Im Herzen der Göttin

Ein Lithopunkturprojekt für das Wasser im Gasteiner Tal

von Peter Frank erschienen in Hagia Chora 18/2004

Das Gasteiner Tal ist in der Schau des Geomanten und Künstlers Peter Frank ein Herz-Ort Europas. Mit einem Lithopunkturprojekt versuchte er, dem kommerzialisierten Landschaftstempel etwas von seiner Urkrafz zurück zu geben.

Im Herzen der Göttin
Um die vorletzte Jahrhundertwende war Gastein einer der wichtigsten Kurorte Europas: Die berühmte Kaiserin Sissi, der Dichter Grillparzer und viele andere wichtige Persönlichkeiten ebenso wie viele Kranke suchten das abgeschlossene Gasteiner Tal im Salzburger Land auf. Das Tal beginnt in Nassfeld, heute auch Sportgastein genannt, einem imposanten Hochplateau, umringt von majestätischen Berggipfeln. Die Berge um das Plateau wirken wie die Zacken einer Krone, und wie die verschiedenen Edelsteine einer Krone bestimme Wirkprinzipien verkörpern, so steht jeder Berg in Verbindung mit einem bestimmten Stern, mit Sternengruppen oder Planeten. Das Wasser, das von den Bergen seinen Weg in die Tiefe sucht - zum Teil stürzt es in atemberaubenden Wasserfällen hinab -, wird jeweils von der kosmischen Kraft der den Bergen zugehörigen Gestirne geprägt. Auf das ganze Tal bezogen, bildet das Nassfeld das Kronen-Chakra und steht mit den kosmisch-geistigen Kräften in Verbindung. Hier ist der erste Stein des Lithopunkturprojekts aufgestellt. Er zeigt die kristalline Struktur dieses Ortes. Aus unterschiedlichen Seitentälern fließen mehrfach Bäche in die Gasteiner Ache, dem zentralen Bach, der sozusagen die Wirbelsäule des Tals bildet. Betrachtet man seinen Verlauf auf der Karte, sind sogar die Windungen denen der menschlichen Wirbelsäule ähnlich, wie auch die Orte und Ortschaften, welche die anderen sechs Chakren verkörpern, in ähnlicher Verteilung liegen. Am Ort des Chakras des dritten Auges befindet sich ein äußerst beeindruckender Wasserfall. Dort zeigt sich der erste verheerende Einschnitt in den heiligen Organismus des Gasteiner Tals, ein Stausee.

Heilige Hochzeit des Wassers
Meine Wahrnehmung, dass die kosmischen Kräfte wegen des Stausees und der damit verbundenen Stromgewinnung nicht mehr in die Ache gelangen, wurde mir eines Morgens drastisch bestätigt: Als wir den Stein für diesen Ort aufstellten, der die Verbindung zur Ache unterstützen soll, war der Wasserfall trocken. Auf meine erstaunte Frage erhielt ich von den Arbeitern die lapidare Antwort: "Der Wasserfall wird erst um 9 Uhr angeschaltet, für die Touristen." In der Meditation über das Wasser der Gasteiner Ache erhielt ich das Bild eines Schriftbands aus goldenen Lettern, das die Ache in früheren Zeiten zu Tal führte. Darauf waren die kosmischen Weisheiten, welche die Berge empfangen, aufgezeichnet. Das Spruchband erschien wie eines der großen heiligen Bücher der Menschheit. Dieses Wasser als Träger der kosmischen Weisheit gelangt an einen sich über mehrere hundert Meter und über einige Kaskaden erstreckenden Wasserfall ins heutige Bad Gastein. Vor dem Bau des Kraftwerks waren es sogar zwei Wasserfälle, da sich die Ache in diesem Abschnitt um ein Felsmassiv herum teilte. Die Gischt und das Tosen muss gewaltig gewesen sein, doch am beeindruckendsten war wohl das Schauspiel, das sich aus der Vereinigung dieses Wassers mit dem Thermalwasser, das hier links und rechts des Wasserfalls aus der Erde tritt, ergab. Und dabei spreche ich nur von dem physisch sichtbaren Ereignis, vom Ätherischen, Emotionalen und Geistigen ganz zu schweigen. Der ganze Ort muss in Dampf und Wassertropfen gehüllt gewesen sein. Das um die 40° heiße Thermalwasser tritt genau dort aus den Tiefen an die Oberfläche, wo der Wasserfall braust. Diese Geste des Wassers macht die Heiligkeit des Ortes offenbar: Das kosmisch geprägte Wasser des Flusses öffnet sich durch die Zerstäubung und durch die Turbulenzen des Wasserfalls, um sich bestmöglich mit dem irdischen Wasser, das aus 19 Quellaustritten sprudelt, vereinen zu können. All dies geschieht in einer kleinen Weitung des engen Flusstals, so dass ich nicht anders konnte, als diesen Ort als Hochzeitssaal zu bezeichnen. Er ist nicht nur das Herz des Tals, sondern scheint mir auch ein wesentliches Organ für den gesamten europäischen Raum. Mir offenbarte sich der Ort als die Rückenseite des Herzens von Europa. Aus der Vereinigung der Wässer entstand eine Quelle des Wissens, der Inspiration und der Heilung. In meiner Wahrnehmung ist die Inspiration hier von besonderer Art. Ich möchte es so formulieren: Normalerweise "schaut" die Erde in den Kosmos, um zu "sehen", wie Leben aufgebaut ist. An diesem Ort "schaut" der Kosmos auf die Erde, da hier etwas entsteht, das sogar für ihn neu ist, und das tiefere Erkenntnis schafft als der Kosmos aus sich heraus besitzt. Im Zuge der "Kultivierung" schuf der Mensch dort ein Fiasko: Der Himmel, das Wasser aus dem Nassfeld, wurde durch Elektrizitätswerk, Flussbegradigung, Beschneiungsanlage etc. impotent; die Erde, das Thermalwasser, wurde weggesperrt, indem es direkt an der Quelle verrohrt und den unzähligen Thermalkurhäusern und Bädern zugeführt wird. An diesem Herzen der Göttin arbeitete ich zwei Steinskulpturen, die aus einem Stein, der mittig getrennt wurde, aufgebaut sind. Sie stehen nun Rücken an Rücken. Die eine Seite trägt das Kosmogramm, das die Herzfunktion dieses Ortes in Form der Doppelspirale, die nach der Umkehrung eine Blüte entfaltet, zum Ausdruck bringt. Das Kosmogramm der anderen Seite bringt die tiefe und zugleich übergeordnete Rolle des Ortes zum Vorschein. Wer sich zwischen die Steinhälften stellt, ist eingeladen, zu erspüren, was es heißt, ganz zu werden: Himmel und Erde in sich zu vereinen. In der direkten Umgebung des Wasserfalls entdeckte Marko Poga ÿcnik eine Steinformation, die er als einen riesigen steinzeitlichen Dolmen interpretierte. Ein Stein von rund 100 Tonnen liegt kunstvoll auf einigen Trägersteinen und überdacht den Innenraum. (In dieser Region ist die Existenz eines Dolmen allerdings unwahrscheinlich; Anm. d. Red.) Direkt angrenzend verfällt ein Gebäudekomplex und wartet darauf, aus dem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Im Verlauf des Projekts entwickelte sich die Idee eines Heilzentrums an diesem heiligen Ort, die schon konkrete Formen annimmt. Das Kehlkopfchakra des Flusses liegt in der Umgebung einer heilkräftigen Quelle. Zu Beginn der Arbeit befand es sich in einem Zustand der Zersplitterung. Der gesetzte Stein möchte dem Chakra eine neue Zentrierung geben. Hier binden sich geistige Welten der Erde und des Kosmos an, um an den Erkenntnissen des Herzens teilzuhaben. Was bei der heiligen Hochzeit geschieht und entsteht, wird hier mitgeteilt. Bad Hofgastein bildet den Nabel des Tals, und in Dorfgastein wirkt das Sakralchakra. Während Bad Hofgastein das mit dem Nabel verbundene Thema der Macht nicht im Sinn des Ganzen nutzt und dadurch starr wurde, tut sich Dorfgastein schwer, seine Rolle der elementaren Gefühle und Lebenskräfte sowie der Lust und Fruchtbarkeit richtig wertzuschätzen. Beide stehen im Schatten der scheinbar großen Nachbarorte. Ein Stein soll sie jeweils dabei unterstützen, diese Defizite auszugleichen. Die letzten beiden der insgesamt neun Steine sind am Taleingang links und rechts der Straße als Tor positioniert. Früher kam man durch eine enge Klamm ins Tal, und eine Kapelle war der Ort, sich vom Tal zu verabschieden oder es zu begrüßen. Inzwischen gibt es einen bequemen Tunnel, der jedoch verhindert, dass man sich an der Wurzel mit dem Tal verbindet. Das Tor schafft wieder eine spürbare Schwelle.

Die Quellen stärken
Dieses erste Projekt widmete sich der Wirbelsäule, dem Yang-Pol des Tals. Wenn es gelungen ist, wird das Wasser nun wieder fähig sein, aus dem Nassfeld die kosmischen Informationen ins Tal zu bringen. In meiner Wahrnehmung breitet sich über der Ache nun ein kathedralenhafter Raum aus. Die geomantische Arbeit für das Lithopunkturprojekt entstand in einem Team zusammen mit Jeanette Wüst, Therese Konrad und Alexandra Dietrichsteiner. Die Organisation hatte die Arbeitsgruppe Gaia Gastuna übernommen, Initiatorin war Kerstin Baur. Von Beginn des Projekts an war geplant, in einem zweiten Schritt die Quellen, den Yin-Pol, zu stärken. Anfänglich war mein Konzept, dies mit Hilfe von in Bronzeplatten eingelassenen Kosmogrammen in der direkten Umgebung der Quellen zu versuchen. Doch dies schien nicht der richtige Weg. Die Heilung der Quellen könnte vielmehr dezentral stattfinden - überall dort, wo Menschen sich entschließen, eine eigene "Quelle" zu schaffen, d. h. die Kräfte und Qualitäten der Erde so zu gestalten, dass diese sich mit den kosmischen Kräften der Ache vereinen können. Gegenwärtig fließt nämlich die kosmische Information zum Teil "unverdaut" durch das Tal - wie Nährstoffe, die aufgrund fehlender Enzyme nicht aufgeschlüsselt werden können. Jede durch den Menschen geschaffene Quelle wird einen individuellen Ort der heiligen Hochzeit mit den kosmischen Kräften bilden. Im Hotel "Klammers Kärnten" konnte eine neue Wellnessanlage geomantisch so gestaltet werden, dass sie zu einer solchen Quelle wurde. Eine mit Kosmogramm gestaltete Schwelle führt in den Wellnessbereich, in dessen Mitte ein Arrangement aus Steinen in den Boden eingelassen wurde, an der sich ein Wasserelementarwesen fokussiert und das den Kontakt zur Ache hält. Zwei Brunnen und ein Becken bilden die Situation des Tals im Kleinen ab. Schließlich rinnt das vereinte Wasser an einer Wand in die Wellnessanlage hinab. In die Wand sind Nischen eingebaut, in die die Gäste Steine legen können, die sich mit der Kraft des Wassers verbinden. Die Gäste nutzen ihren Stein zur Meditation als Kraftobjekt und nehmen ihn schließlich mit nach Hause. So entsteht an diesem Ort durch Kreativität ein kleines Herz der Göttin, das dem großen Herz hilft, heilsam zu schlagen.