ZeitSpielRaum

Geomantischer Garten der Begegnung

von Dipl.-Ing. Anton Robl erschienen in Hagia Chora 16/2003

Dort, wo ursprünglich ein Minigolfplatz geplant war, ist heute ein Ort der Begegnung, ein Ort der Kraft. Anlässlich der Landesgartenschau 2001 in Cham im Naturpark Bayerischer Wald verwirklichte ein Team von Landschaftsplanern und Geomanten den geomantisch orientierten Themengarten "Zeit-Spiel-Raum". Anton Robl berichtet über die Entstehungsgeschichte.

Anders als bei Landesgartenschauen üblich, wollte man sich in Cham konsequent nur auf einen Themengarten konzentrieren, der, wiederum im Gegensatz zu anderen Ausstellungen dieser Art, weiterbestehen und nach der Landesgartenschau der Stadt Cham übergeben werden sollte. Diese Idee war bei einem Treffen der Betriebe entstanden, die sich für eine Teilnahme an der Landesgartenschau interessierten. Schon damals war für mich klar, dass ich mich nicht als ausführender Betrieb, sondern rein als Planer bewerben würde, was die Zustimmung der Kollegen fand und dann auch offiziell genehmigt wurde. Bei einer ersten Ortsbegehung war da nicht viel mehr als ein längliches, leicht trapezförmiges und relativ karges Stück Land. Eine leicht schräge Ebene, die eine Terrassierung erforderlich machen würde. Dazu kam eine schlechte Kapillarstruktur, die sich erst über Jahre ordnungsgemäß entwickeln würde. Zum entscheidenden ersten Impuls für die Gestaltung des Ortes wurde schließlich ein zufälliger Fund: halbkreisförmige Linien, also rasengräserfreie Spuren in der Oberfläche, die in ihrer Lage zueinander an Fragmente einer Spirale oder Schneckentorsi erinnerten. Nicht recht erklärbar ist, wie diese Strukturen an diesen Ort gelangten, aber vielleicht ist es eine gute Übung darin, sich von dem Zwang zu lösen, alles erklären zu müssen. Vielleicht reicht es aus, festzustellen, dass an diesem Ort ein bestimmter Wille vorhanden war, der sich in einer Struktur manifestiert hat. Der Zeit-Spiel-Raum ist also sozusagen ein Konzept, das sich selbst entdeckt hat. Immer wieder machen wir die Erfahrung, dass es gerade dieses konsequente Verfolgen von Erstimpulsen bzw. Erstentdeckungen ist, das die Gestaltung eines Ortes zu einem wirklichen Original macht - ähnlich wie die Fähigkeit, aus der Nebensache eines Gesprächs den Kern zu erkennen. Manchmal ist eben das, was wir für ungemein wichtig halten, gar nicht der entscheidende Punkt. Solche Pionierwege, die den Erstimpulsen folgen, sind gelegentlich steinig; es lässt sich auch nicht vermeiden, dass durch Fehler oder schlicht "Zufälle" im Lauf des Prozesses zusätzliche Hindernisse dazukommen. Aber: Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas bauen. Aus einem Ereignis, das man im ersten Schreck als negativ bewertet, kann etwas Wundervolles entstehen. Fehler passieren und stellen sich als Geburtsmoment einer Konstellation heraus, die da sein möchte.

Geburtsprozesse einer Ortsgestaltung

Fünf Planende begleiteten, zum Teil unabhängig voneinander, in der Folgezeit immer wieder die weitere planerische Entwicklung der Grundidee einer schneckenförmigen Struktur im Zentrum. Zu dieser gemischten Planungsgruppe gehörten Ingenieur Schierl, der eine Diplomarbeit über Geomantie verfasst hat, Marion Robl als Begleiterin und Ansprechpartnerin, die den "Zeit-Spiel-Raum" zu einem Forum für Vorträge und Seminare über ganzheitliche Betrachtungsweisen weiterentwickelte, unsere Praktikantin Maria Wolf, ausgestattet mit großer weiblicher Intuition, Claudia Wanninger, die die Texte entwickelte und die Bepflanzungsideen verfeinerte, und ich selbst, Landschaftsarchitekt und seit mehreren Jahren sehr interessiert an Geomantie. Häufig kann man ja beobachten, dass Gruppen von Menschen in der Zusammenarbeit eine gewisse kreative Dynamik entwickeln, und, soweit sie auf ein in irgendeiner Form bildliches Produkt hinarbeiten, gerne menschliche Figuren ausprägen. Ohne dass es beabsichtigt war, offenbarte sich uns dieser Ort als ein organisches, menschliches Wesen, dessen Rumpf die Schnecke darstellte. Erst nach Wochen und Monaten, in denen sich diese Gestalt herausbildete, stand ein Vorentwurfsplan fest. Diese Zeit der intensiven Beschäftigung mit Themenkreisen wie Zeit, Zeitverständnis, Zeitempfinden, dazu Überlegungen über den Begriff "Raum" und auch der grundsätzliche Gedanke, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen jedes Alters eine spielerische Freude haben, formten schließlich den Namen "Zeit-Spiel-Raum". Rein zufällig ergab es sich übrigens, dass die Planungszeit insgesamt neun Monate dauerte und die Ausführungszeit bis zur Eröffnung wiederum neun Monate; also sozusagen zwei Schwangerschaften, bis dieser Garten geboren war. Zu unserer Überraschung waren die Firmen, die unsere Planung ausführten, dieser prozessbetonten Herangehensweise gegenüber sehr aufgeschlossen, obwohl ihr Arbeitsablauf sonst stringenter nach einem vor Arbeitsbeginn feststehenden Plan verläuft. Doch angefangen vom Baggerfahrer am ersten Tag bis zu den Feinarbeiten zum Schluss war jeder dazu bereit, sich auf das Experiment einzulassen - umso erstaunlicher, da man vielfach in der Gesellschaft geradezu Angst vor Spontaneität, vor Wandel und davor, sich auf eine überraschend neue Situation einzulassen, spüren kann. Im Fall des Zeit-Spiel-Raums haben wir aber auch im späteren Kontakt mit den Besuchern festgestellt, dass die Thematik als durchaus annehmbar empfunden wurde. Hier hat bestimmt auch die Erfahrung durch andere Landesgartenschauen den Boden für die Geomantie und Geoökologie bereitet, bereits bei der Landesgartenschau in Amberg gab es ja einen geomantisch orientierten Themengarten. Auch die Bedenken bzw. Sorgen, was Zerstörungen und Vandalismus anging, erwiesen sich als beinahe unbegründet. Die Baustelle war während der Bauphase fast durchwegs zugänglich und ungeschützt, man hätte also gut und gerne mit Diebstählen, weggetragenen Steinen oder Graffitis rechnen können. Dass nichts von alledem eintrat, spricht wohl für die Energien, die dieser Ort in sich trägt. Er schützt sich sozusagen selbst.

Unterschiedliche Empfindungen

Die Besucher konnten teilweise erstaunliche Details an bestimmten Plätzen des Gartens erspüren. Eine Geomantin nahm wahr, dass sie an einem bestimmten Punkt nicht weiterkäme ohne ein Maximum an Energie aufzubringen. Nach anfänglicher kurzer Rückbesinnung, was denn genau unsere Intention gewesen war, stellte sich dann heraus, dass dieser Punkt als Übergangszone geplant war und innerhalb der menschlichen Figur das Kehlkopfchakra darstellte, also den Sprung in die geistig-spirituelle Dimension. So war auch die emotionale Schwellenwirkung dieser bestimmten Stelle verständlich. Es kostet Überwindung und Mut, diese Schwelle zu überqueren, vergleichbar mit dem Sprungbrett eines Schwimmbades. Wenn man erst den alles entscheidenden ersten Schritt getan hat, ist es ganz leicht, doch der Schritt über die Grenze unserer eigenen Furcht ist ein psychischer Kraftakt. Sobald wir fallen, vertrauen wir innerlich naiv darauf, aufgefangen zu werden - egal, eine Veränderung kann ja auch eine Befreiung bedeuten. Es geht nur um diesen einen Moment der bewussten Überwindung, was danach kommt, haben wir nicht mehr in der Hand. Im Zeit-Spiel-Raum bildet den Kopf der Figur, zu dem das Kehl-chakra hinleitet, eine Art Plateau, auf dem man sich auf eigenartige Weise unbeobachtet fühlt. Trotz Sichtkontakt zum lebhaften Zentrum in der Schneckenstruktur fühlte man dort eine Art geistigen Kokon, der einen umgibt, nicht nur eine beschützende Wirkung, auch ein Getragensein, in dem man abgeschirmt mit sich selbst im Dialog steht. Obwohl optisch exponiert, ist es ein emotional sehr privater Ort. Das Zentrum der Anlage stellte die Schneckenform dar; hier fanden während der Ausstellungszeit auch zahlreiche Veranstaltungen statt. Der Besucher dieses Gartens ist selbstverständlich nicht an die Sichtweise der Planer gebunden, dieser Ort kann auch individuell ganz anders erfahren werden. Ziel ist es nicht, zu vereinheitlichen, sondern zusammenzuführen, Dialog und Austausch entstehen zu lassen. Dieser Ort soll sich auch in den nächsten Jahren weiterentwickeln, je nachdem, welche neuen Menschen mit neuen Bedürfnissen ihn für sich entdecken und nutzen werden. Es gibt einen bestimmten Willen, eine Energiefrequenz, die der Ort selbst besitzt, und Wünsche von Menschen, die diesen Ort formen und verändern wollen, um mit ihm zu leben. Diese beiden zusammenzubringen, fordert von uns ein intensives Begegnen mit dem Ort und dass wir eine Situation wirklich sehen lernen. Für dieses Sehen müssen wir vieles beiseite schieben, was uns in Kindertagen als normal oder rational erklärbar und darum vorhanden eingeprägt wurde. Wir lernen normalerweise ganz jung eine Art zu sehen, die von physikalischen Grundregeln geprägt ist und ausschließlich über einen unserer Sinne, nämlich das Auge, ausgeübt wird. Doch wir besitzen mehrere Sinne und auch die Fähigkeit, sie gleichzeitig zu aktivieren und die entstehenden Eindrücke in den Nervenbahnen und Gehirnstrukturen unseres Körpers zu vernetzen. Selbst ein (optisch) Blinder stellt Bedürfnisse an seinen Aufenthaltsort und fühlt sich an manchen Orten wohl oder unwohl. Aus der Entbehrung der Sehkraft heraus entwickelt ein Blinder eventuell eine um vieles komplexere und deutlichere Wahrnehmung als die Sehenden. Die Frage ist also, wann wir unseren Lebensraum als stimmig und gesund empfinden. Indem wir alles nicht Erklärbare nur wegschieben und ignorieren, lassen sich Probleme nicht lösen; eine Fehlschwingung wird sich ihr Ventil suchen, sei es durch Aggression, Depression oder psychosomatische Erkrankungen. Selbst die rationale Schulmedizin hat erkannt, dass gerade letzterer Punkt eine messbare, erforschbare Dimension erreicht hat, wenn auch die ursächlichen Zusammenhänge manchmal schwer zu finden sind. Wir sehen uns viel zu sehr in der Pflicht, die Qualität oder den Wert eines Ortes in Zahlen beweisen zu müssen, auch wenn wir ihn unter ökologischen Gesichtspunkten begutachten. Aber es genügt eben nicht, eine Schulnote gemäß des Bewuchses, der Bodenbeschaffenheit oder Ähnlichem zu vergeben, daneben gibt es eine emotionale, energetische Wertigkeit, die wir in Zahlen nicht fassen können werden. Harmonie unter Menschen ist etwas, das wir nur erreichen können, indem wir uns auf einer psychosozialen Ebene auf andere einlassen. Wenn wir also in einem stimmigen Miteinander mit Orten leben wollen, führt der Weg dazu zuallererst durch unsere Herzenswahrnehmung, nicht primär über den Verstand.

Eine Chance zur Veränderung

In diesem Zusammenhang hat sich als besonders wichtig gezeigt, dass man nicht zuletzt der Veränderung eine Chance einräumt. Denn so, wie wir uns in der Entwicklung befinden, erfordert die Harmonisierung mit dem Ort, dass er sich mit uns wandeln darf. Umso spannender wird es sein, zu sehen, welchen Weg der Zeit-Spiel-Raum nehmen wird. Während der Landesgartenschau gab es mehrere Gruppen, die diesen Garten als Veranstaltungsort entdeckten; in den Jahren 2001/2002 haben wir nochmals Impulse mit einer "Licht-Duft-Klang"-Aktion gegeben. Für die kommenden Jahre liegt es jetzt an den Chamer Bürgern, wie die Entwicklung weitergeht. Der Zeit-Spiel-Raum steht ihnen als Teil des Freizeitparks "Quadfeldmühle" weiter zur Verfügung. Ähnlich prozessorientiert wünscht man sich oft die allgemeine Siedlungsplanung. Wäre es nicht möglich, anzudenken, ob man schon in der Budgetierungsphase von Siedlungen einen fortlaufenden jährlichen Betrag zur weiteren Entwicklung veranschlagt? Denn in der Planungsperiode kennt niemand die Bedürfnisse einer Gruppe von Menschen, die es dort noch gar nicht gibt. Die Alternative ist der herkömmliche Ablauf: Siedlungen werden am Reißbrett geplant, ausgerichtet nach konkreten rationalen Überlegungen, die den Ort in seiner Individualität gar nicht einbeziehen, und sobald alles fertiggestellt ist, wird nichts mehr bewegt. Selbstverständlich kann man über bestimmte technische oder finanzielle Notwendigkeiten nicht hinwegsehen, aber es geht dann um Ausgleich; die Tugend der Konsensbereitschaft ist einmal wieder gefragt. Wir haben uns nicht zuletzt - im wahrsten Sinne des Wortes - aus der Mitte bewegt, da in Siedlungen heute häufig ein mittig gelegener Treffpunkt fehlt, der zum aktiven Zusammenleben anregen würde. Mit dem Zeit-Spiel-Raum wollten wir deshalb einen multiplexen Verweilplatz kreieren, offen für die Bedürfnisse verschiedenster Menschen. Es fehlen uns heute einfach die "Plätze", mit der Bedeutung, die dieses Wort ursprünglich einmal hatte, als Synonym für einen geschäftigen Orts- oder Siedlungskern, an dem man die Ortsgemeinschaft wirklich lebte. Diese Plätze sind verschwunden oder aus finanziellen Gründen aus der Mitte des Ortes an den Rand versetzt worden. Die Menschen leben mittlerweile genauso fragmentiert, wie ihre Siedlungen angelegt sind, jeder auf seiner Scholle, statt als Gesamtorganismus eines Siedlungsraums.

Lebendige Begegnungen

Wenn Orte der Begegnung geschaffen werden sollen, dann geschieht das heute meist mit einer bestimmten Vorgabe. Wir sind zu stark auf den so genannten Parkplatz oder den Kinderspielplatz konzentriert und haben eine genaue, standardisierte Vorstellung davon, wie ein Spielplatz üblicherweise auszusehen hat, welchen Zweck er hat, und wer sich dort aufhält. So eine Zweckbestimmung schließt auch einzelne aus, wohingegen in verwobenen Lebensbereichen Menschen zusammenfinden können. Gerade Kinder genießen den Zeit-Spiel-Raum in seiner Vielfältigkeit - sie haben noch keine vorgefassten Meinungen über die Bedeutung von Plätzen. Für sie gibt es hier viel zu entdecken, sie wirken auf eine ruhige, versonnene Art sehr beschäftigt, trotz fehlender Spielgeräte. Bei Begehungen im Rahmen von Ortsentwicklungen erfährt man rasch, dass viele Menschen durchaus ein feingewobenes Gespür für ihre Umgebung besitzen, ob es ihnen nun bewusst ist oder nicht. Jeder hat irgendwo einen bestimmten Platz, an den es ihn instinktiv zieht, ein Psychotop, wo er das Gefühl hat, mit sich selbst im Reinen zu sein. Und jeder kennt auch Orte, an denen er sich nicht aufhalten möchte. Unter Umständen lassen sich im Austausch miteinander gemeinsame Gefühlsmale in einer Siedlung oder Ortschaft finden, deren Verknüpfung ein Energienetz bildet, das es auszubauen und zu verfestigen gilt. Wir könnten viel mehr in Vernetzungen denken, wenn wir uns mehr einlassen würden auf ein eher synästhetisches Empfinden. Die Fähigkeit dazu besitzen wir alle, vielleicht wissen wir es nur nicht oder wollen sie nicht nutzen, weil wir immer noch vom Unbewussten beherrscht werden, das uns in der Kindheit aufgeprägte Botschaften senden will: "Das ist lächerlich", "das gibt es nicht", "das ist unrealistisch". Und schon stehen wir wieder auf dem Sprungbrett: Bleiben wir auf unserer sicheren Plattform stehen, eingeigelt in die vermeintliche Sicherheit, die uns die so gern zitierte "moderne Wissenschaft" bietet, während man selbst dort alle paar Jahre sämtliche als "gesicherte Ergebnisse" gepriesenen Weisheiten über Bord wirft, oder werden wir es wagen, ins Wasser zu springen, egal, was uns dort erwartet? Oder, wie es in dem Film "Matrix" symbolisch dargestellt wurde: Nehmen wir die rote oder die blaue Pille? Wollen wir die Wahrheit wirklich wissen, oder bleiben wir lieber in der bequemeren Beschränktheit haften?