Ort der Versöhnung

Ein Friedensprojekt im tschechischen Braunau

von Dr. Jan Pinos erschienen in Hagia Chora 16/2003

Das Thema des Vertriebenwerdens, der Verlust der Heimat, sei es durch Naturkatastrophen oder durch Krieg, zieht sich durch Jahrtausende menschlicher Geschichte. Die Wunden, die der Zweite Weltkrieg geschlagen hat, prägen heute ganz Europa - nicht nur im Unbewussten. Nachdem sich Jan Pi?nos das Braunauer Land im Nordosten Böhmens als Wahlheimat gewählt hatte, wurde ihm klar, dass die Menschen, die dort erst seit dem Zweiten Weltkrieg leben, kein Heimatgefühl zu ihrem Lebensraum entwickelt hatten. Der frühere Umweltaktivist widmet sich seitdem tagtächlich eben dieser Problematik, die er als geomantische Heilungsarbeit begreift. So konnte er unter anderem die Tradition von rituellen Umzügen auf den alten Pilgerwegen im Land sowie viele andere soziale Bezugspunkte wiederbeleben. Sein Beitrag stellt sein größtes Projekt vor: das Versöhnungskreuz in Teplice, in dem die zentralen Konflikte des Landstrichs zum Ausdruck kommen.

Das Braunauer Ländchen (Broumovsko) liegt im Nordosten Böhmens an der Grenze zu Polen, im historischen Grenzgebiet zwischen Böhmen, Schlesien und dem Glatzer Land - eine wunderschöne Landschaft, durchzogen von einzigartigen Kulturdenkmälern. Die Gegend liegt an einer ehemaligen Staats-, Sprach- und Glaubensgrenze. 700 Jahre lang trafen hier deutsche und tschechische, katholische und evangelische, kirchliche und weltliche Einflüsse und Interessen aufeinander. Das hiesige Leben war oft geprägt von Auseinandersetzungen und Gewalt, ebenso aber auch von Verständigung und Zusammenarbeit. Nach 1945 geschah ein kritischer Bruch in der Geschichte des Braunauer Ländchens, als 22000 Deutsche unter Zwang ihre Heimat verlassen mussten. Zu Beginn jener unrechtmäßigen Vertreibung sind rund 100 Deutsche umgekommen.

Die Tragödie auf dem Buchenberg

Die größte Nachkriegstragödie spielte sich in Teplice nad Metují (Wekelsdorf) ab, wo am 30. Juni 1945 an der tschechisch-polnischen Grenze 23 alte Menschen, Frauen und Kinder erschossen wurden. Die Hauptschuld an diesem Ereignis tragen die Vertreter der damaligen Volks- und Militärmacht, die unter dem Vorwand der "Aussiedlung von Nazis" Konvois wilder Vertreibung in das damals noch deutsche Schlesien organisierten. Einer der letzten Transporte wurde jedoch nach der Machtübernahme durch die Polen zurückgesandt. Das tschechische Kommando in Teplice, das mittlerweile die Grundstücke der Deutschen rechtswidrig beschlagnahmt hatte, griff, um Spuren zu verwischen, zu dieser tragischen "Lösung". Zwei Jahre später wurden die Opfer exhumiert und unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Gemeinde Vysoká Srbská (Hochsichel) beerdigt. Die Untersuchung des Falls wurde nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 eingestellt, so dass die Schuldigen nie bestraft und die Opfer nie rehabilitiert wurden.

Die Bürgerinitiative

Diese tragischen Ereignisse genauso wie das Schicksal aller Opfer jahrhundertelanger gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Tschechen in der Braunauer Region inspirierten Menschen, die bereits früher im Braunauer Ländchen Projekte zur Pflege der Landschaft und des Kulturerbes initiiert hatten, zu der Idee, am Ort der letzten Tragödie ein Mahnmal als Symbol der Versöhnung zu errichten. Es erhielt bald den Namen "Versöhnungskreuz" (Kÿrí smíÿrení), denn Sühnekreuze aus Stein waren in früherer Zeit ein Symbol der Niederlegung von Gewalt und Streit, vor allem aber auch der Rückkehr zu normalen Beziehungen. Diesen Gedanken unterstützte auch die Bürgermeisterin und nach einigen Gesprächen ebenso die Stadtvertretung von Teplice nad Metují. Ein weiterer Kooperationspartner wurde der Braunauer Heimatkreis. Die Initiatoren setzten sich am Anfang nicht nur das Ziel, ein Kunstwerk als positive Botschaft in der schönen Braunauer Landschaft zu errichten, sondern auch eine breite Diskussion zu eröffnen, die Vertiefung der Zusammenarbeit mit den deutschen Landsleuten zu unterstützen und den Gedanken von Toleranz und Vergangenheitsbewältigung zu beleben - als unentbehrliche Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben beider Nationen. Die Initiative wollte ebenso einen Beitrag zur Friedensbewegung leisten und sich bemühen, der zunehmenden Fremdenangst und dem Rassismus in unserer Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Die Errichtung des Denkmals stellte somit keinen Abschluss dar, sondern war der Beginn eines Wegs, auf dem Begegnungen und ein Dialog möglich sein werden. Die Projektidee wurzelt in der persönlichen Einstellung einzelner Menschen, der "anderen Seite" entgegenzukommen. Der lokale Anlass verknüpft sich mit der internationalen Ebene, denn das angesprochene Thema überschreitet die Staatsgrenzen.

Das Versöhnungskreuz

Entwurf und dessen Durchführung stammen von dem Bildhauer und Steinmetz Petr Honzátko, der im Braunauer Ländchen unter anderem an die zwanzig Barockkreuze renoviert und ein neues Monument - das "Tor der Zeit" - in Kÿrinice bei Broumov geschaffen hatte.
Das eigentliche Monument des Versöhnungskreuzes besteht aus der Verbindung dreier eigenständiger Teile. Direkt am Ort der Tragödie, in einem kleinen Steinbruch, entwächst dem Steinpfad eine Stele in Form eines Kreuzes, um das sich ein Kreis zieht. Dies soll an ein Kreuz und eine Blume erinnern und gleichzeitig durch seine Neigung und eine Stütze die Schwierigkeiten und den guten Willen bei der Entstehung des Projekts symbolisieren. Den zweiten Teil des Kunstwerks bilden 23 grob behauene, je 80 Zentimeter hohe Steine, die einzeln oder in Gruppen den 300 Meter langen Waldweg säumen, der die Stele mit dem Hauptdenkmal, der Statue, verbindet. (Es zeigte sich, dass diese steinernen Gruppen, die in Nachempfindung der verwandtschaftlichen Beziehungen der Opfer zusammengestellt wurden, genau vierzehn an der Zahl sind - entsprechend der Zahl der Stationen auf dem Kreuzweg Christi.) Die Statue als dritter Bestandteil des Denkmals ist an einem unweit gelegenen Ort errichtet, der einen einmaligen Blick in das offene Land gewährt. Zwei jeweils 4 Meter hohe Obelisken berühren sich hier - ihr Spalt in der Mitte bildet die Form eines menschlichen Körpers in Lebensgröße. Die senkrechte Körperachse ist, gegen den Himmel betrachtet, oberhalb des Horizonts gelegen und soll Geist, Himmel, Erlösung und Freude symbolisieren. Die horizontalen im Stein befindlichen Elemente bilden das Zeichen für Materie, Erde, Kreuz und Leiden. Der Stein für das Kreuz, ein Sandstein, stammt aus dem nahe gelegenen, nach dem Zweiten Weltkrieg vollständig vernichteten deutschen Steinmetzdorf Libná. Die Bergkuppe, auf der sich die Statue befindet, der Buchenberg, gehört zu einem früher tschechisch-deutschen, heute tschechisch-polnischen Grenzgebirgskamm, nur 4 Kilometer von Teplice nad Metují entfernt. Aus der Stadt führt ein Wanderweg vom Gemeindeamt direkt zur Statue.

Ein Jahr der Zusammenarbeit

Mit vereinten Kräften ist es den drei Initiatoren, tschechischen und ausländischen Freiwilligen und örtlichen Unterstützern gelungen, in knapp einem Jahr auf dem Buchenberg das Denkmal zu errichten, einen alten Feldweg zu erneuern, vier große öffentliche Diskussionen zum Thema deutsch-tschechische Verständigung zu veranstalten, den Sammelband "Verständigung und Versöhnung" vorzubereiten, die Medien und entsprechende Institutionen zu informieren, Partner für eine öffentliche Diskussion über die deutsch-tschechischen Beziehungen unter Persönlichkeiten der tschechischen und deutschen politischen und kulturellen Szene zu gewinnen und das Versöhnungskreuz-Fest zu organisieren. Freiwillige leisteten hunderte von Arbeitsstunden, um das Gelände für das Denkmal vorzubereiten und den Zugangsweg zu erneuern.

Das Versöhnungskreuz-Fest

Das Versöhnungskreuz wurde am 15. September 2002 im Rahmen der Tage des europäischen Kulturerbes feierlich eingeweiht. Es war ein außergewöhnliches Zusammentreffen tschechischer und deutscher Persönlichkeiten. Beide Seiten sprachen über das Bedürfnis, einander zu verstehen und einen aufrichtigen Dialog zu führen, der alte Wunden schließt und einen Weg in die Zukunft eröffnet. Das Fest begann mit einer heiligen Messe, die gemeinsam von tschechischen und deutschen Priestern zelebriert wurde. Zu diesem Anlass komponierte Mikulá Piÿnos die auf Lateinisch gesungene Messe Orbis factor, und Alois Piÿnos einen Versöhnungsgesang für Bariton und Orgel. Die Kompositionen entstanden aus der Überzeugung, dass Verzeihung, Versöhnung und gute Beziehungen allen Glück bringen, während die verhängnisvollen Zeiten der ethnischen und religiösen Intoleranz und Gewalt Leiden und Tod für unzählbare Opfer bedeuteten und moralische und materielle Verwüstung nach sich gezogen haben. Alle Beteiligten trafen sich dann auf dem Buchenberg vor dem Versöhnungskreuz, das durch Bischof Josef Kajnek vom Pardubicer Erzdekanat und Pater Benedikt Gleissner aus dem Benediktinerkloster im deutschen Rohr eingeweiht wurde. Direkt am Ort der Nachkriegstragödie, an der Stele, wurde das vertonte Gedicht Leon Moussinacs "Das Land lieben" durch Táÿna Fischerová und Daniel Dobiá gefühlvoll vorgetragen. So fanden sich am Ort eines 57 Jahre alten Verbrechens bei regnerischem Wetter Menschen ein, die vom Gedanken der Versöhnung ergriffen und somit auf dem Weg zum Frieden waren. Vom Buchenberg ging die Gesellschaft dann über den Waldpfad mit den dreiundzwanzig Steinen vom Ort des Verbrechens zur Statue, in der sich Hoffnung und Auferstehung über Leiden und Tod erheben. Dem Fest am 15. September schlossen sich zahlreiche Aktivitäten an, zum Beispiel der erwähnte Sammelband mit Texten zum Thema "Verständigung und Versöhnung". Zudem ist geplant, am Zugangsweg zum Buchenberg als Symbol der tschechisch-deutschen Zusammenarbeit eine Allee anzupflanzen. Die ersten zwei Bäume - eine Eiche und eine Linde - wurden während des Versöhnungskreuz-Festes von zwei Töchtern der Opfer vom Buchenberg von 1945 gemeinsam gepflanzt. Die Initiatoren planen für die Zukunft auch weitere Diskussionen zum Thema deutsch-tschechische Versöhnung für Schulen sowie für die breite Öffentlichkeit. Abschließend möchten wir die drei Hauptpartner des Projekts, die Stadt Teplice und zwei kulturell engagierte Vereine, noch etwas ausführlicher vorstellen.

Die Geschichte der Stadt

Die Stadt Teplice nad Metují (Wekelsdorf) hat 1820 Einwohner und liegt am Oberlauf des Flusses Metuje in enger Nachbarschaft zur Staatsgrenze mit Polen. Teplice nad Metují entstand als eine kleine Siedlung unter der Feste Stÿrmen. Die erste schriftliche Erwähnung datiert aus dem Jahr 1362, wo der Ort erstmals unter der Bezeichnung "Gusweynsdorf alias Teplicz" in den vom Erzbischof Arnot z Pardubic begründeten Urkundenbüchern belegt wurde. Die mehrteilige Ortsbezeichnung hat auch einen tschechischen Bestandteil, der von den heißen Quellen herrührt, die noch heute im Stadtgebiet sprudeln (tepl = warm). Im 16. Jahrhundert wählte Václav Bohdaneck aus Hodkov Teplice zu seinem Wohsitz, und an der Stelle der alten Feste errichtete er im Jahr 1599 ein einfaches einstöckiges Gebäude, das "Obere Schloss" - heute Sitz der Stadtverwaltung. Nach seinem Tod war Teplice bis Mitte des 18. Jahrhunderts in den Händen des Geschlechts der Straka von Nedabylice. Als das Geschlecht im Jahr 1769 ausstarb, fielen seine Besitztümer nach testamentarischem Willen der Akademie zur Erziehung der Kinder aus verarmtem böhmischem Adel zu. Aus deren Erbe wurde in Prag die so genannte Strakova Akademie (Straka-Akademie) erbaut, heute Amtssitz der Regierung der Tschechischen Republik. Der Name der Stadt ist untrennbar mit dem Naturschutzgebiet Adersbacher Felsen (Adrpasko-teplické skály) verbunden. Diese einzigartige Landschaft wurde zu einem beliebten Touristenziel in Ostböhmen. Die Entwicklung des Tourismus in der Region trug zum Ausbau eines dichten Netzes an Wander- und Rundwegen im 19. Jahrhundert bei. Auch heute ist Tourismus vorrangiges Ziel der Stadt. Jährlich besuchen Teplice bis zu 100000 Gäste aus ganz Europa.

TU se, Broumovsko!

Neben der Stadt Teplice ist ein weiterer Träger des Projekts die Organisation TU se, Broumovsko!, die regionale Außenstelle der "Gesellschaft für nachhaltiges Leben (STU)". Eines ihrer Hauptziele ist die Harmonie zwischen Mensch und Natur. Dies wird z.B. durch Landschafts- und Naturschutz sowie durch die Suche nach und die Realisierung von Werten und Lebensstilen gefördert, die eine nachhaltige Entwicklung des menschlichen Potenzials und den Erhalt des ökologischen Gleichgewichts ermöglichen. Die Initiative möchte im Braunauer Ländchen eine beispielhafte Region des nachhaltigen guten Lebens schaffen. TU se, Broumovsko! ist eine typische Organisation, die aus regionalem Bedarf und regionaler Initiative heraus entstanden ist. Zum ihrem Programm gehört die Pflege des Landschafts- und Kulturerbes ebenso wie die Erneuerung des ländlichen Raums und der ländlichen Gemeinschaft, die Belebung des geistigen Lebens wie auch des Schul- und Gesundheitswesen, ökologische Bildung und Gestaltung der Kommunalpolitik. Immer mehr vorwiegend junge Menschen aus der gesamten Republik schließen sich den Aktivitäten der Vereinigung an. Es gelingt sogar, Interessenten aus dem Ausland zu gewinnen. Mit der Verleihung des ersten Preises im Wettbewerb "Ökologisches Projekt 2000" durch die Stiftung Sasakawa wurde dem Verein eine große Anerkennung zuteil.

INEX - Verein für freiwillige Aktivität

INEX - der "Verein für freiwillige Aktivität", der ebenfalls am Versöhnungskreuz-Projekt beteiligt ist, ist eine Nonprofit-Organisation, die sich auf internationale Projekte mit Freiwilligen in der Tschechischen Republik spezialisiert. In diesem Verein organisieren sich vorwiegend junge Menschen, die sich aktiv an der Umgestaltung ihrer Umwelt beteiligen wollen. Er entsendet jährlich hunderte von Freiwilligen zu kurzfristigen Freiwilligendiensten in der ganzen Welt und nimmt ebenso Freiwillige aus aller Welt auf, um so die Werte einer multikulturellen Gesellschaft zu verbreiten. Seit mittlerweile drei Jahren verwirklicht INEX im Rahmen des Programms zur Erneuerung des Braunauer Ländchens Freiwilligenprojekte, die der Landschaft und der Belebung der dortigen Gemeinschaft zugute kommen.