Der Kristallplanet, Teil 08

Ideengeschichte der globalen Gitternetze

von Marco Bischof erschienen in Hagia Chora 16/2003

Nachdem Marco Bischof in der letzten Folge die geometrische Mystik der Antike und des Mittelalters dargestellt hat, verfolgt er hier die Entwicklung dieser Lehre weiter bis in die Neuzeit, wo sie vor allem in der Romantik nochmals aufblühte. Dabei stellt er den Symbolforscher Albert Freiherr von Thimus in den Mittelpunkt, der die musikalisch-mathematische Mystik der Antike aus alten Quellen zu rekonstruieren versuchte.

Im 18. Jahrhundert leistete der große Schweizer Mathematiker, Physiker, Astronom und Geodät Leonhard Euler (1707-1783) einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der platonischen Körper. Die "Eulersche Polyederformel" f+(v-2) = e bzw. f+v = e+2, wobei f die Fläche, e die Kante und v die Ecke bedeuten, definiert präzise mathematische Regeln für die topologische Beziehung der Flächen (Seiten), Ecken und Kanten von Polyedern. Auch für den großen Universalgelehrten der Barockzeit, dem Philosophen, Mathematiker, Physiker und Diplomaten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der in seiner frühen Zeit in Leipzig und Nürnberg Sekretär einer alchemistischen Gesellschaft gewesen war und sich in Platon, Nikolaus von Cusa, Henry More, Francis Bacon und Tommaso Campanella vertieft hatte, war Gott in bester platonisch-pythagoräischer Tradition die "Allharmonie". Er betrachtete es als die Aufgabe einer künftigen Philosophie, das "neue Evangelium" vom "geometrisierenden Gott" zu schreiben, und er wollte alle Wissenschaften in einer durch die Mystik inspirierten, alles erfassenden, großen Allwissenschaft zusammenführen. Die berühmte Äußerung in einem Brief an Goldberg im Jahr 1712 zeigt sein harmonikales Denken: "Die Musik ist eine verborgene arithmetische Übung der Seele, welche dabei nicht weiß, dass sie mit Zahlen umgeht (.). Wenn die Seele auch nicht merkt, dass sie rechnet, so fühlt sie doch die Wirkung dieser unbemerkten Rechnung, sei es als Freude am Zusammenklang, sei es als Bedrückung beim Missklang." Nach Leibniz hat Gott, der Geometer und Mathematiker, den Kosmos nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet, damit der Mensch nun frei "Gottes Spiele auf Erden" aus eigener Kraft und Einsicht spielen könne und solle. In seiner "Theodizee" (1710) stellte der Gelehrte und Fürstenberater, aufbauend auf der geometrischen Mystik des Mittelalters mit ihrer Vorstellung von Gott als unendlicher Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist, dieses Spiel um die göttliche Allharmonie dar. Für seinen rationalistischen Aufklärer-Geist wurde die göttliche Vorsehung jedoch zu einer Mathesis divina, einer göttlichen Rechnung, die imstande ist, alles vorherzubestimmen. Wenn der Mensch diese göttliche Weltrechnung nachvollziehe und mitrechne, sei er in der Lage, aus der Einsicht in die immer gültigen Zusammenhänge die Zukunft vorauszuberechnen und so "das Heil zu planen". So bewerkstelligte der Aufklärer Leibniz die Wendung von der platonischen Mystik zum modernen Planungsdenken und wurde zum Begründer der Zinseszinsrechnung und der Versicherungsmathematik. Leibniz und Euler gehörten auch zu den Wissenschaftlern, die im frühen 18. Jahrhundert die Grundlagen für jene fundamentale Wandlung in der Wissenschaft legten, die dann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einer Gruppe französischer Wissenschaftler, Pierre-Simon Laplace (1749-1827), Joseph-Louis de Lagrange (1736-1813), Simeon Denis Poisson (1781-1840) und Jean-Baptiste Joseph Baron de Fourier (1768-1830), zu einem systematischen Programm wissenschaftlicher Problemlösung auf der Basis mathematisch-mechanischer Modelle ausgebaut wurde und die zu einer weitgehenden Ablösung der bisherigen empirisch-qualitativen Wissenschaft durch eine mechanisch-quantitative führte. Im Rahmen dieser Wandlung, die die Wissenschaft bis heute bestimmt hat, geriet auch die mathematisch-geometrische Mystik mit ihrem qualitativ-symbolischen Gebrauch von Zahlen und geometrischen Formen ins Abseits.

Mathematische Mystikin der Romantik

In der im frühen 19. Jahrhundert einsetzenden Gegenströmung zur Aufklärung, der Romantik, lebte die mathematische Mystik noch einmal auf, wenn auch teilweise in einer bereits stark verweltlichten Form. Bereits Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), der einflussreiche Philosoph der Frühromantik, verwendete die Metapher vom unendlichen Kreis und Mittelpunkt; in dem auf das menschliche Ich als Schöpfer der Welt konzentrierten Idealismus seiner Frühzeit ist sie jedoch, wie Mahnke schreibt, unter dem Einfluss von Kant so sehr entsinnlicht und entgöttlicht, dass "weder die zugrundeliegende handgreifliche Anschauung, noch die sublime mystisch-religiöse Deutung mehr recht lebendig" wird (Mahnke 1937). Während das Sphärensymbol früher auf Gott bezogen wurde, ist es nun das menschliche Ich, das Fichte als eine doppelte Sphäre beschreibt; in der Form des "absoluten oder idealen Ich" bezeichnet es die unendliche potenzielle Reichweite des menschlichen Geistes, während das "akzidentelle oder empirische Ich" für die tatsächliche Reichweite und den Wirkungskreis des konkreten individuellen Lebens steht. Mahnke weist darauf hin, dass Fichtes Vermenschlichung der Lehre von Gott als der allumfassenden, unendlichen Sphäre eine Säkularisierung des ursprünglichen mystisch-religiösen Charakters der geometrischen Mystik darstellt. In seinen späteren Werken kehrte Fichte jedoch zum ursprünglichen mystischen Sinn des Sphärensymbols zurück. Auch Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854), der einflussreichste Philosoph der Romantik, benutzte "den Ausspruch des Altertums, Gott sei dasjenige Wesen, das überall Mittelpunkt, auch im Umkreis, ist, und daher nirgends Umkreis"; wie Fichte tut er dies aber auf eine völlig verweltlichte Art und Weise, indem er die geometrisch-mystische Symbolik nicht nur auf den Menschen, sondern auf die gesamte Natur bezieht (Mahnke 1937). Er übernimmt das Bild der Ich-Sphäre von Fichte, überträgt es dann aber auf die Natur und spricht von sphärischen "Natur-Monaden", die von einem Mittelpunkt nach allen Richtungen wirken und sich entfalten. Materie entsteht nach Schelling aus dem polaren Zusammenwirken einer abstoßenden Kraft, die nach Erfüllung des Raums strebt, und einer anziehenden Kraft, die danach strebt, alles zu einem Mittelpunkt zurück zu bringen. Auch das Verhältnis von Raum und Zeit sowie von Schwere und Licht erklärt Schelling mit dem Bild von unendlichem Kreis und Mittelpunkt. Der Raum ist "überall bloß Umkreis, nirgends Mittelpunkt"; die Dinge in ihm liegen nebeneinander, ohne gemeinsamen Mittelpunkt. Die Zeit vereine zwar dieses räumliche Nebeneinander, aber nur dasjenige des jeweils gegenwärtigen Augenblicks und nicht dasjenige von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; sie sei "überall Mittelpunkt, aber nirgends Umkreis". Schwere und Licht hingegen besäßen die Totalität und Identität der unendlichen Kugel; die Schwere bewirke die "Identität in der Totalität" der Natur, indem sie alles räumlich Getrennte durch ein inneres Band mit dem gemeinsamen Schwerpunkt verknüpfe, und das Licht ermögliche die "Totalität in der Identität", indem es in jedem individuellen Ding und Lebewesen das ganze Universum sich widerspiegeln lasse. Beide verwandelten das unverbundene Neben- und Nacheinander von Raum und Zeit in das unendliche Ineinander der raum- und zeitlosen Ewigkeit, in der alles zugleich "im allgegenwärtigen Zentro der Natur" sei.

Der gemeinsame Mittelpunkt

Beim Münchner Romantiker Franz von Baader (1765-1841), der vor allem die Theosophie Jakob Böhmes wiederzuerwecken suchte, ist die mystische Geometrie in ihrer vollen Tiefe anzutreffen (Mahnke 1937). Zunächst geht auch er vom Konzept der Ich-Sphäre aus, beschreibt dann aber eine viel weitergehende Verbundenheit des Ichs als Fichte oder auch Schelling: "Müsste ich ein sinnliches Bild des Universums geben und des Einklangs aller Wesen in ihm, so würde ich (.) jedes Individuum in der Körper- und Geisteswelt als einen Mittelpunkt zeichnen, der von allen übrigen Wesen außer ihm, von der ganzen Peripherie als seinem Horizonte, soviel empfängt und aufnimmt, als er vermag, und der ihnen dafür alle Radien zurücksendet, die er nur zurücksenden kann", schreibt er bereits in seinen Jugendtagebüchern. Er betont, dass es außerdem einen gemeinsamen Mittelpunkt aller einzelnen Individuen gebe, mit dem alle Individualsphären durch so genannte Hauptstrahlen verbunden seien: dieser bezeichnet Gott, den einen, allgemeinen Mittelpunkt, der "alles, was von ihm ausgegangen" ist, für immer miteinander verbinde. Die individuellen Ich-Sphären sind für Baader "um und um Mund" - sie besitzen ebenso unersättliche Aufnahmefähigkeit wie unerschöpfliche Gebefreudigkeit. Die alles verbindende Sphäre Gottes bezeichnet auch den "ewigen Tauschverkehr der Ein- und Ausflüsse, der die unzähligen Einzelelemente der unendlichen Weltsphäre zum harmonischen Ganzen vereinigt" (Mahnke 1937). Die Summe der gesamten Einzelwirkungen, die jedes Individuum von jedem anderen erfährt und zurückgibt, stammt letztlich aus einer einzigen universellen Quelle, und alles anscheinend irdisch-menschliche Wirken ist in Wahrheit eine unmittelbare "Offenbarung" und "Tat Gottes". Aus diesem Zusammenhang ergibt sich für Baader eine "heilige Physik des Geistes", die von der Erkenntnis dieses verborgenen höheren Wirkens in den sinnlich-materiellen Erscheinungen handelt. Letztlich führt sie zur Erkenntnis, dass Gott das "innerste Naturzentrum" ist, das auch in jedem Punkt seiner äußeren Peripherie, d.h. der sichtbaren Welt, "total gegenwärtig" ist - als allgegenwärtiger Mittelpunkt, aus dem ständig schöpferisch die Lebenserscheinungen keimen und der in sämtlichen Individualerscheinungen als "zentrale" Bildekraft immer und überall lebendig bleibt.

Die Sphäriodik des Novalis

Ihren Höhepunkt erreichte die romantische Neuschöpfung der geometrisch-mathematischen Mystik wohl in dem jung verstorbenen Dichter Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772-1801), der als Bergbauingenieur auch Naturwissenschaftler war. In seinen frühen "Philosophischen Studien" (1795/96) spielte diese Tradition und ihr zentrales Symbol der Sphäre eine deutliche Rolle (Mahnke 1937). Novalis entwickelte darin die Lehre einer "Sphäroidik", in der er Fichtes "Ich-Sphären" eine umfassendere Bedeutung gab. Alles Existierende besitze eine zentrisch-peripherische Polarität, habe zwei Seiten oder Tätigkeitsrichtungen, eine gegenständliche und eine zuständliche. Das eine sei die Sphäre der selbsttätigen, von innen aus einem Mittelpunkt heraus wirkenden Aktivität, das andere diejenige der von außen einwirkenden "Akzidenzen"; beide zusammen - die zentrale Innenseite und die oberflächliche Außenseite - machten die "gemeinschaftliche Sphäre" der Realität eines Dings aus. Die "gemeinschaftliche Sphäre von Objekt und Subjekt" identifizierte Novalis wie Baader mit dem Göttlichen oder dem Absoluten. In den späteren Arbeiten des Dichters trat die Sphäroidik etwas in den Hintergrund bzw. wurde von ihm nur noch in Form des Mittelpunkts statt des ganzen Kugelsymbols verwendet; dieser allerdings spielte in seinen Gedanken und poetischen Bildern eine große Rolle. Im "Heinrich von Ofterdingen", dem nachgelassenen Roman, lässt er Astralis, den "siderischen Menschen", von sich sagen: "Ich bin der Mittelpunkt, der heil’ge Quell, aus welchem die Sehnsucht stürmisch fließt, wohin sich jede Sehnsucht, mannigfach gebrochen, wieder still zusammenzieht." Durch die von Novalis immer wieder beschworene poetische und moralische Zentrierungskraft, die dem wahren, magischen Dichter eigen ist, wird die ganze Welt zu einer von "innigster Sympathie" zusammengehaltenen Alleinheit verwoben. Die höchste Aufgabe des menschlichen Geistes sei es, "unerschöpflich, aus einem unendlich tiefen Mittelpunkt heraus, sich rings verbreitend", die gesamte Natur mit der magischen Kunst des Dichtens und Denkens zu vergeistigen und schließlich durch das noch größere "moralische Zentralwunder" der All-Liebe ein "Messias der Natur" zu werden. Wie sehr die mathematische Mystik sein Denken beherrschte, zeigen vor allem auch die "Fragmente", wo es heißt: "Echte Mathematik ist das eigentliche Element des Magiers". "Mathematik ist selbst Religion" und erhebt den Menschen zum "höchsten Leben", zum "Leben der Götter". Das gilt jedoch, wie er schreibt, nicht für die gewöhnliche Mathematik, die "in Europa zur bloßen Technik ausgeartet" ist, sondern nur für die "echte Mathematik", die "im Morgenlande . das eigentliche Element des Magiers ist" und die "tiefsten Geheimnisse der Welt und der Gottheit zu beschwören vermag". Diese "mystische Mathematik", die, wie er schreibt, zwei Hauptzweige, die pythagoräische "Magie der Zahlen" und die "mystische Geometrie" besitzt, ist der Weg zu Gott und der verklärten, poetischen Wirklichkeit. Mathematik war der Weg zu höheren Wirklichkeiten und Zugang zu veränderten Bewusstseinszuständen: "Der Mathematiker ist Enthusiast per se; ohne Enthusiasmus keine Mathematik." "Alle göttlichen Gesandten (als solcher verstand er sich als Dichter) müssen Mathematiker sein, Mathematiker sind die einzigen Glücklichen." In ihrer musikalischen Form fand diese echte Mathematik ihren Höhepunkt: "In der Musik erscheint sie (die Mathematik) förmlich als Offenbarung, als schaffender Idealismus (.). Hier legitimiert sie sich als himmlische Gesandtin."

Albert von Thimus, Begründer der modernen Harmonik

Während keiner dieser Philosophen und Dichter der Romantik die geometrisch-mathematische Mystik auch in ihrem mathematisch-präzisen Aspekt aufgenommen hatte, erlebte die Spätromantik der Mitte des 19. Jahrhunderts den ersten solchen Versuch seit Keplers "Harmonices Mundi". Es war der Aachener Jurist und Symbolforscher Albert Freiherr von Thimus (1806-1878), in den Jahren 1849 bis 1867 auch Mitglied des preussischen Abgeordnetenhauses, der zum Neubegründer dieser philosophischen Strömung wurde, die seit der Arbeit seines Neuentdeckers, Interpreten und Weiterentwicklers Hans Kayser ein Jahrhundert später als "Harmonik" bekannt geworden ist (Spitzer 1978). Da die mathematische Mystik des Altertums nur in Bruchstücken überliefert ist, ist das von Thimus in seinem monumentalen zweibändigen Werk "Die harmonikale Symbolik des Alterthums" (Köln 1868) entwickelte System auch "das erste geschlossene harmonikale Denksystem überhaupt" (Spitzer). Dieses Werk verbindet philologische Quellenforschung und philosophische Spekulation. Thimus’ Absicht war es, "auf der Basis der alten Quellen eine historische Denkform wiederzuentdecken" (Spitzer); dabei hat er jedoch gleichzeitig in Anlehnung an die Antike ein eigenes spekulativ-logisches System entwickelt.
Welche Schwierigkeiten der Aachener Gelehrte bei seinem Versuch, die antike Tradition der Harmonik zu rekonstruieren, zu überwinden hatte, können wir uns heute kaum mehr vorstellen, wo die antike Literatur und auch das Material zur Harmonik größtenteils zugänglich und erschlossen sind. Thimus musste nicht nur in mühevoller Kleinarbeit die umfangreiche und teilweise nur schwer zugängliche Literatur der Antike nach harmonikalen Elementen durchforschen; da er überzeugt war, dass ein großer Teil der harmonikalen Lehre in den Mythen des Altertums in symbolischer Form "verborgen" sei, musste er zudem in ebenso aufwendiger Arbeit diese Symbolik einer harmonikalen Interpretation unterwerfen. So wie im frühen 19. Jahrhundert die Sprachforscher die "indogermanische Ursprache" suchten oder - wie sein Lehrer, der romantische Altphilologe, Religionshistoriker und Mythologe Friedrich Creuzer (1771-1858) in seiner "Symbolik und Mythologie der alten Völker" (Leipzig 1819-21) - eine einheitliche "Urlehre" aller Kulturen zu erschließen suchten, so glaubte auch Thimus, dass hinter den harmonikalen Symbolen eine Urlehre stecken müsse, da gleiche oder ähnliche Symbole in den verschiedensten Kulturen zu finden sind. Diese Urlehre müsse von China bis Europa allen antiken Kulturen gemeinsam gewesen sein. Er vertrat die Auffassung, dass diese von den "eingeweihten" Priestern und Weisen des Altertums geschaffene Urlehre eine vor gewöhnlichen Menschen verborgen gehaltene esoterische Geheimlehre gewesen sei, deren wesentliche Elemente in symbolischer Form "verschlüsselt" wurden. Diese Urlehre einer Schwingungsnatur der Realität, die ihre Blütezeit in einer prähistorischen Urzeit hatte, sei in der darauffolgenden historischen Zeit mehr und mehr verfallen. Als älteste Ausprägung dieser harmonikalen Urlehre betrachtete Thimus die hebräische Kabbala, deren zahlentheoretisch-harmonikaler Deutung der ganze zweite Band seines Werks gewidmet ist.

Das Kosmos-Diagramm

Diese Geheimlehre hatte, wie Thimus vermutete, drei Richtungen, eine "theosophische", eine "metaphysische" und eine "philosophische"; sie umfassten "Gotteslehre, Ideenlehre, Seelenlehre und Erkenntnislehre". Ihre Gotteslehre als "Lehre vom ewigen Schöpferwort (Logos) und vom unaussprechbaren Namen des Einen und unvergänglichen Gottes und Weltschöpfers" sei deutlich harmonikaler Natur gewesen, ebenso ihre Auffassung, von "der wohlgeordnet-harmonischen Gestaltung auch der gesamten äußeren, von Stufe zu Stufe stetig zu höheren Gebilden sich erhebenden und dem Endziele der Vergeistigung und einstigen Verklärung durch innigste Vereinigung mit ihrem Urquell zustrebenden Schöpfung". Der bedeutendste Zweig der "esoterischen Disziplinen priesterlicher und philosophischer Geheimbünde" und Kern der Urlehre sei die "Zahlenharmonik" gewesen mit ihrem Wissen über das rationale Verhältnis von Ton und Zahl. Thimus war überzeugt, dass "die Meister des alten Geheimbundes (.) die Natur des Tones kannten" und dass sie sich bei der Unterweisung der "Wissenden" einer "Ganzzahlenrechnung nach Schwingungsmengen" bedient hätten. Entsprechend stand denn auch im Zentrum der Thimus’schen Neuerschließung der antiken mathematisch-musikalischen Mystik die Rekonstruktion des so genannten Kosmos-Diagramms sowie des "Lambdoma" aus den neupythagoräischen Schriften. Das erste wurde zum zentralen methodischen Rüstzeug seiner harmonikalen Untersuchungen und zum Kernstück seines Systems, während das zweite dann in der späteren Harmonik eine zentrale Rolle spielt.
Bei dieser Rekonstruktion stützte sich Albert von Thimus in erster Linie auf die "Arithmetik" des Neuplatonikers Nikomachus von Gerasa (ca. 100 n.Chr.), der die Zahlen in perissos- und artios-Zahlen einteilt, unter denen alle antiken Autoren die geraden und ungeraden Zahlen verstanden haben. Thimus jedoch lehnte diese Deutung als "exoterisch" ab, die wahre, esoterische Bedeutung der beiden Begriffe sei diejenige als "teilige" und "nichtteilige" Zahlen, d.h. ganze Zahlen und Bruchzahlen. Die beiden Zahlenreihen der bei 1-? beginnenden und in ihrer Größe abnehmenden Bruchzahlen und der in ihrer Größe zunehmenden und bei ?-1 endenden ganzen Zahlen besitzen ein harmonisches Verhältnis zueinander, das durch die Proportionen der zueinander analogen Glieder der beiden Reihen gegeben ist. Zusammen bilden sie eine gemischte Zahlenreihe mit der Zahl 1 als Mitte, die Thimus als "Ausdruck eines in Einheit verbundenen Dualismus" deutete, als Urbild der Harmonie, geschaffen von dem "denkenden Geiste des die Weltordnung machenden Gottes". Thimus zitiert als Beleg dafür einen Satz aus den "Pseudo-aristotelischen Problemen": "Des Zusammenklangs der Töne aber erfreuen wir uns, weil das Wesen derselben in einer Mischung einander entgegengesetzter, aber in bestimmten Proportionen zueinander stehender Elemente beruht". Thimus geht bei dieser Rekonstruktion jedoch über das antike Schema hinaus, indem er die beiden Reihen jeweils ins unendlich Große bzw. Kleine weiterführt und auch der Mitte den Charakter des Unendlichen verleiht, indem er der Eins die Null als Mitte vorsetzt. Diese Nullgröße bildet quasi den Ursprung und die "verborgene Kraft aller werdenden Größe". Der Gelehrte sieht in diesem Schema, das er das "Kosmos-Diagramm" nennt, zwei kosmische Prinzipien vereint, auf der einen Seite das "gestaltlose, unfassbare Prinzip des Unbegrenzten in Raum und Zeit", und andererseits das "gestaltende und begrenzende, den Einzeldingen begrifflich und stofflich ihre Wesenheit verleihende andere Prinzip" der Einheit. Als Beleg für das Diagramm zitiert er den Beginn der Naturlehre des Pythagoräers Philolaos von Kroton (Mitte des 5. Jh. v.Chr.): "Die Natur ward aber bei der Weltordnung aus Unbegrenztem und Begrenztem zusammengefügt, sowohl die Weltordnung im Ganzen als alles in ihr Befindliche." Thimus glaubte diese Endglieder und die Mitte dieses Diagramms in den Symbolen für "Mitte" und für den "Auf- und Abweg" verschiedenster Kulturen wiederzufinden.

Rekonstruktion des Lambdoma

Ein großes, für die weitere Entwicklung der Harmonik bedeutungsvolles Verdienst hat Thimus durch die Entdeckung und Rekonstruktion der pythagoräischen Zahlentafel des "Lambdoma", das vor allem in Hans Kaysers Werk eine zentrale Stellung einnimmt. Es ist eine Weiterentwicklung des Kosmos-Diagramms, die aber durch ihre Ausrichtung auf mathematische und musiktheoretische Anwendungen und ihre Beschränkung auf rationale Zahlen nicht mehr die kosmisch-symbolischen Dimensionen besitzt, an denen Thimus vorzugsweise gelegen war; aus diesem Grund spielt es bei ihm nicht die zentrale Rolle, die es in der späteren Harmonik erhielt. Ähnlich wie bei Kayser ist aus der Sicht Spitzers heute Thimus’ Vermischung echter antiker Symbolik und selbstgeschaffener Symbolik kritisch zu werten (Spitzer 1978). Trotzdem ist Thimus’ Arbeit aus heutiger Sicht mitnichten nur von historischem Interesse und in ihren Aussagen und Schlussfolgerungen überholt. Abgesehen von der Bedeutung der von ihm gesammelten historischen Belege, die als Ausgangspunkt für neue Forschungen noch lange nicht ausgeschöpft sind, ist auch seine Arbeitshypothese von der harmonikalen Symbolik als Kern der alten Weisheitslehren keineswegs abwegig und durch neuere Forschungen von Wissenschaftlern wie Marius Schneider und Ernest McClain bestätigt worden, wie wir in weiteren Folgen zeigen werden. Mit seinen zentralen Konzepten hatte Albert von Thimus durchaus recht, wenn auch seine Methoden einer wissenschaftlichen Kritik nicht immer standhalten können.
In Wirklichkeit besteht wohl seine wichtigste Leistung weniger in der Rekonstruktion antiker Vorstellungen oder darin, dass er Beweise für seine Hypothesen erbracht hätte, sondern darin, dass er etwas Neues schuf, das als harmonikale Philosophie eingestuft werden muss (Spitzer) und das mit zum Teil genialen Intuitionen vielfach dem inneren Wesen der geometrisch-mathematischen Mystik näher kam als die Deutung vieler späterer Gelehrter.