Wie wir wahrnehmen

Lehrgang in Fortsetzungen
Die physischen Grundlagen unserer Wahrnehmung

von Dipl. Ing. Stefan Brönnle erschienen in Hagia Chora 16/2003

In der Geomantie begegnen wir ständig anderen Wirklichkeiten - Wirklichkeiten, die sich nicht oder nur sehr eingeschränkt messtechnisch fassen lassen. Wir sind hier - wie selbstverständlich bei jeder anderen Wirklichkeitserfassung auch - auf uns selbst zurückgeworfen: Wir können unserer Wahrnehmung trauen oder sie beiseite schieben - und einer anderen trauen. Unsere Wahrnehmung und unser Weltbild - das Bild, das wir uns von der Welt machen - hängen so unmittelbar zusammen, dass wir uns nur selten darüber Gedanken machen, wie unsere Wahrnehmung auch anders interpretiert werden könnte. So stehen in der Geomantie oftmals die scheinbar unterschiedlichsten Wahrnehmungsmethoden einander gegenüber und buhlen um Akzeptanz: Radiästhesie, Imagination, Intuition, Hellsichtigkeit, Empathie, Anwendung biokybernetischer Apparaturen usw. All diese Zugänge zu anderen Realitätsebenen sind rückführbar auf wenige naturgegebene "Wahrnehmungsmechanismen" unseres Bewusstseins. In einer Schulungsreihe, in die dieser Artikel einführt, wollen wir uns diesen Grundlagen annähern. Ihr Verständnis versöhnt scheinbar unvereinbare Wahrnehmungsmethoden und die daraus folgenden Weltbilder miteinander, schult unsere Sinne und macht sie zu ausgebildeten Werkzeugen der Wirklichkeitserfassung - und hilft nicht zuletzt, allzu gewagte Interpretationen unserer Wahrnehmung zu vermeiden.

Meine Beschäftigung mit Wahrnehmungsvorgängen beruht nicht zuletzt auf der mich immer wieder herausfordernden Frage: "Was ist Wirklichkeit?" Ist Wirklichkeit tatsächlich etwas Festes, Einmaliges, Unveränderbares? Gibt es gar mehrere Wirklichkeiten oder nur verschiedene Wirklichkeitsebenen? Oder ist Wirklichkeit an sich vielmehr etwas stetig Werdendes, das in jeder Sekunde unserer Existenz neu geboren wird? Obwohl derlei philosophische Fragen nicht Inhalt dieser Schulungsreihe sein sollen, werden sie dennoch als Basis meiner Fragestellung "Was ist Wahrnehmung, und wie funktioniert sie?" immer wieder aus dem Dunkel emportauchen wie kleine Kobolde, die sich nur verstecken, um eben dadurch wahrgenommen zu werden. Die Wahrnehmung ist sozusagen unser Wirklichkeitskanal, unser Zugang, der uns mit dem (scheinbaren) Außen verbindet, unser Interpretationsinstrument. Ja, nicht zuletzt ist unsere Wahrnehmung unsere einzige Möglichkeit, über unsere Existenz an sich klar zu werden. Descartes formulierte: "Ich denke, also bin ich." Wenn ich hier die Vermessenheit haben darf, diesen Ausspruch zu interpretieren, so frage ich nach: "Woher weiß ich, dass ich denke?" In mir taucht eine Antwort aus den Tiefen meines Bewusstseins auf, die mir simpel und doch existenziell erscheint: "Weil ich wahrnehme, dass ich denke." So ließe sich für mich der Satz abändern in: "Ich nehme wahr, dass ich denke - also bin ich." Aber ist dies wirklich die einzige Möglichkeit, mir über meine Existenz bewusst zu werden? Werde ich meines Seins nicht ebenso bewusst über mein Fühlen, meine Emotionen und Reaktionen? Ist es daher nicht ebenso sinnvoll zu sagen: "Ich nehme wahr, dass ich fühle, also bin ich, ich nehme wahr, dass ich höre, also bin ich, ich nehme wahr, dass ich sehe, also bin ich" usw.? Ich meine daher in meiner philosophischen Vermessenheit sogar formulieren zu können: "Ich nehme wahr, also bin ich!"

Die Grundlagen

In den zurückliegenden Jahren bin ich als Leiter mehrerer Geomantieausbildungen immer wieder auf zwei grundlegende Haltungen bei Teilnehmerinnen und Teilnehmern gestoßen, die ich beide auf einer bestimmten Ebene für problematisch halte: Der eine Typus glaubt seiner Wahrnehmung nicht. Er meint, dass alle Wahrnehmungen, die nicht unmittelbar physische Objekte betreffen, durch seine Einbildungskraft hervorgerufen sind. Meist kommt dann die Aussage: "Ich nehme nichts wahr!" Doch nehme ich beständig wahr: die taktilen Reize meiner Haut, dort, wo ich den Boden berühre, ich "höre" meine Gedanken, spüre die Lufttemperatur, rieche die Düfte in einem Raum. Warum also herrscht hier die Meinung vor, "ich nehme nichts wahr"? Weil meist all diese Wahrnehmungen, deren sich die Menschen durchaus bewusst sind, nicht in Beziehung zu dem wahrzunehmenden Objekt gesetzt werden. Irgendetwas scheint in uns mit Vehemenz daran hindern zu wollen, diese doch so "alltäglichen" Wahrnehmungen in Beziehung zu etwas zu setzen, das nicht in unsere Alltagswirklichkeit passt. Es handelt sich hier um eine so genannte "Bindungsproblematik" oder einen "Bindungskonflikt" - die Schwierigkeit, verschiedene Wahrnehmungen zu einem einzigen Wirklichkeitsbild zu verschmelzen, das mit unserem Weltbild in Einklang ist. Die andere Haltung ist dieser genau entgegengesetzt: Der Teilnehmer vertraut seiner Wahrnehmung und deren Interpretation so sehr, dass er wahrgenommene innere Bilder, von denen er meist regelrecht überschwemmt wird, für eine historische äußere Wirklichkeit hält. Das innere Bild z.B. von Blut wird übertragen auf den Ort, von dem der Wahrnehmende dann felsenfest überzeugt ist, dass hier eine Gewalttat geschehen ist. Er übersieht dabei, dass insbesondere innere Bilder zum größten Teil symbolischer Natur sind. Beide Einstellungen führen meines Erachtens in die Irre.

Wahrnehmung - was ist das?

Aristoteles unterschied die sinnliche Wahrnehmung Aisthesis von der geistigen Wahrnehmung Noesis, das "einsichtige Erfassen". Für ihn war die sinnliche Wahrnehmung, die als Zugangskanäle unsere Sinne Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen benutzt, Grundlage der geistigen Wahrnehmung. In dieser werden die materiellen Dinge z.B. mit Hilfe der Phantasia (Vorstellung) in ihrem Wesensaspekt erfasst. Aristoteles erkennt damit wesentliche Mechanismen unserer Wahrnehmung, die auch die moderne Wahrnehmungspsychologie in ähnlicher Form schildert: Die eigentliche Wahrnehmung geschieht sozusagen im Kopf, in unserem Bewusstsein. Es interpretiert mittels der Vorstellungskraft die sinnlichen Reize gemäß unseres Wirklichkeitsbildes. Dazu später mehr.
Das eigentliche Interpretationsinstrument ist dabei unser Gehirn. Daher scheint es sinnvoll, zunächst unser Gehirn näher zu betrachten, wobei ich bereits vorweg betone, dass ich unser physisches Gehirn weniger für den Erzeuger unseres Bewusstseins halte als vielmehr für dessen physischen Träger oder gar Filter. Aldous Huxley formulierte diese Meinung sehr treffend, als er schrieb: "Der Geist muss als Ganzes durch das Reduktionsventil des Gehirns hindurchfließen. Was übrig bleibt, ist ein spärliches Rinnsal von Bewusstsein."

Das Gehirn

Unser Gehirn baut sich in drei wesentlichen Zonen von innen nach außen auf: Im Innersten befindet sich das "Reptiliengehirn" (Stammhirn). Hier haben unsere Reflexe und Instinkte ihren Sitz. Da diese archaischen Reaktionen praktisch nicht durch die intellektuelle Tätigkeit der Großhirnrinde beeinflusst sind, kommt diesem Teil unseres Gehirns in der so genannten außersinnlichen Wahrnehmung (ASW) ein großer Stellenwert zu. Unter ASW versteht man die Wahrnehmung von Wirklichkeiten, die nicht unmittelbar mit unseren fünf Sinnen zugänglich sind. Die Reflexe aus dem Reptiliengehirn sind meist sehr unverfälscht, aber leider oft auch wenig verständlich für uns. Ein Wirkzusammenhang dieser Art ist z.B. der Instinkt für Gefahr, den wir mit drei Reflexen beantworten können: Angreifen, Weglaufen oder Totstellen. Auf dieses Areal unseres Gehirns folgt das limbische System, in dem Gefühle und Stimmungen ebenso wie unser Ausdrucksverhalten ihre Wurzel haben. "Wahrnehmungen" aus diesen Zonen unseres Gehirns werden für uns über die Gefühlsebene zunehmend verständlicher. Zum Beispiel erscheint uns ein Mensch, dem wir neu begegnen, bereits in den ersten Sekunden sympathisch oder unsympathisch. Der äußerste Teil unseres Gehirns schließlich ist die Großhirnrinde. Sie ist der eigentliche Sitz unseres Denkens und bewussten Erlebens. Hier sitzt die Fähigkeit zur Sprache ebenso wie unser mathematisch-analytisches Denken. Auch das Verstehen von Symbolen und symbolischen Erlebnissen in der erweiterten Wahrnehmung hat hier seine Wurzel.
In diesen drei Gehirnzonen tragen wir gleichsam die Evolution stetig mit uns: das reflexhafte Verhalten der Reptilien, die Gefühle und Instinkte der Säugetiere und die Analytik des Menschen. Eine zweite wichtige Einteilung des Gehirns für das Verstehen von Wahrnehmungstechniken, wie sie in diesem Lehrgang geschildert werden, ist die in die linke und rechte Gehirnhemisphäre. Unser Gehirn ähnelt in seinem formalen Bild einer Walnuss mit zwei Hälften, die durch das sogenannte Corpus Callosum verknüpft sind. Jeder dieser beiden Gehirnhälften kommt nun eine spezifische Aufgabe zu: Die linke Hälfte unseres Gehirns denkt eher deduktiv, rational, analytisch, abstrakt und linear-historisch. Es sucht die aufgenommenen Informationen vorwiegend auf sprachlich-begriffliche Ähnlichkeiten hin ab, es denkt "gerichtet". Deshalb wird die linke Hemisphäre auch meist als "männliche Seite" bezeichnet.
Die rechte Gehirnhälfte dagegen arbeitet eher divergent, intuitiv, schöpferisch und metaphorisch. Es nimmt eher zeitlos, ganzheitlich wahr und ist subjektiv orientiert. Es verarbeitet eingehende Informationen im wesentlichen nach visuellen Ähnlichkeiten und ist räumlich orientiert.
Obwohl diese polare Teilung offenbar auch versuchstechnisch nachvollziehbar ist, darf man nicht vergessen, dass das Gehirn holografisch aufgebaut ist: Fallen Teile aus, können jederzeit andere Hirnareale deren Funktion übernehmen, wie der Fall eines siebenjährigen Mädchens zeigt: Ärzte der Rotterdamer Universitätsklinik entdeckten bei einer Untersuchung, dass die linke Gehirnhälfte fehlte! Obwohl hier auch das Sprachzentrum sitzt, beherrschte das Mädchen gleich zwei Sprachen perfekt! (Spiegel 21/18.5.2002). Die Gehirnhemisphären sind mit unserem Körper über Kreuz verknüpft, d.h. unser rechter Arm wird von der linken Gehirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Auch die Wahrnehmungen des linken und rechten Gesichtsfelds werden über Kreuz verarbeitet: All das, was sich rechts vor uns befindet (wenn wir geradeaus sehen) wird folglich eher analytisch abgearbeitet, während das, was wir links vor uns sehen, eher intuitiv erfasst wird. Viele architektonische Besonderheiten (z.B. die ungleichen Türme der Kathedrale von Chartres) könnten so eine Erklärung finden. In unserem (meist unbewussten) Empfinden ist das, was sich im Raum rechts befindet, etwas anderes als das, was sich links befindet. Betreten wir einen Raum, so entfächert sich sozusagen vor uns eine bereits vorinterpretierte Wahrnehmungswelt. Dementsprechend richtet man im Drei-Türen-Bagua des Feng Shui das Schema nach der Türe aus und orientiert sich damit stets auf den Betrachter, im Gegensatz zum "klassischen" Richtungs-Bagua, bei dem die realen Himmelsrichtungen zu Rate gezogen werden. Das Richtungs-Bagua ist archaischer: Aborigines kennen z.B. keine Worte für links und rechts, vielmehr orientieren sie sich nicht individualitätsbezogen, sondern ganzheitlich. Sie sagen: Die Kuh ist westlich des Pferds (nicht links oder rechts davon). Ein Versuch zeigte dies deutlich: Europäern und Aborigines wurden einige Figuren auf einem Tisch präsentiert, die in einer Reihe standen. Danach wurden die Figuren weggenommen. Die Versuchspersonen wurden nun auf die andere Seite des Tisches geführt und gebeten, die Figuren wieder in derselben Reihenfolge aufzustellen. Die Europäer stellten die Figuren meist so wieder in der Reihenfolge auf, wie sie subjektiv standen (also linke Figur wieder links etc.), während die Aborigines die Figuren in Bezug zum Raum korrekt aufstellten. Dies bedeutet, dass unser Rechts-links-Empfinden in der oben geschilderten Form vermutlich eine kulturelle Prägung ist. Demzufolge wäre auch das klassische Richtungs-Bagua das archaischere, während das Drei-Türen-Bagua das angepasstere, modernere Modell wäre. Da aber auch in uns die archaischen Erfahrungen abgespeichert sind, "wirken" sozusagen beide Systeme - allerdings auf anderen Ebenen.

Unsere Wahrnehmungsebenen

Unser Gehirn arbeitet seine Informationen durch elektrische Ströme ab, die zwischen den einzelnen Arealen des Gehirns hin und her fließen. Diese Aktivität ist durch Elektroden messbar. Ende des 19. Jahrhunderts wurde nachgewiesen, dass sich Aktionspotenziale im Gehirn sprungartig dem Nerv entlang fortleiten. Thomas Müller entwickelte 1842 die Theorie der spezifischen Sinnesenergien, um zu erklären, wie diese elektrischen Signale unterschiedliche Wahrnehmungen hervorrufen. Unsere Wahrnehmungen gehen laut Müller auf eben jene "Sinnesenergien" zurück, die auf das Gehirn wirken; die Stimulation des Auges führt zum Sehen, die des Ohres zum Hören usw. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand man schließlich heraus, dass Rezeptoren Reizsignale aus der Umwelt in elektrische Signale umwandeln, die durch die Neuronen zu sinnspezifischen Hirnarealen weitergeleitet werden. Ab 1920 standen Geräte zur Verfügung, die diese Signale (die Nervenimpulse) aufzeichnen und ihre chemische Basis entschlüsseln konnten. Je nach Bewusstseinszustand des Probanden werden dabei verschiedene Kurven sichtbar, die Ausdruck verschiedener Frequenzen sind. Im Wachbewusstsein befinden wir uns als Erwachsene vorwiegend im so genannten Beta-Zustand; das Gehirn erzeugt hier vorwiegend Frequenzen zwischen 14 und 21 Hertz. Dies ist die Wahrnehmungsebene des so genannten äußeren Bewusstseins. Je höher dabei die Frequenz, umso hektischer wird unser Verhalten. Im Beta-Zustand erleben wir Raum und Zeit wie im Alltag. Mit etwa 12 Jahren wird die vorwiegende Wahrnehmungsebene von Alpha nach Beta verschoben, was - neben der Hormonproduktion - ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten in der Pubertät sein mag. Wir fangen buchstäblich an, die Welt mit den Augen eines Erwachsenen zu sehen. Der relativ neu definierte Bereich des SMR (Sensory Motor Rhythm) liegt im unteren Beta-Zustand im Übergang zu Alpha (13-15 Hz). Er steht für hohe Intelligenz und schnelle Reaktionen bei gleichzeitiger innerer Ruhe und ist daher für ein ruhiges, entspanntes Lernen oder Arbeiten besonders wertvoll. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit zunehmend nach innen richten, stellt sich die Alpha-Frequenz zwischen 7 und 14 Hz im Gehirn ein. Wir befinden uns dabei in einem entspannten und doch energetischen Zustand. Konzentration ist im oberen, Meditation im unteren Alpha-Bereich angesiedelt. Alpha stellt daher den Übergang von der aristotelischen Aisthesis zur Noesis, von der sinnlichen zur geistigen Wahrnehmung dar. Da für uns als Erwachsene dieser Bewusstseinszustand meist ungewohnt ist, neigen wir dazu, rasch den Übergang zu Theta und schließlich zu Delta zu vollziehen und einzuschlafen. Kinder bis zur Pubertät aber zeigen ein häufiges Alphabild der Gehirnwellen. Im Alpha sind wir noch weitgehend wach, und so hat dieser Gehirnwellenrhythmus gerade bei der ASW hohe Bedeutung. Die äußerste Schicht der Großhirnrinde wird in Alpha zunehmend beruhigt, wodurch die eingehenden Informationen weniger interpretiert werden. Deshalb sind wir hier auch für Suggestionen empfänglicher. Die Werbung versucht uns z.B. durch die Supermarkt-Hintergrundmusik zu entspannen und weitgehend in Alpha zu versetzen, da wir in diesem Zustand unsere Kaufentscheidungen viel weniger rational, sondern eher emotional begründen. Die wunderschöne Verpackung greift so viel besser. Senkt sich die Gehirnfrequenz weiter ab, so gelangen wir in den Theta-Zustand (4-7 Hz). Theta ist der "Speicher unserer Erinnerungen", ebenso der Zustand, in dem wir Raum- und Zeitgefühl verlieren (was auch erklärt, warum unsere Erinnerungen meist räumlich oder zeitlich verzerrt werden). Während Trancen und in Hypnose gelangen wir in diesen Bewusstseinszustand, in dem wir auch weitgehend schmerzunempfindlich sind. Es ist der vielleicht interessanteste Frequenzbereich, der einen Schlüssel zum Unbewussten enthält. Kinder bis zur Einschulung befinden sich sehr häufig im Theta-Zustand. Fantasie und Bilderwelt sind hier am meisten ausgeprägt. Gerade hier stoßen wir mit unserem Schulsystem brutal in die Entwicklung hinein: Obwohl die Kinder in diesem Alter sich vorwiegend im Alpha- oder Theta-Zustand befinden, also in einem entspannten, bildhaften, träumerischen Bewusstsein, fordert die Schule, sich über lange Phasen im Beta-Zustand aufzuhalten. Delta (0,5-4 Hz) schließlich ist der Zustand des Tiefschlafs oder gar des Komas. Er lässt weitgehend keine Bewusstheit zu. Kleinkinder aber befinden sich recht häufig in diesem Bewusstseinszustand, was erklärt, warum man sich nur an die wichtigsten, beeindruckendsten Erlebnisse aus dem Alter bis drei Jahre erinnern kann.

Wahrnehmungsfilter

Unser Gehirn erhält ca. 600000 Informationseinheiten pro Sekunde. Wenn wir alle Informationen bewusst wahrnehmen und verarbeiten müssten, wären wir überlastet. Vor dieser Reizüberflutung schützen uns Wahrnehmungsfilter, so dass uns letztlich nur fünf bis neun Informationseinheiten pro Sekunde bewusst werden. Im wesentlichen besitzen wir drei Arten von Wahrnehmungsfiltern: Der neurologische Filter schränkt die Wahrnehmung durch die Beschaffenheit unserer Sinne ein. So können wir z.B. Schall nur zwischen 20 und 20000 Hz wahrnehmen. Auch das Sehen ist eingeschränkt: Wir nehmen das Licht über die Augen nur in einem Spektrum zwischen 380 und 680 Nanometer wahr. Ähnlich verhält es sich bei den taktilen Reizen. Klassisch ist der Nadelversuch: Schließen Sie die Augen. Eine andere Person setzt leicht zwei Nadeln an Ihrem Arm an. Wie weit muss der Abstand zwischen den beiden Nadeln sein, damit Sie sie einzeln spüren können? Der soziale Filter dagegen ist bereits ein Teil unseres Weltbilds. Unsere Wahrnehmung wird durch unser kulturelles Umfeld eingeschränkt, z.B. durch unsere Sprache: Eskimos können über ihre Sprache viel mehr Arten von Schnee unterscheiden als wir. Die Unterscheidung auf sprachlicher Ebene setzt sich auf der Bewusstseinsebene fort. Wir sind uns viel weniger verschiedener Schnee-Konsistenzen bewusst. Aber auch unsere Moralvorstellungen schränken unsere Wahrnehmung ein. Bestimmte Verhaltensweisen z.B. können wir nicht wahrnehmen, weil wir sie verdrängen. So war zu Freuds Zeiten der Sexualtrieb weitgehend verdrängt, weshalb viele sexuelle Wahrnehmungen nicht ins Bewusstsein gelangten und zu den berühmten Freud’schen Verdrängungskomplexen führten. Das erstaunlichste Beispiel eines sozialen Filters aber liefert Charles Darwin. In seinem Buch "Geologische Beobachtungen" schildert er das Verhalten von Eingeborenen einer Insel, vor der er mit seinem Forschungsschiff ankerte: Sie konnten die weit draußen liegende "Beagle" offenbar nicht wahrnehmen, nicht einmal, als man sie darauf hinwies. Die kleineren Landungsboote allerdings konnten die Eingeborenen durchaus sehen. Ein großes Schiff existierte in ihrem Überzeugungskontext, ihrem kulturellen Weltbild nicht, und so konnten sie es nicht wahrnehmen!
Der individuelle Filter schließlich schränkt unsere Wahrnehmung durch unsere persönliche Erfahrung ein. Er ist ein Konstrukt unseres individuellen Modells von der Welt, unserer Interessen, Vorlieben, Abneigungen, Gewohnheiten und unserer Erziehung: Ein Motorradfan sieht an jeder zweiten Ampel eine "Maschine" stehen, die ihn anspricht. Wird er aber Familienvater, so verschieben sich seine Interessenslagen, und er sieht plötzlich überall Vans. Sind diese Filter wirklich so stark, dass sie die bewusste Wahrnehmung physischer Objekte blockieren können? In der Tat ist dem so: In einem Versuch wurden junge Kätzchen in einem Raum aufgezogen, der nur horizontale Elemente enthielt , die wie Regalbretter im Raum befestigt waren. Eine andere Gruppe von Kätzchen aber wurden in einer ausschließlich "vertikalen Umgebung" aufgezogen. Nach einiger Zeit tauschte man die Gruppen, und in der Tat waren die Kätzchen in der für sie völlig fremdartigen Umgebung zunächst völlig orientierungslos. Sie konnten ihre Sprünge nicht richtig berechnen, liefen gegen Möbelstücke etc. Freilich passten sie sich mit der Zeit dem neuen Umfeld an. Wir können also durchaus unsere Wahrnehmungsfilter verändern.

Warum können wir Elementarwesen nicht sehen?

Unsere Wahrnehmung ist also durch unser Weltbild vorgegeben. In der Geomantie bemühen wir uns allerdings, auch andere Wirklichkeiten außerhalb des Rahmens des konventionellen Weltbilds wahrzunehmen. Warum können z.B. die meisten Menschen Elementarwesen nicht sehen?
Wir nehmen ein Objekt keineswegs als Ganzes wahr. Stattdessen beschäftigen sich verschiedene Teile des Gehirns parallel mit unterschiedlichen Merkmalen, z.B. mit Farbe oder mit Form. Wie das Gehirn diese Einzelwahrnehmungen korrekt zusammensetzt, ist bis heute unverstanden ("Bindungsproblem"). Entsteht vielleicht die "Bindung" durch die Wahrscheinlichkeit unserer Erfahrungen?
Auch in der erweiterten Wahrnehmung entscheidet die Wahrscheinlichkeit, ob und wie wir Wahrnehmungselemente zusammensetzen. Dabei hilft uns unsere Erfahrung. Dummerweise bedingen sich unsere Erfahrung und unser Weltbild wechselseitig. So können wir vorwiegend nur das sehen, was unserem Weltbild entspricht; dieses wird durch unsere Erfahrungen gebildet, und die Erfahrungen wiederum entstammen unserer Wahrnehmung: ein sehr stabiles und wenig flexibles System!
Elementarwesen sind uns vor allem über die Märchen vertraut geworden und hier mit bestimmten Erscheinungsbildern verknüpft (Zwerg mit Bart und Zipfelmütze). Dummerweise aber haben wir ebenfalls gelernt, dass diese Erscheinungsweisen eben Märchen sind. Daher stimmen das vorhandene Bild in unserem Bewusstsein und unsere Wahrnehmungsakzeptanz nicht überein. Das einzige Bild, das uns zur Umsetzung unser Wahrnehmung zur Verfügung steht (z.B. Zwerg mit roter Zipfelmütze) steht als sozialer Filter neben dem individuellen Filter, der sagt, dass solcherart Märchenbilder Humbug sind. Folglich kann ich das Elementarwesen nicht sehen. Um Elementarwesen oder andere Erscheinungen anderer Realitäten wahrnehmen zu können, muss ich zuerst mein Bewusstsein auf neue, akzeptierbare Vorstellungsbilder trainieren. Wir müssen wie die Kätzchen zunächst in uns akzeptieren, dass es andere Realitäten außer der physischen gibt, erst dann wird der Weg frei für die bewusste Wahrnehmung dieser Wirklichkeiten. Wie funktioniert nun dieser Filtermechanismus im Gehirn? Der Zensor in unserem Gehirn sitzt im Schläfenlappen. Es ist der Hippokampus. Er interpretiert eingehende Informationen der Wahrnehmungsorgane, die über die Areale des Großhirns an ihn weitergeleitet werden. Der Hippokampus wählt dabei diejenige der vielen Deutungsmöglichkeiten aus, die uns am wahrscheinlichsten erscheint, also unserer Erfahrung und Erwartung am nächsten kommt. Wird dieser Zensor durch Drogen, Trance etc. geschwächt, so lässt er auch Deutungen zu, die nicht in unser Alltagsbewusstsein passen.

Der Nachbau der Wirklichkeit

Betrachten Sie sich das nebenstehende Bild. Was sehen Sie? Es gibt zwei Möglichkeiten! Die Wahrnehmung ist ein Wahr-Nehmen der Wirklichkeit, ein aktiver Prozess, in dem wir die äußere Wirklichkeit im Geistesraum, der "Noosphäre", nachbauen. Dies bedeutet, dass nur das für mich wirklich (also wirkend) wird, was ich in mir erschaffe. Entweder haben Sie soeben den Eskimo oder den Indianerkopf gesehen. Das, was beim Eskimo der Ellbogen ist, ist beim Indianer die Nase, die Füße sind der Hals, der zweite Eskimoarm ist das Ohr des Indianers. Haben Sie das jeweils andere Bild jetzt gesehen? Dann haben sie soeben innerlich die jeweilige Figur "nachgebaut", erst jetzt ist sie "wirklich" geworden. Am besten wird dies durch die Analogie des Handwerkers verständlich: Jede Handwerkszunft ist gewohnt, mit ihrem Material umzugehen: der Steinmetz mit Stein, der Schmied mit Eisen, der Bäcker mit Teig usw. Versuchen nun verschiedene Handwerker, ein Objekt nachzubauen, so werden sie je nach Material unterschiedlich erfolgreich sein. Wenn z.B. ein Steinmetz versucht, einen Fluss nachzubauen, wird er womöglich mit seinen Steinen den Fluss nachempfinden können, das Wesen des Flusses aber - die Veränderlichkeit und Bewegung - geht im Stein verloren. Das erlernte "Handwerk" entspricht unseren Erfahrungen, unserem Weltbild. Wir können infolgedessen nur wahrnehmen, was (wenigstens grundlegend) unserer Erfahrung entspricht. Da jedoch jedes Individuum andere Erfahrungen hat, nimmt auch jeder Mensch anders wahr. Jemand, der in seinem Leben negative Erfahrungen z.B. mit dem eigenen Vater gemacht hat, erkennt solche "negativen" Grundeigenschaften (scheinbar) auch leichter bei anderen Männern. Gerade dadurch aber kommt es andererseits zur Überbetonung dieser Grundeigenschaften in seiner Wahrnehmung anderer Männer. Wir erkennen möglicherweise bestimmte positive Eigenschaften wenig bis gar nicht mehr. Sie gehen im Nachbau der Wirklichkeit durch "ungeeignetes Baumaterial" verloren! Wesentlich ist: Unsere Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, bei dem ständig Wahrnehmungsfilter verändert werden. Wollen wir an unserer Fähigkeit zur Wahrnehmung etwas fundamental verändern, so müssen wir ebenso fundamental an unseren Wirklichkeitsbildern arbeiten.