Auf dem Weg zur Geomantie

Aus dem Leben einer Stadtplanerin

von Christiane Wrage erschienen in Hagia Chora 16/2003

Der Blick durch die Oberfläche in tiefere Schichten der Realität kann Zusammenhänge enthüllen, die am besten mit den Mitteln der Geomantie beschrieben werden. Christiane Wrage skizziert Stationen ihres persönlichen Wegs als Stadt- und Regionalplanerin. Auf der Suche nach Alternativen zum üblichen Bau- und Planungsgeschehen kam sie zur Geomantie.

Rückblickend kommt es mir vor wie ein Wechselspiel zwischen scheinbar gegensätzlichen Polen: Innen und Außen, Individuum und Gesellschaft, Theorie und Praxis. Alles war wichtig und richtig - auch das, was ich hier auslassen will und muss. Es war schwierig, einen Einstieg in diese Darstellung meines persönlichen Werde-Gangs zu finden. Den Leitfaden dazu erhielt ich beim Umwandern eines Sees, indem ich Analogien dazu entdeckte. Was ist geworden? Was ist gegangen? Eine Schautafel zeigte ein Krabbeltier mit vibrierenden Tentakeln in alle Richtungen. An der Wasserkante dümpelten Holzstäbe vor sich hin - auf den ersten Blick chaotisch, auf den zweiten in wunderbarer Ordnung. Und überall alte und knorrige Baumstämme, die ins Wasser ragten, um von hier aus erneut in die Höhe zu schießen. Das unermüdliche Zeichnen ein und desselben alten Hauses gegenüber unserem Grundstück war der Beginn meiner "Baukarriere". Denn daraus wurde geschlossen, ich müsste Bauzeichnerin werden. Die Ideen flossen noch geradewegs über die Hand vom Kopf aufs Papier. Erst vor kurzem erfuhr ich, dass dem entsprechenden Gebäude gerade dadurch eine Art Segen widerfahren kann. Alte Bauzeichnungen entstanden durch einfachste Mittel und Techniken und würdigten selbst das kleinste Detail. Sie verwiesen auf handwerkliche Glanzleistungen und stellten wiederum selbst solche dar. Wenn ich auch beim Stöbern darauf stieß, lag es dennoch fern, die Alten für die besseren Baumeister zu halten. Vieles von dem, was aus Studienzeiten und praktischer Tätigkeit resultierte, erfuhr später herbe Kritik. Es waren die Leitbilder der 70er-Jahre, die auch mich prägten. Aber zum Hinterfragen fehlten die Zeit und die Gewissheit, dass allein in der Gedankenwelt der Ursprung läge. Die Beschäftigung mit Planungen jeglicher Art - vom Minarett bis zum Biegeplan für Eisen - sorgte so lange für Ablenkung, bis der Überdruss merklich spürbar wurde. Dem Denken und Handeln nach Sachzwängen technischer, ökonomischer und funktionaler Art musste etwas ganz anderes folgen. Ich wandte mich an eine Astrologin. Sie fand, Materie zu gestalten, das läge mir schon. Aber da sei auch das ausgeprägte Interesse an grundsätzlichen Lebensfragen, die Suche nach Archetypischem und "anderen Welten" - vielleicht Philosophie, Theologie - oder gar Indologie? Der Zeitpunkt für einen neuen Weg war günstig, denn es fiel mir leicht, den Beruf allein zwecks schnöden Broterwerbs zu betreiben. Ansonsten tat ich, wonach mir schon lange war: bei den Philosophen, den Theologen und den Indologen nach neuen Erkenntnissen suchen. Indien bereiste ich gleich zweimal hintereinander. Da ich es nicht kannte, begegnete mir das Vastu dort nicht.

Mehr als nur Ästhetik

Danach zeigten sich erste Silberstreifen am Horizont, was mein - immerhin von der Pike auf an vertrautes - Berufsfeld anging: Vom ökologischen Bauen war die Rede und vom menschlichen Maßstab in der Architektur. Eines Auftrags wegen begab ich mich in den Schwarzwald. Mir begegnete Waltraud Wagner. Viel Spannendes hatte ich gehört von dieser Professorin, die ruhigen Gemüts über das Leben der Indianer und "gediegene Energieströme" sprach. Was sie zu sagen hatte, packte mich irgendwie, aber verfolgen tat ich es nicht. In und um Freiburg herum widerfuhren mir merkwürdige Dinge genug: Auf Leute zu stoßen, die der Energie wegen in selbst gebauten Pyramiden schliefen und in Nacht- und Nebelaktionen alte und vom Abriss bedrohte Häuser fein säuberlich zerlegten, um sie in Einzelteilen an versteckter Stelle zu stapeln, fand ich ebenso ungewöhnlich. Ich lernte das "Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne" von Hugo Kükelhaus kennen und viele Beispiele anthroposophischen Planens und Bauens. Denn nirgendwo sonst gibt es dazu mehr als dort, wo ich mich gerade befand. Näher heran an die Geomantie sollte ich so schnell nicht wieder kommen. Mich hatte das Heimweh gepackt, und in Hamburg begann der Studiengang Städtebau/Stadtplanung, wo ich von Anfang an dabeisein wollte.
An der TU Harburg sollte aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt werden: Studierende und Lehrkörper waren interdisziplinär besetzt, Themen wie Ökologie oder Planen und Bauen in der dritten Welt konzeptionell verankert und die Einstellung gegenüber der Praxis kritisch. Menschen aus Architektur, Raumplanung, Geographie und Soziologie stießen hier aufeinander, was nicht immer ohne Verständigungsschwierigkeiten ablief. Insgesamt rundete sich für mich das Bild weiter ab, weil ich auf viele Fragen plausible Antworten erhielt - jedenfalls für eine Weile. Denn irgendwann wollte ich aufgreifen, was mich vorher schon beschäftigt hatte: Was macht Gestaltqualität aus, die mehr ist als Ästhetik?

Wahrnehmung durch die Sinne

Als wegweisend empfand ich - nun mit Kükelhaus im Hinterkopf - Raumwahrnehmung durch die Sinne. Die Reaktion meiner Kolleginnen und Kollegen: "Sinnliche Wahrnehmung? Damit würde ich aber vorsichtig sein!" Vorerst forderte die Wissenschaftsgläubigkeit ihren Preis. Denn ich war es, die aufgrund solcher Reaktionen zunächst ihre eigenen Erfahrungen in Frage stellte. Viel später erst wurde mir die Haltung einiger Wissenschaftsbereiche dazu klar, indem ich mich mit dem Thema "Leiblichkeit und Räumlichkeit" auseinandersetzte. Dazu gehörte ein Schlenker in Richtung feministischer Planung und zu vielem, was jetzt unter Gender-Mainstreaming diskutiert wird. Doch zunächst kamen praktische Schritte der Raumwahrnehmung: Ich ließ "Art und Maß der baulichen Nutzung", Bauweise und Fassadenabwicklungen links liegen und beschrieb mein eigenes Gehen. Ich spürte den Füßen nach, ließ die Nase sprechen und versuchte, sämtliche Geräusche einzufangen oder ungewöhnliche Blickwinkel einzunehmen. Ein einziger Schritt kann so zu einem riesigen Unternehmen werden. Dass Frauen andere Raumerfahrungen machen als Männer, weil ihr Verhältnis zum Körper ein anderes ist, zählt mit zu den Erkenntnissen derartiger Experimente. Die Tatsache, dass Körpererfahrung vernachlässigt und als subjektiv und "unberechenbar" abgetan wird, gewann an Gewicht, zumal Raum-Wissenschaft und Raum-Planung unmittelbar damit zu tun haben. Ich begriff zunehmend, dass der geschlechtsspezifischen Raum- und Körperwahrnehmung ein bestimmtes Rollenverständnis zugrunde liegt. Auch das ist "gesellschaftlicher Raum". Angesichts dessen, dass der Bau- und Planungsbereich mitsamt den Wissenschaften immer noch vorwiegend von Männern besetzt ist, wird damit ein Bereich komplett ignoriert, der von grundsätzlicher Bedeutung ist. Diese Zusammenhänge vermittelten mir eine Ahnung davon, dass Raum einen viel engeren Bezug zu den Menschen hat, die ihn planen, bauen oder nutzen, als mir bisher klar gewesen war. Und dass er Regeln und Normen, Zeichen und Symbole, Ethik, Moral, Zeit- und Nutzungsstrukturen und anderes mehr beinhalten kann. Diesbezüglich hätte ich mir gewünscht, selber die gewohnte Brille schneller absetzen zu können. Doch erst beim erneuten Blick über den Tellerrand, diesmal zu den Stadt-Soziologinnen und -Soziologen, gelang es mir dann. Vorher gab es noch einiges, um mit den üblichen Mitteln und Wegen der Planung vertraut zu werden. Immerhin fragte sogar Damaskus die TU um Rat, um die zum "Kulturerbe der Menschheit" erklärte und vom Verfall bedrohte Altstadt zu retten. Bohrende Fragen anderer Art mussten für eine Weile hintangestellt werden.

Ganzheitliche Dorferneuerung?

Für die Veränderungen der Gegend, in der ich aufgewachsen bin und die ich damals eher beiläufig registriert hatte, erhielt ich mittlerweile plausible Gründe. Die Ursachen schienen überall gleich zu sein: Entwicklung zu Großeinheiten hinsichtlich der Ortschaften wie auch der Infrastruktur, Ausufern der Bebauung einerseits und Verdichtung andererseits, rahmensprengende Bebauung im einzelnen sowie verstärktes Verkehrsaufkommen überall. Siedlungsbrei auf der Entwicklungsachse, wo ehemals das Dorf stand, aus dem eine Großgemeinde wurde und bald eine Stadt entstanden sein wird. Parallel dazu die Aufsplitterung in Fachgebiete wie Verkehrsplanung, Stadtökonomie, Landschaftsplanung, Stadtsoziologie und, und, und. Daneben etliche Modelle regionalplanerischer Art und dementsprechende Aussagen über mehrere Ebenen. Aber Ganzheitlichkeit? Ganzheitlichkeit im Hinblick auf den einzelnen Menschen meine ich, nicht (nur) im Hinblick auf die Stadt. Zunehmend fand ich, dass die Gesamtperspektive nicht stimmte, von der wir ausgingen. Um dem nachzugehen, beschloss ich, regionalplanerischen Fragestellungen auf den Grund zu gehen. Ich wollte möglichst viele Fachdiziplinen in Hinblick auf begrenzte Siedlungseinheiten und unter Bezug auf den übergreifenden Maßstab in den Blick nehmen. Dazu kam mir das damalige Modethema "Dorferneuerung" gerade recht. Glaubte man der einschlägigen Fachwelt, so war es vorbei mit Überschaubarkeit, Naturnähe, Tante-Emma-Laden, reetgedeckten Bauernkaten und "ursprünglicher" Landwirtschaft. Also trog mancherorts der Schein? Aber welche Rolle spielten Dorfverschönerungswettbewerbe und -erneuerungsprogramme? "Feigenblätter"? Denn meines Wissens hatten Orte in der so genannten Peripherie bestenfalls die Perspektive eines Museumsdorfes und solche in Stadtnähe vor allem Nutzungs- und Gestaltprobleme - abgesehen davon, dass ihre Funktion immer mehr in Richtung "Schlafdorf" ging. Zum Glück stieß ich bei meiner Recherche auf Ausführungen von Wilhelm Landzettel, auf den ich mich bei meiner eigenen Arbeit oft berief. Er zeigte auf, was unter behutsamer Annäherung an das Dorf verstanden werden kann. Im Kontext mit dem "Charakteristischen einer Naturlandschaft" hieß es da: "Dieses zu bewahren und zu unterstützen ist eine der wesentlichen Aufgaben in der Gestaltung, Nutzung und Besiedlung von Landschaftsräumen." Ich möchte das Geomanten-Herz sehen, das dabei nicht höher schlägt! Es gibt noch einige gute Arbeiten mehr. Aber ein Großteil dessen, was damals kursierte, bezog sich auf Gegenüberstellungen von "gestern und heute", "Sprossen in Aspik", Jäger- contra Lattenzaun, Peitschenleuchten - ja oder nein? Die Probleme der ländlichen Räume und des Dorfs resultieren zum großen Teil aus den Bedingungen der Stadt: Dazu zählen das zunehmende Pendler- und Freizeitverkehrsaufkommen mit dementsprechend rahmensprengenden Verkehrswegen durch die Orte hindurch und um sie herum. Hinzu kommen sich zuspitzende Konflikte zwischen Alteingesessenen und Neubürgerinnen und Neubürgern sowie der Landwirtschaft und dem Wohnen, die Überalterung der Bevölkerung, der Rückgang an Arbeitsplätzen, die Ausdünnung der Infrastruktur und immer mehr Umweltbelastung, von der ebenfalls einiges städtischen Ursprungs ist. Mit der Aufgabe, Dorferneuerung zu betreiben, besteht ein vielfältiges Aufgabenfeld. Häufig findet die Planung vor Ort unter reger Teilnahme der Bewohnerschaft statt, die darin nicht zuletzt die Möglichkeit sieht, sich engagiert für das unmittelbare Wohnumfeld einsetzen zu können. Dies mitzuerleben war auch für mich einer der spannendsten Gesichtspunkte dieser Planungsaufgabe.

Planungen für die "Schweinedörfer" und anderswo

Gleich sieben Dörfer hatte ich mir vorgenommen, um eigene Konzepte zu entwickeln. Rückblickend denke ich, dass ich dem Genius Loci auf die Spur kommen wollte, indem ich möglichst viele Aspekte einbezog. Geeigneten Fallbeispielen begegnete ich durch den Zufall, dass ich mich zunächst hoffnungslos verfuhr, um mich dann nur noch bedingungslos dem Geruchssinn überlassen zu können. Dabei landete ich unversehens inmitten kleiner Ortschaften, in denen sich unschwer verbergen ließ, dass die hiesige Landwirtschaft vorwiegend Schweinemast betrieb. Also herrschte akuter Planungsbedarf. Vermutlich hatte die Dominanz dieses Erwerbszweigs aber auch bewirkt, dass die Ortschaften ihren mehr oder weniger unverfälschten Charakter hatten bewahren können: Sie waren relativ überschaubar, verfügten über wesentliche Grundzüge des ursprünglichen Siedlungsgefüges, hatten etliches an regionstypischer Bebauung vorzuweisen und besaßen noch Dorfteich, Spritzen- und Backhaus - alles von üppigem Baumbestand durchzogen. Nachdem ich die Grundzüge des ökologischen Landbaus kennengelernt hatte, war es nicht etwa der Verdruss am Ländlichen, der mich wieder nach Berlin verschlug, sondern der Reiz eines Uni-Jobs. Wie nicht anders zu erwarten, kam ich dort mit meiner Dorferneuerung so lange nicht an, wie die Mauer noch stand. Dann aber war - parallel zum so unverhofft boomenden Berlin - im Umland Dorferneuerung plötzlich gefragt. Es lag nahe, im Zug eines Studienprojektes die Gegenüberstellung zweier Dörfer vorzunehmen. Vielleicht war so ein Teil des Ex-DDR-Charmes zu retten, dachte ich. Auf der westlich gelegenen Seite der ehemaligen Grenze kannte ich ein Dorf, das rein äußerlich schon viel guten Gestaltungswillen erfahren haben musste. Auf östlicher Seite herrschte, so schien es, noch unverfälschter ländlicher Charakter. Dass zu Beginn des Projekts bereits Pläne existierten, deren Umsetzung dem auch hier ein Ende setzen würden, ahnten wir nicht. Aufgrund der Einschätzung, dass der plötzlich eintretende Geldsegen vorübergehender Art sein würde, kam es bald zur Realisierung von Vorhaben, die sich nicht wesentlich von dem unterschieden, was von uns als warnendes Beispiel gedacht war. Dennoch brachten wir unsere Arbeit zum Abschluss, zeigten Zukunftsperspektiven auf und machten Empfehlungen für das planerische Handeln. Für mich war dies der Schlusspunkt des Kapitels Dorferneuerung. Die Bandbreite des üblichen Umgangs mit dem Dorf war erfasst, wieder waren einige Illusionen begraben, und persönliche Reflexion war angesagt. Eines meiner Themen war damals die Frage nach dem Zusammenhang zwischen (Stadt-)Gestalt und der Befindlichkeit derer, die sich darin aufhalten. Weiterführende Hinweise vermutete ich zunächst in der Gestaltplanung, um schließlich über das Thema "Raum und Verhalten" - das sich die Stadtsoziologen zu eigen gemacht haben - zur Wahrnehmung (von Raum) an sich zu gelangen. Inzwischen gab es Ansätze, die soziologisches, psychologisches sowie planerisches Wissen verknüpften, doch die dabei zustandegekommene Schräglage zeigt, wie begrenzt die Mittel sind, um mit den grundlegenden Daseinsbedingungen des Menschen adäquat umzugehen.

Mental Maps und Pattern Language

Kevin Lynch hatte Mitte der 60er-Jahre in den USA die Frage aufgeworfen: "Was bedeutet die Form der Stadt tatsächlich für die Menschen, die in ihr leben?" Daraufhin machten sich viele daran, das "Bild der Stadt" als visuell erfassbare Form zu interpretieren und entsprechend gestalten zu wollen. Etwa zur gleichen Zeit entwickelte Christopher Alexander auf der Ebene des Einzelgebäudes und des Ensembles archetypische Gestaltelemente, die unter anderem auf Ansätze der Anthropologie beruhten und als "Pattern-Sprache" bekannt wurden. Wegen meines Interesses an Stadtgestalt als Ganzes sei dies hier lediglich erwähnt. Lynch definierte Gestaltqualitäten für städtische Bereiche, deren Herleitung einleuchtend und in ihrer Umsetzbarkeit realitätsnah zu sein schienen. Er fasste sie in Begriffe wie Ablesbarkeit oder Einprägsamkeit und gliederte die Stadtstruktur nach Elementen, die der Orientierung entsprachen. Dahinter stand der Leitgedanke, dass ". sich das Vorstellungsbild in einem Prozess entwickelt, der zwischen Wahrnehmer und Wahrgenommenem abläuft, (und es ) . möglich (ist), die Vorstellung durch Symbole, durch Umschulung des Beschauers oder Umformung der Umgebung zu verstärken." Die Arbeit von Lynch zog eine Flut von Stadtbildanalysen und anderen Gestaltungsgutachten und -anweisungen nach sich. Ganze Städte und Regionen wurden mit "richtigen" Blickwinkeln und "angemessenen" Standpunkten versehen. Auch ich war viel zu lange der Versuchung unterlegen, endlich hieb- und stichfest begründen zu können, warum so und nicht anders gestaltet werden müsste. Doch irgendwann war klar: Wahrnehmung ist ein individueller Vorgang, der sich nur bedingt wiedergeben und sich nicht eins zu eins, womöglich durch Gestaltungsrichtlinien, in gebaute Umwelt umsetzen lässt. Unter dem Titel "Die Inszenierung der Alltagswelt" schrieb Werner Durth damals: "Die städtischen Räume werden nun tatsächlich als Bühne betrachtet und entsprechend ausstaffiert; selbst die verwüsteten Zentren der Metropolen werden mit Kleinstadtkitsch gefüllt."

In Räumen leben

Erst die Veränderung des Blickwinkels - weg von dem der Raum-Planerin, hin zu dem der Raum-Nutzerin - sollte mich weiterbringen. Aus dieser Perspektive entdeckte ich das Wohnen völlig neu: Wohnbiographie, Konstituieren von Raum im Wohnen, Wohnen im Projekt, Wohnen als gesellschaftlicher Raum, Raumaneignung im Wohnen, Raum als Medium der Selbstfindung. Durch "Räumeln", wie ich es gern nenne, geben wir unserem Leben Ausdruck. Raum- und Zeitstrukturen repräsentieren unsere Identität. So sind Lebensprozesse und Rauminhalte untrennbar miteinander verbunden. Unsere Gedanken- und Gefühlswelt gibt uns Aufschluss darüber, welches Verhältnis wir zum Raum haben. Orte erlangen ihre Bedeutung, bestimmte Stellen bilden sich heraus, und die Dinge haben ihren Platz. Raumwahrnehmung dient dazu, die Wirklichkeit zu verifizieren. Wie selbstverständlich benutzen wir dazu den dreidimensionalen Container - nur eine von vielen Raumvorstellungen und eines von unzähligen Modellen überhaupt. Denn wir Menschen brauchen Krücken wie diese. Planungsmenschen handhaben dies nur in besonderer Weise: Sie ordnen die Dinge - und nach objektiver Sicht zählen die Menschen dazu -, und so wird gestapelt, geschoben, geformt, bemessen und gereiht, bis alles passt.
Von hier aus war es für mich nicht mehr weit zur Geomantie, zum Vastu und zum Feng Shui. Wie ein Großteil meiner Kolleginnen und Kollegen auch hielt ich die "chinesische Gestaltungslehre" lange nur für eine Modewelle. Als es im Rahmen eines Seminars erwartungsgemäß irgendwann um die Interpretation des eigenen Wohnungsgrundrisses ging, wurde meine Skepsis jedoch restlos beseitigt. "Sie müssen fantastisch kochen können", entfuhr es dem Leiter, der meinte, laut Bagua läge mein ganzes Wissen im Bereich der Küche. Immer noch der Auffassung, damit Feng Shui als Bluff entlarven zu können, offenbarte ich die Begrenztheit meiner Kochkünste. Doch als ich ihm auch vom Innenleben meiner Speisekammer berichtete, wurde klar, dass das Bagua doch recht hatte: Ordner, Papierkram und Laptop verschwinden darin, solange ich diese - mir in der Tat sehr wichtige "Nahrung" - nicht unmittelbar brauche. Und wenn, geschieht dies tatsächlich nicht selten dort, wo üblicherweise gekocht wird . Nach einer Totalrenovierung meiner Bleibe, während der sämtliche Ecken und Kanten Bände sprachen, gab es dann keinerlei Zweifel mehr an der Gültigkeit der Prinzipien des Feng Shui oder des Vastu. Es waren wohl meine Indienerfahrungen, weshalb das Vastu mir zunächst mehr lag. Was folgte, war die intensivere Beschäftigung mit beidem. Die Gelegenheit zur praktischen Anwendung kam dann ziemlich unverhofft.

Das "Fastenhaus" - ein fast normales Haus

Meine Seelenlandschaft ist der hohe Norden. Dort, wo man heute sehen kann, wer übermorgen zu Besuch kommt. Wo es oft stürmisch und manchmal auch etwas rauh zugeht. Es war ein Jahreswechsel, zu dem ich mich dorthin zurückziehen wollte - in aller Stille. Vor Ort wurde ich wider Erwarten damit konfrontiert, dass der Zustand meines Quartiers dem einer Rohbaustelle sehr nahe kam und mein Aufenthalt von umfassenden Baumaßnahmen begleitet sein würde - nicht gerade das, was ich mir vorgestellt hatte. Um so überraschender war dann, dass ich mich dem Ansturm von Handwerkern gewachsen fühlte und mich von der Euphorie, mit der das Unternehmen angepackt wurde, anstecken ließ. So entstand ganz nebenbei ein Gutachten, in das viele Kenntnisse des Feng Shui und des Vastu eingeflossen sind. Das Chinesische mit dem Indischen zu kombinieren, ergab sich aus den regionalen Gegebenheiten: Wie sollte ich Menschen am nördlichsten Zipfel Deutschlands nahebringen, dass die gesamte Südfront ihres Hauses so geschlossen wie möglich zu sein hätte? Hier wird die Sonne "eingefangen", wenn sie denn scheint. Darüber hinaus verständlich zu machen, dass im Nordosten alles offen gehalten werden müsste, damit die kosmischen Einflüsse ungehindert eintreten können, schien völlig aussichtslos. Laut Vastu mochten von hier zwar die positivsten Einflüsse überhaupt zu erwarten sein, aber vor Ort waren es vor allem die neugierigen Blicke der Nachbarschaft, denen es an dieser Stelle entgegenzuwirken galt.
Gemäß dem Vastu war es früher die Aufgabe von Priestern oder anderen Repräsentanten, die Phase des Wechsels zwischen unterschiedlichen Nutzungen und Personengruppen - so wie es während meines Aufenthalts der Fall war - durch "Distanzierungsarbeit" zu begleiten. Offenbar geschieht durch ein zeitweiliges Wohnen vor Ort einer externen aber doch mit dem Haus verbundenen Person bereits eine Art "energetisches Filtern".
Ich komme zum Abschluss meiner Ausführungen: Mit genügend Abstand kann ich die dargelegte Geschichte als der Zeit entsprechend und meine Rolle als angemessen betrachten, was mir natürlich nicht immer gelingt. Was mich umgetrieben hat, war die Suche nach Erkenntnissen zum Verhältnis von Mensch und Raum - eigentlich bei allem: vom Zeichnen bis zum Diskutieren. Mit der Zeit verloren fachspezifische Unterschiede an Bedeutung, auf die man bei der Auseinandersetzung mit diesem übergreifenden Themenkomplex unweigerlich stößt. Aber ich begriff auch, wie begrenzt unsere Mittel und Wege sind, um Raum und Zeit "in den Griff zu bekommen". Mal war es mehr der Inhalt, mal mehr die Form, was im Vordergrund stand. Die individuelle Entwicklung sehe ich dabei ebenso deutlich wie die gesamtgesellschaftliche, was den Umgang mit Raum und Zeit angeht. "Alles ist Raum", so lautet inzwischen sogar der Titel einer Veranstaltung des jetzigen Hamburger Architektursommers.
Wenn klar ist, dass Raum und Zeit uns als Spiegel dienen, müssen wir eigentlich "nur noch" darauf achten, damit auch etwas Gutes anzufangen. Ich denke, Geomantie gehört dazu.