Dorferneuerung mit Seelengewinn

Die symbolische Dimension des Lebens schafft Verbindung

von Theodor Abt erschienen in Hagia Chora 16/2003

Das Thema "Dorferneuerung mit Seelengewinn" kam für mich überraschend. Bekanntlich kann die Seele verloren gehen. Doch kann die Seele überhaupt wieder gewonnen werden, wenn sie einmal verlorengegangen ist? Diese Frage wurde mir wohl wegen meiner Berufskombination gestellt. Einerseits wirke ich seit 1973 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich in Lehre und Forschung in den Bereichen Agrarsoziologie, Regionalwirtschaft und Humanökologie. In diesem Rahmen war ich unter anderem Projektleiter von zwei regionalen Entwicklungskonzepten. Auf der anderen Seite arbeite ich seit über zwanzig Jahren als Jung’scher Analytiker in eigener Praxis und in der Ausbildung. Dort beschäftige ich mich ebenfalls mit Fragen der Entwicklung und Erneuerung, allerdings nicht auf der dörflichen oder regionalen, sondern auf der individuellen Ebene. In dieser Tätigkeit befasse ich mich mit der Innenwelt von Menschen, mit der unbewussten Seele und ihren Äußerungen. Diese berufliche Kombination lässt mich immer wieder erahnen, dass, was im Großen geschehen sollte, eigentlich beim Individuum anfängt. Aus diesem zweifachen Erfahrungshintergrund möchte ich versuchen, eine Antwort auf die gestellte Frage zu geben.

Was heißt eigentlich Seele, Seele eines Dorfes?

Es ist noch nicht lange her, da sagte man: Dieses Dorf hat 500 Seelen. Heute spricht man von 500 Einwohnern. Wir sind nüchterner geworden. Seele ist heute kein geläufiger Ausdruck mehr. Ums Seelenheil kümmern wir uns kaum mehr so hingebungsvoll wie eine Großzahl unserer Vorfahren. Und in der vernunftgeleiteten Wissenschaft wurde die Dimension der Seele sowieso weitgehend aus den Augen verloren. Doch was verstehen wir eigentlich unter Seele? Wir könnten den Begriff aus christlicher Sicht auffassen. Doch in der heutigen Zeit, im Global Village, lässt sich sicher nicht mehr behaupten, nur die Christen hätten eine Seele. Eine solche Aussage wäre besonders im Zusammenhang mit Dorferneuerung unhaltbar, geht es dabei doch oftmals gerade darum, Neuzuzügler aus anderen Religionen zu integrieren. Wir können eine überkonfessionelle Vorstellung vom Wesen der Seele bekommen, wenn wir uns die vielfach bezeugten Berichte von Forschern vor Augen führen, welche zum Beispiel im Amazonas fernab der Zivilisation lokale Indianer als Lastenträger angeworben hatten, um mit deren Hilfe an ihr Ziel zu gelangen. Nach diesen Berichten haben sich diese Träger unterwegs plötzlich hingesetzt. Auf die Frage nach dem Grund antworteten sie: "Wir müssen warten, unsere Seele kommt nicht mit." Diese Vorstellung, dass der Mensch auf etwas Rücksicht nehmen muss, das sonst bei allzu großer Geschwindigkeit verloren gehen könnte, erscheint uns in der heutigen rastlosen Zeit nicht mehr ganz unverständlich oder gar rückständig. Im Volksmund heißt es ja auch: "Alle Hast ist des Teufels." Und der Teufel gilt bekanntlich als Seelenräuber.
Wir können das geheimnisvoll Belebende, welches wir Seele nennen, auch von einer anderen Seite her zu verstehen versuchen. Die Erkenntnisse der heutigen Hirnforschung zeigen uns, dass wir drei verschiedene Hirnteile besitzen:
Unser Bild zeigt zuoberst das Großhirn, welches beim Menschen stark differenziert ist. Dieser Hirnteil ermöglicht uns planende Vorausschau und Kommunikation mit Hilfe unserer Sprache. Dieser Teil des Hirns bildet die biologische Grundlage für die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, dank dem menschliche Kultur möglich wurde. Das darunter liegende Mittelhirn und das Stammhirn haben wir mit unseren Tierahnen gemeinsam. Von dort aus werden unsere instinktiven Handlungen gesteuert, ohne dass wir das bewusst wahrnehmen.
Gleich wie in unserem Körper vieles für uns unbewusst abläuft, so haben wir auch in unserer Psyche einen unbewussten "Nachtbereich" mit allgemein menschlichen Vorstellungen, welche den einzelnen biologischen Trieben (wie Überleben und Fortpflanzung) ihren Sinn geben. Wir nehmen diesen Bereich unserer Psyche nur sporadisch wahr, beispielsweise in erinnerten Träumen oder bei Phantasien. Diesen unbewussten Teil der Psyche, der regulierend auf die Gesamtpsyche wirkt, nennen wir die Seele. Normalerweise kann diese Nachtwelt ungestört mit der Tagwelt verbunden mitleben. Doch wo beim Einzelnen infolge allzu rationalen Denkens oder konfessioneller Einengung die Nachtwelt mit ihrem bildhaften Wissen (der autonomen Phantasiewelt, dem Gespür, den Ahnungen, Träumen und Visionen) nicht mehr regulierend mitwirken kann, dort entstehen ideologische Verhärtung und Fundamentalismus. Verlust der Nachtwelt bedeutet Seelenverlust. Werden von einer Gemeinschaft die Bedürfnisse dieses unbewussten Hintergrunds nicht mehr als wichtig eingestuft, so wird die seelische Dimension mit der Zeit nicht mehr beachtet. Die Folge davon ist ein allmählicher kollektiver Seelenverlust. Dies zeigt sich etwa darin, dass alles zunehmend nur noch eilig, lieblos, nüchtern und nutzenorientiert gemacht oder gestaltet wird: Die Bauweise, die Arbeit, die Politik, die zwischenmenschlichen Beziehungen usw. Was dann fehlt, ist die Liebe zum Detail, das Schöne, das Rituelle, die Zeit für Musik, Tanz, Spiel, Geschichtenerzählen, kurz die Lebensfreude, die Lebensqualität. Wenn zum Beispiel die bewährte Innerschweizer Tradition, nach einer Regierungsratssitzung noch gemütlich zusammen zu jassen (verbreitetes Kartenspiel in der Schweiz) aus Zeitgründen aufgegeben wird, stellt sich die nicht unberechtigte Frage .

. Die Seele kann offenbar verloren gehen - kann sie überhaupt wieder gewonnen werden?

Ein Mensch kann seine Seele verlieren, er kann sie aber auch wieder gewinnen. Dies ist jedenfalls eine bekannte Erfahrungstatsache, nicht nur bei Stammeskulturen und Hochreligionen, sondern auch aus der modernen psychotherapeutischen Praxis. Doch diese Bemühung um eine Beziehung zur Seele ist klar Sache des Einzelnen, er muss seiner Seele Sorge tragen.
Aber wie steht es bei einer Gemeinschaft? Ist Seelengewinn kollektiv bewirkbar, machbar? Eine Beziehung zu seelischen Werten kann sicherlich nicht einfach verordnet werden, außer es geschehe durch Manipulation der Massen mittels mythologischer Bilder. Die Abgründe einer solchen kollektiven "Erneuerung" sind bekannt. Denken wir dazu nur etwa an den Mythos vom "Blut und Boden" oder vom "Paradies auf Erden" (Nationalsozialismus und Kommunismus). Diese Erfahrungen der Menschheit zeigen mit aller wünschbaren Deutlichkeit, wie wichtig es ist, die Werte, welche durch unseren einseitigen Rationalismus verlorengegangen sind, auf nachhaltige Weise wiederzufinden. Und zwar nicht mittels Massensuggestion, sondern durch die Bemühung des Einzelnen um eine Beziehung zu seiner unbewussten Seele. So gesehen ist es nur möglich, die Rahmenbedingungen so zu erneuern, dass seelische Werte und die Bezogenheit auf diese Dimension des Lebens gefördert werden. Umgekehrt kann ja bekanntlich eine lieblose bauliche Gestaltung, Arrondierung oder Ortsplanung das Geborgenheitsgefühl in einem Dorf beeinträchtigen oder gar zerstören. Doch zur Förderung der seelischen Werte braucht es Zeit und Geduld und vor allem auch ein Wissen, dass diesem Aspekt des Lebens bewusst Sorge getragen werden muss und auf was dabei zu achten ist.

Pharaonisches Wissen über Dorferneuerung: Die Legende der fernen Göttin

Dorferneuerung ist nichts Neues. Schon vor mehr als 2000 Jahren wusste man von der immer wiederkehrenden Notwendigkeit der Erneuerung, wie folgende Legende von der fernen Göttin aus dem Land der Pharaonen zeigt. Wir finden sie zum Beispiel eingemeißelt in den ptolemäischen Tempeln von Edfu und Dendera im heutigen Oberägypten. Kurz gefasst erzählt die Legende, wie der Sonnengott Re sein schützendes Hathorauge oder Mondauge durch unglückliche Umstände verlor.1 So verschwand die Liebesgöttin Hathor in die ferne Wüste und lebte dort in Form der blutrünstigen Löwengöttin Tefnut. In dieser Zeit, wo Hathor fern war, herrschte in den Dörfern eine graue Stimmung ohne Lebensfreude, Tanz, Spiel und Musik. Dafür regierten Neid und Missgunst. Das Problem für Re bestand nun darin, wie die erzürnte ferne Göttin wieder zur Umkehr aus der Wüste bewegt werden könnte. Es gibt verschiedene Versionen dieser Legende. In einer Version ist es Thot, der Gott der Weisheit, welcher von Re zur Löwengöttin geschickt wird. Mit Hilfe von Wein und den richtigen Worten gelingt es ihm, die Göttin zu besänftigen und zur Rückkehr in die Dörfer am Nil zu bewegen. Wieder zurück, wurde Hathor in Form der Katzengöttin Bastet verehrt. Sie ist quasi die zivilisierte Löwin, welche, wenn im Dorf integriert, für Lebensqualität und aufbauenden Schwung sorgt. "Bastet bringt Schwung ins Dorf" hätte wohl im alten Ägypten das Motto für Dorferneuerung gelautet. Es ist interessant, dass es der Götterbote Thot ist, welcher die ferne Göttin ins Dorf zurückzubringen vermag: Er ist der Gott, der den Menschen die Schrift und die Wissenschaften gebracht hat. Als Überbringer symbolischen Wissens ist Thot in der Lage, destruktive Getriebenheit und Begehrlichkeit in belebende Kultur zu wandeln. In griechisch-römischer Zeit wurde diese Gottheit mit Hermes-Mercurius identifiziert. Er galt als Vater der so genannten hermetischen Naturphilosophie, die ja später auch bei uns in Europa eine wichtige kulturbringende Rolle gespielt hat, bis in die Tiefenpsychologie von C.G. Jung.
Das Ereignis der Rückkehr der fernen Göttin wurde im alten Ägypten jedes Jahr gefeiert, weil man offenbar wusste, dass Dorferneuerung immer wieder stattfinden muss, oder umgekehrt, weil man sich der Gefahr bewusst war, dass die Göttin der Liebe und der Bezogenheit immer wieder plötzlich in die Wüste verschwinden kann. Diese Legende zeigt, wie gefährlich die abgeschnittene Nachtwelt für das Leben der Menschen werden kann und dass Dorferneuerung eine zentrale Daueraufgabe ist. Es gibt offenbar Zeiten, in denen man sich dieser Problematik mehr bewusst ist als in anderen. Wir müssen dazu auch gar nicht in die Zeit der Pharaonen zurückgehen. Unsere Märchen und Sagen berichten ebenfalls von derartigen Problemen: Da war einmal ein König, der war alt, mürrisch und bös oder hatte keine Frau oder eine böse Frau, oder es gab aus der Ehe keine Kinder, kurz, es gab ein Problem der Erneuerung. Und dann handeln diese Geschichten von der Wiederherstellung eines funktionsfähigen obersten Prinzips, eines neuen Königs, dem ein gleichwertiges weibliches Prinzip, die neue Königin, zur Seite steht, so wie der Sonnengott Re sich immer wieder erneut mit dem Mondauge der Hathor verbinden muss. Nur wenn die beiden Prinzipien, die Tag- und die Nachtwelt, die Sonne und der Mond, fruchtbar verbunden sind, erneuert sich das Leben und der Lebenssinn. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch . Es handelt sich eben um ewige Wahrheiten. Als neueres Dokument aus der Phantasiewelt beschreibt Franz Werfel in seinem Zukunftsroman "Stern der Ungeborenen" hervorragend die Wirkung der fernen Göttin. Er beschreibt die Gesellschaft 10000 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Wesentlichen geht es bei diesem Buch um Folgendes: "Man lebt in dieser Zeit nur mehr unter der Erde, denn über der Erde ist alles tot, eine totale Katastrophe war eingetreten, es gibt nur mehr graues Gras. Unter der Erde lebt eine höchstentwickelte Zivilisation. Alles ist technisiert, vollklimatisiert, vollautomatisiert, und man lebt von künstlichen Nahrungsmitteln. Über der Erde regt sich dann etwas, was die Unterirdischen mit Grauen erfüllt. Sie nennen es den Dschungel. Es wachsen wieder Blumen und natürliche Nahrungsmittel, Getreide, Hopfen und Malz. Da gibt es Menschen, die feiern laute Feste, trinken Bier und singen. Das kennen die Unterirdischen nicht mehr, und sie verfolgen das alles mit feindseliger Angst. Schließlich laufen dann die Katzen, die ein Gespür dafür haben, wo Leben ist, von der unterirdischen Zivilisation zum Dschungel über. Und der Exodus der Katzen ist nach Franz Werfel ein Anlass für die, wie er sie nennt, unterirdischen Faschisten‘, den Krieg gegen den Dschungel zu beginnen. Doch sie verlieren diesen Krieg, und das Buch endet damit, dass die Dschungelleute den Besiegten wieder das Singen beibringen."2 Von der Legende von der fernen Göttin oder den Märchen von der Königserneuerung kann man nicht so ohne weiteres eine Brücke zur heutigen Dorferneuerung machen. Aber wenn wir diese Geschichten symbolisch verstehen und neu übersetzen und damit aktualisieren, erahnen wir auch in unserer vernunftgeleiteten Welt etwas vom bildhaft-mythologischen Wissen unserer Altvorderen, wie dies Marie-Louise von Franz in ihren Büchern über Märchendeutung aufzeigen konnte. Das bedeutet eine Rückverbindung zum verschütteten Erfahrungswissen (memoire collective) früherer Generationen, die nämlich fast alle Probleme, mit denen wir heute ringen, auch gekannt haben. Dorferneuerung, die Erneuerung des seelischen Zusammenhaltes einer Gemeinschaft, ist offenbar ein altes Problem der Menschheit. Auch das Wissen unserer Vorfahren im Umgang mit Dämonischem ist in diesen Mythen und Märchen in bildhafter Form enthalten. Wenn wir heute von einer verhexten Welt sprechen, so ist das auch nichts Neues. Wir meinen nur, das sei eine Premiere. Wenn also Tefnut-Hathor wieder zurückkommt und zur liebevollen, Freude spendenden Göttin Bastet wird, dann kommt all das wieder zurück, was verloren ging: Musik, Spiel und Tanz. Dann wäre sicher der Satz "ohne Geld keine Musik" nicht denkbar. Dann wären kaum Gesetze notwendig, um Kultur zu organisieren. Hat die symbolische Dimension des Lebens genügend Raum, so kann Verbindendes im Dorf entstehen. Das Wort Symbol kommt vom griechischen symballein. Das bedeutet zusammenwerfen, zusammentreffen, in Verbindung kommen. Das Symbol ist seit jeher nicht nur die Brücke zum Jenseits, sondern auch zur Welt und zum Wissen unserer Vorfahren und letztlich auch eine Brücke zum anderen, zu meinen Mitmenschen. Wo immer das nicht zweckgerichtete, symbolische Leben gepflegt wird, finden wir Brücken, und das ist das einzige Gegengift gegen den zersetzenden Rationalismus, der alles Außerrationale für "irrationales Gesäusel" hält. Man kann bekanntlich mit überlegenem Zynismus jeden seelischen Wert - vom religiösen Ritus über das Laientheater bis zur Dorfmusik - verhöhnen und zersetzen: "Das ist ja nichts als altväterischer Aberglauben", oder "dies ist nichts als konservativer Folklorismus" usw. Wenn also in diesem Sinne Tefnut-Hathor zurückkommt, dann erleben wir eine Auferstehung der Lebensfreude, einen Rückgewinn der Seele, und dann kommt auch etwas besonders Wichtiges wieder zurück, nämlich das Vertrauen in die Nachtwelt, in die Welt der weiblichen Werte, von der wir ja so oft Angst haben. Aus dieser Welt kommt die Erneuerung, aus der Welt des Dunklen und des Mondes. Wenn wir die erste Abbildung vergegenwärtigen, so ist es die Rückverbindung mit den tieferen Seelenschichten, mit der Welt der weiblichen Seite des Göttlichen, mit der Natur, der Nachtwelt und dem Körperhaften, dank derer die Erneuerung kommt. Wir wollen nun wieder zurück zur heutigen Dorferneuerung und uns fragen, welche Schlüsse wir aus unseren Überlegungen zu ziehen haben.

Umfassende Nachhaltigkeit als Leitbild

Neben den heute anerkannten drei Aspekten der Nachhaltigkeit, nämlich der ökonomischen, der ökologischen und der sozialen Nachhaltigkeit,3 kommt nun noch ein vierter Aspekt hinzu, der zur sozialen Nachhaltigkeit einen Gegensatz bildet, so wie auch Ökonomie und Ökologie als Gegensatzpaar auftreten: Die geistig-seelische Nachhaltigkeit hat mit Seele und Geist zu tun. Wo die Seele dauerhaft mitleben darf, kann sich der Geist oder Sinn manifestieren. Dann spüren wir als Einzelwesen den Lebenssinn, das heißt, wir leben mit dem Gefühl, "dass es mich auf dieser Welt braucht", gerade so, wie ich bin. Das unverwechselbar Individuelle steht immer im Gegensatz zum Kollektiv-Sozialen, demgegenüber es sich behaupten muss. Doch es braucht stets beides. Das eine kann ohne das andere nicht sein. Integration und Selbstbehauptung müssen im Gleichgewicht bleiben. Der Sinn ist eben immer individuell und muss gegen Nivellierung abgegrenzt werden, sei es für den Einzelnen gegenüber dem Dorf, sei es für das Dorf mit seinem "Eigensinn" gegenüber der Region, sei es die Region mit ihrem unverwechselbaren Charakter gegenüber der nächst größeren Einheit. Gleich wie die Beziehung zur Seele, so muss sich diese Verbindung zum individuellen Lebenssinn immer auch wieder erneuern können, so Nachhaltigkeit im umfassenden Sinn möglich sein soll.
Bei den vier Aspekten der Nachhaltigkeit ist es wie bei den vier Elementen. Es braucht alle vier, keines darf fehlen. Sie müssen zu einer bewussten Einheit vereinigt werden, wie auch die Gegensatzpaare Erde mit Luft und Wasser mit Feuer nur dann Lebendiges erzeugen, wenn sie zusammenwirken. Aus solcher Gesamtschau entsteht Lebendiges, und das ermöglicht letztlich Kultur - auch dörfliche Kultur.

Fazit

1. Innen- und Außenwelt, Tag- und Nachtwelt gehören zusammen. Wir können auch in der Dorferneuerung nicht mehr so tun, als ob es keine Bedürfnisse der Seele geben würde. Der Verlust der Innenwelt oder der Seele steht in direktem Zusammenhang mit der äußeren Raffgier und Rastlosigkeit. Denn je ärmer wir innen werden, desto mehr müssen wir außen haben. In diesem Sinne beginnt die "Dorferneuerung mit Seelengewinn" bei uns selber.
2. Sowohl der klare Verstand der Tagwelt als auch das ahnungsvolle Bilderwissen aus Traum und Phantasie der unbewussten Nachtwelt gehören zur Ganzheit des Lebens. Nur ein immer wiederkehrendes schöpferisches Zusammenwirken der beiden Welten bringt dauerhafte Erneuerung. Gleich wie sich die Sonne am Abend zur Erholung in die Nacht begibt und sich quasi darin erneuert, um am Morgen neu aufzugehen, so erholen wir uns in der Nachtwelt beim Schlaf nicht nur körperlich, sondern können uns auch mit der unbewussten Seele erneut verbinden, um so zu erahnen, was das übergeordnete Ganze wohl von uns am neuen Tag will. Das gibt Gottvertrauen, den neuen Tag mutig anzupacken.
3. Die Beantwortung der Frage nach dem Sinn beginnt mit der Suche nach dem eigenen, unverwechselbaren inneren Muster. Lebt ein Mensch sein individuelles Leben diesem Muster gemäß schöpferisch, hätte man im Mittelalter wohl gesagt, er versuche Gottes Willen zu dienen. Die Indianer in Nordamerika sprechen in dieser Hinsicht von der Suche nach der eigenen Vision, dergemäß sie zu leben suchen. Bezogen auf die Dorferneuerung erinnert dies an einen chinesischen Dialog mit dem Daoisten Zhuangzi. Auf die Frage, wie die Welt wieder in Ordnung gebracht werden könnte, antwortete der Weise: "Was? Du willst die Welt in Ordnung bringen? Bring Dich selbst in Ordnung und die Welt kommt in Ordnung!" Wenn ich selber in Ordnung bin, erlebe ich Sinn, und dann bin ich mit der Welt versöhnt, was man in meinem Umkreis spürt, genau so, wie ich einen entsprechend großen Schadensradius habe, je weniger ich in Ordnung bin.
4. Ich möchte meine Überlegungen mit einem Bild abschließen, das aus dem christlichen Kulturraum stammt (nebenstehende Abbildung). Es stammt aus einer Kapelle im Kloster San Damiano in Assisi. Es zeigt die Mutter Gottes mit dem Symbol des Mondes und das Jesuskind mit dem Symbol der Sonne. Die Gottesmutter, die unbewusste Seele, ist der Ort, wo das göttliche Kind, die lebendige Gotteserfahrung geboren werden kann. Jesus wurde auch als der Sol novus (neue Sonne) bezeichnet. Wo die seelischen Werte gepflegt werden, sich entfalten können, dort kann der lebendige Geist geboren werden, der - wie immer wir ihn auch benennen wollen - alle verbinden kann und dem Einzelnen wie auch der Gemeinschaft ein Gefühl von Geborgenheit und Sinn vermittelt.