Das Geheimnis von Neuruppin

Radiästhetisch-geomantische Impulse zur Stadtentwicklung

von Hartmut Solmsdorf , Peter F. Strauss , Petra Junghähnel erschienen in Hagia Chora 16/2003

Für einen Wettbewerb zur Neugestaltung eines zentralen Platzes in der Stadt Neuruppin erarbeiteten der Künstler und Geomant Peter F. Strauss, die Psychologin Petra Junghähnel und der Landschaftsarchitekt Hartmut Solmsdorf eine geomantische Studie, die manche Überraschung zutage förderte.

Wir bewundern, was die geomantisch gebildeten Baumeister der Geschichte an Kirchen, Schlössern oder Parkanlagen hinterlassen haben. Doch auch heute sollten wir uns bei städtebaulichen Fragestellungen mit der Geomantie des Ortes beschäftigen. Um (Neu-)Bürger, Investoren und Touristen anzuziehen, ist es notwendig, unter den zahlreichen Mitbewerbern durch ein individuelles Stadtprofil aufzufallen. Aus diesem Anliegen hatte die "Fontane-Stadt" Neuruppin einen Wettbewerb zur Neugestaltung des zentralen Kirchplatzes ausgeschrieben. Die Erschließung von Bauland oder Gewerbegebieten allein genügt nicht, um eine Siedlung attraktiv zu machen - es muss auch einen immateriellen Anreiz geben. Viele Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Spiritualität, nach spirituellen Orten. Wenn sich die Menschen in ihrem kulturellen Lebensraum positiv orientieren können, wenn sie ihn in seinen inneren Qualitäten begreifen, werden sie gerne an diesem Ort bleiben oder dorthin ziehen und sich mit dem Ort identifizieren. Es fing ganz harmlos an: Im Rahmen eines Workshopverfahrens sollten Ideen zur Rekonstruktion des mit 4 Hektar größten europäischen Stadtplatzes, des Kirchplatzes von Neuruppin (80 Kilometer nordwestlich von Berlin) gefunden werden. Der Kirchplatz war für uns Anlass für die Einbeziehung der gesamten Altstadt. Wir fragten uns, wo - und warum dann dort - die Fundamentreste der abgetragenen Marienkirche - im Mittelalter die größte Backsteinkirche der Mark Brandenburg - liegen. Warum wurde diese Stadt im Mittelalter ausgerechnet an dieser Uferkante des 12 Kilometer langen Ruppiner Sees gegründet?

Dem Geheimnis auf der Spur

Was wir im Lauf von nur zwei Tagen im Herbst 2002 herausfanden, war so spannend, dass wir darüber fast den eigentlichen Auftrag vergessen hätten. Zunächst erkundeten wir die Hauptsiedlungsachsen der Altstadt - was uns weit außerhalb der Stadt bis nach Alt Ruppin (Burg) und Wuthenow (Kirche) führte. Beide Orte werden als die historischen Wurzeln von Neuruppin angesehen. Anschließend kamen wir dem Zusammenhang der drei Altstadtkirchen auf die Spur: der vorhandenen Klosterkirche und zweier untergegangener, der Nikolai- und der Marienkirche. Wir sehen aufgrund unserer Untersuchungen in der Klosterkirche die Keimzelle der mittelalterlichen Stadtgründung. Diese Kirche liegt genau im Fadenkreuz der geomantischen Hauptzonen, auf denen auch Alt Ruppin (Burggründung 1242) und Wuthenow (Kirchengründung Anfang bis Mitte des 13. Jahrhunderts) liegen: Von diesen beiden Orten aus wurde Neuruppin gegründet. Zunächst wurde 1246 die Klosterkirche, dann die Nikolaikirche für die vorstädtische Kaufmannssiedlung und später oder gleichzeitig die Marienkirche als Marktkirche errichtet (beide Mitte des 13. Jahrhunderts); alle drei Kirchen liegen auf ausgeprägten geomantischen Zonen.

Mittelalter und Klassizismus

Neuruppin blickt auf eine 750-jährige, ereignisreiche Geschichte zurück. Nachdem Graf Gebhard von Arnstein 1240 die Herrschaft Ruppin erworben hatte, errichtete er 1242 seine Burg im heutigen Alt Ruppin. Von dort aus gründete er am Westufer des Sees die Stadt "Neu Ruppin". Sein Bruder Wichmann wurde zum Gründer und ersten Prior des 1246 errichteten Dominikaner-Klosters. Schon 1256 verlieh Graf Günther von Arnstein Neuruppin das Stadtrecht. Um 1300 wurde die Klosterkirche fertiggestellt und das erste Rathaus errichtet, 1365 wird eine Lateinschule erwähnt. Neuruppin hatte in dieser Zeit bereits 2000 Einwohner und war eine der größten Städte in der Mark Brandenburg. Die mittelalterliche Stadt wurde von einer Wehrmauer mit drei Stadttoren und 40 Türmen geschützt. Neben der Klosterkirche am See gab es die Nikolai-Kirche sowie die Marienkirche, mehrere Hospitäler, ein Siechenhaus, den Alten und den Neuen Markt. Eine südwest-nordöstlich orientierte Hauptachse (auf der sich das alte Rathaus und der Alte Markt befanden), verbindet die beiden Stadttore. Annähernd rechtwinklig dazu teilen die Stadt eine Reihe von Straßen in Nordwest-Südost-Richtung. Dies entspricht im wesentlichen einer Tradition, die sich seit dem 5. Jahrhundert v.Chr. von Griechenland über Rom in der europäischen Stadtplanung findet. Das Stadtgebiet wird dabei durch zwei Hauptachsen (Cardo und Decumanus) in vier Quartiere geteilt. Der Schnittpunkt der Hauptachsen wurde Omphalos oder Mundus genannt und bildete das Zentrum der Stadt. Der Architekturprofessor Eike Hensch weist darauf hin, dass die beiden Hauptachsen auf geomantische Zonen mit positiver, energetisch anregender Wirkung gelegt wurden. In seinem Buch "Geomantische Reisen" heißt es: "Römische, etruskische und griechische Baumeister richteten ihre Städte nach geomantischen Gesichtspunkten aus . Ein bedeutsamer Anregungsfaktor für den städtebaulichen Raum und seine Gebäudesubstanz ist das Fließsystem unterirdischer Grundwasserströme, insbesondere der rechtszirkular abstrahlenden natürlichen Wasserläufe."

Geomantische Untersuchungen

Eine radiästhetisch-geomantische Untersuchung von Neuruppin im Herbst 2002 brachte die Entdeckung zweier natürlicher, tiefliegender Wasserläufe bzw. geomantischer Zonen (GZ). Die Ausrichtung der beiden Hauptachsen der Stadt hängt mit diesen Zonen zusammen. Die von Nordwest nach Südost verlaufende Zone konnte von der Kirche in Wuthenow über die ehemalige Klosterkirche St. Trinitatis, den Mittelteil des ehemaligen Gymnasiums und das Denkmal von Friedrich Wilhelm II. bis zum Rand der Altstadt radiästhetisch eingemessen werden. Man kann in dieser Zone den Cardo Maximus der Stadt erkennen. Die von Südwest nach Nordost verlaufende Zone konnte im Bereich der Altstadt vom ehemaligen Königstor bis zum Rheinsberger Tor gemessen werden. Der Verlauf dieser geomantischen Zone deckt sich im wesentlichen mit den beiden zentralen Straßen der mittelalterlichen Stadt, dem Steinweg und der Badstraße, zwischen denen sich das alte Rathaus und der Alte Markt befanden. Man kann diese Achse deshalb Decumanus Maximus nennen. Der Schnittpunkt beider Zonen wäre im Sinn der antiken Stadtplanung der Omphalos, der Mittelpunkt der Stadt. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1787, dem zwei Drittel von Neuruppin zum Opfer fielen, wurde die Stadt nach Plänen von Bernhard Matthias Brasch wieder aufgebaut. Dabei wurden die alten Stadtmauern in Richtung Südwesten überschritten, drei große Plätze entlang der Friedrich-Wilhelm-Straße angelegt und das Gymnasium am Schulplatz erbaut. 1828 entstand nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel durch den Bildhauer Ludwig Tieck das Denkmal für König Friedrich Wilhelm II. Das Standbild wurde 1997 in der Nachbarschaft von zwei Bäumen wieder aufgestellt. Einige Schritte hinter den Bäumen liegt der Ort für den beschriebenen Omphalos der Stadt. Das Denkmal selbst wird von der nordwest-südöstlich verlaufenden geomantischen Zone (GZ 1) angeregt und wirkt als Resonator für positive Schwingungen. Somit könnte man den Schulplatz als das eigentliche Zentrum der Stadt betrachten. Der Wochenmarkt, das gutbesuchte Straßencafé, die Bilderbogenpassage etc. sind Belege für seine vitale Atmosphäre. Bei archäologischen Grabungen auf dem Schulplatz kamen 1996 die Fundamente der alten Pfarrkirche St. Nikolai zutage, die nach dem Stadtbrand von 1787 nicht wieder aufgebaut worden war. Heute zeugt ein dunkler Streifen im Pflaster von einer Seitenwand der Kirche. Die radiästhetische Untersuchung erbrachte, dass die Ausrichtung des Kirchenbaus durch unterirdisch fließendes Wasser mit rechtszirkularer Abstrahlung mitbestimmt wurde. Die aus Nordwesten kommende, tiefliegende Wasserführung zog sich ursprünglich etwa in der Mittelachse von St. Nikolai über den Schulplatz und ist auf dem Kirchplatz wieder zu finden. Dort stand die zweite Pfarrkirche der Stadt, St. Marien, ebenfalls auf dieser Zone. Die ehemalige Marienkirche - ein frühgotischer Bau - hat den Stadtbrand ebenfalls nicht überlebt. In der Mitte des heutigen Kirchplatzes steht die 1815 gepflanzte Friedenseiche zur Erinnerung an den Sieg über die napoleonischen Truppen. Die von Nord-Nordwest nach Süd-Südost fließende Wasserader, die sich unter dem Chor der Marienkirche hinzieht, verbindet die alte Pfarrkirche mit der Klosterkirche. Die Untersuchung der Dominikaner-Kirche ergab, dass die geomantische Hauptachse von der Kirche von Wuthenow zum Schulplatz exakt durch das Portal der Klosterkirche im Nordwesten läuft. Der Verlauf der Klosterstraße deckt sich ebenfalls damit. Die zweite geomantische Hauptachse bildet die Achse der Kirche und ist in der Verlängerung im Südwesten unter der Bergstraße zu finden. Auffällig ist hier die Parallelität dieser Zone mit dem Decumanus der Stadt. Die drei Hauptkirchen, das alte Rathaus sowie der alte Markt sind so durch ein Netz geomantischer Zonen miteinander verbunden.
Im Hochmittelalter waren den Stadtgründern die Kräfte des Himmels und der Erde noch bewusst. Der Gründer und erste Prior des Dominikaner-Klosters, Wichmann von Arnstein (1186-1270) wird heute als eine der bedeutendsten Gestalten der deutschen Mystik und als großer Theologe betrachtet. Er gründete nicht nur das Kloster, sondern auch eine Schule und ein Hospital. Es ist nicht zu weit gegriffen, wenn man annimmt, dass diese herausragende Persönlichkeit auch über Kenntnisse verfügte, die jahrhundertelang als streng gehütete Geheimnisse der Dombauhütten galten. Neben rein handwerklich-technischen Kenntnissen wurden in diesem Zusammenhang auch Methoden der "Ortsfindung" vermittelt, die heute in der modernen Radiästhesie wieder entdeckt werden.

Künstlerische Projekte

Aus dem Beziehungsgeflecht der geomantischen Zonen entwickelten wir ein künstlerisches Projekt - das Kirchendreieck: Die drei Kirchenstandorte werden dabei durch in den Boden eingelassene, Tag und Nacht leuchtende blaue Linien miteinander in Beziehung gesetzt - das Projekt "LichtSpur". Damit machen wir archäologisch nachweisbare Epochen der Stadtgeschichte und bestimmte energetische Strukturen durch künstlerische Mittel nicht nur hier, sondern im Bereich der gesamten Altstadt sichtbar und bewusst. Die künstlerische Installation auf dem Kirchplatz bewirkt dessen ästhetische Überhöhung und so eine Steigerung seiner öffentlichen Wahrnehmung. Auf der Rasenfläche östlich der Friedenseiche werden durch Grabungen Fundamente und der Altarbereich der alten Marienkirche teilweise freigelegt. Nach Abschluss der Grabungen könnten an ausgewählten Stellen begehbare Glasplatten über speziell angelegte Schächte gelegt werden, um über diese "ZeitFenster" einen Blick in die Vergangenheit des Platzes zu erhalten. Die Fundamentreste können in der Nacht beleuchtet werden - Lichtinseln, die Teile der alten Kirche nachzeichnen.

Ein lebendiges Museum

Am energetischen Mittelpunkt der Stadt auf dem Schulplatz stand früher vermutlich der Altar der seit langem untergegangenen Nikolaikirche (der Kirche der Kaufleute). Seit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem großen Brand finden hier der gut besuchte Wochenmarkt, Jahrmärkte und andere Festlichkeiten statt. Brasch hat Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge des Wiederaufbaus der Innenstadt den Schulplatz zum Mittelpunkt seines Retablissements auserkoren und mitten darauf - als Ausfluss der Aufklärungsidee - nicht das Rathaus, sondern das Schulgebäude gesetzt. Es wird inzwischen nicht mehr als solches genutzt. Es stellt sich die Frage, ob es nicht besser wäre, an diesem energetisch günstigen Standort das (neue) Rathaus zu platzieren, anstatt es in einem Gebäude, in dem Unterordnung, Gehorsam und Militarismus die Atmosphäre bestimmt haben, unterzubringen - das Rathaus wurde vor kurzem in eine umgebaute Kaserne am Rand der Innenstadt verlegt. Zur Gestaltung der Lebensverhältnisse in der Innenstadt sind die Erkenntnisse über das vorhandene Kraftfeld der geomantischen Zonen von hohem Wert. Insbesondere gilt es, das Potenzial des Schulplatzes auszunutzen und dort noch mehr Einrichtungen mit starkem Publikumsverkehr anzusiedeln. Der belebte Wochenmarkt und das lebendige Café zeugen vom Vorhandensein positiver Kräfte; verschiedene hervorragend rekonstruierte Fassaden sind dort ebenfalls zu sehen. Zusätzlich ließen sich einige weitere "ZeitFenster" und "LichtSpuren" an vielen Stellen in die ursprünglich mittelalterliche Innenstadt mühelos einfügen. Sie würden dem doch etwas steifen und blutleeren Klassizismus hie und da ein wenig mediävale Würze verleihen. Die Stadtentwicklungskunst besteht nun darin, aus diesem flächenhaften städtebaulichen Denkmal einen lebendigen Arbeits- und Wohnort zu gestalten und bei aller Modernisierung trotzdem den einmaligen Museumscharakter zu bewahren.