Im Wasser geschaut

Die Praxis der Wassermantikvon der Antike bis heute, Teil 2

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 16/2003

Im ersten Teil seines Aufsatzes zur Wassermantik ging der Naturphilosoph Reinhard Falter auf die Symbolik von Quellen und Flüssen ein und stellte neun antike Praktiken vor, die als Methoden der Hydromantie dokumentiert sind. Im zweiten Teil dringt er zum Kern aller mantischen Deutung vor: zur gestalthaften Erfahrung eines Numens, das sich etwa an wässrigen Orten als Nymphe oder Flussgott zeigen mag.

Während die ersten der sieben in Teil 1 dieses Artikels vorgestellten Formen der Wassermantik deutliche äußere Ereignisse aufweisen, die als Omina interpretiert werden, könnte man die letzten beiden eher als Formen innerer Erfahrung ansprechen, bei denen sich die Omina erst durch Visionen ergeben. Bei der zweiten ist zumindest aus heutiger Sicht viel stärker die Problematik von Projektionen gegeben, und gerade in Bezug auf Kaptromantie sprechen auch antike Quellen bereits häufig von betrügerischen Machenschaften professioneller Wahrsager.

Natürliche und technische Mantik

Bouche-Leclercq hat zwischen intuitiver (oder natürlicher) und induktiver (oder technischer) Mantik unterschieden.1 Bei der intuitiven Mantik werden die Ergebnisse dem Menschen unmittelbar, gleichsam innerlich bewusst, bei der induktiven wird von äußeren Zeichen geschlossen. Die natürliche Mantik wurzelt in der Witterung der Tiere, die induktive Mantik ist eindeutig die Grundform wissenschaftlicher Prognosen und die Inszenierung des Zufälligen (Stäbchen, Würfel) die des Experiments.
Die Weissagung aufgrund äußerer Zeichen (Omina) scheint von der Quellenlage in Griechenland her die ältere zu sein. In der llias gibt es noch keine Weissagung durch Vision.3 In der Odyssee (20, 351 ff.) dagegen erscheint in der Vision des Theoklymenos bereits der Typus wie später die Vision der Kassandra im "Agamemnon".4 In der Astrologie, bzw. besser gesagt der Sterndivination der Babylonier, ist das jedoch anders.5 Hier geht die intuitive der induktiven Mantik voraus. Dementsprechend gehe ich davon aus, dass gerade im Bereich der Hydromantie die ungeregelte Visionssuche, in der sich das Numen als gestalthafte Erscheinung offenbart, die älteste Praxis ist. All das ist selbstverständlich mit großer Vorsicht zu interpretieren. Wie wenig wir über die Praktiken der Antike wissen, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass wir eine Darstellung, die sich auf ein Quellorakel in Limyra bezieht und die einen Hund und einen Buckelstier beim Trinken aus einer Quelle zeigt, nicht zu deuten vermögen. Die Begeisterung oder Mania nach dem Trinken macht besonders deutlich, dass nicht eine Wirkung des Wassers durch Inhaltsstoffe gemeint ist, sondern dass das Wasser zum Vermittler eines Geistes wird, der gar nicht stofflich gebunden gedacht werden muss, sondern der sich aus der Berührung, aus dem Zusammentreffen ergeben bzw. bei dieser Gelegenheit in jemanden einfahren kann. Freilich wird auch der dionysische Rausch so angesehen. Der Grieche führt den Rausch nicht auf chemisch nachweisbare Inhaltsstoffe des Weins zurück; insofern unterscheidet sich die dionysische Mania nicht prinzipiell von einer aphrodisischen.6 Auch diese könnte im Prinzip durch einen Trank "verursacht" sein, daher die Vorstellung vom Liebestrank. Ganz ähnlich kann die apollinische oder musische Manie durch einen Trank vermittelt werden, ebenso aber auch durch ein Bild. In der antiken Mantikpraxis ist nirgends allein ein Zeichen ausreichend, sei dies nun eine Wirbelform oder ein Klang, ein Anschwellen oder ein Spiegelbild, sondern es muss immer der Geist oder Daimon dazukommen. Reine Zeichenmantik (rein induktive Mantik) könnte jeder lesen, und sie wäre vollständig lehrbar. Umgekehrt wird alle Mantik, die besondere Sensibilität oder Intuition erfordert, in der Antike als Bewegtsein von einem Gott gedeutet. Es kann der Flussgott selber sein, der den Seher begeistert, es kann aber auch ein anderer Gottt sein, der ihn am Fluss erwartet. Der Fluss kann also Erscheinungsort olympischer Qualitäten oder seines individuellen Eigenwesens sein. Wir müssten demnach eine ganz andere Grundunterscheidung der Wassermantikformen vornehmen, als anfangs vorgeschlagen:
1. Weisung durch Flussgott oder Nymphe (dazu gehören die meisten Ja-Nein-Formen wie Annahme eines Opfers, Aufsprudeln etc.)
2. Weisung durch einen am Wasser auftretenden Olympier (Lesen in den Wirbelformen, erscheinende Bilder, die nicht Bilder des Flussgottes sind).
Auf der anderen Seite ist es aber auch nicht zufällig, dass in antiker Wassermantik kaum vom Erscheinen eines Flussgottes die Rede ist. Flussgötter erscheinen wohl selten menschengestaltig, da ihre Grundgeste eben das Verfließen und nicht Formgestaltung ist. Eher erscheint die lokale Gestalt des jeweiligen Ortes am Fluss, die Nymphe.

Gestalthafte Darstellung

Wollen wir den gemeinsamen Hintergrund der antiken Praktiken verstehen, müssen wir von der damaligen Darstellungsart von Naturphänomenen ausgehen. Die in der Antike vorherrschende Auffassungsweise des Wassers ist die personifizierende als Flussgott, Quellnymphe etc. Die in den Bächen und Brunnen wohnende Gottheit Carmenta gilt als weissagend. Dem römischen Urkönig Numa, der der Hydromantie ergeben war, sagte man eine Liebesbeziehung zu der Nymphe Egeria nach. Schon Augustinus deutet in seinem "Gottesstaat" (7.35) diese Sage als mythische Einkleidung der Tatsache, dass er die Hinweise für den römischen Kultus durch Hydromantie erfahren habe - selbstverständlich ist dies aus seiner Sicht Einflüsterung schlechter Dämonen.8 Livius’ (I, 21,3) Beschreibung zeigt, dass hier die alte Vorstellung einer Vereinigung von Ortsnumen und Mensch mitschwingt: "Es war ein Hain, aus dessen schimmernder Tiefe eine Quelle immer fließenden Wassers rann. Weil dort sich Numa unbeobachtet oftmals wie zur Zusammenkunft mit der Göttin hinsetzte, hat er den Hain den Musen geheiligt, weil dort deren Zusammenkünfte mit seiner Gattin Egeria seien."9 Was haben wir uns unter einer solchen Vereinigung von Sterblichem und Ortsnymphe vorzustellen?
Zum einen kann es sich um eine Beschreibung des Selber-Quelle-Werdens handeln. Der Mensch stimmt sich auf das Quelle-Sein ein und verwandelt sich in sie, gattet sich mit ihr, wie dies in mythischer Rede beschrieben wird. Das ist nichts "Übernatürliches" in dem Sinn, dass es dem Naturmöglichen zuwiderliefe, keine biologische Verwandlung, wohl aber eine tiefgreifende seelische Metamorphose. Die Angleichung wird auch meist so beschrieben, dass das Naturwesen menschliche Züge annimmt, so dass es dem Menschen etwas Verständliches mitteilen kann. Der Name für die in solch anthropomorpher Epiphanie erscheinenden Gewässer ist Nymphe, wobei unter Nymphe ursprünglich eine Lokalgöttin zu verstehen ist, die an ihrem Ort die Allmacht über die drei Bereiche des Lebens hat und deren hauptsächliche Wirkungsart der hieros gamos (himmlische Hochzeit) ist.
Es gab durch das gesamte Altertum Weissagung aus dem Wasser, die tatsächlich auf der gestalthaften Erscheinung (Epiphanie) eines Wesens beruht. Das mythische Bild ist hauptsächlich das Festhalten des Wasserwesens, ob dies nun Thetis, Acheloos, Glaukos, Proteus oder Nereus ist. Wie ein Wasserwesens festgehalten und zum Zweck von Weissagung erpresst wird, erscheint ausführlich in der Odyssee (IV, 365-569) beschrieben. Der Zugang zum mantischen Wissen ist hier zweistufig. Die göttliche Nymphe Eidothea eröffnet diese Möglichkeit, indem sie das Geheimnis ihres Vaters Proteus verrät. Der rechte Zeitpunkt ist der Mittag. Proteus kommt an den Strand, um seine Robbenherde zu zählen. Er muss festgehalten werden: "Versuchen wird er sich darin, dass er zu allem wird, soviel Kriechendes auf der Erde lebt, wie auch zu Wasser und Feuer. . Doch der Alte vergaß nicht seine listige Kunst, sondern er wurde wahrhaftig erst ein starkbärtiger Löwe, aber dann Schlange und Panther und ein großes Wildschwein, und wurde feuchtes Wasser und hochbelaubter Baum." Proteus verwandelt sich in die sechs lebensmächtigsten Gestalten des Tier- und Pflanzenreichs und der Elementarwelt (Löwe, Panther, Eber, Schlange, Baum und Wasserwelle); eventuell handelt es sich dabei auch um einen Nachklang von totemistischem Naturbezug.10 Was hier festgehalten wird, ist in gewisser Weise der Ablauf der Zeit. Dabei ist die Mond- wie die Wasserverwandtschaft des Stieres zu verstehen. Wie der Mond der Maßstab der Zeit, so ist der Fluss das Bild der Zeit.11 Wenn man wüsste, wie der Fluss morgen ist, so wüsste man die Zukunft, denn im Fluss liegt die Zukunft. Um sie zu erfahren, müsste man ihn anhalten und zum Sprechen bringen. Es scheint sich an Quellen ganz allgemein der Glaube geknüpft zu haben, dass in ihrem Spiegel die Nymphe erscheinen und eine nicht ungefährliche Bewusstseinsveränderung über den Hineinschauenden bringen könne. In solcher "Manie" lagen Wahnsinn und Sehergabe nahe beisammen. Die Griechen nannten den Zustand nympholeptos, die Römer lymphaticos.12 Nympholeptos ist ursprünglich die Folge dieses Gamos, der den sterblichen Partner zu ausschließlichem Dienst verpflichtet wie im Verhältnis von Muse und Dichter oder Seher.13 Als Märchenmotiv findet sich die Verwandlung durch Trinken aus einer Quelle: "Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf." Mir scheint, dass zumindest ein Teil der Hydromantiemethoden mehr oder weniger vergegenständlichende, technisierende Missverständnisse ursprünglicher Gamos-erlebnisse sind. Das hieße, dass gerade in den zweifelhaftesten, am wenigsten methodisierbaren Praktiken, wie der Meditation an der Quelle, der größte Rest des ursprünglichen Erlebens zu finden wäre.

Nymphen, Götter und Priesterinnen

Nun kann aber die Nymphe auch durch eine sterbliche Vertreterin, eine Priesterin, vertreten werden. In einem solchen Fall kann der Gamos als menschlicher Geschlechtsakt vollzogen werden.14 Die Kalypso- und Kirke-Szenen der Odyssee sind davon ein Nachklang. Diese Art der Kultausübung als geschlechtliche Vereinigung des ratsuchenden Menschen mit der menschlichen Stellvertreterin der Gottheit gehört der vorolympischen Stufe der griechischen Religion an. In der olympischen Religion tritt an die Stelle des suchenden Menschen als Gamospartner der Nymphe ein Priester des Gottes, der als Nymphen- oder Musenführer gilt. Hier dreht sich das Verhältnis um, so dass die ursprünglich die Nymphe darstellende Priesterin (Pythia, Sybille) als von dem Gott begeistert gilt, statt umgekehrt. Als nymphenführende Götter erscheinen vor allem Apoll, aber auch Hermes, der der große Gott des Wechsels zwischen den Welten ist. So schildert z.B. Herodot (I.182) das Orakel in Patara, bei dem die weissagende Priesterin nachts mit dem Gott eingeschlossen wird. Das dürfte auf einen alten Nymphenkult zurückgehen. Nymphen sind die Wesen des Mythos, bei denen der fließende Übergang zwischen menschlicher Handlung und Naturwesen besonders deutlich ist. Hermann Koller hält sogar das menschliche Erleben besonderer Bewusstseinszustände für den Ursprung von Wesensbildungen wie den Nymphen. Der Mensch, der z.B. ekstatisch tanzt oder sich ganz einer Naturerscheinung hingibt, der vom Betrachter des Lichts zum verkörperten Lichtgefühl wird (um ein schönes Beispiel des jungen Hegel aufzugreifen), erlebt sich verwandelt. Die Grenze zwischen "von einem Daimon ergriffen" und "in einen Daimon verwandelt" ist dabei unscharf, und auch im ganz hingegebenen Tänzer erlebt der Zuschauer ein anderes Wesen.15 Das Wesen einer Landschaft lässt sich für den antiken Menschen gerade nicht durch ein Verharren im distanziert betrachtenden Gegenüber erkennen, sondern über die Frage: Wozu lädt diese Landschaft ein?
Man kann den Zusammenhang auch andersherum benennen. Die menschengestaltigen Darstellungen entspringen dem kultischen Nachvollzug der numinosen Verhältnisse. Das Verhältnis von Quelle und Fluss wird als ein solches von Mutter und Sohn gefasst. Gerade bei den vorolympischen Nymphen, wie sie noch bei Homer erscheinen, ist recht wahrscheinlich, dass es sich um Frauen handelt, die durch ihr Leben außerhalb der menschlichen Gemeinschaft, bedacht mit einem Teil der Opfergaben, selbst die Ortsnumina verkörperten. Auch die Vorstellung von Mänaden dürfte davon ein Nachklang sein. Die präolympischen Nymphen fliehen nicht den Mann überhaupt, sondern nur den fremden. Sie vollziehen den Gamos mit dem einheimischen Heros, der den lokalen Zeus verkörpert. Der Gamos ist Vollzug der Fruchtbarkeit bringenden Synthese, er bindet Mensch und Ort in gegenseitiger Verpflichtung aneinander. In der olympischen Ordnung gelten Nymphen als Jungfrauen. Sie gatten sich nicht mehr mit Menschen. Die orgiastischen Kulte sind weitgehend beseitigt. Aus der Selbständigkeit gehen sie in den Bereich der Artemis über.
Betrachtet man die Entwicklung als Ganze, so sind es ursprünglich die erlebbaren Qualitäten eines Ortes, dann deren priesterliche Stellvertreterinnen und schließlich die Priester, die das Verhalten der Nymphen auslegen, von denen die mantische Weisung kommt.

Wasserwesen im Mittelalter

Eine literarische Darstellung einer Wasserprophezeiung, in der die weissagenden Numina als Gestalten erscheinen, findet sich z.B. im Nibelungenlied (Vers 1525 ff.) bei der Beschreibung der Donauüberschreitung:
Hagen sucht einen Fährmann. Dabei wird er auf das Rauschen einer Quelle aufmerksam und sieht darin "wisiu wip, die wolden sich da kuelen unde badeten ir lip." Zwei davon werden mit Namen genannt: Hadeburg und Sieglind. Hagen nimmt ihnen die Gewänder, um sie zu zwingen, ihm gefügig zu sein. Sie flüchten sich in den Strom: "Si swebten sam die vogele vor im uf der fluot / des duhten in ir sinne starc unde guot / swaz si im sagen wolden, er geloubte ez deste baz." Ihre Behendigkeit auf dem Wasser gibt ihm Vertrauen in ihre Vorhersage. Solange sie die Gewänder nicht haben, sagt Hadeburg nur, was Hagen gerne hört. Dann aber warnt Sieglind: "Ich wil dich warnen Hagene, daz Aldrianes kint / durch der waete liebe hat min muome dir gelogen". Man kann die Wesen zu Aussagen zwingen, aber wieviel sie einem sagen, bleibt ihnen überlassen. Die Nymphen des Nibelungenlieds entsprechen in ihrem Verhalten ganz den klassischen Nymphen der Zeit der olympischen Religion. Sie sind scheu, wollen am liebsten mit dem Menschen nichts zu tun haben. Das Motiv des Kleiderraubs in dieser Beziehung ist gleichfalls alt16 und entspricht dem Festhalten der sich verwandelnden Gestalt. Den Naturwesen das Kleid rauben heißt, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, sich zu verbergen. Verborgenheit ist aber gerade für die nymphischen Wesen etwas ganz zu ihrem Wesen Gehörendes. Nymphen sind bergende und verborgene Wesen, denen Höhle und Baum als Erscheinungsformen zukommen. Die Gestalten der außerhalb der Gesellschaft stehenden "wilden" Frauen leben nicht nur im griechischen Kulturkreis in den Sagen von Andersweltfrauen weiter, meist als Wasserfrauen, die mit Menschen Verbindungen eingehen. Sie dürfen nicht beleidigt oder gescholten werden, schon gleich gar nicht in der Nähe ihres Elements, und sie haben nichtmenschliche Maßstäbe, durch die sie auffallen und Ärgernis erregen, sie trauern bei der Geburt und der Hochzeit eines Menschen, weil sie diese als Einkerkerung einer Seele betrachten, und freuen sich beim Tod, weil sie diesen als Freiwerden ansehen. Die Todesbejahung des Wassers wurde unmittelbar empfunden.17 Der erfahrungsreligiöse Gehalt des Motivs, der in dieser Form auch in die christliche Zeit hinübergerettet werden konnte, ist, dass vom Standpunkt des All-Lebens aus der Tod Befreiung aus der Einzelexistenz bedeutet. Der andere Aspekt darin ist, dass die bürgerliche Ehe auch die Festkettung der erotischen Potenziale bedeutet. Die Decreta des Burchard von Worms (ca. 1020) enthalten das Verbot von ausgelassenen Spielen und Mummenschanz bei Leichenfeiern.18 Das Verhalten der Nymphen oder Feen ist also auch hier das Verhalten der Heiden, die beim Tod das Weitergehen des Lebens feierten. Der Grund dafür wird in psychologistischen Deutungen meist verfehlt.19 Einen etwas aderen Hintergrund dürfte der Bericht Herodots (V, 4) über die thrakischen Trauser haben:20 "Um den Neugeborenen setzen sich die Angehörigen herum und klagen um ihn, wieviel Leiden er nun, da er geboren sei, werde ertragen müssen, und zählen dabei alle menschlichen Übel auf. Die Toten dagegen bestatten sie unter Lachen und Scherzen und sagen, nun sei er von allen Übeln erlöst und lebe in Glück und Wonne." Hier scheint der Hintergrund eher ein weltverneinend dualistischer, wie er sich auch bei den späteren Bogumilen und Katharern findet.

Naturwesen der Neuzeit

Die für die Neuzeit bestimmende Systematisierung der Gattungen der Naturwesen stammt von Paracelsus.21 Als eigentlichen Namen nennt er Undinae (statt Nymphen), Gnomi (statt Pygmen), Sylvestres (statt Sylphen) und Vulcani (statt Salamander). Alle diese Wesen sind leiblich, nicht Geister (Gespenster), doch ist ihr Leib von anderer Art, so dass ihnen ihr Element wie uns die Luft ist. Sie können sich in ihrem Element frei bewegen. Sie haben keine Seele, können eine solche aber durch Verbindung mit einem Menschen erlangen.22 Es gibt jedoch auch Missgeburten (so entstehen aus Undinen Sirenen). Sie sind durch ihr bloßes Erscheinen prophetisch, nämlich Anzeichen bevorstehender Umwälzungen. Allen Elementenwesen werden mantische Fähigkeiten zugeschrieben: "Sie wissen auch alle zukünftige Ding, gegenwärtige Ding und die schon geschehenen, die nicht vor Augen sondern verborgen sind, darin können sie den Menschen dienen und ihn erhalten, warnen, führen und dergleichen." Ihre Fähigkeiten sind nicht böser Zauber, sondern "ein Geist, was er wünscht, dass ers hätte, das hat er", während der Mensch unter allen Kreaturen "der härtest gebundene" ist: "Was er haben muss und will, das muss er sich machen."23 Grimmelshausen lässt seinen Simplicissimus von den Wasserwesen, durch die er in den Mümmelsee hinuntergezogen wird, selbst Einsichten in ihr Wesen gewinnen. Die Wasserwesen sind sterblich mit Leib und Seele, doch ungeplagt von Sünden und Krankheiten, ihr Leben verlöscht wie das Licht einer Kerze. Sie genießen eine Freiheit, der gegenüber die Freiheit des größten Monarchen unter den Menschen nichts ist, "denn sie könnten weder von uns noch anderen Kreaturen getötet werden noch zu etwas Unbeliebigem genötigt, viel weniger befängnist werden, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohn einzige Mühe und Müdigkeit (von der sie gar nichts wüssten) durchgehen könnten." Dennoch sehen sie sich den Menschen gegenüber benachteiligt. In Simplicius’ Schilderung ihrer Vernünftigkeit, ihrer unprätentiösen Verhaltens- und Herrschaftsweisen schimmert aber durch, dass ihm diese natürlichen Werte bereits höher stehen als die christlichen. Da ihr Leben mit der endzeitlichen Vernichtung der Erde im Feuer endet, möchten sie von Simplicius wissen, ob die Menschheit schon sehr verderbt sei. Zeichen eines Alterns der Erde bestreiten sie: "Wir können zwar aus dem Gestirn noch nichts dergleichen abnehmen, auch nichts an der Erdkugel vermerken."
Die Sprache der Sylven verstehen alle Menschen als ihre eigene. Auch gekleidet sind die Obhüter eines jeden Sees wie die Umwohner, so wird der des Pilatussees mit Rauschebart und Pluderhosen als Schweizer dargestellt.
Die Vorstellung vom Erdzentrum wird gegen ein aristarchisch-kopernikanisches Konzept gestellt, wonach Pygmäen wie in einem Tretrad die Erde treiben müssten. Die Beschaffenheit des Quellwassers hängt von den Schichten und Metallen ab, durch die es läuft. Der wiederaufgetauchte Simplicius stellt sich als fahrender Schüler vor, der aus dem Venusberg komme. In Deutschland sind die bekanntesten der Hörselberg bei Eisenach und der bei Uffhausen bei Breisach, weitere zu Waldsee in Schwaben, Velbach in Vorarlberg, auf dem Tiergarten bei Mels in der Schweiz. Venusberg heißt auch der Hollenberg in Niederösterreich.24 Paracelsus sieht in Venus ja auch eine Undena.25

Ausdruckskunde heute

Symbolisches Denken ist immer schon seherisch. Es sieht Korrespondenzen, die dem gegenständlichen Denken irrelevant scheinen. Es vollzieht eine tendenziell unendliche Pendelbewegung zwischen Selbstauslegung in Bildern der Natur und Naturdeutung in Bildern der Seelenlandschaft. Dies geht jeder Theoriebildung, wonach Zusammentreffen bedeutungshaltig und nicht zufällig sei, voraus. Alle solche Theorie tendiert zum Aberglauben, ist aber ihrerseits bereits Reaktion auf einen Reduktionismus. Ursprünglich ist die Sinnhaftigkeit aller Korrespondenzen fraglos und gar nicht thematisierbar. Wenn sie thematisiert werden muss, entsteht die Gefahr einer Auslegung nach dem Muster von Kausalität oder Ding-Ontologie. So besteht z.B. auch in der Geomantie die Gefahr, technische Lösungen für atmosphärische Probleme zu suchen. Divination kann spontan auftreten. Ich gehe an den Fluss, und plötzlich offenbart sich mir in seinen Verzweigungen etwas über das Wesen gelungener Biographie. Ich erkenne, dass auch in meinem Leben verschiedene Strömungen nebeneinander her laufen und dass diese Vielstimmigkeit etwas Gutes hat. Irgendwie erscheint es wichtig, dass sie nicht einfach auseinanderlaufen, sonst wären sie zum Versickern verurteilt. Das Naturbild bekommt allmählich Normativität. Ich sehe z.B., dass mein Leben, stärker als es sein sollte, in Rollen zerfällt, dass ich mich um den Zusammenhang meiner Rollen kümmern muss. Wenn ich etwa im Rahmen der "Fluss-des-Lebens"-Seminare, die ich zusammen mit einer Münchener Psychologin durchführe, mit zehn Menschen an einen Fluss gehe und sie auffordere, sich einen Platz zu suchen, den sie als zu sich gehörig empfinden, wird jeder dem begegnen, was für ihn Thema ist. Auch an ein und demselben Platz erlebt jeder etwas anderes, und dieselbe Beobachtung kann auch noch unterschiedlich empfunden und/oder bewertet werden. Wieder meldet sich für den naturwissenschaftlich Geschulten der Verdacht hemmungsloser Subjektivität. Zugrunde liegt aber der Spiegelungsmöglichkeit, die sich in solchen Begegnungen von Mensch und Natur zeigt, im Generellen die Verwandtschaft von Fluss als Ganzem und Lebenslauf und im Konkreten, dass Individualisierung beim Menschen dieselben Figuren und Charaktere hat wie Individualisierung beim Fluss oder Baum. Was mir hier begegnet, ist auch nicht einfach nur eine Projektionsfläche, auf der bloß Subjektives gespiegelt erscheinen könnte (was auch schon heilsam wäre), sondern es sind Naturvorgänge, die eine Realität unabhängig vom Betrachter haben, oder, anders gesagt, die möglich sind. Das ist der Unterschied zu einer bloßen Phantasiereise, die auch "Fluss des Lebens" heißen könnte.

Die Mantik der Themenfindung

Ein Betrachter kann eine reißende Stelle als lebendig oder als gehetzt empfinden, ja, ich kann den Fluss als Ganzen als sinnlos sich zu Tode stürzend oder als ungeheuer reich empfinden. Beides hat mit dem Betrachter und doch nicht nur mit ihm zu tun. Beides sind Seiten des Lebens, die sich in der Wirklichkeit nicht ausschließen. Noch wichtiger als Bewertungen ist leibliches Angeregtwerden. Ein persönliches Beispiel soll dies anschaulich machen: Als ich nach einem starken Hochwasser einen mir von Kindheit an bekannten Fluss wiedersah, freute ich mich zunächst, dass er dabei war, ein Maximum an Diversifizierung auszubilden. Als ich mich an einer Stelle niederließ, wo einerseits Neubildung von zwei Inseln, andererseits ein Einbruch in die Aue zu sehen war, ergriff mich unerwartet ein Schwindel. Dieser hatte mit meiner Lebenssituation (Angst vor neu gewonnener Offenheit) zu tun, aber auch mit dem Charakter, den die Antike als dionysisch bezeichnet hätte, nämlich eines Einschlags von Feuerkraft im Wasser.
Ein nächster Schritt wäre, dass ein Mensch mit einer Frage oder einem Anliegen zum Fluss kommt bzw. dass ihm die Frage, die er ohnehin mit sich trägt, bewusst ist. Im oben geschilderten Fall war mir erst im nachhinein bewusst geworden, dass ich ein Problem mit der Überwindung der Rollenhaftigkeit meines Lebens hatte. Die einfachste Mantik ist vielleicht die der Themenfindung. Was mir begegnet, wenn ich mir bewusst bin, dass alles, was mir begegnet, mir etwas sagen kann, sagt zunächst etwas über mein momentanes Thema aus. Ein vielfältiges Naturwesen macht es mir leicht, zu entdecken, woran ich gerade bin. Das ist bereits Mantik: Der Fluss hat mir gesagt, "das ist dein Thema!" Hermann Hesse schreibt über seinen Siddharta: "Von den Geheimnissen des Flusses aber sah er heute nur eines, das ergriff seine Seele. Er sah, dieses Wasser lief und lief, immerzu lief es und war doch immer da, war immer und allezeit dasselbe und doch jeden Augenblick neu." Wir würden heute vielleicht sagen, ich komme am Fluss ins Philosophieren. Das ist unverdächtiger als die Rede von Divination. Philosophie ist ja auch wesentlich Deutung der "Magie", die alles Begegnende hat, insofern es Geschehenssinn hat. Botho Strauss schreibt: "Ohne den unausweichlichen Ausblick auf den Fluss aus jedem Fenster der elterlichen Wohnung, ohne vom Fluss einen unausweichlichen Begriff zu gewinnen, wäre ich nicht in die Nähe des Denkens gekommen und hätte auch nie die andere Seite des Flusses zu denken gewagt, welche die des Nicht-Vergehens und der Stille ist."26

Natursprache

Der Philosoph Wolfram Hogrebe nähert sich sehr weit der Einsicht, dass alle Geisteswissenschaften als Bedeutungswissenschaften in der Mantik wurzeln. Schleiermacher führt das Beispiel des kindlichen Spracherwerbs an. Solange wir die Natursprache nicht wirklich kennen, sind wir im Status eines Kindes, das sich experimentierend der Worte bedient. Gerade darin beweist sich die Seele als ahnendes Wesen.27 Spracherwerb ist Erwerb von magischer Fähigkeit: Das Kind sagt einen Namen und realisiert, dass etwas passiert. Die Geschichtswissenschaft ersetzt die allsehenden Musen durch Zeugen. Schließlich fällt aber Hogrebe doch wieder in die falsche Alternative der Moderne zurück, nämlich der von subjektiv oder superstitiös. Jede Mantik beruht eben doch auf der Konzeption der Götter, die Natur und Seelisches verbinden. In ihnen ist der Sprachcharakter von Natur gegeben. Ohne sie gibt es nur willkürliches Hineinsehen. Wenn ich dem Fluss zugestehe, dass er dieselben Gesten zeigt, die ich auch in meinem Seelenleben kenne, Anschwellen und Abfließen, Aufsprudeln - Hinunterziehen, Erfrischen - Befruchten, Verzweigen - Zusammenfließen, Reinigen - Gestaltbilden, Lösen - Spiegeln,29 dann muss ich gar nicht unterstellen, dass er mir etwas sagen will. Was aus ihm zu mir spricht, sind die Grundcharaktere der Wirklichkeit selbst. Bei aller echten Mantik geht es um einen Sprachcharakter der Natur. Eine auch die Natur umfassende Sprachwissenschaft darf nicht von der menschlichen Wortsprache ausgehen: "Ein Mikrokosmos im Makrokosmos sein und sich anderen mitteilen können ist ein und dasselbe."30 Die Natur ist keine Wort-Sprache, und die Zeichen lassen sich nicht eins zu eins übersetzen. Das dürften die alten Mantiker auch so gesehen haben, wenn es auch durch fortschreitende Rationalisierungssucht (wie bei dem in Teil 1 besprochenen spätantiken Traumschriftsteller Artemidor) überlagert wurde. Artemidor entwickelt keine Theorie, wie Traumgestalten mit dem, was dann eintrifft, zusammenhängen - weder eine subjektive, wonach die Psyche oder der Genius ein Vorwissen haben, noch eine objektive, nach der die Götter Zeichen senden. Er deutet aber die Gestalten selbstverständlich auf die Zukunft hin.31 Das scheint mir eines der großen Selbstmissverständnisse der mantischen Tradition nicht nur in Bezug auf die Traumdeutung, sondern auch auf alle anderen Praktiken zu sein, dass sie die andere (nicht gegenständliche) Welt als das Noch-nicht-Gegenständliche, d.h. als Zukunft interpretieren. Demgegenüber betont Hesiod, dass die Musen die Kunde von dem, was war, was sein wird und was ist, vermitteln.32 Die moderne psychologische Deutung hängt dagegen an einer anderen Vereinseitigung, sie interpretiert die Anderswelt als ein Innen. In gewisser Weise ist das, was die neuzeitliche Psychologie als Inneres sieht, auch ein Vergangenes, nämlich Ablagerung der Lebensgeschichte mit ihren Prägungen. Es ist aber ebenso einseitig, zu behaupten, was einer im Wasser sieht, sei ein Innerseelisches, wie zu sagen, es sei die Zukunft. Vielmehr ist die Anderswelt weder in der zeitlichen noch in der räumlichen Dimension die Verlängerung oder der Gegensatz zur gegenständlichen Realität, sondern diese ist ein Ausschnitt und Sonderfall einer Wirklichkeit der Bilder, die sie nach verschiedenen Seiten hin umgibt. Das Problem für den Historiker ist, dass so wie Artemidors Traumdeutung auch die meisten überlieferten Schriften zu mantischen Praktiken bereits von dem Selbstmissverständnis der Mantik geprägt sind, weil sie auf dem kulturellen Vorherrschen des gegenständlich orientierten Bewusstseins beruhen. Die volle Bedeutung dieser Erkenntnis zeigt sich erst, wenn man realisiert, dass Physis das Zur-Erscheinung-Kommen von Verborgenem ist. Ein Urphänomen solchen Aufgehens oder Gegenständlichwerdens ist das Darleben eines Charakters in der Biographie (siehe oben). Im Mittelalter wurden für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bzw. für Schatten, Bilder und Dinge unterschiedliche flüssige Medien verwendet, nämlich Wasser, Wein und Öl.33 Die Übertragung findet nach dem Ausdrucksgesetz statt, wonach der Ausdruck einer Qualität oder Regung die Fähigkeit hat, diese wieder hervorzubringen. Klages schreibt: "Der körperliche Ausdruck jedes Lebenszustands ist so beschaffen, dass sein Bild ihn wiederhervorrufen kann." Insofern ist das Ausdrucksphänomen die Brücke für das All-Leben über die Brüche zwischen den Einzelwesen hinweg. "Vermöge des Ausdrucksbildes wandelt die Lebenswelle auf jeden Empfänger des Bildes über. Ausdruck ist zweifach bezogen: zum einen auf die verursachende Stimmung, zum anderen auf die zu erzeugende."34 Bedeutungswissenschaft behandelt den Ausdruck von realen, wenn auch nicht unbedingt biologischen Lebewesen. Auf der rezeptiven Seite steht aber nicht nur ein ästhetisches Empfinden des Menschen. Sondern wer sich länger mit beiden Seiten des Ausdrucks, dem was er ausdrückt, und dem, was er an Eindrücken hinterlässt, beschäftigt, bildet ein Mittleres aus, das der herkömmlichen Wissenschaft verständlicherweise noch mehr suspekt ist als Ästhetik und Physiognomik zusammen. Man könnte es einen Sinn für Begegnung nennen. Wenn ich auf einer Kiesbank sitze, so korrespondiert das sich mir heute zeigende Tier, z.B. ein kleiner Flusskrebs, einerseits mit dem Charakter der Landschaft, deren verschiedene Aspekte sich in ihm inkarnieren, andererseits mit menschlichen Qualitäten. Es stellt auch eine momentane Korrespondenz von eigener Qualität zwischen beiden her. Diese zeitpunktuelle Eigenqualität kennen wir meist nur in abergläubischer Form, etwa wenn Tiere für Vorzeichen gehalten werden ("Schafe zur Linken ."). Es käme darauf an, sie nicht in festen Bedeutungen aufzufassen. Fest sind freilich die Symbolqualitäten von begegnenden Tieren, aber auch diese schillern in einem Spektrum. Es gibt dafür keine methodische Sicherung, aber man kann üben, sich zu fragen: Was drückt dieses begegnende Wesen aus? Wie steht dieser Ausdruck zu dem, wie ich gerade bin? Diese Mitte von Ausdrucks- und Eindrucksqualität kann als die eigentlich menschliche Realität der Natur beschrieben werden.