Die lebendige Natur an heiligen Orten

von Nigel Pennick erschienen in Hagia Chora 16/2003

Wenn wir "Kraftplätze" aufsuchen, vergessen wir oft, dass unser Erleben an solchen Orten nicht unbedingt mit der Erfahrung anderer Menschen übereinstimmt. Wir sind geradezu überwältigt von all den Anleitungen aus Schulen, Büchern und Zeitschriften sowie manchmal sogar Informationstafeln vor Ort, die uns vorgeben wollen, auf welche Weise wir den Ort zu erfahren hätten. Konditioniert von diesen heutigen Denkmustern können wir uns meist kaum vorstellen, welcher Art wohl die Beziehung unserer Vorfahren zu dem Platz gewesen sein mochte. Schon allein das hohe Alter der meisten sehenswerten Orte bedeutet, dass dort unzählige Generationen ihre Riten und Festlichkeiten praktiziert haben müssen, deren Verschiedenartigkeit allein schon unsere Vorstellungskraft übersteigt. Über tausende von Jahren waren die meisten der uralten "Kraftorte" die Schauplätze von einander ablösenden Glaubensvorstellungen und Praktiken. Bauwerke mögen erbaut und wieder eingestürzt sein, verschiedene Sprachen gesprochen und verschiedene Gottheiten verehrt worden sein. Nur der Platz, seine Lokalisierung auf der Erde, ist über die gesamte Zeit hinweg derselbe geblieben.

Das Lebendige ehren

Die menschliche Kultur ist so stark auf den Menschen selbst orientiert, dass dabei gerne der Rest der organischen Wesenheiten der Natur übersehen wird. Das mag erklären, warum diejenigen, die mit der Erhaltung alter Stätten als Zeitzeugen der Vergangenheit betraut sind, für gewöhnlich die belebten Umgebungen, in welche die Plätze ursprünglich eingebettet waren, nicht in ihr Denken einbeziehen. Die heiligen Tiere, die früher zu einem "Kraftplatz" gehörten, sind in Vergessenheit geraten. Die schwarzen Pferde pommerscher Tempel, die heiligen Enten an den Quellen der Seine und die Tauben in Aphrodites Tempel in Paphos gibt es nicht mehr. Auch die Bäume und Kräuter, die einst integraler Bestandteil heiliger Plätze waren, spielen keine Rolle mehr. Wenn überhaupt irgendetwas bleibt, dann sind es Bauwerke und der Ort. Das Lebendige ist verschwunden. In Sagen, Legenden und Ortsnamen blitzen vereinzelt die halbvergessenen Geschichten über heilige Bäume auf. Der Name der nordirischen Stadt Derry kündet zum Beispiel von einem Eichenhain, der dort zu Zeiten der Druiden wuchs ("dair" ist das irische Wort für Eiche). Zu verschiedenen Zeiten der Geschichte war es unter Eroberern und Missionaren gängige Praxis, solche heiligen Bäume zu fällen. So geschah es in den Tagen der irischen Christianisierung durch St. Patrick und seine Nachfolger, als der Eichenhain von Derry mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurde. An der Südküste der Ostsee stand auf dem heiligen Platz der alten Preußen bei Ramow eine riesige Eiche, die vom Großmeister der Deutschen Ritter bei deren Kreuzzug gegen die Heiden im 13. Jahrhundert gefällt wurde.

Wundertätige Bäume

In anderen Regionen hatte der Übergang zu einem anderen Glauben oder der Wechsel der weltlichen Herrschaft für die heiligen Bäume und Orte weniger kritische Auswirkungen. In den Umfriedungen alter britischer Kirchen stehen oftmals Eiben. Die meisten von ihnen sind sehr alt, und bei vielen vermutet man, dass sie schon dort wuchsen, als die christliche Religion erst an dem jeweiligen Ort ankam. Vielleicht sind es die Bäume des alten (heidnischen) Glaubens, die noch leben. Die katholische Tradition berichtet nicht selten von Erscheinungen der Jungfrau Maria in Weißdorn- oder Rosenbüschen. Häufig stehen diese Dornenbüsche oder ihre Abkömmlinge dicht bei den Kapellen, in denen die Muttergottes im Gedenken an ihre Erscheinung bis zum heutigen Tag verehrt wird. An einigen Orten Europas sind Bäume unter bestimmten Umständen auch um ihrer selbst willen heilig geworden. Im Wald bei Pfullendorf steht eine Eiche, die von der katholischen Bevölkerung während des Dreißigjährigen Kriegs aufgesucht wurde, nachdem ihre Kirche zerstört worden war. Trotz ständiger Gefahr, verfolgt zu werden, hielten sie ihren Gottesdienst unter der Eiche ab. Nach dem Krieg wurde der Baumstamm über und über mit Mariendarstellungen und Votiv-Täfelchen behängt, auf denen Maria für wundersame Heilungen und Errettung aus Gefahr gedankt wird. Heute ist der Baum tot, doch trägt er nach wie vor die heiligen Bilder; ein auf Pfosten ruhendes Dach schützt ihn vor dem Wetter. Dies ist ein wunderbares zeitgenössisches Beispiel für die Entstehung von heiligen Bauwerken, wissen wir doch von den klassischen Autoren, dass im antiken Griechenland auf genau die gleiche Weise aus heiligen Bäumen Schreine und Tempel entstanden sind. Erhält sich an einem heiligen Ort eine Kontinuität ritueller Handlungen, bleiben auch die heiligen Pflanzen erhalten, denn es werden immer wieder Ableger an die alte Stelle gesetzt. In einigen Fällen hat diese Praxis zur Arterhaltung archaischer Baumarten geführt. Als bemerkenswertester Fall ist hier der Metasequoia zu nennen. 1941 beschrieb der japanische Paläontologe Shigeru Miki ausgehend von der Untersuchung von drei Millionen Jahre altem Material eine bis dahin unbekannte Koniferenart, der er den wissenschaftlichen Namen Metasequoia verlieh. Ein lebendes Exemplar eines Baumes zu finden, der nur aus Fossilien bekannt ist, ist höchst unwahrscheinlich. Doch im selben Jahr der Entdeckung des Metasequoia-Fossils war ein kommunistischer Guerrillero namens Kan auf der Suche nach Brennholz in einem Dorf der chinesischen Provinz Sichuan. Innerhalb der Umfriedung eines Tempels sah er einen Baum, den er nicht bestimmen konnte; die Dorfbewohner bezeichneten ihn als "Feuerfichte". Der Mann nahm Proben, die fünf Jahre später von Pekinger Wissenschaftlern untersucht wurden. Tatsächlich identifizierten diese den Baum als jene Metasequoia-Art, die bis dahin nur als Fossil bekannt gewesen war (siehe Abbildung). Die archaische Spezies war innerhalb der Umfriedung des Tempels in Mo Tao Chi über die Jahrtausende am Leben erhalten worden. Im folgenden Jahr besuchten Wissenschaftler der Harvard University das chinesische Dorf. Sie verschickten Samen des Tempelbaums an botanische Gärten in vielen Ländern. Auf diese Weise wächst diese Baumart heute an vielen verschiedenen Orten der Erde. Obwohl sie zuerst nur als Fossil bekannt war, hatte sie jedoch in einem Tempelgarten und vielleicht in einigen weit entlegenen Tälern überlebt. In Leonardslee in der Grafschaft Sussex steht ein im Jahr 1948 gepflanzter Metasequoia, der mittlerweile 28 Meter Höhe erreicht hat. Diese Geschichte kann uns daran erinnern, dass heilige Plätze oder "Kraftplätze" mehr als bloße "Stätten" sind, an denen Menschen Gottesdienste feiern, meditieren, Sightseeing betreiben, fotografieren oder mit der Wünschelrute umhergehen. Neben ihrer spirituellen und kulturellen Bedeutung besitzen sie auch eine ökologische Dimension. Im Fall des Tempels von Mo Tao Chi wurde eine archaische Baumart am Leben erhalten und nach ihrer wissenschaftlichen Bestimmung wieder in jenen Ländern angesiedelt, in denen sie bereits drei Millionen Jahre zuvor heimisch gewesen war. So hat die Verehrung von heiligen Orten nicht nur Folgen für die kulturelle, sondern auch für die organische Kontinuität. Sie hält den Geist am Leben und trägt zur Erhaltung der Artenvielfalt bei.