Stadt Land Sprache

Ganzheitliche Regionalentwicklung im Nienburger Weserland

von Kerstin Schoengart erschienen in Hagia Chora 16/2003

Die Umsetzung integraler Planungskonzepte ist eine spannende Kommunikationsaufgabe. Die Geomantin und Stadt- und Regionalplanerin Kerstin Schoengart berichtet von ihren Erfahrungen aus dem Nienburger Wesertal, wo sie in Kooperation mit ihrem Kollegen Uwe Bahrenburg ein bestehendes konventionelles Planungskonzept aufgegriffen und im ganzheitlichen Sinn erweitert hat. Das Team setzt dabei auf das kreative Potenzial der Menschen und leistet Hilfe zur Selbsthilfe. In der Region entsteht derzeit eine Vielzahl lebendiger Projekte, die von geomantischer Landschaftsgestaltung über Bildung und Wirtschaftsvorhaben bis hin zur Entwicklung einer regionalen Währung reichen.

Immer wieder kommt mir in den Sinn, was Lara Mallien und Johannes Heimrath in der 10. Ausgabe der Hagia Chora an unspektakulärer Stelle in ebenso unspektakuläre Worte gefasst haben: "Beim Versuch, das Neue, das bereits in der rechten Gehirnhälfte kribbelt, ohne Verlust von Qualität, Farbe, Klang, Sinnlichkeit und Sinn in die linke zu transferieren, empfanden wir die Gegenwartssprache als noch außerordentlich arm und stammelnd." Wie lebendig fühlte und fühle ich diese Not mit! Intensiv war ich auf der Suche nach einer neuen Sprache für neue Dimensionen der Wahrnehmung und bemühte jedes Fünkchen Wortschöpferkraft in mir, das sich nur irgend zünden ließ. Begierig griff ich auch auf, was andere wortschöpften, denn es ist ja deutlich zu spüren, dass auch andere die gleiche Not leiden, offenbar die gleiche Armut der Sprache empfinden und an deren Erweiterung oder Anpassung arbeiten. Ernst Haeckels Ökologie (1866) beispielsweise wird gut hundert Jahre später bei Arne Naess erst Tiefenökologie, dann weitere dreißig Jahre später bei Jochen Kirchhoff integrale Tiefenökologie; folgerichtig würde Geomantie zur Tiefengeomantie. Seit "ganzheitlich" von der Werbung entdeckt ist, wollen wir es nur noch "integral" oder "holistisch". Die Zeiträume, in denen ein Wort noch seine anfängliche Aussagekraft hat, verkürzen sich mehr und mehr. Was suchen wir, wenn wir Worte, Begriffe, Ausdrücke suchen? Und wohin führt es, wenn wir den eingeschlagenen Weg der Begriffsschöpfung weitergehen? Zu trans-kosmischer Integration der Ganzheitlichkeit? Zu gar nichts mehr aussagenden Begriffsschleifen?
Mit dieser Frage landete ich im Oktober vergangenen Jahres auf der Jean-Gebser-Tagung zum Thema "Sprache und Bewusstsein" an der Universität Bremen, fand dort aber, um es vorweg zu sagen, kaum etwas, was die Not linderte. Aber beim Lesen des Buches "Der Sprecher und sein Wort"1 von Owen Barfield, das ich zufällig beim Stöbern in einer Uni-Bibliothek in Vorbereitung auf die Tagung entdeckte, schimmerte zwischen den Zeilen ein klärendes Licht hervor, das mich seitdem leitet. Owen Barfield beschreibt darin, wie er als junger Mensch nach dem Zweiten Weltkrieg in England zuerst in Kontakt mit Schriften Rudolf Steiners gekommen war. Obwohl es sich damals um Übersetzungen handelte, die Barfield zudem als schlecht bezeichnet, konnte er Steiners Darlegungen doch sehr genau erfassen und war sich dessen auch bewusst. Aus reduktionistischer Perspektive heraus hätten angesichts dieser schlechten Übersetzung weder Owen Barfield noch ein anderer Mensch im damaligen England den Begründer der Anthroposophie "richtig" verstehen können. Barfield aber "erfasste" etwas, das noch weit immaterieller war als ein Gedanke oder eine Idee; etwas, das nicht der Ebene der Gedanken, der Worte, des Intellekts, der Logik, des Diskurses, der Rationalität und des Verstandes entstammte (was ich "luftelementare Ebene" nenne), sondern der feuerelementaren Ebene des Intuitiv-Geistigen, wie ich die Ebene der Transzendenz, des Über-Sinnlichen und des Unerklärlichen beschreibe.
Diese Beschreibung von Owen Barfield machte mir deutlich, was mit entsprechend "erweitertem" Bewusstsein auch ohne logisch-rationale Erklärung für wahr genommen wird: Das Wort, der Begriff, der gewählte Ausdruck steht zwar mit dem, was gesagt wird, in einem bestimmten Zusammenhang, der nach mehr oder weniger logisch-rationalen Regeln besteht, aber das Wort ist nicht das, worum es geht. Das Wort ist das Vermittelnde, aber nicht das Vermittelte. Die Konsequenzen daraus wurden für mich in meiner Arbeit als Stadt- und Regionalplanerin unmittelbar bedeutsam, denn hier stehe ich ständig vor der Frage, wie ich das "Unerklärliche" erklären soll.

Worte für das Unerklärliche

In Hagia Chora kann ich ohne Scheu vom Unerklärlichen schreiben, weil es hier gar nicht darum geht, das Unerklärliche zu erklären, sondern vielmehr darum, uns mit jenen "Sensoren" oder "Anteilen" dem Unerklärlichen zu öffnen, die allein zur Kommunikation und Kommunion eben damit fähig und bestimmt sind. Rilke schrieb: "Wir müssen unser Dasein so weit, als es irgend geht, annehmen; alles, auch das Unerhörte, muss darin möglich sein. Das ist im Grunde der einzige Mut, den man von uns verlangt. Mutig zu sein zu dem Seltsamsten, Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man Erscheinungen‘ nennt, die ganze so genannte Geisterwelt‘, der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge, sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr hinausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind." (Briefe, 1904) In Hagia Chora kann ich auch schreiben, dass sich in menschlichen Worten im Grunde das "Feuer" des Sprechers oder Schreibers ausdrückt und nicht nur die "Luft", und vertraue darauf, dass ich dabei verstanden werde. Genauso wie wir alle wissen, wovon wir reden, wenn wir von Ökologie, von Ganzheitlichkeit, von Spiritualität, von Heilung oder von Geomantie sprechen, genauso wissen wir auch, was mit "integraler Planung" gemeint ist. Jenseits aller erklärenden Worte, die gleichwohl not-wendig sind und die auch gut tun, geht es um "gesunden Menschenverstand" - etwas, was sowohl begrifflich wie inhaltlich aus der Mode gekommen zu sein scheint.
Mit den meisten Menschen im Landkreis Nienburg bzw. mit vielen, mit denen ich dort auf der Ebene von Planung und Realisierung zu tun habe, kann ich deshalb über solche Dinge nicht "ohne weiteres", nämlich nicht ohne Erklärung, sprechen. Soviel zur Sprache - und nun zur Stadt und zum Land, zur Regionalentwicklung.

Eine unerwartete Zusammenarbeit

Im Sommer 2002 rief mich der Architekt und Stadtplaner Uwe Bahrenburg aus Nienburg an und fragte mich, ob ich mit ihm zusammenarbeiten würde. Er hätte verschiedenen Kommunen Beratung und Planung zu ganzheitlicher Entwicklung angeboten und würde entsprechende Projekte gern mit anderen zusammen realisieren. Wenige Wochen später trafen wir uns erstmals in Nienburg, wo ich selbst einige Zeit gelebt hatte. Uwe Bahrenburg hatte inzwischen Kontakt zu einem Heimatverein in dem kleinen Örtchen Schinna aufgenommen, wo die Frage der Nachnutzung für die dort befindliche Domäne mit einem angegliederten ehemaligen Benediktiner-Kloster Anlass zu Diskussion und auch zu Besorgnis gab. Domäne und Kloster waren in den letzten Jahrzehnten landwirtschaftlich genutzt worden, aber nun lief der Pachtvertrag aus. Wir wollten mit dem Heimatverein über eine sowohl für den Ort stimmige als auch wirtschaftlich realistische neue Nutzung nachdenken. Doch dazu kam es nicht, denn schon bei meinem nächsten Besuch im November war aus der Presse zu erfahren, dass die Domäne samt Kloster in einem vorhandenen Konzept des Landkreises namens "Wasserlandschaftspark" als "Tor" zu eben diesem Park ausgewiesen waren, und dass es bereits Fördergelder für dessen Umsetzung gab. Vom zugehörigen Kloster war allerdings keine Rede. Wir waren nicht weniger überrascht als der Heimatverein und verabredeten deshalb sofort einen Termin mit der für Schinna zuständigen Leiterin des Bauamtes in Stolzenau. Dort bekamen wir den Plan vom "Wasserlandschaftspark" in die Hand gedrückt und erfuhren, dass dieses Konzept vom Landkreis, dem Amt für Agrarstruktur sowie von neun (von insgesamt zwölf) Gemeinden aus dem Kreis in Auftrag gegeben worden war und sein Dasein seit etwa anderthalb Jahren in diversen Schubladen fristete, nachdem dafür zunächst keine EU-Fördermittel gewonnen werden konnten. Aus planerischer Perspektive hat dieses Konzept zwar einige Mängel, aber Uwe Bahrenburg und ich waren uns sofort und wortlos darüber einig, dass in diesem Konzept großartige Möglichkeiten verborgen sind. Wir beschlossen, den Plan des Wasserlandschaftsparks ganzheitlich zu optimieren und auf dieser Basis eine integrale Umsetzung zu initiieren. Während Uwe vor Ort zahlreiche Gespräche führte (und führt), brachte ich auf meinem Vulkan in Hessen (dem Vogelsberg) ein Konzept zu Papier, das wir dann schwarz und bunt auf weiß und (be-)greifbar zu Händen interessierter und beteiligter Menschen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Kultur im gesamten Landkreis gaben.

Wasserlandschaftspark
Nienburger Wesertal

Bevor ich den weiteren Prozess dieses Projekts beschreibe, ist es notwendig, das Konzept des Wasserlandschaftsparks und die Struktur des Landkreises Nienburg an der Weser kurz vorzustellen.
Der Landkreis Nienburg liegt an der Mittelweser und umfasst etwa den Weserabschnitt zwischen den Gemeinden Stolzenau und Hoya. Es gibt insgesamt zwölf Gemeinden, von denen acht als Samtgemeinden verwaltet werden. Nienburg ist die Kreisstadt, die räumlich gesehen auch relativ zentral liegt, wenn man die Samtgemeinde Uchte im Südwesten ausnimmt. Nach Bremen und Hannover sind es jeweils knapp 60 Kilometer. Die nächsten Autobahnanschlüsse sind zwischen 30 und 50 Kilometer entfernt, was den Nienburgern das Gefühl gibt, infrastrukturell benachteiligt zu sein. Der Wunsch nach dem vierspurigem Ausbau der Bundesstraße B6 nach Hannover besteht seit vielen Jahren und gewinnt gerade wieder an Aktualität. Bedeutsam für das gesamte Gebiet sind ausgedehnte Kies-Vorkommen nahezu im gesamten Wesertal. Erhebliche Flächen sind daher als Vorrangflächen für den Abbau ausgewiesen - insgesamt mehr als 2000 Hektar. Die Gesamtfläche des Landkreises beträgt 1,399 Quadratkilometer, 126300 Menschen leben in diesem Kreis (2002) - mit etwa 90 Einwohnern pro Quadratkilometer eine eher dünn besiedelte Gegend Deutschlands.
Das Konzept des Wasserlandschaftsparks wurde denn auch aus Anlass der Frage der Nachnutzung der durch den Kiesabbau schon entstandenen und in den nächsten dreißig Jahren noch entstehenden Wasserflächen links und rechts der Weser in Auftrag gegeben. Im wesentlichen sind die Nutzungen Naturschutz und Freizeit/Tourismus vorgesehen und nach bestimmten Kriterien über die Fläche verteilt, wobei es auch Mischformen gibt, z.B. Biotop-Begehungen und Naturbeobachtung für Freizeitler und Touristen im Rahmen von Öko-Tourismus. Es wird hierbei vor allem auf die Anziehungskraft des Weser-Radwanderweges abgehoben, der im Jahr 2002 zum dritten Mal in Folge zum beliebtesten Radwanderweg in Deutschland gewählt worden ist. Rund 150000 Radwanderer kommen jährlich auf ihrem Weg vom Weserbergland zur Nordseeküste durch das Nienburger Wesertal. Soweit zur sichtbaren, formalen Struktur. Das Potenzial des Konzepts für den Wasserlandschaftspark liegt für uns weniger in den konkreten Vorschlägen für die Nachnutzung der vorhandenen und noch entstehenden Wasserflächen, als vielmehr darin, dass hier erstmals die administrativ definierte Region, die auch naturräumlich eine ungefähre Einheit darstellt, in ein Bild gefasst wird: der Wasserlandschaftspark. Unser Wissen über die "okkulte Anatomie" des Menschen sagt uns, dass die Manifestation von jedweder Realität immer den Weg vom Impuls (Feuer) über Gedanken und Verstand (Luft) und weiter über Gefühle und Bilder (Wasser) verläuft. Mit dem Konzept des Wasserlandschaftsparks ist ein Bild geschaffen, das auf einer guten rationalen Grundlage ruht und zudem in Übereinstimmung mit dem vorhandenen Landschaftsbild ist. Für uns ist das die Voraussetzung dafür, dass aus einem fragmentierten Gebiet konkurrierender Gemeinden eine Region der Kooperation mit einer gemeinsamen, übergreifenden Identität werden kann.

Geomantie und Regionalentwicklung

Die Tatsache, es im Nienburger Wesertal mit genau 12 Gemeinden, die ein Ganzes (den Landkreis) bilden, zu tun zu haben, gab uns den Impuls, einmal nachzuspüren, ob es da Analogien zu den 12 Tierkreiszeichen geben könnte. Unabhängig voneinander machten Uwe und ich dazu jeweils eine Aufstellung und stellten erstaunt fest, dass sie sich bis auf zwei Punkte vollständig glichen. Die phänomenologische Astrologie, ein Steckenpferd von mir und für mich Basis der astrologisch-geomantischen Arbeit, brachte aber schnell Klarheit in diesen beiden Punkten, und so sind "unsere 12" für uns auch auf einer übergeordneten (makrokosmischen) Ebene handhabbar geworden. Die 12 kosmischen Archetypen, die in der Tabelle links aufgeführt sind, sind dabei allgemein genug, um der Gefahr, jede Kommune in eine eigene Schublade zu stecken, zu entgehen. Zudem ist es selbstverständlich so, dass an jedem Ort mehr als eine Urkraft wirksam ist, ja, dass erst das Zusammenspiel von Kräften die jeweilige Realität hervorbringt. Die dargestellte Einteilung ist daher kein starres Schema, sondern unsere strukturierte Wahrnehmung, die jedoch im Fluss bleibt.
Bei den Ausprägungen, den so genannten Signaturen, handelt es sich um ein sehr breites Spektrum der Wahrnehmung, das die Geschichte ebenso einbezieht wie die Ortsgestalt, sich wiederholende Entwicklungen, die Wirkung von Verwaltung oder Politik und feinstoffliche Ortsqualitäten. Hier sind nur beispielhaft und in Stichworten ein paar wenige kennzeichnende Phänomene aufgeführt, um die Bandbreite darzustellen. Dem Gespräch mit der Stolzenauer Bauamtsleitung folgten sehr schnell weitere Gespräche - für uns bezeichnenderweise im Widder-Gebiet2 der Samtgemeinde Landesbergen. Dort gibt es einen visionären Bauamtsleiter, der fasziniert ist von der Idee, dass es in der Planung noch weitere Parameter gibt als die, die er als relevant zu sehen gelernt hatte. Was wir ihm vorstellten, begeisterte ihn dermaßen, dass er spontan seinen Chef, den Direktor der Samtgemeinde, davon überzeugte, uns zu einem Vortrag einzuladen, in dem wir unsere Ideen für Landesbergen im besonderen und speziell im Zusammenhang mit dem Wasserlandschaftspark darlegen konnten. Der Wahlkampf zu den Niedersächsischen Landtagswahlen gab Uwe vielfältige Möglichkeiten, mit den unterschiedlichsten Menschen über unsere Vision für den Landkreis Nienburg/Weser zu sprechen. Politik und Verwaltung standen dabei immer obenan (bis hin zu Hans Eichel), aber wir ließen auch sonst keine Gelegenheit aus, die "ganz normalen" Bewohner zu informieren, wobei wir oft überwältigende Resonanz erfuhren. Ich berichte z.B. auch dem Kreis der Menschen, die ich in den letzten zwanzig Jahren astrologisch und/oder geomantisch begleiten durfte, über die begonnenen Prozesse und motiviere zum Mitmachen. Nachdem schon fast alle Einladungen an die Gemeindechefs, Politiker, Amtsleiter und sonstige Interessierte verteilt waren, sagte der Landesberger Verwaltungschef den Termin für die Präsentation Anfang Februar überraschend wieder ab. Als Grund gab er an, in dieser Woche nach Ungarn reisen zu müssen. Bei den Schwierigkeiten, mit ihm einen neuen Termin zu finden, wurde mir klar, dass wir gegen unser eigenes Prinzip, mit allen Beteiligten persönlich zu sprechen, verstoßen hatten, denn der Gemeindechef hatte bisher mich, die Referentin des Vortrags, noch gar nicht kennen gelernt. Diese Verzögerung zeigt zwei Dinge sehr schön: Erstens besitzen solche Entwicklungen eine ganz eigene Dynamik, der man nur mit tiefer innerer Zustimmung folgen kann. Und zweitens: Das A und O ist die lebendige Kommunikation.

Die Vision kommunizieren

Unser Ansatz ist für die meisten Menschen gleichermaßen faszinierend wie unverständlich, und man unterstellt uns - überwiegend wohlwollend - eine gehörige Portion Idealismus. Dass wir dennoch nicht als Träumer abgetan werden, beruht auf zweierlei: Erstens verfügen wir beide über eine gute Erdung, auf die wir auch sehr achten, und zweitens ist unser Leitstern tatsächlich die Integration. Darüber hinaus wollen wir nichts "machen", sondern geben allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe. Ein großer Teil unserer täglichen Arbeit besteht darin, praktische Projekte zu initiieren, in denen wir Menschen, Ideen und Mittel zusammenbringen und in Übereinstimmung mit der Zeit- und Orts-Qualität deren Umsetzung moderierend begleiten. "Ohne Moos nix los" sagt unsere Erdung, aber Wirtschaftsförderung war gestern - heute gilt: "Ohne Mensch nix los." Es gibt genug kreatives Potenzial in jeder Region, aber es gibt (noch) kein kreatives Milieu, in dem es zur Entfaltung kommen könnte. Nur langsam verliert das alte Paradigma seine strukturprägende Kraft; Es reicht nicht, Ideen, Modelle, Innovationsgehalt, wirtschaftliche Tragfähigkeit, regionale Beschäftigungseffekte und Infrastrukturmaßnahmen zu beschreiben. Es gibt keine eigenständige, nachhaltige Regionalentwicklung ohne eigenständige und nachhaltige Menschen-Entwicklung. Dabei heißt Integration, dass auch das derzeit Vorhandene weiter sein darf - solange es Menschen gibt, für die das genau so richtig und angemessen ist. Eine "bessere" Welt oder eine "heilere" Region ist nicht eine Welt oder eine Region, in der es keine Mängel mehr gibt, sondern eine Welt oder eine Region, in der es alles, All-Es, gibt, in der alles All-Es seinen Platz hat und sein darf: das Dunkle ebenso wie das Helle, das Gestrige ebenso wie das Heutige und das Morgige, das Aufbauende ebenso wie das Morbide, das Kränkelnde ebenso wie das Kreative. Die entscheidenden Faktoren sind für uns einerseits das Bewusstsein darüber, mit welcher Kraft man es gerade zu tun hat, und andererseits den stimmigen Ort (und eventuell die stimmige Zeit) für das jeweilige Phänomen, Projekt oder die jeweilige Gestaltung zu finden.

Neues im Weserland

Auf diese Weise beginnen inzwischen Impulse zu den unterschiedlichsten Projekten ihre Manifestationskraft zu entfalten:
- In einem Kräuter-Projekt findet ein Hersteller von Naturheilmitteln mit Bauern zusammen, die regional auf Teilen ihrer Flächen bestimmte Pflanzen anbauen; die Raiffeisen-Warengenossenschaft klinkt sich als Vermarktungsstelle ein, und die Apotheken schließen sich im Direktvertrieb an. Das ideale Gewerbegrundstück für den neuen Herstellungsbetrieb wurde nach allen Regeln astrologisch-geomantischer Kunst gefunden und aufbereitet.
- In einem Kultur-Projekt verbinden sich lokal bisher einzelkämpfende Akteure der Kunst- und Kulturszene und schöpfen die "Nienburger Schlossplatz-Festspiele", die mithelfen, einen stark misshandelten und missverstandenen Kraftpunkt der Stadt wieder instandzusetzen sowie Nienburgs Flair als Theaterstadt zu stärken.
- In einem Sport-Projekt liegen die Antworten auf gleich mehrere Fragen und Probleme einer der zwölf Gemeinden. Der Bau entsprechender Anlagen wird ergänzt durch das Projekt einer Investorin, die eine ambulante Sport-Chirurgie-Klinik errichtet, sowie durch Unternehmer vor Ort, die gezielt Sportverbände fördern und in Zusammenarbeit mit Organisationen auf Bundesebene ein Trainingszentrum schaffen.
- In einem Bildungs-Projekt wird mit EU-Fördermitteln auf Kreisebene ein Bildungs-Programm aufgelegt, das vordergründig die regionale Identität und die nachhaltige Entwicklung fördert, indem es Kurs- und Lernangebote zu ökologischen Themen anbietet, das darüber hinaus jedoch bewusstseinserweiternd angelegt ist und insbesondere die kulturschöpferische Kraft in der Region stärkt, indem es kulturell kreative Menschen zusammenbringt.
- In einem Erdkräfte-Projekt verbinden sich Menschen, die sich für das Thema Erdheilung einsetzen, mit Menschen, die die praktische Anwendung der Symbole der heiligen Hildegard erforschen wollen. Die Landwirtschaftskammer unterstützt das Projekt, indem sie nicht nur darüber berichtet, sondern auch ein Forum für Austausch und Verwertung der Ergebnisse in bäuerlichen Kreisen einrichtet und unterhält.
- In einem Touristik-Projekt arbeitet die Mittelweser-Touristik GmbH als kreiseigene Gesellschaft mit den Gewerbe- und Gastgeberverbänden der Kommunen an der Schöpfung des "Weser-Talers", eines regionalen Zahlungsmittels mit wirtschaftlichen Vorteilen sowohl für die zahlenden Gäste als auch für das regionale (Gast-)Gewerbe. Die Fachfrau für Komplementärwährungen, Margrit Kennedy, wird mit ihrem Team das Projekt in den nächsten Jahren begleiten. Damit wird es Teil eines Netzwerks verschiedener Lokalwährungs-Experimente, in denen ein auch auf andere Regionen übertragbares Modell entwickelt wird.
Dies sind nur ein paar wenige von vielen in kürzester Zeit entstandenen Projekt-Ideen. Ständig begegnen uns weitere Menschen, die auch eine Idee oder eine Vision haben, die sie verwirklichen möchten, und ganz langsam stellt sich eine Art Supporting Space für das ein, was man vielleicht als integrale Regionalentwicklung bezeichnen könnte. Der verschobene Vortrag hat inzwischen stattgefunden. Am 3. und 4. Juni 2003 waren nun nicht, wie geplant, nur Verwaltung und Politik sowie einzelne Vertreter der Wirtschaft anwesend, sondern ebenso private Menschen, die sich dafür interessieren, welche Alternativen es zu den herrschenden Strukturen gibt und was sie selbst dazu beitragen können, eine richtige Wohlfühl-Region zu erschaffen. Es war zu spüren, dass wirklich etwas in Bewegung gekommen ist.

Schlussfolgerungen

Mein Fazit aus den bisherigen Erfahrungen würde ich in folgenden Punkten zusammenfassen:
- Die Regionen sind die Kommunen des 21. Jahrhunderts. Die Lebenswelt des Dorfes, des Ortes, der Stadt ist im Zeitalter der Globalisierung zu klein für den Menschen geworden, während aber der globale Maßstab weit über das räumliche Maß hinausgeht, das Menschen kognitiv und emotional fassen können. Während die Stadt als Laboratorium der Moderne gelten kann, ist die Region das Laboratorium der Post-Moderne.
- Regionale Entwicklungsarbeit ist in erster Linie Aktivierungs-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit.
- Nur Persönlichkeiten können Persönlichkeiten glaubhaft überzeugen. Administrative Steuerung beruht entgegen unserer demokratischen Überzeugung im wesentlichen auf informellen Netzwerken charismatischer Persönlichkeiten. Menschen und ihr soziales Verhalten, ja ihre Freundeskreise sind damit der Faktor, der die Wahl von Informationskanälen oder Kapitalquellen bestimmt, über Innovation oder Firmengründung bzw. deren Standort und jede andere Form von regionaler Entwicklung entscheidet.
- Es braucht standhafte Politiker, die von der Idee der Regionalentwicklung ehrlich überzeugt sind. Politiker, die wissen, dass Qualität Zeit braucht, dass menschliche Prozesse erst im Zeitraum von einigen Jahren Ergebnisse zeitigen und sich deshalb von ihrer Verantwortung einer regionalen Zukunftsvorsorge nicht abbringen lassen.
- Wer die endogenen Kräfte entdecken und wecken will, braucht einen besonderen Blick, eine besondere Raumsensibilität, und auch - es mag beinahe pathetisch klingen - eine innere Liebe zu den Menschen und der Region. Ein derartig sensibler Prozess, wie bisher verschlossene oder raumverschlossene Menschen dazu zu bewegen, sich zu öffnen, braucht eine hohe Investition an Vertrauen und menschlicher Überzeugungskraft - eine Ermutigungs-Investition. Wer die Menschen öffnet und zum Engagement aufruft, trägt eine hohe Verantwortung. Er fordert persönliches und finanzielles Risiko und kann sich daher nicht distanziert auf seine Beraterrolle zurückziehen. Es wird nicht funktionieren, wenn wir als Regionalberater und -manager externe Auftragnehmer mit zeitlich limitierter Perspektive bleiben. Die Neutralität des Moderators ist eine Illusion.
- Die Initiative und die besonderen persönlichen Eigenschaften "mehrdimensionaler" Akteure spielen für die Schaffung und Aktivierung eines kreativen Milieus eine entscheidende Rolle. Trotz - oder gerade wegen - des möglichen und fortschreitenden Einsatzes moderner Kommunikationstechniken ist ein Wiederaufleben persönlicher Kontakte für die Beschaffung wichtiger Informationen feststellbar. Motivation, Ermutigung, Rückenstärkung, Anerkennung oder Begeisterung transportieren sich nur in dem Maße, in dem es beim Sprecher/Schreiber vorhanden ist. - Trivial, aber dennoch oft nicht gesehen.
- Das Feinstoffliche, Transzendente ist mit der Sprache nicht wirklich fassbar, aber das menschliche Mitteilungsbedürfnis und -gebot (!) wird sich doch immer wieder in Interpretationen versuchen. Nach Dorothee Sölle ist die sprachliche Umsetzung z.B. "mystischer Erlebnisse" als Gegengewicht zur heute dominanten Sprache der Herrschaft auch unbedingt notwendig. "Es ist der Raum der poetischen Sprache, mit ihrer Expressivität, mit ihrer Freiheit zu erzählen und mit ihren vielen sprachlichen Mitteln, die das Gemeinte gerade nicht auf den Punkt bringen‘ wollen, sondern es hörbar, fühlbar, schmeckend und klingend machen."3 Womit wir wieder bei der Sprache wären. Stadt- und Regionalplanung ist Kommunikation, Kommunion und Kooperation, denn lebbare Orte und Regionen entstehen nicht einfach, sie werden vielmehr von Menschen gemacht und getragen, die dort leben. In Planungsprozessen für heute und morgen geht es dabei meiner Meinung nach weniger um das Finden und Einsetzen einer neuen Sprache, als vielmehr um einen anderen Umgang mit ihr. Die Kunst besteht darin, die Sprache nicht nur Träger von Informationen, Daten und Fakten, kurz: intellektuell-mentaler Parameter sein zu lassen, die dem Zuhörer/Leser "objektive" Kenntnisse vermitteln sollen, sondern sie auch den Sprecher/Schreiber selbst, sein eigenes, subjektives und ganzes Sein mit tragen zu lassen. Sofern dieses Sein dann in Übereinstimmung mit den kosmischen Gesetzen ist, offenbart sich das Geheimnis persönlicher und kollektiver Erfüllung.