Auf-Hören, um anzufangen

Das Neue in der Kunst manifestiert sich im Dialog

von Werner Ratering erschienen in Hagia Chora 17/2003

Welche Kunst verdient den Namen Avantgarde? Der Bildhauer Werner Ratering beantwortet diese Frage mit einer zugleich einfachen und herausfordernden Definition: Avantgarde ist Kunst, die sich um Beziehung und den Dialog dreht und die das ganze Leben des Künstlers darin einbezieht. Wie sonst könnte sich ein neuer Geist manifestieren?

Wahrscheinlich bin ich freier Künstler geworden, weil ich auf der einen Seite ein hohes Maß an innerem Vertrauen in das So-Sein der Dinge habe - vor allem der nicht-materiellen. Auf der anderen Seite bin ich sehr misstrauisch gegenüber jeglicher Wahrheitsdoktrin, die aus autoritärer oder hierarchischer Struktur entstanden ist. Verbunden mit einer introvertierten, manchmal menschenscheuen Haltung, führt das zu Paradoxien des Verhaltens in der Öffentlichkeit; so auch, wenn es darum geht, über die eigene Arbeit zu schreiben. Doch als kommunikatives Wesen besteht gleichwohl Mitteilungs- und Austauschbedarf - wenn es um meine Kunst geht, selbstverständlich am liebsten im Gegenüber mit der jeweiligen Skulptur und im Kontext der Situation. Als Bildhauer habe ich meine Arbeit schon immer als einen Dia-log mit den Kräften des Ortes verstanden. Erst 1995 wurde ich auf den Begriff Geomantie aufmerksam, und zwar im Angebot der ersten Ausbildung der Schule Hagia Chora. Wenn sich das, was ich tue, offenbar Geomantie nennt, dann sollte ich es kennenlernen, dachte ich damals. Der Facettenreichtum und die fruchtbaren Begegnungen und Erfahrungen an inspirierenden Orten während dieser Ausbildung lassen sich in der Kürze gar nicht wiedergeben.

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