Höchste Seilkunst

Die Entschlüsselung der mittelalterlichen Stadtplanung

von Klaus Humpert , Martin Schenk erschienen in Hagia Chora 16/2003

Unsere Forschungsarbeit beschäftigt sich mit mittelalterlichen Gründungsstädten des 11. bis 13. Jahrhunderts. Die allgemeine Vorstellung verbindet mit der mittelalterlichen Stadt eigentlich keine gegründete bzw. geplante Stadt, vielmehr wird immer der wenig griffige, dafür mit positiven Bildern besetzte Begriff der "gewachsenen Stadt" verwendet. Auf der einen Seite sind Gründungsdatum und Gründer genau bekannt, andererseits ist man kaum bereit, eine Gründungsplanung und größere städtebauliche Systematik zu akzeptieren.

Stadtgründungsepochenin Deutschland

Stadtgründungsepochen sind in der Regel keine Katastrophenzeiten. Es sind, im Gegenteil, Zeiten, in denen die auf dem Land nicht mehr unterzubringenden Bevölkerungszuwächse nach neuen Konditionen suchen. Das Umland muss die Menschen freigeben, und, was genauso wichtig ist, das Land muss eine solche Produktivität an Nahrungsmitteln aufweisen, dass die Gruppe der Städter mit ernährt werden kann. Die frühesten Städte auf deutschem Boden sind die keltischen Oppida, die schon stadtähnliche Strukturen aufweisen. Die römischen Stadtgründungen im besetzten Teil Germaniens sind dann die ersten auch aus Stein gebauten Städte. Fast alle dieser Städte sind Planstädte. Es entstehen einige große Städte wie Mainz, Köln, Straßburg und Regensburg. Trier ist sogar zeitweilig eine der drei Hauptstädte des Römischen Reiches. Die Anzahl der römischen Städte auf deutschem Boden liegt bei etwa 40, darüber hinaus gab es etwa 140 Lager. Keiner der Standorte ist später völlig aufgegeben worden. Es folgt eine 700 bis 800 Jahre währende Pause, in der in Deutschland keine neue Stadt mehr gebaut wird. In den mehr oder weniger zerstörten römischen Ruinen residieren die Bischöfe in ihren ummauerten Dombezirken. Durch die ehemalige Kaiserstadt Trier führt ein Trampelpfad vom Stadttor (Porta Nigra) zur Moselbrücke. Die Germanen sind weder Städter noch Steinbaumeister. Sie errichten Handelsplätze wie z.B. Haithabu, Soest und andere. Die Pfalzen und die Klöster sind die ersten größeren städtebaulichen Anlagen, die wieder gebaut werden. In diese Zeit fällt auch die erste und einzige Zeichnung einer Großanlage, die aus dem Mittelalter überliefert ist, der St. Gallener Klosterplan. Nach diesen 700 Jahren totaler Stagnation erfolgt in der Zeit zwischen 1030 und 1348 eine Explosion des Städtebaus, wie sie heute fast nicht mehr vorstellbar ist. Um 1000 gibt es rund 150 Städte, um 1200 bestehen bereits an die 1000 Städte, deren Anzahl bis 1350 auf rund 3000 ansteigt. (Vgl. dazu die Zeit des Wohlstands, die Bernard Lietaer in seinem Buch "Mysterium Geld", Riemann Verlag, beschreibt; Anm.d.Red.) Mit dem Ausbruch der Pest in Mitteleuropa endet schließlich die Stadtgründungsepoche. In dieser Zeit nimmt die Bevölkerung stetig zu. Die Ursache dafür liegt in der verbesserten landwirtschaftlichen Produktion, z.B. der Dreifelderwirtschaft und anderer agrarischer Techniken. In 260 Jahren entstehen in Deutschland ungefähr 3000 neue Städte. Diesem einmaligen und besonderen Vorgang wurde bisher zu wenig Beachtung geschenkt. Die gesamte mitteleuropäische Stadtinfrastruktur wächst mit einer durchschnittlichen "Produktion" von fast 12 neuen Städten pro Jahr.
So gründet z.B. allein König Ottokar II. von Böhmen zwischen 1253 und 1278 über 60 deutsche Städte. Um die Einmaligkeit dieser stürmischen Entwicklung richtig zu erfassen, muss man die Zahl von 3000 neuen Städten mit derjenigen Anzahl vergleichen, die in den folgenden 630 Jahren bis heute entstehen: Es sind in der Tat nur rund 35 neue Stadtgründungen. Diese Diskrepanz bei der Zahl der Stadtgründungen ist irritierend, entspricht aber den historischen Tatsachen.
Selbstverständlich sind in den vergangenen 150 Jahren noch weitere Städte zu den bereits vorhandenen hinzugekommen. Diese dritte Gruppe sind die neuen Wachstumskerne, die von unbedeutenden Siedlungen zu Städten herangewachsen sind. Dies sind die tatsächlich "gewachsenen Städte". Bei fast allen Städten dieser Art ist eine spezielle industrielle Produktion als Ursache für das Wachstum zu nennen. Insgesamt bleibt jedoch die Zahl dieser der industriellen Revolution verdankten Städte unter 50.
Ein Gesamtüberblick zeigt, dass es 30 bis 40 Städte auf römischen Grundrissen und 100 bis 120 frühmittelalterliche Handelsplätze gibt. Vom 12. bis zum 14. Jahrhundert entstehen rund 3000 Gründungsstädte, während es vom Barock bis zur Neuzeit nur 20 bis 30 Neugründungen gibt. In der Zeit der Industrialisierung wachsen nochmals 20 bis 40 Städte zu Industriezentren heran. Den überraschenden Zahlenverhältnissen ist zu entnehmen, dass vom 12. bis zum 14. Jahrhundert der weitaus größte Teil der deutschen Städte angelegt wurde. Und sie sind nicht irgendwie "gewachsen", sondern in einer beispiellosen Ausbaubewegung von einer Vielzahl von großen und kleinen Stadtgründern planmäßig angelegt worden. In einem Jahrhundert, in dem in jedem Jahr durchschnittlich mehr als ein Dutzend neue Städte gebaut wurden, waren auch die dazu notwendigen Fachleute und Spezialisten vorhanden. Bei Durchsicht der Landkarten wimmelt es nur so von Städten mit historischem Ortskern, deren Gründer und Gründungsdatum bekannt sind und die in ihren Grundrissen die Planungsspuren bereits ohne jegliche Vermessung offenbaren.

Arbeitsmethodik der Forschung

Die von uns in den Grundrissen der Städte entdeckten geometrischen Phänomene der Kreisbogen und anderer geometrischer Figuren treten so häufig und in ähnlicher Art und Weise auf, dass sich die Suche nach einer verborgenen Systematik geradezu aufdrängte. Wie wurde dieses Problem im Rahmen der Forschung angegangen? Der Stadtgrundriss ist das einzige Dokument, das zur Aufklärung der Frage zur Verfügung steht. In ihm ist eine Fülle von Informationen aus dem Lauf der Geschichte einer Stadt konserviert. Es galt, eine Methode zu entwickeln, die den Grundriss zuverlässig lesbar macht. Die erste Arbeit bei jeder Stadtuntersuchung ist die genaue Analyse und Vermessung des Grundrisses. Als Grundlage für die Messanalyse benötigt man einen möglichst exakten Plan der Stadt, in dem das Straßennetz, die wichtigen historischen Bauwerke, die Stadtmauern und -türme, die Brunnen und die Parzellengrenzen verzeichnet sind. Dieser Plan muss zuerst aus einer Kombination aus modernen und älteren Quellenplänen erstellt werden. Die moderne, digitale Arbeitstechnik bietet dabei ideale Möglichkeiten bei der Erstellung eines genauen Grundlagenplans und seiner Auswertung. Viele Vermessungsämter besitzen heute ihre Stadtpläne in digitalisierter Form, so dass eine verzerrungsfreie Grundlage zur Verfügung steht. In diesen modernen Plänen sind aber die mittelalterlichen Stadtkerne nur noch in gestörter und rudimentärer Form erhalten. Die nächste Aufgabe ist es, in die genaue, moderne Grundlage die älteren, verschwundenen oder nur noch in Resten vorhandenen Bauten, Parzellen, Mauern, Türme, Tore, Wasserläufe und Brunnen einzutragen. Diese Aufgabe lässt sich in den meisten Fällen gut durchführen, da aus der Zeit der Urvermessung der Städte aus den Jahren 1825-1890 hervorragend gravierte und detailgetreue Pläne existieren. Unter der Prämisse, dass sich die Straßenfluchten der Hauptstraßen und anderer Straßen und Gassen über die Jahrhunderte im allgemeinen erhalten bzw. nur unwesentlich verändert haben, werden die historischen Pläne hausblockweise in das digitale Grundrissgerüst des modernen Plans eingepasst. Durch die Kombination der verschiedenen Grundlagen auf der Basis eines modernen Plans erhält man einen digitalen Stadtplan der historischen Stadt von bisher nicht vorhandener Genauigkeit. Nur auf einer solchen Basis lässt sich eine verlässliche Vermessung der Stadt durchführen.

Vergleichende Analysen

Der Untersuchungsprozess läuft selbstverständlich zunächst nach dem System von Versuch und Irrtum ab. Zuerst werden die auffälligen Phänomene sichtbar, und erst in einem späteren Stadium der Arbeit erkennt man langsam das zugrundeliegende geometrische System. Die wesentlichen Durchbrüche wurden durch die parallele Untersuchung mehrerer Städte (Freiburg, Villingen, Offenburg) erreicht, die zudem alle als Zähringergründungen gelten. Durch die gleichzeitige Untersuchung dieser vergleichbaren Städte war es möglich, Erkenntnisse aus der einen Stadt sofort an der Nachbarstadt zu überprüfen. So wurde z.B. in Villingen zum ersten Mal der von uns so genannte Campus Initialis gefunden, der in Freiburg schon lange sichtbar war, jedoch dort zunächst nicht als grundlegende Standardkonstruktion erkannt wurde. Es war dann verhältnismäßig rasch möglich, das in den Städten verwendete Maßsystem herauszufinden. In Freiburg, Villingen, Offenburg und Rottweil beträgt beispielsweise das verwendete Fußmaß 0,324 Meter. Da die mittelalterlichen Planer im Prinzip nur mit geradzahligen Maßen arbeiteten, ist das schnelle Erkennen dieser Präferenzmaße eine große Vereinfachung. Wenn in einer Konstruktion ein ungerades Längenmaß auftritt, handelt es sich in der Regel um ein abgegriffenes Maß. Diese Arbeitstechnik der mittelalterlichen Planer macht es erst möglich, die Spuren der Ersteinmessung aufzuspüren. Da ein Messpunkt immer über zwei Definitionen bestimmt ist, liegt in der Suche und Auffindung der zweiten Definition die erste Nagelprobe. Wenn beispielsweise in Esslingen die Mittelpunkte von drei Toren in der Form eines gleichseitigen Dreiecks mit Entfernungen von 666 Metern, 670,19 Metern und 671,11 Metern gemessen werden und 670 Meter genau 2200 Fuß entsprechen, dann wird hier offensichtlich ein Teil einer Konstruktion sichtbar.
Die Analyse der Bogen im Stadtgrundriss ergeben immer bestimmte Mittelpunkte. Wenn der Kreisbogen z.B. 1000 Fuß beträgt und der Mittelpunkt auf einer weiteren Vermessungsspur liegt, dann werden auch hier Teile eines größeren Systems sichtbar. Zur Arbeitsweise der mittelalterlichen Planer gehört die ausschließliche Verwendung von modularen Maßeinheiten. Man muss nicht nur das verwendete Fußmaß finden, sondern das Standardmodul. Bei den Städten beträgt dies in der Regel 100 Fuß.

Aus der Architektur abgeleitet

Nachdem die Grundprinzipien der Arbeitsweise der mittelalterlichen Stadtplaner aufgeklärt waren, stellte sich sofort die Frage, wie diese Arbeitsweise zu erklären ist. Es wurde sehr früh die These aufgestellt und verfolgt, dass die Arbeitsmethode nur von der Architektur abgeleitet sein konnte. Das Problem der Einmessung von Städten war über mindestens 500 Jahre nicht mehr aktuell. Nur in der Architektur existierten Arbeitsmethoden, mit denen auch große Bauanlagen zu verwirklichen waren. Vor allem das Kernprinzip der zentralen Rechteckfläche konnte als Standardkonstruktion auch bei Bauwerken und Klosteranlagen nachgewiesen werden. Dieses zentrale Rechteck weist durch die exakte geometrische Konstruktion über den Thaleskreis oder das Pythagorasdreieck einen genauen rechten Winkel auf. Es stellt damit die Plattform für alle weiteren Vermessungsschritte dar und wird mit Campus Initialis bezeichnet. Das Überraschende ist, dass das Arbeitsprinzip ohne jegliche Veränderung bis in die Antike zurückreicht. Das heißt, dass man in der Phase der Ersteinmessung einer romanischen Kirche und eines Tempels sehr wohl die gleichen Arbeitsmethoden findet. Wer hätte gedacht, dass in der mittelalterlichen Stadtplanung, einer Disziplin, die es nach Meinung der meisten Fachleute und Historiker gar nicht gibt, eine uralte Arbeitsmethode des Bauens zu finden ist! Fast beiläufig wurden in mittelalterlichen Miniaturen ebenfalls die gleichen Prinzipien wie in der Stadtvermessung gefunden.

Praxis der Mess-Seilmethode

In mehreren Feldversuchen wurde die Einmessung der Städte und die Anwendung der Mess-Seile der mittelalterlichen Stadtplaner nachvollzogen. Das vordringliche Interesse galt der Handhabung der Mess-Seile. War es möglich, Bogen mit Radien von 2000 Fuß und mehr im Gelände auszuführen? Wie konnte ein gestrafftes Mess-Seil nachgeführt werden, damit ein präziser Bogen entstand? Welcher Arbeitsaufwand war hierfür notwendig? Welche Längenveränderungen traten im Mess-Seil auf? Das Ergebnis des Versuchs war überraschend. Die Methode mit den Mess-Seilen erwies sich als äußerst effektiv. Vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Bogen hergestellt werden konnten, war verblüffend. In der ersten Kampagne, in der noch keinerlei Messerfahrung vorlag, wurden in fünf Tagen wesentliche Teile des Stadtgrundrisses von Freiburg mit zehn Personen eingemessen. Die Einmessung der 1400 Fuß langen Offenburger Marktstraße mit Bogenradien von 2000 bzw. 1000 Fuß benötigte mit 16 Studenten nur einen Arbeitstag. Einen wesentlichen Zeitaufwand stellte dabei die Bodenmarkierung dar. Im Feldversuch wurde der von den mittelalterlichen Kollegen mutmaßlich verwendete Pflug durch einen Rasenmäher ersetzt, der die Messlinie in der Grasoberfläche markierte. Diese Linie konnte dann mittels Pflöcken oder Steinen ausgemarkt werden. Eines wurde schnell klar: Ohne eine Vorzeichnung der beabsichtigten Konstruktion verläuft man sich in der Weite des Geländes. Das Bild der beabsichtigten geometrischen Struktur muss den Vermessern in übersichtlicher Weise vor Augen liegen. Die Erfindung des großen Basisrechtecks als stabile, übersichtliche und leicht unterteilbare Grundstruktur ist nicht nur genial, sondern absolut notwendig. Das hat wenig mit religiösen Ritualen zu tun, sondern ist eine Notwendigkeit, wenn man im freien Gelände eine geometrische Struktur ausbringen will. Eine große Fläche von 10 bis 30 Hektar ist für den darauf herumgehenden Menschen nur aus seiner Aughöhe von etwa 1,60 Meter zu erfassen. Ohne eine verhältnismäßig einfache, flächige und gut vorstellbare Planfigur kann man nichts ausrichten. Man darf davon ausgehen, dass die wichtigen Messpunkte mit langen Stangen im Gelände markiert wurden. In den Feldversuchen wurde schnell erkannt, wie gut man auch über sehr große Entfernungen Stangen sehen und zu Peilungen verwenden kann. Die Feldversuche haben die enorme Arbeitsökonomie der Methode gezeigt. Einige wenige Fachleute können zusammen mit einer entsprechenden Anzahl von ungelernten Hilfskräften, die für das Spannen der Mess-Seile verantwortlich sind und die auf Anweisung die Markierung der Messpunkte vornehmen, innerhalb kurzer Zeit einen komplexen Stadtgrundriss in seinen wesentlichen Teilen abstecken.

Historische Messmethoden

Die Vermessungstechnik des Mittelalters ist offensichtlich sehr praxisorientiert. Die fundierten Kenntnisse der Mathematik und Geometrie, die über Babylon und Ägypten nach Griechenland kamen, sind weitgehend verloren. Die griechischen Philosophen unterschieden zwischen Geometrie und Geodäsie. Die Geometrie ist wie die Arithmetik ein reiner Zweig der Mathematik und in der Lage, zu sicherer Erkenntnis zu führen. Die anwendungsbezogene Geometrie wurde Geodäsie genannt und ist die niedere, praktische Disziplin des Sinnlichen. In dieser überheblichen Ablehnung des Praktischen scheint die Ursache zu liegen, dass fast keine schriftlichen Informationen zur Frage der praktischen Vermessung aus Griechenland vorliegen. Die Praxis des Mittelalters dagegen scheint lösungsbezogen. Bei den vielen Vermessungsuntersuchungen wurden nur ganz selten ideologische Überhöhungen und keine Kabbalah gefunden. Die wichtigste Abweichung von der pragmatischen Normalität ist der geplante Fehler, der von uns als Gestus Humilitas bezeichnet wurde. Hier findet sich immer an einer wichtigen Stelle eine gut nachmessbare Störung der geometrischen Ordnung. Bei den Kirchenbauten ist es oft ein leichtes Abkippen der östlichen Querschiffwand. Aber auch in den Stadtvermessungen treten solche Phänomene auf. Hinter dieser seltsamen Handlungsweise wird folgende Motivation vermutet: Wie die Miniatur des die Weltscheibe auszirkelnden Schöpfers zeigt, ist Ordnung und Geometrie offensichtlich eine göttliche Eigenschaft, der nachzueifern richtig und gut ist. Jedoch soll die Vollkommenheit, die ja in der Geometrie erreicht werden kann, offensichtlich bewusst vermieden werden.
Unsere Forschungsarbeit hat sich im Gegensatz zu anderen Werken nicht intensiv mit dem Studium der schriftlichen Quellen zum historischen Vermessungswesen befasst. Ihr Beitrag ist der Nachweis, dass der Stadtgrundriss ein uraltes Dokument ist und als Quelle der Information über die Erstvermessung dient.

Die Messtechnik der Antike

Die Seilvermessung hat eine lange Tradition und war bereits in Mesopotamien und vor allem in Ägypten bekannt, denn dort gab es ein ganz praktisches Arbeitsfeld für jährliche Vermessungsarbeiten. Nach den Nilüberschwemmungen mussten die Felder zur korrekten Steuerveranlagung und wegen der Wasserzuteilung auf der angeschwemmten Schlammebene regelmäßig neu eingemessen werden. Die mit diesen Arbeiten betrauten Spezialisten wurden Harpedonapten ("Seilspanner") genannt. Das altägyptische Schriftzeichen für die Zahl 100 bedeutete auch zugleich "Seil". Die Ägypter waren auch in anderen Bereichen der Bautechnik perfekte Vermesser, und so muss der dortigen Seilmesstechnik ein hoher Stellenwert eingeräumt werden. Aus Griechenland sind bereits Stadtplanerpersönlichkeiten bekannt. Der erste Theoretiker der griechischen Stadtplanung war Hippodamos aus Milet, der aus der Schule des Pythagoras kam. Seine erste Musterstadt soll die Hafenstadt von Athen, Piräus, gewesen sein, wo er selbst auch ein Haus hatte. Aristophanes spielte in seiner Komödie "Die Vögel", die an den großen Dionysien im März und April 414 v.Chr. uraufgeführt wurde, in ironischer Weise auf einen berühmten Stadtplaner an, mit dem zur damaligen Zeit mutmaßlich Hippodamus gemeint war. In dem Stück wandern zwei athenische Bürger, Peithetairos und Euelpides ("Ratefreund" und "Hoffegut"), in das Reich der Vögel aus und beschließen, eine neue Stadt Nephelokokkygia ("Wolkenkuckucksheim") in der Luft zu gründen. Neben verschiedenen Menschen, einem Poeten, einem Wahrsager und einem Kommissar taucht auch der Geometer Meton auf und bietet seine Hilfe an: "Ausmessen will ich die Luft und sie euch dann aufteilen in Quartiere. . Wer ich bin? Meton bin ich, den ganz Hellas und Kolonis kennt. . Nun leg ich von oben an dies Kurvenlineal und setze dann den Zirkel an. . Dann mess ich mit dem graden Lineal, damit ein Viereck werde aus dem Kreis: Wo’s Zentrum ist, da kommt der Markt hin. Zu ihm führen schnurgerad die Straßen hin, ganz ebenso wie von ’nem Stern, der rund doch ist, gerade Strahlen überall gleichmäßig ausgehen." Ratefreund antwortet, bevor er ihn verjagt: "Du bist der reine Thales, Mensch!" Die kurze Szene enthält zahlreiche Informationen über Planung und Vermessung einer griechischen Stadt. Meton führt hier offensichtlich die Quadratur des Kreises vor und wird von seinem Zuhörer auch sofort mit Thales, nach dessen Konstruktion ein rechtwinkliges Dreieck im Halbkreis erzeugt werden kann, in Verbindung gebracht.
Die Rasterstadt ist vor Hippodamus bereits der allgemein verwendete Planstadttyp, der im Orient und in den griechischen Kolonien allenthalben verwendet wurde. Es scheint, als hätte er den ideologischen Überbau mit Hilfe der Philosophie von Pythagoras errichtet. Pythagoras selber gründete die Idealstadt Kroton in Süditalien, der aber auf Dauer kein Erfolg beschieden war.

Römisches Reich

Der Gründungsvorgang einer römischen Stadt ist gut überliefert. Zuerst wurde das Achsenkreuz festgelegt, dessen Nord-Süd-Achse Cardo (= Weltachse) hieß. Die in Ost-West-Richtung verlaufende Achse wurde Decumanus genannt, weil an ihrem Anfang die Porta Decumana (Haupttor) errichtet wurde. Die Umgrenzungslinie der neuen Stadt wurde mit einem Pflug, der von einer weißen Kuh und einem Stier gezogen wurde, in den Erdboden geritzt. Die Erde musste bei diesem Vorgang nach außen geworfen werden. An den zukünftigen Tordurchlässen wurde der Pflug angehoben. Im lateinischen porta (Tor) steckt noch das Wort portare = "tragen".
Die Gravur dieses Ordnungssystems in den Boden ist messtechnisch verhältnismäßig einfach durchzuführen. Da dieser Vorgang bei den Römern häufig stattgefunden hat, vor allem da das römische Heer jeden Abend zur Sicherheit der Truppe ein Castrum errichtete, hatten die Römer mit der Erfindung der Groma eine schnelle Methode entwickelt, den rechten Winkel zu erzeugen. Die Groma ist ein auf einer Stange montiertes Achsenkreuz, an dessen vier Armen jeweils ein Lot hängt. Mit zwei einfachen Peilvorgängen über die gegenüber hängenden Lotschnüre kann die Richtung festgelegt werden. Durch die rechtwinklige Anordnung der Kreuzarme ist die Übertragung des rechten Winkels in die Landschaft gesichert. Die Peilung mit Hilfe zweier Stangen über große Entfernungen ist eine alte Methode, um eine Gerade in das Gelände zu übertragen.

Mittelalter

Auch in der mittelalterlichen Stadteinmessung müssen die wesentlichen Arbeiten mit dem Mess-Seil ausgeführt worden sein. Die Schnur ist für die Baupraxis ein bis heute unersetzbares Arbeitsmittel. In der Sprache hat sich bis heute davon einiges erhalten. Im Wort "Strecke" ist beispielsweise das Strecken des Seils enthalten, in "Linie" und "Lineal" die Leine. Mit dem Mess-Seil kann fast jeder Arbeitsschritt, der eine hohe Genauigkeit verlangt, durchgeführt werden. Mit Hilfe des Dreiecks mit Kantenlängen von 3:4:5 wird der rechte Winkel erzeugt. Die Zwölfknotenschnur (3+4+5 = 12) war ein gebräuchliches Arbeitsgerät, das diese Dreieckskonstruktion erleichterte. Die diagonal geführte Schnur ist ein ideales und höchst präzises Kontrollmittel, das auch bei zunehmender Länge eine genaue Überprüfung des Winkels zulässt. Unter Verwendung der Schnur als Lot ist die Bestimmung einer Senkrechten möglich, und mit Hilfe der Kombination von gleichschenkeligem Winkeldreieck und Lot lässt sich eine Horizontale bestimmen. Die Schnur ist selbstverständlich auch ein ideales Instrument für die Einmessung von Kreisen beliebiger Größe.
Die Einmessung der mittelalterlichen Stadtanlagen konnte nur mit sehr langen Mess-Seilen und langen Mess-Stangen durchgeführt werden. Für diese Praxis gibt es ein historisches Dokument. In der Doppelkapelle von Schwarzrheindorf (1151) ist eine Vision des Propheten Ezechiel dargestellt, die folgendes Zitat bildlich formuliert: ". und stellete mich auf einen sehr hohen Berg, darauf war es wie eine gebauete Stadt vom Mittag herwärts. Und da er mich daselbst hingebracht hatte, siehe, da war ein Mann, des Gestalt war wie Erz; der hatte eine leinene Schnur und eine Messrute in der Hand und stund unter dem Tor. . Und siehe, da ging eine Mauer auswendig am Hause ringsumher. Und der Mann hatte die Messrute in der Hand, die war sechs Ellen lang; eine jegliche Elle war eine Handbreit länger denn eine gemeine Elle. Und er maß das Gebäude in die Breite eine Rute und in die Höhe auch eine Rute." (Ezechiel 40, 2, 3 und 5, Lutherübersetzung 1545)
Der Prophet schildert die Einmessung des neuen Jerusalem mit Seil und Mess-Stäben, und den Malern des Mittelalters ist, wie ihre Darstellung zeigt, diese Arbeitsweise offensichtlich auch vertraut. Es handelt sich also um ein seltenes, historisches Beispiel, das sowohl für die Seilvermessung im Orient als auch für die Anwendung dieser Technik im Mittelalter spricht.

Bauhütten

Bis zum 11. Jahrhundert waren die einzelnen Bauhütten noch international besetzt, und alle Fachleute konnten in den verschiedenen Ländern arbeiten. Offensichtlich begann ab dem 11. Jahrhundert eine starke, nationale Abschottung. Es existierte ein regelrechter Geheimkult, der verhindern sollte, dass Spezialkenntnisse nach außen drangen und anderen zum Vorteil gereichten. In dieser Phase spielte die Bruderschaftsidee, die im frühen Mittelalter im Wesentlichen als Sicherheits- und Schutzorganisation entstand, eine große Rolle. Die baulichen Arbeitsgruppen waren als Bruderschaften organisiert. Sie unterlagen einer rigiden Geheimhaltung. Es durfte nichts schriftlich festgelegt werden. Die Arbeitstreffen hatten im Freien zu erfolgen, damit kein unberufener Zuhörer die Gespräche mit anhören konnte. Der Begriff Loge ist von (englisch) lodge abgeleitet, womit ursprünglich ein Holzgebäude bezeichnet wurde, das den Bauhandwerkern als Werkstatt- und Versammlungsraum diente. Die Bruderschaftsmitglieder hatten ein kompliziertes Code-System, mit dem sie sich gegenseitig zu erkennen geben mussten. Oft mussten Losungsworte, die ineinander griffen, beantwortet werden, bis die Mitglieder sich gegenseitig als solche anerkannten. Die Geheimnistuerei im Bauen ist offensichtlich eine alte Tradition, die bis auf die Pythagoräer zurückgeht, die schon mit ihrer Geheimphilosophie die Exklusivität und die Wissenseinschränkung zum Ziel hatten. Von dieser Geheimphilosophie hat sich bis heute manches in den Ritualen der Freimaurer überliefert. In dieser Geheimhaltungspraxis dürfte auch der Grund zu suchen sein, warum es so gut wie keine historischen Quellen gibt, die den Vermessungsvorgang in Wort oder Zeichnung darstellen. Der Messvorgang selbst hat immer rituelle Überhöhung erfahren. Es ist für jeden Bauerfahrenen klar, dass der Ersteinmessung der Anlage eine hohe Bedeutung zukommt, da hier die Grundlagen, d.h. ganz pragmatisch die Gräben für die Fundamente, festgelegt werden. Dieser Vorgang verlangt eine weitgehende Festlegung des konzeptionellen Gerüsts des geplanten Bauwerks. Dass diese wichtige Arbeit vom Kompetentesten der Projektbeteiligten durchgeführt wurde, ist ebenfalls klar. Fundamentgräben eines Bauwerks sind noch nicht sehr anschaulich, sie bergen jedoch bereits das ganze zukünftige Projekt in sich und vertragen nur sehr wenig bauliche Ungenauigkeit. Die Einmessung erfolgte in der Regel nie auf einer Mauerachse, sondern immer auf einer Kante. Die Schnur würde in der Fundamentmitte nur stören. Die Ausmarkung der eingemessenen Fundamentstreifen wurde wohl mit Kalk, Gips oder Pflöcken ausgeführt. Man muss davon ausgehen, dass außerhalb der inneren Baugrube Messmarken das große Basisrechteck markierten, die nicht durch das Baugeschehen gestört wurden. Diese Marken könnten vielleicht bei einigen Bauwerken noch heute gefunden werden. Die Rekonstruktion der Messpunkte wäre präzise möglich. Der ganze geschilderte Messvorgang ist in der Baupraxis bis heute im Schnurgerüst erhalten geblieben. Auch das Schnurgerüst wurde immer mit den Seitenverhältnissen 3:4:5 eingerichtet. Erst die modernen Messgeräte machen diese uralte Arbeitsmethode überflüssig. Selbstverständlich ist für den mittelalterlichen Menschen der Plan auch etwas ganz anderes als für uns heute. Viele Pläne dürften wohl nur auf Reißböden existiert haben, d.h. auf großen, glatten, hölzernen Flächen, auf denen mit Hilfe von Schnüren und Kreide die jeweilige Konstruktion maßstäblich aufgetragen wurde. Die Bodenmarkierung der Messpunkte bei der Stadteinmessung ist noch eine offene Frage. Die langfristige Markierung ist über Pflöcke und Steine möglich. Es ist offensichtlich, dass es verantwortliche Personen gegeben haben muss, die den Verteilungsvorgang der Hofstätten und die Einhaltung der Parzellengrenzen überwachten. Wenn eine so große Aktion wie die Abräumung eines Areals und die Einmessung einer Stadt geplant und ausgeführt wird, dann ist man auch in der Lage, die Einhaltung der festgelegten Grenzen dauerhaft zu sichern. Der genaue Kreisbogen der Freiburger Herrenstraße ist der gebaute Nachweis dieser These. Dieser Kreisbogen von 550 Fuß wurde mit dem Mess-Seil erzeugt und markiert, und offensichtlich sind die Häuser mit Abweichungen unter 60 cm auch dieser Einzeichnung gefolgt. Aus der großen Verstädterungsepoche, die vor allem in Osteuropa stattfand, ist der spezielle Beruf des Lokators bekannt, der in den Urkunden permanent erwähnt wird. Er ist offensichtlich der Manager, der das gesamte Unternehmen steuert. Seine Person ist nicht nur für die Technik der Aussteckung der Stadt, also der Vorbereitung der neuen Stadt verantwortlich, sondern auch für den Prozess der Ansiedlung, der Verteilung der Grundstücke und für die Erstellung der Infrastruktur. Dieser Lokator wird vom eigentlichen Auftraggeber angestellt und ist auch dringend notwendig. Er bildet so etwas wie die Instanz eines Stadtplanungsamts, wobei seine Befugnisse offensichtlich sehr viel weiter gehen, da er auch für die Verteilung und für die Ansiedlung verantwortlich ist. Heutzutage würde man seine Tätigkeit als eine Art Generalunternehmer bezeichnen.