Den Drachen reiten

Eine kurze Geschichte des Dragon Projects

von Paul Devereux erschienen in Hagia Chora 18/2004

Im Jahr 1977 gründete Paul Devereux gemeinsam mit einer Gruppe weiterer Forscher das "Dragon-Project", um das Wesen der in der damaligen englischen New-Age-Szene in Mode gekommenen Erdenergien zu entschlüsseln. 1988 wurde das Projekt in eine gemein- nützige Stiftung umgewandelt und besteht heute aus einem informellen Konsortium von Fachleuten aus verschiedenen Fakultäten, das weiterhin von Paul Devereux geleitet wird. Als Autor knüpft Paul Devereux immer wieder an die im Dragon Project gewonnenen Erkenntnisse an. Diese begründen auch seine skeptische Haltung der Radiästhesie gegenüber, vor allem, wenn es um die Suche nach hypothetischen Energielinien geht. Zu den berühmten Dragon-Project-Experimenten gehört der oft wiederholte Versuch, bei dem Rutengänger gedachte Objekte fanden- eine faszinierende und für die Interpretation der Rutenausschläge bedeutsame Tatsache. Derzeitiger Forschungsschwerpunkt des Dragon Projects ist das Träumen an heiligen Orten.

Den Drachen reiten
Der Name des Dragon Projects leitet sich von einem Bild aus dem chinesischen Feng Shui ab. Der Drache symbolisiert hier die tellurischen Kräfte. Ursprünglich wurde das Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die angebliche Existenz ungewöhnlicher Kräfte und Energien an prähistorischen Kultstätten zu untersuchen. In jener Phase (1977-1990) bildete der Rollright-Steinkreis nahe Oxford gewissermaßen die Freilandbasis des Projekts, aber wir untersuchten auch andere Orte in Großbritannien und anderen Ländern. Während der 90er-Jahre verlagerte der Dragon Project Trust (DPT) seinen Schwerpunkt in Richtung Traumforschung: Es ging um die Frage, wie das Traumbewusstsein auf solche antiken Stätten reagiert. In diesem Beitrag befassen wir uns mit diesen beiden Hauptaspekten des Projekts.

Magnetische Anziehung
Im Rahmen physikalischer Untersuchungen entdeckte der DPT zwei Arten von magnetischen Anomalien an Steinen mancher prähistorischer Anlagen: eine ortsgebundene magnetische Anomalie und eine temporäre, fluktuierende magnetische Aktivität. Erstere war leicht festzustellen, da Kompassnadeln in der Nähe eines derart magnetisch wirksamen Steins abgelenkt werden. Dies ist nichts Geheimnisvolles: Solche Anomalien treten auf, weil der Eisenanteil bestimmter Gesteine eine feste magnetische Orientierung besitzt, die in ferner geologischer Vergangenheit festgelegt wurde, als die Linien des Erdmagnetfelds gegenüber dem heutigen Norden in einem anderen Winkel verliefen. Für den DPT war besonders interessant, dass sich diese magnetisch auffälligen Steine typischerweise in Schlüsselpositionen befanden, z.B. in einer Haupthimmelsrichtung eines Steinkreises oder als Stein, der "aus der Reihe tanzt". Beispielsweise ist im Steinkreis Gors Fawr im Preseli-Gebirge in Südwestwales der weiter entfernte von zwei vorgelagerten Steinen, welche die Richtung des Sonnenaufgangs zu Mittsommer markieren, magnetisch. Dieser Stein ist wie ein Sitz geformt, und wenn man sich darauf niederlässt, lehnt der Kopf an dem magnetisch aktivsten Teil des Steins. (Nebenbei ist interessant, dass Gors Fawr unterhalb des Bergrückens von Carn Meini liegt, dem Ort, von dem die Bluestones von Stonehenge stammen.) Es stellte sich auch heraus, dass manche als Kultstätten genutzte Naturplätze ebenfalls magnetische Anomalien aufweisen. Ein weiterer Bergrücken in den Preseli-Bergen, Carn Ingli, der "Engelshügel", ist so ein Beispiel. Sein Name geht auf St. Brynach, einen christlichen Heiligen des 6. Jahrhunderts zurück, der diesen Ort aufsuchte, um zu meditieren und mit Engeln zu sprechen, die ihm auf dem Gipfel erschienen. Allerdings versammelten sich schon lange vor St. Brynach Menschen auf diesem Gipfel. Archäologische Untersuchungen zeigten, dass die Nutzung dieses Ortes mindestens 7000 Jahre zurückreicht. Ein örtlicher Journalist, dem zu Ohren gekommen war, dass manche Menschen auf Carn Ingli seltsame tranceähnliche Zustände erlebten, machte uns auf diesen Ort aufmerksam. Bei Untersuchungen fanden wir auf dem Bergrücken zahlreiche Punkte mit starken magnetischen Anomalien. Wenn man Kompassnadeln frei in der Luft aufhängte, rotierten diese dramatisch. Ähnliche Effekte wurden auch in anderen Ländern gefunden, z. B. an einigen indianischen "Kraftorten" mit magnetischen Anomalien in Nord- und Südamerika. Einer dieser Plätze ist eine Aushöhlung in grünem Serpentin auf dem Mount Tamalpais nahe San Francisco in Kalifornien. Ein Teil der Höhlung nahm durch Verwitterung oder früheren Gebrauch die Form eines Sitzes an, und wenn man sich dort niederlässt, befinden sich Kopf und Steißbein in zwei unterschiedlichen Magnetfeldern. Um die andere Art von magnetischer Anomalie bei Megalithen festzustellen, benötigt man raffinierteres Gerät als einen Kompass. Der erste Hinweis auf diese subtilere Anomalie wurde 1976 an dem 4,6 Meter hohen Llangynidr-Stein nahe Crickhowell in Wales gefunden. Der walisische Meister-Rutengänger Bill Lewis stellte auf dem Stein etwas fest, das er "Energieknoten" nannte und mit Kreide markierte. In der Folge von Wissenschaftlern des Londoner Imperial College durchgeführte magnetometrische Untersuchungen wiesen die markierten Knoten als Punkte mit magnetischer Anomalie aus. Diese war jedoch keine dauerhafte Eigenschaft des Steins, denn bei späteren Überprüfungen mit einem Magnetometer durch den DPT fanden wir keine Abweichungen mehr vor. Entsprechend verunsichert führte der DPT in der Folgezeit weitere Messungen zu willkürlichen Zeitpunkten durch, wobei in der Regel nichts Ungewöhnliches festzustellen war. Wir fanden jedoch im Lauf der Zeit noch den einen oder anderen Stein, der fluktuierende magnetische Werte lieferte. Solche magnetischen Störungen dauerten etwa eine oder zwei Stunden an. Unabhängige Forschungen des Ingenieurs Charles Brooker bestätigten 1980 diese Fluktuationen auch für den Rollright-Steinkreis. Ihre Ursache wurde allerdings bisher nicht enträtselt. Die Tatsache, dass an manchen Orten magnetische Anomalien feststellbar sind, beweist nicht, dass solche Plätze von Menschen der Vorzeit bewusst genutzt wurden, doch sie lässt dies möglich erscheinen. Aber wie sollten die Menschen jener Zeit den Magnetismus ohne entsprechende Messinstrumente festgestellt haben? Wir wissen heute, dass viele Organismen direkt auf Magnetfelder reagieren, und Bill Lewis’ Mutung der "Knoten" auf dem Llangynidr- Stein lässt vermuten, dass manche Rutengänger geringe magnetische Veränderungen feststellen können. Tatsächlich reagiert das menschliche Gehirn erstaunlich sensibel auf kleinste magnetische Feldveränderungen. Seine magnetisch empfindlichsten Bereiche sind die Temporallappen, in denen Erinnerung, Gefühle und das Träumen verankert sind. Dies wurde unter anderen von Professor Michael Persinger von der Laurentian University in Ontario, Kanada, experimentell untersucht, indem er schwache Magnetfelder ähnlich jenen an den heiligen Stätten einsetzte. Eines seiner Geräte ist ein Spezialhelm, der komplexe computergesteuerte, pulsierende Magnetfeldmuster tief in den Temporalcortex sendet. Es brachte Versuchspersonen dazu, mit geschlossenen Augen eigenartige visuelle Muster zu sehen, lebendige, detaillierte Kindheitserinnerungen nachzuerleben und die Gegenwart von unheimlichen, mächtigen Wesenheiten zu spüren. Es ist möglich, dass Menschen in prähistorischer Zeit aus solchen Effekten empirisch lernten, dass solche Gesteine tranceähnliche Zustände hervorrufen konnten. Möglicherweise waren sie als Spirit Rocks über lange Zeiten hinweg bekannt, und in manchen Fällen hat man sie in Monumente eingebaut, die später in der Nähe der ursprünglichen Natur-Kultplätze errichtet wurden.

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