Wasser - ein mehrdimensionales Wesen

Interview mit Franklin Frederick, dem Sprecher der International Free Water Academy

von Stefan Rist erschienen in Hagia Chora 18/2004

Wasser - ein mehrdimensionales Wesen
Im Zug der Proteste gegen die Ausbeutung einer der wichtigsten Ressourcen des Landes, der großen Mineralwasserquellen, entstand in Brasilien eine kulturell-kreative Bürgerinitiative. Für Hauptinitiator Franklin Frederick geht es nicht nur um Umweltschutz allein, sondern um ein ganzheitliches Bewusstsein für das Wesen des Landes, des Wassers und des Potenzials der Menschen.

Franklin Frederick wurde als Nachfahre indianisch-holländischer Großeltern in Brasilien geboren. An der staatlichen Universität von Rio de Janeiro studierte er Literatur und Psychologie und arbeitete dann als Berater des staatlichen Wasserunternehmens COPSA im Bezirk Minas Gerais. Er organisierte mehrere internationale Konferenzen zu den Themen Wasser, Gesundheit und Umwelt. Nachdem er 1989 in Deutschland Marko Pogacnik kennengelernt hatte, organisierte er für ihn 1995 in Brasilien die ersten geomantischen Workshops (die drei Jahre später in einem Lithopunkturprojekt mündeten). Bei dieser Gelegenheit besuchten sie gemeinsam erstmals die einzigartigen Wasserparks der Region Circuito das Águas, die bald darauf zum Gegenstand des Engagements einer erstaunlichen Umweltschutz-Allianz aus betroffenen Anwohnern, Künstlern und ganzheitlich motivierten Wissenschaftlern werden sollten - unter der maßgeblichen Mitarbeit Franklin Fredericks. Bisher konnte diese nicht nur für Brasilien neuartige Bürgerbewegung die örtlichen mineralreichen Quellen vor der drohenden weiteren Ausbeutung durch multinationale Konzerne verteidigen. Das folgende Interview basiert auf dem von Stephan Rist ursprünglich für das MRD-Magazin (Mountain Research and Developement, Nummer 23, 1/2003, www.mrd-journal.org) veröffentlichten Text. Es wurde von der Hagia-Chora-Redaktion übersetzt und in Rücksprache mit Franklin Frederick an einigen Stellen aktualisiert und erweitert.

Stephan Rist: Erzählen Sie uns doch bitte zunächst etwas über die brasilianische Bergregion Circuito das Águas, in der Sie einige Zeit gelebt und gearbeitet haben.
Franklin Frederick: Diese Region liegt inmitten eines riesigen Areals, das Serra da Mantiqueira genannt wird. Neben dem Circuito das Águas, dem "Wasserkreis" mit seinen stark mineralhaltigen Quellen, besitzt die Region mit dem Itatiaia Park einen der bedeutendsten brasilianischen Nationalparks, der für seine Aghulas Negras (Schwarze Nadeln) genannte Bergspitze weithin bekannt ist. Die Mineralwasserquellen liegen in so genannten Wasserparks, die sich auf vier kleine Ortschaften verteilen: São Lourenço, Caxambu, Cambuquira und Lambari. Diese Städtchen entstanden während des 19. Jahrhunderts um die Wasserparks herum, als die Quellen und ihre medizinischen Eigenschaften entdeckt wurden. Die Region entwickelte sich dann dank dieser medizinischen Eigenschaften des Wassers bis zum Anfang der 50er-Jahre prächtig. In den 40er-Jahren gab es sogar eine staatliche Kommission zur Entwicklung der mineralwasserbasierten Medizin, und an den Unis wurden entsprechende Kurse abgehalten. Doch um das Jahr 1950 änderte sich das alles grundlegend, und ich vermute stark, dass dies mit dem steigenden Einfluss der Lobby der pharma-(petro-)chemischen Industrie zusammenhängt, die nach dem zweiten Weltkrieg in Brasilien Einzug hielt: Die staatliche Kommission wurde aufgelöst, und die medizinischen Seminare der Unis wurden abgeschafft. In der Folge erlebte die Region einen stetigen sozialen und wirtschaftlichen Niedergang.