Getanztes Erinnern
Aus dem Tagebuch einer Ausdruckstänzerin
Im Tanz richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf den eigenen Körper, sondern -besonders auch auf den uns umgebenden Raum. Der Raum wird zum Medium, in dem wir fliegen, uns eingraben oder darin schwimmen. So wird spürbar, was es bedeutet, wenn wir davon -sprechen, "in der Erde", statt "auf der Erde" zu leben. Die Tänzerin Freia Leonhardt schreibt über den Raum, den sie im Tanz aufsucht, einen Raum der bewussten Empfindsamkeit, in dem der Körper zum Klingen kommt. Sie tanzt in -Sälen oder Kirchen und in Landschaften unter freiem Himmel. In ihrem derzeitigen Lebens- und Kunst-Experiment sucht sie einen Weg, sich als Stimme und Körper den Kräften eines Ortes zur Verfügung zu stellen

Letzter Tag im August: Ich sitze im Fluss vor unserem Haus, auf dem Floß von Merlin, meinem Sohn. Flussabwärts wehen Weiden im Wind, und die Erlen stehen dunkel und schützend am Ufer. Flussaufwärts sehe ich mehr Himmel, er ist fast türkis jetzt, Wolken, es wird Herbst. Seit März hat mich das tiefe, klare Blau begleitet, hinein in die Ewigkeit eines griechischen Sommers mitten in deutschen Landen. Soviel Weite monatelang. In diesen Tagen erlebe ich eine Antwort in meinem Körper: Es ist, als münde all die Erinnerung in einem schöpferischen Strom. Ich fühle eine beschleunigte Wahrnehmung, fließenden Austausch von sinnlichem Impuls und klarem Geist. Kraft pulst in mir: Ich fühle eine Liebe, die mir in dieser Ausdehnung neu ist: Vision einer heiligen Hoch-Zeit.
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