Utopie und Realität

Das alte Beijing wurde als ideale Hauptstadt geplant

von Andreas Gruschke , Astrid Zimmermann erschienen in Feng Shui Journal 7/2004

Das alte Beijing wurde als ideale Hauptstadt geplant Im Stadtentwurf von Beijing verbinden sich die alten Regeln des Feng Shui mit dem System kaiserlicher Machtausübung . Das traditionelle chinesische Weltbild sah den Kaiser als Zentrum der Welt an und manifestierte dies in der "Verbotenen Stadt ", die einen Mikrokosmos der himmlischen Ordnung darstellt.


Bis heute ist Beijing für viele Besucher das Tor zu China und erste Station einer Reise durch das Reich der Mitte. Die dynamische Millionenstadt vermittelt das Bild eines Landes, das unaufhaltsam den Weg in eine rasante Moderne eingeschlagen hat. Mehrspurige Straßen, verstopft mit Fahrzeugen und gesäumt von hoch aufstrebenden Hochhäusern, glitzernden Hotels und Einkaufszentren fallen jedem Besucher ins Auge, der vom Flughafen her in die Innenstadt fährt. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt mit ihrem Menschengewimmel wie ein moderner Moloch, der wild wuchert und seinen Bewohnern im wahrsten Sinn des Wortes langsam über den Kopf wächst. Erst auf den zweiten Blick sichtet der Reisende die Zeugnisse einer großen und langen Vergangenheit, die zu den Zeichen der Moderne in einem faszinierenden Kontrast stehen. Tatsächlich wurde die einst sorgfältig geplante Stadt nach den althergebrachten Regeln des Feng Shui und den jahrhundertealten Bau- und Anlageprinzipien des Idealmodells einer Hauptstadt angelegt. Wer genau hinschaut, erkennt noch immer die Grundzüge dieses alten "Stadtkosmos". Beijing ist mehr als nur die Kapitale eines Riesenreichs. Die chinesische Metropole ist das Bindeglied zwischen einer Vergangenheit, die ihre Bewohner bis heute nie ganz losgelassen hat, und einer Zukunft, die mehr und mehr Gestalt annimmt.

Beijings Gründung
Auch wenn das Gebiet von Beijing schon seit Jahrtausenden besiedelt ist und bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. erstmals Hauptstadt eines kleinen Reiches wurde, begann die Blütezeit der Stadt erst im 15. Jahrhundert. Damals beschloss der in Nanjing, der "Südlichen Hauptstadt", residierende dritte Kaiser der Ming-Dynastie (1368-1644), die Hauptstadt aus strategischen Gründen in den Norden des Riesenreichs zu verlegen und eine "Nördliche Hauptstadt" zu gründen: Beijing. Im Jahr 1368 war es den Chinesen endlich gelungen,die verhasste Fremdherrschaft der Mongolen zu beenden. Eine Restauration der chinesischen Kultur begann, in der die traditionellen Künste und die alten Philosophien zu neuer Blüte gelangten. Mit dem Yongle-Kaiser gelangte damals ein machtbewusster und visionärer Herrscher auf den Drachenthron, der sich in der Tradition einer langen chinesischen Geschichte sah und im Jahr 1403 selbstbewusst die Verlegung der Hauptstadt beschloss. Mit der Errichtung einer glorreichen Stadt sollte die Stärke der noch jungen Ming- Dynastie dokumentiert werden, und er ließ dazu Handwerker und Künstler aus dem ganzen Land kommen. Der Städtegründer sah sich als Erbe einer uralten Tradition, die durch ihn zu einem neuen Höhepunkt geführt werden sollte. Diese Traditionen äußerten sich vor allem in einer besonderen Herrschaftsauffassung, die sich direkt darin niederschlug, eine als ideale Hauptstadt vorgestellte Metropole anzulegen. Über die Jahrhunderte hinweg hatten die Chinesen einen Katalog von Prinzipien entwickelt, der als Grundlage für die Errichtung der bedeutenden kaiserlichen Städte Kaifeng, Luoyang und Chang’an (das heutige Xi’an) genommen wurde. Indem sich der Kaiser als Erbe und Bewahrer dieser idealisierten Vergangenheit präsentierte, festigte er seinen Machtanspruch über das Reich der Mitte. Die chinesische Kultur ist von Kontinuität und einem starken Traditionsbewusstsein geprägt. Bestimmte grundlegende Einstellungen und Prinzipien wurden bis heute überliefert und im Laufe der Geschichte stets aufs Neue umgesetzt. Dazu gehören insbesondere die Regeln der chinesischen Geomantie, des Feng Shui, die auf jedes Gebäude und jede architektonische Anlage angewendet wurden. In diesem ganzheitlichen Ansatz gelten die Menschen, die Natur und der Kosmos als untrennbar miteinander verwoben. Die irdische Welt wird im Chinesischen auch als Tianxia bezeichnet, was "alles unter dem Himmel" bedeutet. In der chinesischen Kosmologie soll nun dieses Tianxia die Ordnung und Gliederung des Himmels, des Makrokosmos, widerspiegeln. In den irdischen Mikrokosmos, der immer als Einheit behandelt wurde und durch geomantische Methoden vorteilhaft beeinflusst werden konnte, mussten sich die Menschen und ihr Herrscher einfügen. Der erwähnte Yongle-Kaiser, der sich als Nachfolger einer langen Reihe von durch den Himmel legitimierten Herrschern sah und als solcher bestimmte Riten erfüllen und einhalten musste, legte größten Wert darauf, dass seine neue Hauptstadt an einem vorteilhaften Ort errichtet wurde. Als Wohnort für den Sohn des Himmels würde sie zum Zentrum der zivilisierten Welt werden - Abbild eines geordneten Universums und Grundlage und der Mittelpunkt eines blühenden Reichs. Mit dem Umzug des Kaisers und seines Hofs nach Beijing im Jahr 1420 legte er endgültig den Grundstein für eine Stadtgeschichte, die bis heute fortgeschrieben wird. Die Umgebung der Stadt Zu Beginn musste der Standort, der sich an den Grundmauern der alten Mongolenhauptstadt Dadu orientierte, nach seinen Qualitäten beurteilt werden; auf dieser Grundlage wurden die Baupläne erstellt. Bevor der Kaiser die Bauarbeiten beginnen ließ, beauftragte er daher seine besten Geomanten, das Areal zu begutachten. Um dem rituell und kulturell wichtigen Ahnenkult Genüge zu tun, war es überaus wichtig, einen günstigen Ort in der Nähe zu finden, an dem die zukünftige Grabanlage der kaiserlichen Familie angelegt werden konnte. Schon seit Urzeiten war es in China üblich, eine Landschaft durch ihre Berge und Flüsse zu beschreiben, sie darüber zu definieren und einzugrenzen. Mittels Feng Shui liefern diese natürlichen Gegebenheiten das Vokabular, mit dem eine Umgebung erklärt und verstanden sowie zum Wohlergehen der Menschen beeinflusst werden kann. Eine genaue Kenntnis der Naturphänomene war auch für den Kaiser von Bedeutung, da er die Lage und den Verlauf der Berge und Flüsse dazu nutzte, seinen Machtbereich auszudrücken und zu bestimmen. Das Gebiet von Beijing liegt in einer eintönigen, flachen Ebene, die sich weit nach Süden bis hin zum Gelben Fluss ausdehnt. Sie wurde durch die Sedimente der Flüsse gebildet, die in südöstlicher Richtung aus den umrahmenden Bergen in den Golf von Bohai fließen. Diese Wasserläufe bewirken einen wohltuenden Energiefluss, der alle verhängnisvollen Einflüsse aus dem Land schwemmt und in den fernen Ozean trägt. Die Ebene breitet sich im Mittel auf nur 20 Metern Meereshöhe aus, und Beijing selbst liegt rund 30 Meter hoch. Im Westen, Norden und Nordosten der Stadt jedoch erheben sich die gezackten Bergzüge der Gebirge Yanshan und Taihangshan aus der großen chinesischen Tiefebene. Sie bilden eine eindrucksvolle Barriere, deren höchster Gipfel im Umfeld der Metropole, der Donglingshan, 2303 Meter in den Himmel ragt. Diese bizarren Gebirgsformationen schützen die Ebene und ihre Bewohner vor den kalten nördlichen Steppenwinden. Als die Luft noch nicht vom Smog der Industriebetriebe getrübt war, konnten die Bewohner Beijings an klaren Tagen die Gebirgszüge in der Ferne sehen. Was Beijing bis heute zu etwas Besonderem macht, ist, dass die Stadt nicht wie viele andere Hauptstädte am Meer, einem See oder an einem großen Fluss erbaut wurde. Es sind eher kleine Wasserläufe aus den Bergen, die hier in die Ebene strömen und stark mäandrieren. Sie sind schwer unter Kontrolle zu bekommen und verursachten daher immer wieder Überschwemmungen. Es gehörte folglich zu den wichtigsten Aufgaben des Kaisers, dieser Gefahr entgegenzuwirken und das Wasser zu bändigen. Die Menschen glaubten, dass Drachen und mächtige Geister die Flüsse und Seen kontrollierten und diese daher besänftigt bzw. bezwungen werden mussten. Davon berichtet auch eine alte Legende, der zufolge einst der junge Gott Nazha in diese Ebene kam und die Wasser zähmte, indem er eine hier wohnende Drachenfamilie gefangen setzte. Der Drachenkönig und seine Frau wurden von ihm in einen See verbannt und ihre Drachensöhne in die Berge gejagt. Es heißt, dass man die Umrisse des Gottes Nazha aus der Vogelperspektive noch lange im Stadtgebiet von Beijing erkennen konnte. Als der Yongle-Kaiser die zukünftige Hauptstadt erstmals besuchte, so wird erzählt, überreichte ihm der berühmte Astrologe und Geomant Liu Bowen ein versiegeltes Päckchen, das die Pläne für die Stadtanlage enthielt. Basierend auf dem Feng Shui wiesen sie jedem Körperteil des Gottes Nazha ein Gebäude oder einen Platz zu. Sein Herz sollte das "Mittagstor" (Wumen) sein, das der Eingang zur Verbotenen Stadt, dem Machtzentrum des Reichs der Mitte, sein würde. Seine Lunge befand sich auf dem Vorplatz des "Tors des Himmlischen Friedens" (Tian’anmen), durch das die Kaiserstadt, die für die Eingeweide steht, betreten wird. Das Tian’anmen führt hin zum Gehirn der Gottheit und weiter entlang der Zentralachse, die das Rückgrat verkörpert. Der Magen wurde symbolisiert durch die drei Seen im Stadtzentrum, den Zhonghai, Beihai und Nanhai. Die linke und rechte Brust des Nazha repräsentierten die Tore Dong’anmen und Xi’anmen, um welche sich die beiden wichtigsten Geschäftsviertel der Stadt ausbreiteten. In einer anderen Überlieferung wird erzählt, dass die Struktur von Beijing durch einen Drachen vorgegeben sei, wobei die Wälle der Stadt durch seinen Körper und die Tore durch seine Augen und seinen Mund gebildet werden. Tatsächlich wurde das frühe Beijing des 15. Jahrhunderts zuallererst über seine Mauern definiert. Sie legten die Fundamente der Stadt für die nächsten Jahrhunderte fest. Wie eng die Umwallungen und die Stadt miteinander verknüpft sind, zeigt sich am chinesischen Wort cheng, das sowohl Mauer als auch Stadt bedeutet. Die Stadtmauer grenzt, so die Auffassung im alten China, die zivilisierte Welt der Stadt von der Wildnis vor ihren Toren ab. Dadurch wirkt sie für ihre Bewohner identitäts- und kulturstiftend.

Grundriss und Stadtteile
Bereits unter den Ming-Herrschern wurde Beijing mit verschiedenen, streng voneinander abgegrenzten Stadtteilen geplant - eine Tendenz, die sich unter der nachfolgenden Qing-Dynastie (1644-1911) noch verstärkte. Schon vor der Zeitenwende war in China die rhombische Gliederung einer quadratischen bzw. rechteckigen Stadt mit fest definierten Stadtteilen Fang bzw. Stadtvierteln Li bekannt. Idealerweise sollte die Stadt auf der Zahl Drei, die als heilig gilt, bzw. der Neun basieren, welche die göttlichste aller Zahlen ist. Neun mal 500 Li (ein Li entspricht rund 500 Metern) im Geviert wurde in den alten Schriften als die ideale Grundfläche einer Stadt betrachtet. Sie sollte von neun Hauptstraßen, die von Norden nach Süden verlaufen, durchzogen sein, die von neun Querstraßen rechtwinklig geschnitten werden. Jede Hauptstraße hatte einen Weg von neun Wagenspurbreiten zu bieten. Auf jeder Seite sollte die Stadtmauer zudem drei Tore besitzen. Auch wenn wohl keine der chinesischen Städte diese Vorstellungen vollständig erfüllte, so finden sie sich doch in hohem Umfang im Grundriss von Beijing. Auf der einen Seite entsprach die quadratische Form symbolisch der chinesischen Vorstellung von der Gestalt der Erde. Auf der anderen Seite bot sie ein Ordnungsschema, durch das sich die Bevölkerung leicht erfassen und verwalten ließ. Als Entwurf einer idealen Stadt wurde Beijing genau nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet und mit einer zentralen Nord-Süd-Achse ausgestattet. Auf ihr oder an ihr entlang reihten sich die wichtigsten Gebäude auf. Im Idealfall sollten alle Gebäude und Baugruppen so angelegt sein, dass sie sich nach Süden hin öffneten und nach Norden hin geschützt waren. Im Herzen von Beijing lag und liegt die so genannte Verbotene Stadt, auch "die purpurfarbene verbotene Abgeschiedenheit" (Zijincheng) oder einfach Kaiserpalast (Huanggong) genannt. In ihr befanden sich die wichtigsten Regierungsund Repräsentationsgebäude sowie die Wohnungen der kaiserlichen Familie. Sie war der Drehund Angelpunkt des gesamten Reichs - das Zentrum dessen, was als "chinesische Zivilisation" (Zhonghua) verstanden wurde. Der Kaiserpalast gilt als Berührungspunkt zwischen dem Himmel und der von den Menschen bewohnten Erde. Der Haupteingang, das Wumen oder "Mittagstor", liegt genau im Süden und richtet den Blick auf die wichtigsten Gebäude. Drei Toreingänge öffnen sich nach Süden: Die Zahl Drei steht in China auch für das männliche Prinzip. Im Norden wurde mit dem Kohlehügel, eigentlich "Landschaftshügel" (jingshan) genannt, eine Erhebung aufgeschüttet, die mehrere Funktionen erfüllte. Nach den Lehren des Feng Shui schützt er die Verbotene Stadt vor schlechten Ein- flüssen. Außerdem markiert der Kohlehügel den geografischen Mittelpunkt der Zentralachse und liegt auf dem nördlichen Teil des ehemaligen Palastes der Yuan, der mongolischen Vorgängerdynastie, deren Weiterwirken er somit unterdrückt und ihr jegliche verbliebene Bedeutung nimmt. Umschlossen wird die Verbotene Stadt von der "Gelben Stadt", der Huangcheng. Sie wird auch als die Kaiserstadt oder Kaiserliche Stadt bezeichnet und war ebenfalls von einer gewaltigen Mauer umgeben, die sie von der übrigen Stadt trennte. In ihr befanden sich der kaiserliche Ahnentempel (Taimiao) sowie der Altar der Götter des Bodens und der Feldfrüchte (Shejitan), die für die Riten des Staatskultes eine wichtige Bedeutung hatten. Hier ließ der Yongle-Kaiser auch großzügige Parks anlegen, die den Bewohnern der beengten Verbotenen Stadt mehr Bewegungsfreiheit erlaubten. Die so genannte Nördliche oder Innere Stadt (Neicheng) umschloss die oben beschriebenen Kernbereiche. In ihr fanden sich weitere Tempelanlagen, die sechs Ministerien, die kaiserliche Akademie, Verwaltungsgebäude, Lagerhäuser und öffentliche Parkanlagen. Außerdem wurden hier in der Ming-Zeit die Villen der Wohlhabenden, Einflussreichen und der volljährig gewordenen Prinzen errichtet. Unter der Herrschaft der mandschurischen Qing (1644-1911) wurde die- ser Stadtteil von Europäern als "Tatarenstadt" bezeichnet, da er den Angehörigen der herrschenden Mandschus vorbehalten war. Die Chinesen mussten in der so genannten Chinesenstadt siedeln, die unter den Ming als Südliche bzw. Äußere Stadt (Waicheng) erbaut worden war. Schon immer als Wohnbereich für das einfache Volk konzipiert, lagert sich dieser Stadtteil rechteckig im Süden an die Innere Stadt an. Bis 1550 gab es in diesem eher dünn besiedelten Bereich noch landwirtschaftliche Felder. Erst nach und nach siedelten sich hier mehr Menschen an, und es entwickelte sich ein blühender Handel. Jeder Stadtteil war durch eine eigene, imposante Mauer mit gewaltigen Toranlagen umschlossen. Diese spielten im täglichen Leben der Menschen eine wichtige Rolle, da sie nur zu bestimmten Zeiten geöffnet wurden und jeder am Abend, wenn sie geschlossen wurden, wieder in seinem Viertel sein musste. Nach den Toren wurden und sind ganze Stadtteile und wichtige Straßen benannt. Die durch diese Tore verlaufenden Straßen sowie die schmalen Wasserwege, die die Stadt durchziehen, sind die Lebensadern, welche die Metropole mit dem Land und der geomantisch wirksamen Umgebung eng verweben.

Innere und äußere Sphären
Wie bei kaum einer anderen chinesischen Stadt wird in Beijing deutlich, dass sie äußerst sorgfältig gemäß den alten Überlieferungen geplant wurde. Die Stadt ist genau nach den Kardinalrichtungen ausgerichtet, flankiert von symmetrisch in alle Himmelsrichtungen angeordneten Toren und entlang breiter Straßen organisiert, die ein Gitternetz bilden. Die Residenz des Kaisers fixiert dieses Gitter und verankert als bauliches und geistiges, ideelles Zentrum auch symbolisch den Machtanspruch des Kaisers. Die ganze Stadtanlage ist geprägt vom Gegensatz zwischen dem "Innen" und dem "Außen", der sich sowohl im Großen - also in der Stadt als Ganzem - als auch im Kleinen - den Palästen und den Wohnhöfen der einfachen Bevölkerung - widerspiegelt. Es gibt nicht nur eine Innere und eine Äußere Stadt, auch die Verbotene Stadt und der Kaiserpalast selbst sind nach diesem Grundsatz aufgeteilt. Im "Äußeren Palast" trifft der Kaiser auf die Beamten und Würdenträger, die aus dem "Außen" zu ihm kommen. Im "Inneren Palast" lebt die kaiserliche Familie abgeschlossen und unerreichbar für den einfachen Menschen. Es war genau festgelegt, wer wie weit in das Innen eintreten durfte. Jeder Besuch in der kaiserlichen Sphäre war durch minutiöse Vorschriften geregelt, von denen es nur selten Ausnahmen gab. Wer auch immer zum Kaiser vordringen wollte, musste sich aus der äußeren Sphäre durch dicke Mauern und gewaltige Tore dem Inneren nähern, dem auf diese Weise ein sakraler Charakter verliehen wurde. Es war ein Privileg, sich dem Innersten nähern zu dürfen, und der Gang dorthin wurde ritualisiert und regelrecht inszeniert. Der Weg entlang der Zentralachse durch immer imposantere Tore an immer prächtigeren Gebäuden vorbei verfehlte seinen Eindruck auf die Menschen damals wie heute nicht. Wer schließlich vor den Haupteingang zum Innersten gelangte, fühlte sich tatsächlich, als würde er eine göttliche, geheimnisvolle Sphäre betreten. Noch heute vermittelt die gut erhaltene Anlage eine eindrucksvolle Vorstellung davon, wie erhaben und gleichzeitig bedrohlich es früher gewirkt haben muss, hierher vorgelassen zu werden. So dienten die Mau ern, Tore und strengen Aufteilungen einerseits dem Schutz des Herrschers, gleichzeitig verliehen sie ihm eine gottgleiche, numinose Aura. Struktur und Ordnung waren jedoch nicht nur in Bezug auf die Stadtanlage wichtig. Der Jahreslauf folgte ebenfalls genau festgelegten Ritualen, die eng mit der Ausübung der kaiserlichen Macht verbunden waren. Die Herrschaftslehre des Konfuzianismus konstruiert den Staat analog zur Ordnung der Sterne am Himmel. Dort steht der Polarstern unbeweglich und strahlend im Zentrum und wird von den anderen Sternen umkreist. Wie in einem Palast hat hier der unpersönliche, vergöttlichte Himmel seine Residenz. Von dieser himmlischen Instanz erhält der irdische Kaiser nach chinesischer Auffassung sein Regierungsmandat und ist ihr verpflichtet. Wie der Polarstern soll er der unerschütterliche und ruhende Mittelpunkt der zivilisierten Welt sein. Sein Palast ist Abbild dieser himmlischen Sphäre auf Erden. Als moralisches und sittliches Vorbild lenkt er den Regierungsapparat in einer Weise, die im Reich Gerechtigkeit und Wohlergehen bringen und die Menschen sich seiner Macht freiwillig und freudig beugen lassen. Er gilt als Sohn des Himmels und hat den Auftrag, als ethische und sakrale Instanz die Harmonie zwischen Himmel und Erde aufrechtzuerhalten. Um dies zu gewährleisten, hatte der Kaiser im Verlauf eines Jahres bestimmte Rituale durchzuführen. Dafür verließ er das "Große Innen" und ging in das "Außen", in die weltliche Sphäre. Die Zeremonien in den wichtigen Altären wurden im Freien - "in der Luft und den Elementen" - ausgeführt, so dass er direkten Kontakt zum Himmel aufnehmen konnte.

Die Bedeutung der Altäre
So wie die Verbotene Stadt sollte die ganze Stadtanlage ein Spiegelbild eines geordneten Universums sein, ein kosmologisches Ganzes, ein Mikrokosmos, in dem sich das Universum irdisch manifestieren und der Kaiser seinem himmlischen Auftrag nachkommen konnte. Aus diesem Grund waren Bau und Lage der Altäre von größter Bedeutung und wurden sorgfältig geplant. Insgesamt gab es neun Altäre von unterschiedlicher Bedeutung. Nicht alle Zeremonien wurden vom Kaiser selbst durchgeführt. Entlang der Zentralachse der Stadt und in kosmologischer Beziehung zu ihr wurden verschiedene Gebäude errichtet, die im sakral-rituellen Jahreslauf eine wichtige Rolle spielten. Glocken- und Trommelturm gaben der Stadt den Tagesrhythmus vor, indem sie den Beginn des Morgens mit Glockenschlägen und den Einbruch der Nacht mit Trommelschlägen anzeigten. Einer der Altäre, auf denen wichtige Staatsriten vollzogen wurden, ist der noch heute gut erhaltene Himmelstempel bzw. "Himmelsaltar" (Tiantan), der wichtigste dieser Sakralbauten. Er befindet sich auf einem Areal, das mit 270 Hektar noch weitläufiger ist als die Verbotene Stadt selbst. Der Tiantan wurde innerhalb der Stadtmauern im Süden Beijings errichtet: in der "positivsten" Richtung. Die Baumeister rückten ihn leicht nach Osten aus der ununterbrochenen Südachse heraus. Hier markiert er in etwa den Winkel, in welchem der tägliche Sonnenverlauf kurz vor Erreichen des genauen Südstands seine höchste, dynamische Yang-Kraft erreicht. Exakt entlang einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet, symbolisiert er die Himmelskraft, die durch den Kaiser auf die Erde herabgerufen wurde. Im Süden quadratisch wie die Erde und im Norden abgerundet wie der Himmel entspricht die Ummauerung der Anlage auch jener der traditionellen Gräber. Hierher kam der Kaiser jedes Jahr zur Zeit der Wintersonnenwende, um auf dem marmornen Himmelsaltar den Himmel anzurufen und damit Erde, Menschen und Himmel in Einklang zu bringen. Bereits im uralten Buch der Riten heißt es: "Das Himmelsopfer am kürzesten Tag des Jahres war ein Fest der Danksagung. Es wurde vom Herrscher selbst dargebracht, denn ihm allein oblag es, dem Himmel und der Erde zu opfern . Das Opfer wurde an der Südgrenze dargebracht, weil der Süden der Sitz des Prinzips Yang ist. . Es muss auf einem Altar unter freiem Himmel und mit größter Einfachheit vollzogen werden." Eine zweite Zeremonie im Tiantan fand im Frühjahr statt, wenn der Kaiser in der Halle des Erntegebets den Himmel um eine gute Ernte anrief. Die außerordentliche Bedeutung des Himmelsaltars zeigt sich auch daran, dass er sich symmetrisch in zwei weiteren Tempelanlagen spiegelt. Dem Tiantan spiegelbildlich gegenüber, auf der nordwestlichen Seite der zentralen Nord-Süd- Achse, wurde unter den Ming der Altar für die Berge und Flüsse (Shanchuantan) angelegt, der später unter den nachfolgenden Qing zum Altar des Ackerbaus (Xiannongtan) wurde. In dieser Anlage wurden verschiedene Arten von Opferzeremonien durchgeführt. Sie waren Zeugnis der Vorstellungen von der Beseeltheit der Natur, deren Wirken nur durch Verehrung und Rituale gebändigt und beherrscht werden kann. Es gab aus die- sem Grund zahlreiche kleinere Altäre und Schreine auf dem Tempelgelände, die den Göttern der Berge, Flüsse, Seen, der Wolken, des Donners usw. gewidmet waren. Der wichtigste unter ihnen war derjenige des Ackergottes Shennong. Hierher kam der Kaiser jeden Frühling, um die ersten zeremoniellen Ackerfurchen zu pflügen und rituell Reis sowie vier Arten von Hirse auszusäen. Insgesamt zog er mit Hilfe goldener Ackergeräte acht Furchen in Ost-West-Richtung. Blieb sein Besuch aus, dann ließ man das für ihn reservierte Ackerstück brachliegen. Auch andere hohe Würdenträger kamen in den Frühlingsmonaten, um rituell auf speziell vorbereitetem Boden zu pflügen. Der zweite Altar, der zum Himmelstempel in enger Beziehung steht, ist der Erdaltar Ditan, im Norden der Stadt in der Sphäre des Yin. Der Kaiserpalast im Zentrum ist sozusagen die Spiegelachse, an der sich die beiden wichtigsten Altäre orientieren. Zusammen drücken sie die Beziehung der Polaritäten des Yin (Erde) und Yang (Himmel) aus. Der quadratische Ditan symbolisiert die Erde; seinen marmornen Altar suchte der Kaiser zu Mittsommer auf, um ein ähnliches Ritual wie auf dem Himmelsaltar durchzuführen. Zwei weitere Polaritäten finden sich im Mondaltar und im Sonnenaltar. Der Sonnenaltar (Ritan) liegt im Osten, der Richtung der aufgehenden Sonne, und war dem Yang-Prinzip zugedacht. Das Yin-Prinzip wird durch den Mondaltar (Yuetan) verkörpert, der sich entsprechend im Westen, dem Refugium der untergehenden Sonne, befand. Während im Sonnenaltar der Jahresritus im Frühling stattfand, wurde der Mondaltar im Herbst aufgesucht. Die vier so genannten Staatsaltäre in den Kardinalrichtungen bilden zusammen mit dem Kaiserpalast in der Mitte die Zahl Fünf, die ebenfalls als kosmische Zahl betrachtet wird. Die vierseitige irdische Welt trifft aufeinander, und die Achsen schneiden sich im Zentrum, wo sich der Thron des Himmelssohnes befindet. Neben den Staatsaltären existierten noch zwei weitere wichtige Ritualbauten, die innerhalb der nördlichen Stadt errichtet wurden. Direkt rechts, also östlich vom Eingang zur Verbotenen Stadt, lag der bereits erwähnte große kaiserliche Ahnentempel Taimiao und damit korrespondierend im Westen der Altar der Götter des Bodens und der Feldfrüchte. Zusammen repräsentieren sie zwei Grundpfeiler des chinesischen Kaiserreiches: die Landwirtschaft sowie die Verehrung und Vergöttlichung der Ahnen. In ihnen manifestierte sich die Unabhängigkeit und Integrität des Kaiserreichs. Sie sollten den Herrscher dazu ermahnen, ihnen zum Wohl des Reichs gerecht zu werden. In der Stadtanlage von Beijing steht nicht das Einzelgebäude im Mittelpunkt, sondern die Baugruppe, die jedem Gebäude einen Platz und eine Funktion zuweist und damit in einen Gesamtzusammenhang einordnet. Erst der Bezug zur Umgebung bringt das einzelne Gebäude zur Geltung und macht es lebendig. Beijing als Ganzes muss als eine Baugruppe verstanden werden, die wie ein lebendiger Organismus funktioniert und als eine Art Makrokosmos, der sich im Mikrokosmos der kleineren Baugruppen widerspiegelt und eine Entsprechung findet. Allem voran steht der Kaiserpalast, aber auch die Tempel und die Wohnhöfe der Menschen sind nach den althergebrachten Regeln des Feng Shui geplant und gebaut und bildeten eine harmonische Einheit. Die Menschen hofften so, ihre Bauwerke in Harmonie mit der Umgebung und der Natur zu errichten und damit Eintracht mit dem Himmel zu erlangen. In einer solchen Umgebung konnten die Energien auf allen Ebenen ungehindert fließen und ihren Bewohnern Wohlergehen und Frieden sichern - zumindest solange menschliches Handeln dem nicht zuwiderlief.

Das moderne Beijing
Mit dem Sturz der Kaiserdynastie 1911 wurde allerdings nicht nur das alte, überlieferte Konzept der architektonischen Umsetzung der kosmischen Ordnung infragegestellt. Die 1912 ausgerufene Chinesische Republik orientierte sich an aus dem Westen importierten Herrschaftsprinzipien, was sich nicht zuletzt darin äußerte, dass das einstige Herz des chinesisch-konfuzianischen Kosmos ab 1924 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Dass eine Gesellschaft, deren politische Ordnung jahrtausendelang auf strenger Machtausübung und strikter Hierarchie basierte, diese Symbolik einer neuen Werteordnung bislang noch nicht in eine gesellschaftliche Realität verwandeln konnte, bleibt ein anderes Kapitel. Die Ästhetik von Beijing lag nicht nur in den prachtvollen und sorgfältig geplanten Palästen und Tempeln. Auch die Wohnhöfe der Einwohner wurden mit dem Wunsch nach Ausgeglichenheit zwischen Kosmos, Natur und Menschen errichtet. Der aufmerksame Besucher kann noch immer viele Details erkennen, durch die eine Harmonie zwischen Gebäude und Umgebung erlangt und die Menschen in einen größeren Zusammenhang eingebettet werden sollen. In der schwer restaurierungsbedürftigen Altstadt mit ihrem fast dörflichen Lebensalltag wird dieser Zusammenhang trotz der schwierigen Wohnsituation von den meisten Älteren noch immer wertgeschätzt. Unkenrufe aus dem Westen prophezeien, dass wegen des Baubooms in China von der Beijinger Altstadt bald nichts mehr übrig sein wird. Doch scheinen die Stadtplaner inzwischen erkannt zu haben, dass die typischen Beijinger Vierkanthöfe (Siheyuan) der einfachen Leute ebenso zum typischen Wesen der "idealen Hauptstadt" gehörten wie der Kaiserpalast, dessen mikrokosmisches Pendant sie sind. Nur wenn beides erhalten bleibt, wird weiter ein Hauch von architektonischer Harmonie durch die Innenstadt wehen können. Aus diesem Ideenreservoir müssen die Planer in Beijing schöpfen, wenn sie durch Bauten wie den Kaiserpalast, die "Große Halle des Volkes", Wolkenkratzer mit Glitzerfassaden und moderne Konsumtempel nicht nur der politischen oder ökonomischen Macht Ausdruck verleihen wollen. Tatsächlich gibt es inzwischen verstreut über die Altstadt auch Beispiele dafür, wie in alten Wohnhöfen Tradition und Moderne vereinigt und damit ein Teil des alten Gesichts der Hauptstadt bewahrt wird. Die Anlageprinzipien des Feng Shui wurden in Beijing sowohl beim Entwurf des Grundrisses und der Proportionen der Stadtanlage wie auch beim Bau der Paläste, Tempel und einfachen Wohnhöfe beachtet. Selbst die kommunistische Führung konnte oder wollte sich ihrer harmonisierenden Wirkung nicht ganz entziehen, residiert sie doch bis heute in den südlichen See-Anlagen der einstigen Kaiserstadt, dem Zhongnanhai. Die altchinesischen Richtlinien der Architektur manifestierten in Beijing auf einzigartige Weise die kosmologisch begründete politische Ordnung und die Regeln des Feng Shui und wirken bis heute fort, was für heutige stadtplanerische Aktivitäten auch ein Hemmnis sein kann.

Zwischen gestern und morgen
Beijing ist heute nur noch in der historischen Betrachtung einer überkommenen Ordnung eine "ideale Hauptstadt". Die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse drücken sich in der heutigen Planung massiv aus. Dies wird aber dadurch erschwert, dass die alte Ordnung im Herzen der Stadt Stein geworden ist. Ob die republikanische Nationalregierung 1928 die Hauptstadt Chinas auch deshalb wieder nach Nanjing verlegte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Rückkehr der Regierung nach Beijing im Rahmen der Ausrufung der Volksrepublik China im Jahr 1949 dürfte auch eine symbolische Rückkehr zu den alten Strukturen von Macht und Hierarchie gewesen sein. In Fragen der Legitimität berief sich die junge Ideenwelt der chinesischen Kommunisten wieder auf traditionelles Gedankengut. Das alte China und seine "ideale Hauptstadt" Beijing haben gezeigt, dass hierarchische Strukturen und das Bedürfnis nach allgemeiner Harmonie einander nicht ausschließen. Die historische Umsetzung der chinesischen "idealen Hauptstadt" kann heutigen Stadtplanern jedoch nur noch bedingt Anregungen liefern. Durch die Globalisierung konkurrieren heute die unterschiedlichen Wertesysteme auf engstem Raum miteinander, und ihre Harmonisierung wird immer schwieriger. Für ein solches, schnell in Gigantismus abgleitendes Projekt wie das der Verbotenen Stadt würden sich heute ohnehin keine Mehrheiten mehr finden. Im alten China konnte der Kaiser seine Göttlichkeit verdeutlichen, indem er bauliche Prinzipien mit autoritären Mitteln durchsetzte. Kaiserliche Herrschaftslegitimation dürfte jedoch endgültig Geschichte sein. Die Faszination der großartigen Architektur des alten Stadtentwurfs einer idealen Hauptstadt darf nicht den Blick auf ihren ganzheitlichen Aspekt verdrängen, der sich in der Verbindung von Feng Shui, räumlicher Ordnung und damit verbundenen Riten ausdrückte. Die Rolle der herrschaftlichen Rituale darf nicht unterschätzt werden, da sie auch den vergöttlichten Kaiser in der alten kosmischen und konfuzianischen Ordnung in ein zeremoniell ausgearbeitetes Verhältnis von Rechten und Pflichten stellten. Dieser Kodex wurde von der neuen politischen Ordnung in China allenfalls formal übernommen. Der Umsetzung der Utopie wurden auch im alten China durch menschliche Schwächen Grenzen gesetzt. In der modernen Realität Beijings liefert sie allenfalls Anregungen, taugt aber nicht mehr zur Bewältigung der Moderne.