Landschaft sollte nun eine "Sakral-Landschaft", eine heilige Landschaft werden. Es ging ihm und dem Großen Kurfürsten ebenso wie dem nachfolgenden ganzen Haus der Hohenzollern um die Gestaltung einer Vision: Die Schaffung eines "spirituellen Gartens - das Paradies" (vgl. dazu Brönnle S. 46 ff.).
Zunächst scheint es nicht viel zu sein, was Johann Moritz in Potsdam getan hat. Auf dem ältesten erhaltenen Plan der Stadt und ihrer Umgebung (siehe oben) sieht man zwei von der Stadt ausgehende schnurgerade Alleen, die ziemlich weit ins Umland führen. Die erste, "Allee gegen Pannenberg" genannt, verläuft auf der heutigen Breiten Straße und endet einige Kilometer weiter westlich am Ehrenpfortenberg, der früher Pannenberg hieß. Radiästhetisch gesehen, liegt im Bereich der Breiten Straße eine ebenso breite geomantische Zone vor, die in ihrer Verlängerung nach Westen hin auf der alten Route der heute nicht mehr vorhandenen Allee zum Ehrenpfortenberg führt. Kurz davor berührt sie die Kirche von Eiche, deren Entstehungsgeschichte eng mit dem preußischen Königshaus verbunden ist. In der Stadt endet die geomantische Zone am Südflügel des damaligen Vorgängerbaus des Stadtschlosses, dessen Standort archäologisch gesichert ist. Sie verlängert die Querachse des Schlosses. Die zweite Achse, auf dem alten Plan "Allee gegen Eichberg" genannt, entspringt der ersten in Höhe der heutigen Kreuzung Breite Straße/Lindenstraße, folgt dann der Lindenstraße und verlängert sie bis zum Pfingstberg (früher Eichberg genannt) und steht somit senkrecht zur ersten Achse. Damit ist sie wiederum parallel zur Hauptachse des Schlosses. Sind all diese Konstruktionen nichts weiter als der typisch barocke Drang, der Landschaft eine Geometrie überzustülpen? Immerhin wurde dieses Achsensystem des 17. Jahrhunderts dann auch zum Gerüst der barocken Stadterweiterung, also städtebaulich wirksam. Aber in der umgebenden Landschaft? Zunächst schien uns besonders der Ansatzpunkt der zweiten Allee ganz willkürlich zu sein. Doch als wir mehr auf die von der Achsenführung berührten Orte achteten, wurden wir zu dem grundlegenden sakralen System der Potsdamer Landschaft geführt.

Der Potsdamer Landschaftstempel

Die Allee gegen Eichberg führte uns zum Fokus der weißen Göttin, dem Aspekt der Ganzheitlichkeit und Entstehung innerhalb der dreiphasigen Mutter- bzw. Landschaftsgöttin. Er befindet sich neben dem Belvedere auf dem Pfingstberg. Der Ort ist nach unserer Wahrnehmung gestört, schon weil er unter der zwar optisch sehr ansprechenden und einen guten Rundumblick gewährenden, aber für den Berg zu großen Baumasse des Belvedere leidet. (Der Ort äußerte sich etwa so: "Diesem Elefanten, diesem klobigen Nilpferd mit seinen Turm-Trampelfüßen, dem versuche ich etwas unter den Hängebauch zu kommen, damit wenigstens etwas Platz entsteht für den jetzt ganz schwarzen Vogel, auf dem er ständig herumtrampelt .".) Rundblick und aristokratisches Hochgefühl sind hier auf Kosten von geistiger Anbindung der Erde realisiert - wieder eine Variante des Erdungsthemas. Im weiteren hängt diese Blockade auch mit der Russischen Kirche am Fuß des Bergs zusammen, vermutlich mit der in der Orthodoxie wurzelnden Ignoranz der Erdkräfte von Seiten der Kirche. Bemerkenswert auch der Jüdische Friedhof in unmittelbarer Nähe des Göttinnenfokus auf dem Berg. Bevor der Berg 1817 durch die Preußische Krone gekauft und in "Pfingstberg" umbenannt wurde, hieß er "Judenberg", vor 1743 "Eichberg". Wir vermuten, dass es sich hier um ein altslawisches Heiligtum mit Bezug auf den nahegelegenen "heiligen See" gehandelt hat. Somit dürfte die Unterdrückung bzw. Assimilierung von Religionen und Völkern in mehreren Zeitschichten Thema der Blockade hier sein, das wiederholte Besetzen des Ortes. Der Fokus der roten Göttin der Lebensfülle befindet sich am Ausgangspunkt der Allee gegen Pannenberg, am Alten Markt und ehemaligen Standort des Stadtschlosses, das zu DDR-Zeiten zugunsten übersichtlicher Straßenverkehrsflächen eingeebnet wurde (siehe Abbildung oben). Dieser Ort verlangt nach einer adäquaten Gestaltung, um wirksam sein zu können. Vielleicht ist es auch hier mehr als nur ein Symptom, dass eine Kommune, in der das Gefühl, nicht satt werden zu können, vorherrscht, den zentralen Ort der Lebensfülle lange hat verwahrlosen lassen. Verlängert man die Breite Straße nach Westen hin, der alten "Allee gegen Pannenberg" folgend, so gelangt man zum Neuen Palais. Dort, an dem Wasserbecken, das dem Südflügel des Schlosses vorgelagert ist, befindet sich nach unserer Wahrnehmung der Einatmungspunkt des Potsdamer Landschaftstempels, kurz bevor die vom Stadtschloss ausgehende Gerade die Hauptallee von Sanssouci schneidet. Die Breite Straße bzw. "Allee gegen Pannenberg" entpuppt sich als zentrale "Achse der Schöpfung" innerhalb des Landschaftstempels. Und durch die Hauptallee von Sanssouci sind der Landschaftstempel und das vitalenergetische System Potsdams miteinander verbunden. Auch der Einatmungspunkt ist verstopft. Das Thema ist wieder der Missbrauch der Macht, hier insbesondere durch das Königtum. Gefragt, wie der Punkt denn wahrnehmbar wäre, wenn er intakt wäre, ergab sich ein eigentümliches Bild: etwas wie ein großes, erwachendes Auge in der Erde, zuckend, bebend von dem, was von oben durch das Tor der Pupille hineingeht, bzw. von dem, was es da oben erspähen kann. - Darf man mit diesem Auge sehen? Die ganze Stirn des Fragenden, sein ganzer Kopf wird Auge und bebt. Die schwarze Göttin der Wandlung finden wir zunächst nicht mit Hilfe der beiden Johann-Moritzschen Achsen. Kalibriert durch die Kenntnis anderer Landschaftstempel, ermittelten wir den Standort kartenradiästhetisch und gelangten zu Villa und Park Karlshagen im Südwesten der Stadt. Die Villa, einst in jüdischem Besitz, verfällt, den Park hat sich die Natur inzwischen zurückerobert (siehe Abbildung folgende Seite). Wir fragten die Göttin, wie es ihr geht. Ein inneres Bild entstand: Ein tunnelförmig aufgewölbtes Dach wie aus Buchenrinde. Darinnen, dunkel, ein großes Auge ahnbar. Geh hinein! Drinnen kleine weiße Augäpfel, wie Champignons. Sie bersten auseinander. Die Pupillen fehlen. Die "Augen" zeigen die Lamellenseite des Pilzes. Die Retina in Auflösung. Ein Gefühl kommt auf, dass der Ort schweigt, aber sehr genau zuhört, was man ihm sagen möchte. Was würden wir hier wahrnehmen, wenn es dem Ort gut ginge? Mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der hier gehört wird, würde uns ihr Auge ansehen. Es würde uns genau anschauen, in aller Klarheit und mit Liebe und Mitgefühl, auf dass wir uns selbst erkennen könnten, alles sehen könnten, was an uns nicht stimmig ist, und alles, was stimmig ist. Und wie geht es ihr hier jetzt? Etwas hält sie hier gefangen. Sie lässt es mit sich geschehen. Sie wird versorgt durch die Menschen, die sich hier bewegen, besonders durch die Liebespaare. Sie weiß, es gibt Kräfte, die sie zerstören wollen. Aber das wird ihnen nicht gelingen.
Wahrscheinlich ist dieser ursprüngliche Ort der schwarzen Göttin innerhalb des aktuellen Landschaftstempels zur Zeit nicht aktiv. Der Ersatzstandort an der "Römerschanze", einem altslawischen Burgwall, erschließt sich wiederum durch Verlängerung der Allee gegen Eichberg weiter nach Norden hinaus bis zur anderen Seite des Sees.
Der Ausatmungspunkt des Landschaftstempels befindet sich in Babelsberg auf dem Goetheplatz neben der Kirche St. Antonius. Wir gingen an dem ersten richtig warmen Frühlingstag des Jahres 2004 dorthin, um zu sehen, "ob der Landschaftstempel wenigstens hier funktioniert", so als wäre dieser ein Mechanismus, der unabhängig von uns läuft. So erhielten wir wieder einmal eine Lektion: Der Ort zeigte sich als ein großes erfahrenes Auge, geöffnet. Da gibt es schon leichte Falten in der Haut, aber alles ist noch schön geformt und gespannt, wie bei einer Frau von vielleicht 55 Jahren. Das Auge wird von der Seite gesehen, ganz nahe und groß und auch nur in dem Bereich, wo Ober- und Unterlid zusammenkommen und der Augapfel sichtbar wird. Die Wölbung der Linse bzw. die Iris ist nicht sichtbar. In den Lidern auf dem ansonsten unbewegten Auge ist ein leichter Rhythmus erkennbar, ansatzweise ein Öffnen und Schließen der Lider, obwohl es geöffnet bleibt. Es ist ein geduldiges, erfahrenes, dabei aber nicht ungerührtes Sehen. Der Blick ist mit ungeteilter Aufmerksamkeit und voller Liebe auf etwas gerichtet. Das Zucken der Lider zeigt gleichsam seismographisch den Wechsel der anteilnehmenden Gefühle der Schauenden am Geschehen, vielleicht sogar ihre Hoffnung und ihren Schmerz. Das Auge der Göttin wirkt wie aus einem klassisch-griechischen Profil. Zugleich liegt sie auf dem Rücken. Der gesamte Bauch- und Unterleibsraum ist ein großes Wahrnehmungsorgan, ein großes Auge, das auch Gebärmutter ist für den Kosmos. Geht es Dir gut? Nein. Darf ich sehen, was Du siehst, was dir Kummer bereitet? Als Bild kommt eine Tulpe, die in der Luft schwebt. Der lange Stiel des Kelchs entspricht der langen Antriebsachse einer Motorsense, der Kelch dem Motorkopf: "Ihr versucht, euch die Arbeit an der Erde zu erleichtern, verderbt euch aber dabei den schönen Hüftschwung, verstopft euch Augen und Ohren, gerade an einem Tag wie heute, wo das Ganze wieder aufwachen und sich entfalten möchte. An einem Tag wie heute ist es noch schwerer zu ertragen, wie ungerührt Ihr in euren Fahrzeugen sitzt oder in den Büros, euren täglichen Besorgungen nachgeht, als hätte sich nichts verändert, als ginge euch das alles nichts an."

Auch wir waren mit dem Auto gekommen .

Landschaftstempel entstanden vermutlich durch das spirituelle Wirken der alteuropäischen matriarchalen Kulturen seit dem Neolithikum. Das Bild der dreiphasigen Erdgöttin wurde unter anderem durch die irisch-keltische Tradition bewahrt. Johann Moritz hat sich, ob bewusst oder nicht, auf diese sehr alten Wege bezogen, vor ihm wohl auch schon die Erbauer des ersten Schlosses. Durch Vernachlässigung oder schlicht Vergessen der Landschaftstempel wird die Landschaft entweiht, und ihre wie unsere Lebenskräfte werden geschwächt. Sie können erst wieder zur Blüte gelangen, wenn alle Bereiche des Landschaftstempels auf Grundlage der heute entwickelbaren Möglichkeiten unseres Bewusstseins wiederbelebt werden. Dies scheint aber heute viel mehr als früher vom Stand des Alltagsbewusstseins und seiner Wandlungsfähigkeit abhängig zu sein. Was alltäglich und gerade in den nicht von den jährlich sechs Millionen Menschen besuchten Bereichen der Stadt geschieht, ist mit-entscheidend für Glanz und Glück des Ganzen. Ein hohes männliches Wasserelementarwesen machte uns das auf seine Weise klar. Es war ein Nöck, dessen Fokus sich an der kanalisierten Nuthe befindet, einem Nebenfluss der Havel, früher einmal eine wunderschöne Auenlandschaft. Jetzt fließt sie irgendwo zwischen Gewerbegebieten und Kleingärten. "In diesem Zwangsbett fühle ich mich eingezwängt wie in einer Klosettschüssel", hörten wir das Flusswesen sprechen. "Ich bin traurig und ertrage alles geduldig. Es ist nicht zu fassen, wie ungehört, wie ungenutzt das Leben hier verrinnen kann - euer Leben! Früher war ein Fluss Schönheit und genügte dadurch. Heute genügt das den Menschen nicht. So werde ich mich noch weiter zurückziehen, ein Rinnsal werden, irgendwann wiederkommen. Ich werde immer da sein. Erzählt den Menschen von mir." "Aber die lachen uns doch aus." "Macht nichts. Irgendwann werden sie doch darauf kommen, dass ich das Leben bin."

Erdheilung, Stadtplanung und geomantische Spaziergänge

Wir haben viel darüber diskutiert, ob und wie Erdheilung in Potsdam möglich sein kann, insbesondere mit Blick auf das Thema der Konversion früherer Militärstandorte. Begleitend zum BUGA-Park auf dem Bornstedter Feld, auf dem man bis 1989 jahrhundertelang exerziert hatte, wurde ein Wohnpark errichtet, dessen Vermarktung aber nur sehr schleppend vorangeht. Auch die derzeitige Entwicklung des früheren Gaswerk- und Militärstandorts Schiffbauergasse zu einem "Zentrum für Kunst und Soziokultur", dem Kulturzentrum von Potsdam, steht möglicherweise unter einem weniger günstigen Stern. Es fand an beiden Standorten vor der Neubebauung keine Erdheilung statt. Die Zwischenlösung, der provisorische Theaterbau für das Hans-Otto-Theater neben dem Rathaus am Alten Markt steht demgegenüber, geomantisch gesehen, an einem viel günstigeren Standort und wird ohne Not aufgegeben. Ein berühmtes Beispiel gelungener Konversion ist der Bau des Münchener Olympia-stadions auf einem ehemaligen Militärgelände: Hier wurde der Geist des Ortes aufgenommen und mit einer Anlage besetzt, in der sportliche Wett-"Kämpfe" stattfinden. Wir fragten uns, ob einzelne Erdheilungsrituale jahrhundertelange tiefgreifende Prägungen eines Ortes heilen können, ob nachhaltigere Methoden entwickelt werden müssten und manche Standorte vielleicht zukünftig ganz freigehalten werden sollten.
Petra Junghähnel entwickelte ihre Idee von geführten "Geomantischen Spaziergängen" durch Potsdam während unserer gemeinsamen Arbeit weiter. Ziel ist es, ein größeres Verständnis und eine stärkere Sensibilisierung der Bevölkerung für die eigene Stadtlandschaft zu erreichen. Aus einem gewöhnlichen Spaziergang wird dann ein Erlebnis neuer Wahrnehmungsqualitäten. Einblicke in die Seele der Stadt verstärken die Identifikation mit dem Ort. Die Spaziergänger nehmen Kontakt mit dem Leib der Stadt auf und hören die geomantisch zum Teil neu und anders erzählten Geschichten des Ortes. Der geomantische Spaziergang ist ein Projekt der Initiative "Potsdam - Kulturhauptstadt Europas 2010" unter dem Dach des Unternehmerverbands Brandenburg e.V. und wurde von Petra Junghähnel damit bewusst in die Öffentlichkeit gestellt.
Gregor Arzt konkretisierte seine Vision von einer Geomantie als "Breitensport": allerorten Gruppen von Menschen, die aufmerksam und stolz die energetischen Eigenheiten ihres nächsten Wohnbereichs pflegen und im Austausch mit anderen Gruppen stehen, alltagszugewandt wie Taubenzüchter oder Briefmarkensammler, die einander neidlos an ihren Kostbarkeiten teilhaben lassen. Für Potsdam könnten solche Gruppen z.B. zusammen mit lokalen Gruppen aus dem Umland das dringend nötige System zur Einbindung des Stadtkörpers in die umgebende Landschaft inaugurieren. In diesem Zusammenhang liegt ihm eine angemessene Gestaltung des Erdungszentrums am Platz der Einheit besonders am Herzen. Auch scheint ihm der erwähnte westliche Endpunkt der Hauptallee von Sanssouci ein guter Standort für zukünftige geomantische Forschungen zur Erweiterung des akademischen Spektrums der Stadt zu sein: Erde und Kosmos bauen hier bereits selbst daran. Hartmut Solmsdorf präzisierte im Lauf unserer Arbeit seine Ideen zu einer geomantisch erweiterten Stadtplanung und entwickelte dazu konkrete Vorschläge für Potsdam: Wenn die individuellen energetischen Muster die Befindlichkeit der Bewohner eines Ortes beeinflussen, und zwar gleichgültig ob die Bewohner das für möglich halten oder nicht, müsste es doch eigentlich gar nicht so schwierig sein, einzusehen, dass es letztlich einfacher und preiswerter ist, mit der Natur zu arbeiten als gegen sie. Die alten Vorbehalte gegenüber der Geomantie, ob durch ihre Missbrauchsgeschichte z.B. in der NS-Zeit genährt oder diskreditiert durch das reduktionistische Denken aus den Wissenschaften - sie werden bei aller berechtigten Skepsis mittlerweile zum Hemmschuh der Entwicklung. Das Wissen um die Geomantie hat sich in den letzten Jahren ohnehin schon enorm verbreitet. Einige Städte und Gemeinden haben inzwischen den Wert geomantischer Untersuchungen erkannt und nutzen bewusst deren Ergebnisse für eine Verbesserung der Lebensqualität.
Ideal für die Zukunft wäre ein Fachplan "Geomantie", auf dessen Grundlage der Flächennutzungsplan und der Landschaftsrahmenplan erarbeitet würden. Dadurch ließen sich Fehlnutzungen und -entwicklungen, wie z.B. die Wohnbebauung auf dem Bornstedter Feld, vermeiden. Rückblickend wäre - im Gegensatz zu den angesiedelten sozialen Einrichtungen - die von Friedrich Wilhelm IV. auf Hermannswerder geplante gigantische Schlossanlage "Belriguardo" am Yin-Zentrum auch eine Fehlinvestition geworden. Welche Potenziale Potsdams Filetstück, die Speicherstadt, noch birgt, bedarf weiterer geomantischer Untersuchung. Hier könnten - auch nach dem bereits abgeschlossenen Ideenwettbewerb - noch Weichen für eine gelingende Stadtentwicklung gestellt werden. Insbesondere aber die öffentlichen Diskussionen um den Wiederaufbau des Stadtschlosses könnten aus geomantischer Perspektive an Klarheit gewinnen: Für den Empfang der Kräfte der roten Göttin der Lebensfülle sollte es unbedingt einen baulichen Resonanzkörper geben, doch sollte man sich genau überlegen, ob man diesen Körper - genutzt als Regierungssitz, Landtag oder Rathaus - durch ein wiederaufgebautes Schloss auf die wilhelminische Epoche einstimmt oder mit einer zeitgemäßeren und demokratischeren Architektur errichtet. Auf jeden Fall sollte er zusätzlich Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr beherbergen.

Geomantie als paradiesisches Nahrungsmittel

Die Sehnsucht nach dem und die Vision vom Paradies, jetzt, zur 400. Wiederkehr des Geburtstags von Johann Moritz von Nassau-Siegen, muss als Fernziel einer Stadt- und Landschaftsplanung auf geomantischer Grundlage erhalten bleiben. Nur eine derartige Herangehensweise stärkt die Lebenskraft von Potsdam und der Potsdamer Kulturlandschaft zum Wohle aller. Kann Geomantie dabei zu einem "Volksvermögen" werden, das heißt transparent, zugänglich, Gegenstand demokratischer Entscheidungsprozesse? Kann sie zu einer selbstverständlichen Lebenspraxis des vertieften Glücks, der vertieften Begegnung mit dem Leben werden, Gegenstand von Projektwochen z.B. schon in den neunten Klassen der Schulen? Kann sie ein gutes Nahrungsmittel sein? Zwar haben wir das Paradies verloren, können es aber wiedergewinnen, wenn wir versuchen, die umgebende Landschaft als Garten Eden, als elysisches Gefilde zu gestalten - wenn wir versuchen, selber Garten zu sein.