Nahrung des Herzens

Chinesische Gärten bringen das Beste der Natur zum Vorschein

von Astrid Zimmermann erschienen in Feng Shui Journal 6/2004

Seit Jahrhunderten werden die Gärten Chinas nach den Regeln des Feng Shui angelegt. Doch sie sind mehr als ein Stück gestaltete Natur: Sie versinnbildlichen das traditionelle chinesische Naturverständnis und eine althergebrachte Lebenseinstellung.

Wer sich mit chinesischen Gärten beschäftigt, wird in der zahlreich vorhandenen Literatur immer wieder auf den Ausdruck Yue Ye, "Gefühle erzeugen", stoßen. "Die Gärten sind zur Nahrung des Herzens gemacht", sagen die Chinesen und drücken damit aus, dass ein Garten für sie mehr ist als nur ein liebevoll gestaltetes Stückchen Natur. Für viele Intellektuelle, Dichter und Künstler waren Gärten von alters her Refugien des stilvollen Rückzugs aus der Gesellschaft und Orte künstlerischer und dichterischer Inspiration. Über Jahrhunderte war es in der Oberschicht Chinas geradezu modern, den strengen Konventionen und der Umklammerung durch die Bürokratie, die das gesellschaftliche und politische Leben regelten, zu entfliehen. Die in der Kaiserzeit vorherrschende konfuzianische Sozialethik betont die Eingebundenheit des Menschen in die Gesellschaft und formuliert die Rolle und die damit verbundenen Pflichten jedes Einzelnen sehr genau. Der Rückzug in die sorgfältig gestalteten Gartenlandschaften stellte eine Art Gegenbewegung dar, in der die "Zivilisationsflüchtlinge" ihre Vision eines naturverbundenen, den daoistischen Prinzipien folgenden Lebens verwirklichen wollten. Nur durch das Einswerden mit der Natur und ihrem ewigen Rhythmus konnte Harmonie und Vollkommenheit des Geistes erlangt werden. In den kunstvollen Gartenanlagen legten die Besitzer ihre Weltanschauung und ihre Lebensphilosophie dar und ließen sie Gestalt annehmen. Schon seit Menschengedenken gibt es in China die Überzeugung, dass Erfolg und Misserfolg nicht primär dem menschlichen Handeln zuzuschreiben sind, sondern dass die Erdkräfte des Feng Shui mitverantwortlich sind für die Gesundheit und das Wohlergehen des Einzelnen und der Familie. Die Lage des Wohnortes und die Ausgestaltung des Wohnraums mussten sorgfältig ausgewählt und geplant werden. Garten und Heim wurden im alten China als miteinander verwobene Einheiten gesehen, die aufeinander abgestimmt sind und in einem wechselseitigen Bezug stehen. Die Energien des Gartens und der angegliederten Wohngebäude konnten durch die Anwendung des jahrhundertealten Wissens um das Feng Shui in bestimmte Bahnen gelenkt werden und so das Wohlbefinden der Bewohner befördern. Dabei gibt es in der chinesischen Auffassung von Gartengestaltung keine festen Vorschriften und Regeln, sondern nur Grundsätze, die allgemein beachtet wurden. Der Mensch soll sich durch das Erleben des Gartens derjenigen Dinge bewusst werden, die weder intellektuell noch künstlerisch begreifbar sind. Das Empfinden und der Geist sollten in einem Garten allen unnötigen Ballast abwerfen können, damit das Wesentliche erkennbar und erfahrbar wird. Es waren Angehörige aller Schichten, die sich vor den Zwängen einer stark ritualisierten Gesellschaft in eine symbolträchtige Vorstellung von Natur zurückzogen. Die Einbindung von Natur in das tägliche Leben war und ist tief in der Gesellschaft und im Einzelnen verwurzelt. Gärten und Parks in allen Größen und Varianten sind bis heute bei der Stadtplanung unerlässlich, und in allen Städten, seien sie noch so modern, werden immer auch Grünanlagen gebaut. Sie sind als gestaltende und ausgleichende Elemente des Feng Shui in den oft eintönig gebauten Siedlungen wohltuende Oasen der Ruhe und Geselligkeit. Fast jeder Chinese versucht, sich ein Stückchen Natur in sein tägliches Leben zu holen, um einen wohltuenden Yin-Ausgleich zur Geschäftigkeit und Betriebsamkeit des Yang-Alltags zu schaffen.

Der Garten als Zufluchtsort

Auch in der alten Zeit, als es nur den Reichen vergönnt war, einen Garten zu besitzen, konnte sich, so wie es heutzutage viele weiterhin tun, selbst ein armer Mann einen Miniaturgarten in einer Pflanzenschale leisten. Ein sorgsam gepflegter Bonsai zusammen mit einem interessant geformten Stein waren und sind kleinste Gärten, die in jeder noch so beengten Wohnung ein Plätzchen finden. Die Kaiser jedoch liebten es prächtiger und suchten der Enge ihrer hauptstädtischen Paläste zu entkommen, indem sie sich große Sommerresidenzen bauen ließen. Diese ausgedehnten Parkanlagen waren wie überdimensionale Landschaftsbilder gestaltet und dienten dem Amüsement des Hofstaats und der angenehmen Erledigung der Regierungsgeschäfte. Sie sollten aber auch die Macht und den Reichtum des Herrscherhauses zur Schau stellen. Bekannt für ihre Gartenleidenschaft war vor allem die berühmte Kaiserwitwe Cixi, die an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert den Sommerpalast bei Beijing insgesamt zweimal aufwendig renovieren ließ und dafür unter anderem die Gelder verwendete, die eigentlich für den Aufbau einer Marine bestimmt waren. Was damals eine tragische Fehlentscheidung war, ist heute für die erholungssuchenden Beijinger ein Glück, und der idyllische "Garten der harmonischen Einheit" mit seinen schönen Grünanlagen und Holzgebäuden ist ein beliebtes Ausflugsziel für und Jung und Alt. An einem solchen Ort wird dann spürbar, warum die Chinesen ihre geomantische Wissenschaft von der vorzüglichen Ortswahl Feng Shui - "Wind und Wasser" - genannt haben: Wer an einem warmen Sommertag hierher kommt, kann in kühlen Pavillons sitzen, durch luftige Korridore spazieren oder unter den alten Weidenbäumen, "die die Wasserfläche des Sees küssen", am Ufer des Kunming-Sees sitzen und den zahlreichen kleinen Booten zuschauen, die gemächlich dahingleiten.

Künstliche Natürlichkeit

Während die kaiserlichen Parkanlagen neben ästhetischen auch repräsentativen Zwecken genügen mussten, waren die Privatgärten intimer gestaltet und sehr viel symbolträchtiger. Für die gelehrte Beamtenschaft im alten China war nicht die Größe und der Prunk eines Gartens ausschlaggebend, sondern seine feinsinnige Gestaltung und hintergründige Symbolik. Sie unterschieden zwei Arten von Gartentypen, die kleinen "zur Beobachtung im Zustand der Ruhe" und die großen "für den Zustand der Bewegung". Wer einen Garten anlegt, muss sich also entscheiden, ob er einen statischen Garten möchte, der als ein Ganzes - zum Beispiel aus einem Fenster - betrachtet werden kann, oder einen weitläufigen Garten, dessen Schönheit sich beim Hindurchschlendern erschließt. Der wichtigste Maßstab beim Anlegen und Beurteilen einer Anlage waren jedoch immer die Gefühle, die die wohl durchdachte Gartenlandschaft bei seinen Betrachtern hervorrufen sollte. Die Gartenkunst ist stark mit den daoistischen Prinzipien verbunden. Zentral ist dabei der Glaube an die Natur als die alles bestimmende Kraft und ihre Überlegenheit als Kunstform. Alle Gestaltungselemente basieren auf ihrer Beobachtung und Interpretation. Trotzdem ist ein vollkommener chinesischer Garten niemals nur eine Landschaftskopie, sondern vielmehr Abbild einer idealisierten Natur. Er zeichnet sich durch etwas aus, das sich als künstliche Natürlichkeit umschreiben lässt. Bei seiner Gestaltung soll niemals der Mensch, sondern immer die Natur die Form diktieren. Der Pflanzenschnitt, die Anlage von Gewässern usw. sollen stets vollkommen natürlich wirken - allerdings nicht wie die Wildnis jenseits der Stadtgrenzen, sondern als die Utopie perfekter Natürlichkeit. Die Gärten Chinas wurden so immer mehr zu einem wichtigen Bestandteil der Lebensphilosophie der intellektuellen Oberschicht und sagen viel über deren Beziehung zur Welt, zur Natur und zum Leben aus. Sie bildeten den Rahmen, in dem die gebildete Elite der Kunst, der Poesie und der Geselligkeit frönen konnte. Denn obwohl die Gartenbesitzer das Ideal der Naturverbundenheit und des einfachen Lebens pflegten, war damit nicht der Verzicht auf Luxus und ein geselliges Leben gemeint. In den sorgsam angelegten Gärten wurde eine ganz eigene Welt erschaffen und mit ihr eine besondere Atmosphäre, die auch heute noch spürbar ist. Wer zum Beispiel den Yu-Garten im Herzen von Shanghai besuchen möchte, muss sich zuerst durch die Menschenmassen in den engen Gassen und Straßen drängen, um sich dann mühsam den Weg über eine Zickzackbrücke zu bahnen. Doch alle Hektik verfliegt nach dem Durchschreiten des schön verzierten Eingangstors. Früh am Morgen, noch bevor die großen Touristenströme in den "Garten des Erfreuens" einfallen, entfaltet sich eine zauberhafte Stimmung in der wohltuenden Ruhe, die der Erbauer dieses Kleinods einst gesucht hat. Nach der Farbenpracht der Altstadt ist die klare und schlichte Gestaltung des Eingangshofs wie ein Aufatmen, und das kühle Innere eines geschnitzten Holzgebäudes lädt zum Verweilen ein. Der Lärm des täglichen Lebens ist verschwunden, und Harmonie und Ausgeglichenheit wehen dem Besucher entgegen.
Das Durchwandern eines Gartens, so heißt es, soll wie das Öffnen und Schließen von verschiedenen Höfen und damit verschiedenen Landschaften sein. Nur wer sich diesem Rhythmus in Ruhe hingibt, kann das Wesen des Gartens verstehen und in sich aufnehmen. Und so erwartet den Besucher nach der schattigen Eleganz der einstmals als Empfangsräume genutzten Eingangshallen eine unerwartete Aussicht. Vor dem "Haus des strömenden Regens" öffnet sich plötzlich der Blick hinaus auf einen kleinen, von bizarren Steinformationen umgebenen Teich. In den Gärten Chinas ist ein See oder Teich im Mittelpunkt unverzichtbar. Der "leere Raum" bestimmt das Zentrum. Sein Potenzial ist nicht leblos, sondern energiegeladen und voller Möglichkeiten. Die Wasseroberfläche ist der Spiegel des Himmels, in ihren Reflexionen finden sich die Bewohner des Gartens mit dem Firmament und all seinen Gestirnen zu einer Einheit verbunden. Nicht ohne Grund sagen die Chinesen: "Ist das Innere des Weisen in Ruhe, dann ist es wie ein Spiegel des Himmels und der Erde." Der Betrachter kann so eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, in Harmonie mit allen Dingen des Universums zu leben. Die Begrenzungen dieser Wasserflächen sind nicht immer zu sehen, was eine Illusion von Größe entstehen lässt. Niemals sind die Ufer dieser Wasserflächen sanft abfallend, sie werden immer als schroffe und steile Fels- und Gesteinsformationen gestaltet. Steine und Wasser sind Hauptelemente in der Gartengestaltung. Nicht umsonst wird eine malerische Landschaft in China mit Shanshui bezeichnet, was übersetzt "Berge und Wasser" heißt. Die Steine symbolisieren die Berge und Gebirge, die als das Skelett der Welt verstanden werden. Sie stehen für Yang, das männliche Prinzip für Erhabenheit und Dauer und damit für ein langes Leben. Das Wasser hingegen ist Yin, das weibliche Prinzip, das Weiche, Anpassungsfähige. Beide Prinzipien dürfen nicht getrennt voneinander betrachtet werden; nur gemeinsam bilden sie eine Einheit. Die Berge werden ebenso vom Wasser geformt, wie das Wasser sich der Form der Berge anpasst. Beim Schaffen einer idealisierten Natur sollen die Gegensätze, die das Wesen der Welt und der Natur ausmachen, harmonisch zusammengefügt und in ein Gleichgewicht gebracht werden. Chinesische Gärten sind keine "Schönwettergärten", die ihren Reiz nur unter besonderen Bedingungen enthüllen. Im Gegenteil, sie sollen bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit ihre ganz eigenen Reize besitzen und ein Genuss für Augen, Ohren und Nase sein. "Wenn du vor den Regentropfen nicht davonläufst, wirst du finden, wie wunderschön sie sind", heißt es sinnreich. Und so konnten sich im Yu-Garten auf der kleinen, überdachten Veranda vor dem "Haus des strömenden Regens" die wahren Gartenliebhaber treffen, über den Teich blicken und dem Geräusch der Regentropfen lauschen. Dem fallenden Regen wurde in China immer eine besondere Poesie zugeschrieben, und viele Gärtner pflanzten neben den Gebäuden und Pavillons großblättrige Pflanzen, auf denen die "Musik der herabfallenden Regentropfen" erklingen konnte.

Wege der Bewusstwerdung

Einen Garten anzulegen, wurde oft mit dem Malen einer Landschaft verglichen. Der Besuch sollte wie das Betrachten einer horizontalen Bildrolle wirken, die langsam abgerollt wird. Gewundene Wege und Pfade, kleine Brücken, überdachte Korridore und luftige Gebäude führen den Besucher behutsam und eindringlich durch die Gartenlandschaft. Die Schönheit und Vielgestaltigkeit der Natur kann nicht auf einmal erfasst, sondern muss nach und nach erkundet werden. Nur eine intensive Naturbetrachtung ermöglicht dem aufmerksamen Beobachter, etwas über sich und die Welt um ihn herum zu erfahren. Das Erleben des Werdens und Vergehens der Naturläufe und das Erkennen der Vielfalt der Erscheinungen soll ihm bewusst machen, welchen Weg er gehen muss, um sich in die Ordnung der wunderbaren Weltschöpfung harmonisch einzufügen. Und so ist ein geruhsamer Gang durch einen chinesischen Garten wie ein Spaziergang durch ein wunderschön komponiertes Bild, in dem zwar alles wie zufällig wirkt, aber dennoch gewollt ist.

Im Paradies auf Erden

In dem nur zwei Zugstunden von Shanghai entfernten Suzhou, das in China wegen seiner Schönheit als "Paradies auf Erden" bezeichnet wird, treffen wir auf viele beeindruckende Beispiele dieser besonderen Kunst. Der "Garten des Meisters der Netze" ist der kleinste unter ihnen. Nur einen halben Hektar groß, finden wir in ihm dennoch alles, was einen typischen chinesischen Garten ausmacht. Der Name, so heißt es, gibt dem Garten erst seinen Sinn. Hier wollte der Erbauer seiner Hoffnung Ausdruck verleihen, dass er in ihm die gelehrten und kunstsinnigen Köpfe einfangen würde wie ein Fischer seine Beute, auf dass sie sich gemeinsam mit ihm an seiner Schönheit erfreuen würden. Wer die alten Bücher liest, der findet viele Schilderungen des Alltagslebens, wie es in diesen Gärten ablief. Da gab es besinnliche Stunden ebenso wie Theatervorstellungen und fröhliche Gelage mit Trinkspielen, bei denen Gedichte verfasst und kräftig Schnaps gebechert wurde. Je kleiner der Raum ist, in dem ein Garten angelegt werden muss, desto größer ist die Kunst der Andeutung. Und so ist der "Garten des Meisters der Netze" ein Garten, der, detailreich gestaltet, nicht nur "ergangen", sondern auch "ersessen" und intensiv "erschaut" werden muss. In solch einem Garten kommt das Prinzip Qualität statt Quantität besonders zum Tragen. Jede Überladenheit wird vermieden. Eine sparsame Bepflanzung schafft Ruhe und schenkt die Muße, der einzelnen Pflanze die Betrachtung und Wertschätzung entgegenzubringen, die sie verdient. Nach den Überlieferungen des Feng Shui gelten diejenigen Pflanzen als die besten, die auf natürliche Weise ihren Weg in den Garten gefunden haben, also werden keine fremdartigen, sondern nur einheimische Pflanzen angesiedelt. Exotische Gewächse würden nicht mit der Umgebung harmonieren, und es wird auch keine üppige Buntheit angestrebt, denn "zu viele Farben blenden das Auge". Vielmehr werden die Farbtöne der Umgebung und der Jahreszeiten einbezogen und betont. Auf diese Weise wird die Natur hervorgehoben und nicht übertönt. Zu jeder Jahreszeit soll etwas grünen und die Anlage lebendig sein. Dabei wird sehr auf den Symbolgehalt der Pflanzen geachtet. Eine blühende Wildkirsche im Frühling soll das Wiedererwachen der Natur versinnbildlichen. Die zarte Pflaumenblüte symbolisiert die weibliche Schönheit und Lieblichkeit und wird oft zusammen mit ihrem Gegenpart, dem Bambus gepflanzt, der für Männlichkeit und Ehrbarkeit steht. Einer der beliebtesten Bäume ist sicherlich die Kiefer, die bizarr geformt eine Atmosphäre von Abgeschiedenheit schaffen und dem Garten Würde verleihen soll. Die Pflanzen werden außerdem gemäß ihrer Zugehörigkeit zu Yin und Yang ausgewählt, um so die nötige Ausgewogenheit zu gewährleisten. Der chinesische Gärtner wird bei der Wahl der Blumen auch deren Duft berücksichtigen. Verschiedene Wohlgerüche sollen die Nasen der Gartenbesucher zu unterschiedlichen Tageszeiten erfreuen. Will ein wahrer Blumenfreund eine Blüte genießen, so scheut er sich nicht, auch zur frühen Morgenstunde aufzustehen oder bis in die tiefe Nacht zu warten, um den Duft zu schmecken. In einem idealen Garten wechseln sich liebevoll gestaltete Innenhöfe und Gartenteile mit schön eingerichteten, lichten Räumen und Korridoren ab. Türen und Fenster sollen keine Abgrenzungen, sondern eine Verbindung zwischen Innen und Außen schaffen und gleichzeitig Einblicke in und Durchblicke auf die Welt ermöglichen. Diese Ausblicke sind sorgfältig geplant und arrangiert. Wer an einer durch zahlreiche Fenster durchbrochenen Wand vorbeigeht, gewinnt bei intensivem Schauen sehr schnell den Eindruck, entlang eines aufgeschlagenen Bilderbuchs zu spazieren. So wird aus einer Begrenzung eine Erweiterung. Niemals wirkt so eine Mauer einengend, sondern im Gegenteil befreiend, da sie Transparenz ermöglicht und neue Perspektiven auf die Umgebung eröffnet. Besonders typisch für die chinesischen Gärten sind Tore in verschiedenen Formen, die in vielen Fällen eine symbolische Aussage haben. Häufig sind sie in der Form einer Blumenvase Ping gestaltet, die das Yin versinnbildlicht. Dass auch das Wort für Frieden Ping lautet, verbessert zusätzlich die positiven Eigenschaften des Ortes. Ein solches Tor kann als Aufforderung aufgefasst werden, in den Frieden des Gartens einzutreten. Die beliebteste Form ist jedoch das kreisrunde, so genannte Mondtor, das in keinem chinesischen Garten fehlen darf. Schon seit Urzeiten wird der Mond in China verehrt und besungen. Er beherbergt den Mondhasen und die Mondfee, die das Geheimnis der Unsterblichkeit hüten. Wer durch solch ein Tor hindurchgeht, betritt eine andere Welt und sieht einen anderen Himmel über sich. Vielfach gewundene Pfade verbinden die einzelnen Gartenelemente. Sie sind verschlungen wie die Wege des Lebens und erlauben die unterschiedlichsten Blickwinkel. Kleine Brücken führen über Wasserflächen und Bächlein. Geschwungene Brücken bilden durch die Reflexion im Wasser einen perfekten Kreis, was den Himmel symbolisiert. Zickzackbrücken sind ebenfalls typisches Merkmal der Gartengestaltung in China und bestens dazu geeignet, Sha Qi abzuwehren. Zumeist sind Zickzackbrücken - wenn überhaupt - nur mit einem sehr niedrigen Geländer versehen. Wer sie überquert, ist gezwungen, genau auf seinen Weg - chinesisch Dao - zu achten und, will er die Ausblicke genießen, immer wieder stehen zu bleiben. So erfährt der Schauende den Garten in wechselnden Perspektiven und wird daran erinnert, dabei niemals das Kernprinzip des Daoismus zu vergessen: Dao, das ureigenste Wesen der Natur, das alle Dinge beseelt. Wie im "Garten des Meisters der Netze" deutlich wird, bergen selbst kleinste Höfe stets verschiedene Szenerien. Bei einem Spaziergang am Ufer des kleinen Teichs im Zentrum muss der Besucher über einen künstlich geschaffenen Steinhügel klettern und eine kühle Höhle durchqueren. Gerade während der heißen Sommermonate ist dieser Teil des Gartens besonders anregend, lässt er doch den Körper die Unterschiede verschiedener Temperaturen empfinden. Unverzichtbar ist auch ein Pavillon, der etwas in den Teich hineingebaut ist und den poetischen Namen "Der Mond ist aufgegangen, und der Wind frischt auf" trägt. Der Benennung einzelner Gartenelemente wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Erst der geschickt gewählte Name ermöglicht es dem Besucher, die Details und den tieferen Sinn jedes Stückchen Gartens zu erkennen. Von diesem ruhigen Pavillon aus kann er in aller Muße das harmonische Zusammenspiel von Wasser, Steinen und Pflanzen betrachten. Der Name weist darauf hin, dass der Erbauer des Gartens hier gerne in den Abendstunden saß und beobachtete, wie der Mond aufstieg, während er die kühle Abendbrise genoss. Die frische Stimmung um den Teich wird stark durch den nächsten Hof kontrastiert, der ohne Wasserlauf ist und den ungewöhnliche Stein-formationen und schlanker Bambus dominieren. Nur wer weiß, wie sehr in China die Schönheit von Gebirgslandschaften verehrt wird, kann die Begeisterung und Leidenschaft verstehen, die Chinesen und andere Ostasiaten schön geformten Steinen entgegenbringen. Die fernen Berge gelten als Wohnorte der Unsterblichen und Götter. In sie zogen sich in alter Zeit die heiligen Daoisten zur Meditation zurück. Berggipfel werden nicht nur als schön betrachtet, sondern auch als magische Orte, an denen die Macht der Menschen fern und die gestaltende Kraft der Natur nahe ist. Schroffe und zerklüftete Bergformationen gelten als das perfekteste Abbild der Naturgewalten. In ihnen manifestiert sich die Urkraft der Weltenschöpfung. Diese wundersamen Landschaften sollten in den Gärten nachgebildet werden und eine Aufforderung an die Götter und guten Geister sein, sich hier niederzulassen und in der Familie Wohnung zu nehmen. Schon ein einziger bizarrer Felsen kann dem Schauenden genügen, sich in die ferne Bergwelt hineinzuversetzen. Ein solcher Stein wurde daher äußerst sorgfältig ausgewählt und platziert. Vielen dieser Felsen maß und misst man eine besondere Ausstrahlung auf den Menschen zu; sie erscheinen erfüllt von Kraftfeldern, die für die Bewohner des Gartens nutzbar gemacht werden konnten.

Der Garten und die Poesie

Inmitten eines derartigen Steingartens befindet sich im "Garten des Meisters der Netze" das Schreibzimmer des Gartenbesitzers - "die Hütte des dritten Mondes". Dessen kunstvoll geschnitzte Fensterrahmen und die Arrangements aus Steinen und Bambus sind so aufeinander abgestimmt, dass sie von innen betrachtet wie perfekt gemalte und gerahmte Bilder wirken. Auch heute noch können wir uns gut vorstellen, wie "der Meister" einst an seinem Schreibtisch saß, besinnlich nach draußen blickte und inspiriert von den vorzüglichen Eigenschaften seines Gartens diese Schönheiten in dichterische Worte fasste. Chinesische Gärten sind somit ein vollkommener Ausdruck des traditionellen Verständnisses von der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Nicht die Beherrschung der Natur wurde angestrebt, sondern eine Beeinflussung und Formung der natürlichen Gegebenheiten, die das Beste zutage treten lässt. Durch die Regeln des Feng Shui sollen in den Gärten die positiven Kräfte so gestärkt und gelenkt werden, dass sie auf der einen Seite dem Menschen nützen, sich aber auf der anderen Seite die Natur in ihrer schönsten Form und in Harmonie entfalten kann. Mensch und gestaltete Natur gehen in den Gartenanlagen Chinas eine einmalige Symbiose ein. In ihnen sind Naturgefühl, künstlerische Kreativität und menschliches Empfinden auf eindrucksvolle Art und Weise miteinander verbunden und geben so Auskunft über ein inneres Sehnen nach Schönheit und Natürlichkeit, das in den Menschen im Reich der Mitte vorhanden ist. Trotz der rasanten Entwicklungen in den letzten Jahren besteht glücklicherweise Anlass zur Hoffnung, dass diese einzigartige Kunstform in Zukunft, wenn auch an die modernen Zeiten angepasst, überleben wird.