Entstaubtes Juwel

Wie sich das Ruhrgebiet auf seine vor-industriellen Wurzeln besinnt

von Holger Krüssmann erschienen in Hagia Chora 16/2003

Der Dialog mit der Erde findet nicht nur an idyllischen Kraftplätzen statt, sondern auch in Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet. Holger Krüssmann geht der Frage nach, wie in einer post-industriellen Region die Suche nach historischen und spirituellen - auch geomantischen - Wurzeln zum Thema von Stadtentwicklung und Regionalplanung wurde. Die internationale Bauausstellung "IBA-Emscherpark" schuf ein neues Bewusstsein für Altes

Aufgegebene Montanregionen gehören zu den trostlosesten Regionen der Erde. Sie haben nicht allein die stoffliche Hinterlassenschaft von Zivilisation in Form von Besiedelung und Bebauung, Produktion und Verkehr zu verdauen. In der Zeit ihrer Nutzung haben sie darüber hinaus tiefe Eingriffe in den Erdkörper selbst erfahren. Am deutlichsten werden die Verletzungen in den Quadratkilometer großen Verwüstungen sichtbar, die der Braunkohle-Tagebau hinterlässt: devastierte Mondlandschaften, leeres, wegradiertes Land.

Ehemalige Bergbauregionen

Doch auch jene Reviere, deren oberflächliche Topographie durch den Untertagebau weniger augenfällig abgeräumt ist, erleben wir am Ende des Booms als geschwächte, traumatisierte Landschaften. Ihre Melancholie begegnet uns im französischen Nord/Pas de Calais und in Lothringen, im Saarland, im belgischen Wallonien, den britischen Midlands, in Polen und in Russland. Hier sind die Bodenschätze ausgebeutet, der Abraum - man achte auf den entlarvenden Sprachgebrauch - bleibt mit den Menschen zurück. Jeder Goldrausch, auch der nach dem "schwarzen Gold", löst Migrationen aus. Ins Ruhrgebiet des 19. Jahrhunderts kamen just diejenigen aus den Armutsregionen Europas, die sich auch die mieseste Unterdecks-Passage nach Amerika nicht leisten konnten. Die Arbeitsmigration der "Gastarbeiter" der 60er-Jahre war nicht die erste, sondern eine von vielen Bergbau-Wanderungen in diese Region. Wenn eine abgeräumte Bergbauregion am Rand eines Landes oder Kontinents ungünstig zu Transitwegen und anderer reproduktionsfähiger Besiedelung liegt, wird sich die Natur das Terrain zurückholen, sobald die Menschen fortgegangen oder im demographischen Sinn ausgestorben sind. Ist eine solche Gegend noch dazu klimatisch benachteiligt (Wüstenklima, Permafrost etc.), bleibt giftiger Schrott über Jahrhunderte konserviert. Wer fortgehen kann, ist der Glückliche, wer bleiben muss, der Verlierer, sofern er nicht mit Mutter Erde - der Begriff ist hier so greifbar wie selten sonst - seinen Frieden macht.
Der Journalist und Filmemacher Klaus Bednarz erzählt in seinem Reisebericht "Östlich der Sonne", wie sich Agonie, Armut und Alkoholismus in Sibirien und Alaska gleichen und wie dort nur jene überhaupt einen Funken Hoffnung haben, die sich auf ihre "Erdung" - sprich die traditionellen und spirituellen Wurzeln - besinnen können und dies auch bewusst tun: jakutische Rentierzüchter, tschuktschische Walfänger, alaskische Tlingit-Indianer.

Strukturwandel

Was passiert aber, wenn eine Ex-Bergbauregion nicht in der Randlage "in the back of beyond" liegt, sondern mitten in Europa, an der Kreuzung kontinentaler Verkehrsachsen (Land, Wasser, Luft)? Wie geht es weiter, wenn dort - je nachdem, wie groß man den Zirkelschlag ansetzt - im direkten Einzugsbereich 7, 12 oder 20 Millionen Menschen wohnen? Was passiert, wenn dieses Land uraltes Kultur- und Transitland ist, das schon vor seiner industriellen Identität eine lange Siedlungsgeschichte durchlebt hat? Noch dazu eine Geschichte, die sich mit stark geistig-geistlicher Prägung in das frühe Mittelalter und auf der Basis von Mythen noch weiter zurückverfolgen lässt? Die ersten zwei Jahrzehnte vergehen mit mehr oder minder hektischen Versuchen der Politik, auf der wirtschaftlichen Ebene für Ersatz der abgewickelten Industrie zu sorgen. Es wird das übliche Balzritual der Gewerbeflächen-Erschließung zum Anlocken rettender Investoren abgespult, was im Erfolgsfall zur weiteren Ausbreitung von Gewerbehallen und Einkaufszentren, zu Pappkarton-Architektur und Bodenversiegelung führt. Im Ruhrgebiet wurde dieser Prozess (zum Glück?) durch interne Rangeleien verlangsamt und gedämpft: Eine Gliederung in drei Regierungsbezirke, zwei Landschaftsverbände und einen Kommunalverband mit untereinander strittigen Planungskompetenzen bremste das allzu forsche Strukturwandeln nach altem Rezept. Verzankte Bürgermeister und eine zögerliche (Alt-)Industrie, Grundeigentümerin weiter Flächen, trugen das ihre dazu bei: Der Wandel kam in seiner konventionellen Form, d.h. nach dem Muster "wir ersetzen eine Zeche durch ein Autowerk", nie wirklich zum Zuge. So lange zumindest, bis sich neben dem technischen Strukturwandel eine zunächst rein intellektuelle, dann landschaftsplanerisch, baulich und kulturell fassbare Fragestellung ergab, die sich auf den Kern reduzieren ließ: "Wo sind wir hier eigentlich?"
Hieraus wuchs in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre das Projekt der Internationalen Bauausstellung Emscherpark (IBA), das von 1990 bis 1999 die Region und ihre Selbstwahrnehmung maßgeblich beeinflusste. In dieser Zeit entstanden rund 120 Projekte in einem Planungsraum von 17 Städten und mit einem Bauvolumen von fünf Milliarden Mark, die eine Umstrukturierung von Industriebrachen neu thematisierten: Entsiegelung und Entgiftung von Industrieflächen, Renaturierung von Wasserläufen, neue Nutzung industrieller Architektur, Denkmalpflege und Gewerbeansiedlung, Bürgerbeteiligung, Kunst der Landmarken. Es ist dabei einem Querkopf aus dem Allgäu zu verdanken, dass dieses Thema eben nicht nur als technologisches Projekt bearbeitet wurde. Von 1989 bis Ende 2000 war Karl Ganser Direktor der IBA und lieferte den Beleg, dass gerade die Quereinsteiger von außen den nötigen Ruck auslösen können. Der 1937 geborene Ganser hatte ursprünglich Chemie, Biologie, Geologie und Geografie studiert und kam 1980 aus dem bayerischen Schwaben in das Städtebauministerium Nordrhein-Westfalen nach Düsseldorf. Dort arbeitete er sich eigenständig in die Bereiche Städtebau und Stadtsoziologie ein. Die IBA wurde unter der Ägide des Generalisten Ganser, wie die Neue Zürcher Zeitung im April 2001 zusammenfasste, "Rettungsanker für eine Kulturlandschaft, der man noch vor 15 Jahren den sicheren Niedergang vorausgesagt hatte: ausgebrannt und ausgebeutet; mit Städten, in denen keiner mehr wohnen wollte, einer zerstörten Landschaft und mit desillusionierten, arbeitslosen Menschen. Seit der IBA ist das anders. Die Menschen haben wieder Mut gefasst." Das Initialprojekt der IBA hatte Folgen, auch wenn nach Abschluss der offiziellen Laufzeit regionalpolitischer Hickhack über das Folgeprojekt losbrach, worauf Ganser und seine Mannschaft teils im Zorn vom Ruhrgebiet Abschied nahmen: Sein wissenschaftlicher Begleiter Helmut Siebel ist heute Mastermind der laufenden IBA im Ex-Braunkohlenrevier der Lausitz, und Ganser moderiert derzeit die entstehende "Bundesstiftung Baukultur" unter dem Aspekt "Ethik des Bauens".

Die Region hat Geschichte

Ohne die Vorgaben der IBA wären drei Aspekte in der Eigenwahrnehmung der Ruhrregion nicht so weit entwickelt, wie sie es heute sind:
- Die Industriegeschichte ist Geschichte.
- Die Industrieepoche hat Landschaft instrumentalisiert und zerstört, und es ist heute im dringenden Interesse aller, sie wieder leben und frei atmen zu lassen.
- Aus der Zeit vor der industriellen Periode gibt es tiefe Wurzeln, die nach dem Abtragen der - im bildlichen Sinne - Sedimentschicht der letzten 150 Jahre heute zutage treten.
Insofern war es nur logisch, dass sich die ehemalige "Kruppstadt" Essen im vergangenen Jahr 2002 ein vergleichsweise krummes Datum zum Anlass eines Stadtjubiläums ausgewählt hatte: "1150 Jahre Stadt und Stift" zitierte zwei Perioden seit der Gründung im Jahr 852 (!): 150 Jahre Industrie plus 1000 Jahre seit Gründung in nachkarolingischer Zeit - oder: 950 Jahre einer im Mittelalter einmaligen Bildungs- und Staatsinstitution (Landeshoheit als freiweltliches, reichsunabhängiges Damenstift für die Töchter des deutschen Hochadels) plus 200 Jahre nach der Säkularisierung und dem Anschluss an Preußen.
Im Rahmen des Jubiläumsjahrs ergaben sich eine Reihe von Veranstaltungen und Initiativen, die sich zusammengefasst als eine Art Quantensprung ausnehmen:
Im März des letzten Jahres tagte in der Alten Synagoge Essen eine "Zukunftskonferenz Spirituelle Orte im Ruhrgebiet", auf der über 60 TeilnehmerInnen über Begriff und Wertigkeit von spirituellen Orten in der Stadt diskutierten. Träger waren mit der Universität Essen (Fachbereich Politikwissenschaft) die Stadt und das Kulturwissenschaftliche Institut des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Beteiligten kamen kompetent besetzt aus so unterschiedlichen Bereichen wie Politik, Wissenschaft, Kirchen, Stadtplanung, Denkmalpflege, Tourismus, Pädagogik, Marketing, Architektur, bildende und darstellende Kunst. In einem zweitägigen Encounter einigte sich die Konferenz auf eine - wenn auch weit gefasste - Begriffsdefinition spiritueller Orte und die Bildung einer seither kontinuierlich tagenden Projektgruppe, die das Thema im Interesse einer künstlerischen und publizistischen Bearbeitung vorantreibt.
Der Konferenz-Konsens zur Begriffsdefinition lautet: "Spirituelle Orte sind solche, die zum Blick nach Innen einladen oder den Einzelnen den Bezug zum Ganzen erkennen lassen: Naturorte, sakrale Orte, Kunstorte."
Damit, so führt die Initiatorin und Konferenzleiterin, die Politikwissenschafts-Professorin Barbara Mettler von Meibom aus, "haben wir den religiösen Aspekt, die Kunst und die Geomantie gleichrangig in die öffentliche Diskussion gestellt. Es ist für mich von ebensolchem Interesse, wie die Öffentlichkeit sich zur erneuerten Wahrnehmung des fast völlig vergessenen Domschatzes stellt, wie zu dem, was Marko Pogaÿcnik über die Stadt und ihre Erdheilungsaspekte beizutragen hat. Beides tut Stadt und Region gut, denn es geht um Wiedergewinnung von Identität."

Alte Schätze der Stadt

In der Tat hatten die Essener auf die Schätze ihrer Stadt aus vor-kruppscher Vergangenheit lange einen ebenso verstellten Blick, wie - im Sinne von Pogaÿcnik - ihre Erdung blockiert war. Dabei birgt die Stadt Bemerkenswertes in beiderlei Hinsicht: Die frühmittelalterliche Prägung durch das Stift in Essen und eine wichtige Benediktinerabtei in Essen-Werden wird nicht allein definiert durch einen Domschatz, der kunstgeschichtlich denen von Aachen, Köln und Paderborn gleichgesetzt wird. Essen beheimatet das älteste vollplastische Madonnenbild, und in Werden steht die älteste erhaltene Pfarrkirche nördlich der Alpen. In der Werdener Abtei entstand vermutlich die Handschrift des "Heliand", der frühesten bekannten Bibelübertragung in eine niederdeutsche Sprache.
Marko Pogaÿcnik wiederum ermittelte bei einer Erdheilungs-Erkundung des Essener Stadtraums im Jubiläumsjahr eine deutliche Beziehung zu den Chakren (Energiefeldern) seines Bildes vom europäischen Landschaftstempel (vgl. Hagia Chora Nr. 8): Das alte Essen liegt am Kreuzungspunkt zweier Leylinien, von denen eine, von der Nordsee kommend, in Nord-Süd-Richtung dem Jakobspfad der (Pilger-)Strada Coloniensis und die andere in Richtung Südost-Nordwest eine Verbindung zwischen Kreta und Island markiert. Marko Pogaÿcnik setzte die Landschaft an der Ruhr in Bezug zu ihren energetischen Ressourcen und zeigte sich im Essener Folkwangmuseum bei seinem Vortrag über die Geomantie der Stadt sehr beeindruckt: "Als ich in der Werdener Grabkammer war, konnte ich eine Erinnerung wachrufen, wie es war, als die Mönche kamen und ihre Orte gewählt haben. Ich konnte dort die unglaubliche Urkraft dieses Landes sehr stark spüren. Ich kenne sie schon, seitdem ich zwei Jahre lang im Schlosspark Kappenberg bei Dortmund gearbeitet habe. Dort hatte ich in meinen Meditationen erfahren, dass dieses Land ein Diamant ist, denn Schwarzkohle ist mit dem Diamant chemisch identisch. Das ganze Land ist in der Tiefe von diesen starken Kristallschichten durchzogen, was gewaltige kosmische Kräfte bindet. Als die Mönche kamen, betraten sie ein heiliges Land. Sie haben das erkannt und sich dort niedergelassen. Von hier aus ging die Christianisierung weiter nach Osten. Sie sind immer wieder hierher zurückgekehrt; es wurden die Töchter des sächsischen Adels geholt, um im Stift in Essen erzogen und an ihre Plätze zurückgesandt zu werden, um dort zu heiraten und diese Geistigkeit zu verbreiten."

Neue Projekte

In der Nachfolge der Konferenz liegen zur Zeit noch eine Reihe von Projekten in der Warteschleife, die das Thema als Buch, Filmdokumentation, als Lithopunktur-Erdheilungsprojekt oder auf dem Feld der Performance von unterschiedlichen Ansätzen her weiter bearbeiten sollen. Die öffentliche und auch politische Akzeptanz ist für ein Thema, das gerade bei Klerikern und Politikern durchaus mit Vorbehalten oder Ängsten besetzt ist (Esoterik? Rechte Ecke? Synkretismus?), erfreulich groß. Dies mag daran liegen, dass das Gesamtprojekt in der Politikwissenschaft der Universität angesiedelt und thematisch eng mit Denkmalpflege einerseits und der Stadtplanung andererseits vernetzt ist. Schließlich geht es auch darum, Städter (und Steuerzahler) von einer Flucht auf die "grüne Wiese" abzuhalten, und das funktioniert nicht nur über das Versprechen von neuen Kindergartenplätzen. Förderanträge sind gestellt und werden - wie man hört - beim Land wohlwollend geprüft.
Warten wir’s ab. Fördernd ist die Beharrlichkeit.