Im Wasser geschaut

Die Praxis der Wassermantikvon der Antike bis heute, Teil 2

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 16/2003

Im ersten Teil seines Aufsatzes zur Wassermantik ging der Naturphilosoph Reinhard Falter auf die Symbolik von Quellen und Flüssen ein und stellte neun antike Praktiken vor, die als Methoden der Hydromantie dokumentiert sind. Im zweiten Teil dringt er zum Kern aller mantischen Deutung vor: zur gestalthaften Erfahrung eines Numens, das sich etwa an wässrigen Orten als Nymphe oder Flussgott zeigen mag.

Während die ersten der sieben in Teil 1 dieses Artikels vorgestellten Formen der Wassermantik deutliche äußere Ereignisse aufweisen, die als Omina interpretiert werden, könnte man die letzten beiden eher als Formen innerer Erfahrung ansprechen, bei denen sich die Omina erst durch Visionen ergeben. Bei der zweiten ist zumindest aus heutiger Sicht viel stärker die Problematik von Projektionen gegeben, und gerade in Bezug auf Kaptromantie sprechen auch antike Quellen bereits häufig von betrügerischen Machenschaften professioneller Wahrsager.

Natürliche und technische Mantik

Bouche-Leclercq hat zwischen intuitiver (oder natürlicher) und induktiver (oder technischer) Mantik unterschieden.1 Bei der intuitiven Mantik werden die Ergebnisse dem Menschen unmittelbar, gleichsam innerlich bewusst, bei der induktiven wird von äußeren Zeichen geschlossen. Die natürliche Mantik wurzelt in der Witterung der Tiere, die induktive Mantik ist eindeutig die Grundform wissenschaftlicher Prognosen und die Inszenierung des Zufälligen (Stäbchen, Würfel) die des Experiments.

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