Die Kunst der Integration

von Kerstin Schoengart erschienen in Hagia Chora 16/2003

"Die Seele des Ortes. Integral-disziplinärer Beitrag zur Rehabilitierung vergessener Raum-Dimensionen" heißt der Titel der Master-Arbeit von Kerstin Schoengart, erarbeitet an der Bauhaus-Universität Weimar im Studiengang "Europäische Urbanistik". Die Feststellung, dass jahrzehntelange leitbildorientierte Planung nicht hat verhindern können, dass heute alles andere als ideale Zustände in Stadt und Land herrschen und Rat- und Orientierungslosigkeit um sich greifen, veranlasste die Astrologin und Stadtplanerin dazu, der Frage nachzugehen, ob womöglich unzulängliche wissenschaftliche Erklärungsmodelle, die die Wirkungsfaktoren auf den geistig-seelischen Ebenen unterschätzen oder gänzlich unberücksichtigt lassen, die Ursache für die Krise in Stadt, Land und Planung sind. In unseren Augen weist diese Untersuchung viele kulturell kreative Aspekte auf, die sie qualifizieren, dem folgenden Fokus-Teil voranzustehen. Wir halten Kerstin Schoengarts Arbeit für ein positives Beispiel, wie sich integrale Ansätze heute auch im universitären Bereich zu etablieren beginnen.

Den Ansatz meiner Arbeit habe ich "integral-disziplinär" genannt, um damit einerseits den Begriff "interdisziplinär", mit dem das Nebeneinanderstellen von Forschungsergebnissen einzelner Disziplinen, deren Kombination zu einer bestimmten Frage willkürlich gewählt wurde, zu vermeiden, und andererseits den Begriff "ganzheitlich" zu umgehen, dessen inflationärer Gebrauch ihn inzwischen zu einem Modewort hat werden lassen. "Integral-disziplinär" ist trotzdem ein "ganzheitlicher", "holistischer" und auch "inter-disziplinärer" Ansatz. Statt jedoch nur in horizontaler Ebene Wissen und Fakten nebeneinanderzustellen, werden über Raum und Zeit hinweg Einsichten und Vorstellungen, Verständnisse und Erkenntnisse ineinander verwoben und miteinander vernetzt. Die Astrologie lehrt, dass es die Zeit ist, die die vertikale Achse darstellt, während der Raum die horizontale Achse für uns ist: Wir können heute rund um den Globus nach Konzepten für eine Reform der Stadt- und Regionalplanung fragen - das ist die horizontale Ebene -, aber erst das Eintauchen in die Tiefen der Zeit, und zwar nach gestern ebenso wie nach morgen, eröffnet den Blick auf das Ganze. Das Geschaute kann dann im Brennpunkt des Augenblicks, der immer auch der Schnittpunkt der Zeitachse mit der Raumachse ist, in der Gegenwart, integriert werden. "Fortschritt, das heißt radikaler Fortschritt, nicht bloß technologische Verbesserungen, sondern wirklich umwälzender Fortschritt kommt nur zustande, wenn und weil wir unsere fundamentalen Überzeugungen in Frage stellen." (Owen Barfield)

Der Blick auf die Zeit

Dem "Vergessenen" gilt dabei mein besonderes Interesse. Wenn wir das Verlorene re-integrieren, gegenwärtigen möchten, verlangt dies nach einer ungewohnten Perspektive, dass nämlich alles, was wir suchen und je erkennen können, schon vorhanden ist und immer gewesen ist. All-Es ist. So gesehen geht es auch um die Erinnerung an die Zukunft.2 Methodisch bestand mein Vorgehen darin, in Kulturen und Zivilisationen jenseits unseres Raums und jenseits unserer Zeit nach Konzepten für das Sein im Raum im besonderen und - weil davon nicht trennbar - für das irdische Dasein im allgemeinen zu forschen. Der Blick zurück (und voraus) in der Zeit ist auch ein Blick auf die Geschichte der Wissenschaft. Die heutige Wissenschaft geht in einigen ihrer Prämissen, wie es scheint, von grundlegend falschen Voraussetzungen aus. Zu diesen gehört, dass die Erde bis auf wenige langsame Veränderungen im Rahmen der Evolution über Jahrtausende hinweg gleich geblieben ist und nur die Menschen durch veränderte Betrachtungsweise die Dinge immer wieder anders gesehen haben. Ferner geht sie davon aus, dass je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto unzureichender und irriger die Vorstellungen von der Welt, die sich der Mensch gemacht hat, werden. In dieser Sichtweise sind wir heute dabei, im Eiltempo die wenigen noch bestehenden Irrtümer auszumerzen, um in Kürze bei einem exakten und fehlerlosen Verständnis der Natur angelangt zu sein. Die Naturkrise der wissenschaftlich-technischen Welt nahm bereits mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften in der Renaissance ihren Anfang, obwohl man den Ursprung unseres heutigen westlichen Denkens durchaus in der Antike bei Plato (Wurzel des Rationalismus) und Aristoteles (Wurzel der Empirie) sehen kann. René Descartes und Francis Bacon verkörperten dann im 17. Jahrhundert diese beiden Pole der Erkenntnistheorie. So unterschiedlich die Standpunkte dieser Vordenker auch schienen, so wurden sie im Rahmen der wissenschaftlichen Revolution in den Werken von Newton und Galilei doch vereint. Das "Wie" ist seitdem wichtiger als das "Warum". Was Bacon vorbereitete und Galilei ausführte, war die Einführung der Technik in die Wissenschaft. Dieser Schritt war die Geburtsstunde unserer modernen Wissenschaft, in der Erkenntnis und Technologie auf so innige Weise miteinander verbunden sind. Die Renaissance umfasst das Zeitalter solcher Männer wie Gutenberg, der den Buchdruck mit Hilfe beweglicher Lettern erfand, Petrarca, der die Landschaft entdeckte (und damit die Erfindung der Perspektive vorbereitete), Vasco da Gama, der wie Columbus und Marco Polo mit der Überschreitung geographischer Grenzen auch die Überschreitung weltanschaulicher Grenzen ermöglichte, wie Kopernikus, der diese Entgrenzung in den Himmel hinein ausdehnte und Künstlern wie Leonardo und Michelangelo, die den neuen Geist in ihren Werken gefasst haben. In früherer Zeit dominierte die Bewusstseinsform der Partizipation, in der Ich und Nicht-Ich im Augenblick der Erfahrung eins sind. Heute gibt es für uns nur noch zwei Situationen, in denen wir Partizipation noch einigermaßen nachvollziehen können: in der Sexualität und in der Panik. Es existiert dabei kein Ich mehr, das den Akt erfährt, die Trennung zwischen dem Ich und dem, was diesem Ich widerfährt, ist aufgehoben. Dieses Bewusstsein, dass Subjekt und Objekt, Ich und Nicht-Ich, Mensch und Umwelt letztendlich eins sind, ging irgendwann zwischen Homer und Plato verloren, wie Gebser und andere4 nachgewiesen haben. Durch alle Jahrhunderte hat sich das partizipierende Bewusstsein jedoch erhalten und bestimmt auch heute noch ganz wesentlich unser Sein. Die Alchemie, die noch im Mittelalter als Wissenschaft gehandelt wurde, kann man beispielsweise ganz sicher als eine "Wissenschaft der Partizipation" bezeichnen. Aus allein intellektueller Betrachtungsweise heraus ist tatsächlich nicht zu verstehen, was der Alchimist in seinem Labor tat, und die spätere Ablehnung dieser Disziplin als Nicht-Wissenschaft war unter anderem Voraussetzung wie Folge für die Herausbildung dessen, was Gebser die mentale Bewusstseinsstruktur nennt. Damit ist das rationale, intellektuelle Denken gemeint, und diese Fähigkeit, in Subjekt und Objekt trennen zu können, hat uns in einer ganzen Reihe von Gebieten enorm vorangebracht. Ebenso wenig wie das partizipierende Bewusstsein hier dämonisiert werden soll, soll die rein verstandesmäßige Denk- und Erkenntnisweise hier abgewertet oder gar als (Allein-)Verursacherin aller gegenwärtiger Übel dargestellt werden, wie das z.B. in New-Age-Kreisen immer wieder geschieht. Bei diesen Überlegungen wird deutlich, wie eng Bewusstsein, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander zusammenhängen. Hilfreich sind die Erkenntnisse Jean Gebsers, der in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts darlegte, dass die Form des normalen Wachbewusstseins in der westlichen Zivilisation weder die einzige noch die Endstufe des Bewusstseinspotenzials ist. Es gibt Gebser zufolge eine dem Menschen übergeordnete Bewusstseinsstruktur, die er die integrale oder auch das Weltbewusstsein nennt. Entwicklung ist nach Gebser ein rationalistisch geschaffener Teilaspekt vom Gesamtgeschehen und deswegen eine Einengung. Das Gesamtgeschehen umfasst neben der Evolution auch die Involution. Das bedeutet: Es gibt ein übergeordnetes Weltbewusstsein, das sich in die untergeordneten Sphären hinein entwickelt. Es gibt kein einseitiges, in nur eine Richtung zielendes Geschehen, wie es die darwinistische Sichtweise postuliert, denn jedes Geschehen ist ein polares. Der Involution (der Hineinbildung) des integralen Weltbewusstseins in die irdische Sphäre antwortet erwachend der andere Pol: Die Evolution des menschlichen Potenzials eines integralen und zeitfreien Bewusstseins. Wer seine Bewusstheit bis zur integralen Stufe läutern und intensivieren kann, so Gebser, lebt in der Teilhabe mit dem Weltganzen. Voraussetzung dafür ist eine ernsthafte Arbeit an sich selbst zur Verbesserung, und diese bedeutet im Wesentlichen die Überwindung der Ichhaftigkeit. Gebser weist wiederholt darauf hin, dass Ichfreiheit nicht gleichbedeutend mit Ichlosigkeit ist. Die Ichlosigkeit beschreibt er als eine frühere Bewusstseinsstruktur, die der Mensch längst hinter sich gelassen haben sollte.
Die vier bzw. fünf Bewusstseinstrukturen, die Gebser identifiziert, beschreibt und bestimmten Entwicklungsperioden der Menschheit zuordnet, sind die "archaische", die "magische", die "mythische" und die "mentale" sowie die "integrale", die alle Strukturen "gegenwärtigt". Hier ist nicht der Platz, Gebsers Ausführungen wiederzugeben; die eigene Lektüre sei nachdrücklich empfohlen. Was die räumlichen Grenzen angeht, so dürfte den Lesern von Hagia Chora hinlänglich bekannt sein, über welche Konzepte China mit dem Feng Shui und Indien mit dem Vastu für Mensch und Raum und Zeit verfügen, so dass ich meine Ausführungen zur "horizontalen" Achse hier nicht wiedergebe.

Paradigmenwechsel

Der seit zwei bis drei Jahrzehnten stattfindende gesellschaftliche Wandel wird immer wieder als der Wechsel von der Industrie- zur Dienstleistungs- oder Informationsgesellschaft bezeichnet. Kennzeichen ist dabei, dass quantitative Werte ihre strukturprägende Kraft verlieren. Bis in die 60er- und 70er-Jahre hinein war die Bewältigung von Masse auf jeder Ebene (Menschen, Güter) das drängendste Problem. Ver- und Entsorgung, Arbeit und Arbeitskraft, Wohnen und Konsum wurden nur quantitativ gesehen, was sich im Gebauten niederschlug: die autogerechte Stadt - vierspurig durch die Innenstadt, der Supermarkt, das Hochhaus, das Schulzentrum etc. Die zugehörige Dimension, die dabei vorherrschend gestaltet wurde, war der Raum. Heute ist nicht mehr die Quantität das, was vorrangig zählt, sondern es wird mehr und mehr die Qualität nachgefragt. Weniger ist mehr und Small is beautiful widerspiegeln dieses Bewusstsein ebenso wie der Aufschwung der Design-Produkte und Labels. Die zugehörige Dimension ist die Zeit, die zum Luxusgut und zum Wert an sich wird. Die Entfernung zwischen Orten bemisst sich demgemäß immer weniger nach km (Raum) und immer mehr nach h (Zeit) bzw. nach dem Quotienten km/h. Die nebenstehende Gegenüberstellung von Charakteristika des alten und des neuen Paradigmas gibt Aufschluss darüber, was dieser Wechsel konkret bedeuten könnte. Nachdem wir uns aber, wie dargestellt, am Übergang zur integralen Bewusstseinsstufe befinden, wäre es unangemessen, einen simplen Wechsel von der einen Seite zur anderen zu vollziehen. Integration bedeutet die Zusammenschau und die praktische Zusammenführung aller Seiten und Dimensionen - im vollen Bewusstsein darüber, welches Charakteristikum zu welcher Ebene gehört und wie diese Ebenen miteinander in Relation stehen.

Reflexive Modernisierung

Ulrich Beck, Soziologe und Cheftheoretiker der reflexiven Modernisierung, beschreibt die beobachtbare Lage als den Prozess, der seine eigenen Grundlagen untergräbt. Mit anderen Worten: Die Folgen (und nach Beck insbesondere die "ungesehenen und ungeplanten Nebenfolgen") der fortgesetzten Modernisierung entziehen der Moderne nicht nur den Boden, sondern bringen die von Beck so bezeichnete "Risikogesellschaft" hervor. Die Unterscheidung von erster und zweiter Moderne wird nach Beck durch die Unterscheidung zwischen "Problemlagen erster und zweiter Ordnung" konkretisierbar. "Während Probleme erster Ordnung auf eine vormoderne Welt verweisen (.), gegen die der Lösungs- und Fortschrittsanspruch der aufkommenden Moderne sein Pathos und seine Überzeugungskraft entfalten kann, entstammen die Probleme zweiter Ordnung dem Institutionensystem der Industriemoderne selbst. Daraus folgt: Wer die in diesen Institutionen installierten Rezepte gegen die Probleme zweiter Ordnung mobilisiert, trägt nicht nur nichts zu ihrer Lösung bei, sondern erzeugt und verschärft sie umgekehrt." Problemlagen erster Ordnung meint man mit "mehr" (Schulen, Wohlfahrt, Sozialarbeit, Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze, Polizei, Strafgesetze, Gefängnisse usw.) lösen zu können, und Beck hält es für unabdingbar, dies als Fiktion zu erkennen. Weiter hervorheben möchte ich Becks Ausführungen zu dem/den "Ausgeschlossenen". Während des Schaffens von immer "mehr" des Gewünschten, wächst auch das, was man vermeiden wollte (mangelnde Bildung, Kriminalität, Armut etc.), im selben Maße mit. Er konstatiert: "Es ist eine Form der zivilisatorisch fabrizierten Barbarei", und "der Ausdruck Barbarei trifft insofern, weil er das Gegenteil der Zivilisation bezeichnet, das am Gipfelpunkt der Zivilisation neu entsteht." Damit spricht er etwas aus, was wir in China im Symbol des Taiji anschaulich dargestellt finden: Die zwei großen "kosmischen Gegensätze" Yin und Yang bringen gemeinsam "die Welt" hervor. Sie sind gleichwertig, fließen ineinander und - auf dem Höhepunkt des einen entsteht das andere. Beck entdeckt nun diese Gesetzmäßigkeit auch im Werden und Wandel unserer Gesellschaften. Festhaltend am Guten der Moderne, d.h. am Konzept der Modernisierung, betrachtet er Kritik als "notwendig, aber nicht hinreichend". Seine Vorstellung ist: "Die bestehenden Institutionen (einschließlich den eigenen Verhaltensgewohnheiten in der Privatsphäre) müssen mit prinzipiellen Alternativen umzingelt und belagert werden."
Mit der heutigen mentalen Bewusstseinsstruktur werden wir die Probleme immer nur wieder aus der dualistischen Perspektive angehen. Beck bezieht die Rolle der Bewusstseinsstruktur an keiner Stelle ein - es sei denn, man möchte das seiner Meinung nach erforderliche, grundsätzlich neue Denken in dieser Weise interpretieren. Paul Ray ist es dann, der mit seinen Forschungen zu den "Kulturell Kreativen" das leistet, was Beck für seine jüngsten Publikationen lediglich ankündigte: eine empirische Ausarbeitung dazu, wie sich der gesamtgesellschaftliche Wandel durch die reflexive Modernisierung in der "individuellen Reflexivität" des Einzelnen darstellt, sowie die Suche nach "reflexiven Institutionen".

Geomantische Erweiterung

"Die Frage nach der anderen Dimension durchzieht die Literatur, solange es modernen Städtebau, moderne Stadtplanung gibt. Irgendwie spürt man, dass neben Raumordnung und Verkehr, neben Funktionsteilung und Organisation da noch etwas anderes sein muss." (Gernot Böhme, Die Atmosphäre der Stadt)
Verwendet man die symbolische Vierteilung des Kosmos, wie sie in fast allen Kulturen in mehr oder weniger ausgedehnten Entwicklungsphasen nachweisbar ist, dann könnte man die Welt in jeweils vier Schichten oder vier unterscheidbare Strukturen einteilen. Das Prinzip der Aggregat-Zustände lässt sich hier sehr anschaulich übertragen. Danach kann "etwas" auf unterschiedlichen Ebenen verschiedene Zustandsformen annehmen: "Etwas" kann fest sein, das entspräche dem Element Erde; "etwas" kann flüssig sein, das entspräche dem Element Wasser; und "etwas" kann gasförmig sein, was dem Element Luft entspräche. Für das Element Feuer ist uns keine Entsprechung geläufig. Dennoch gibt es sie. Ich möchte hier die energetische oder die symbolische Zustandsform modellhaft einsetzen. Das heißt: "Etwas" kann auch in einer rein energetischen Form oder in symbolischer Form vorhanden sein. Es ist nun sinnvoll, sich diese Ebenen geordnet vorzustellen, wobei man - in Anlehnung an das Prinzip der Aggregat-Zustände - die jeweilige Materialität als Ordnungs-Parameter verwenden kann. An erster und unterster Stelle befindet sich dann das Physisch-Materielle, das wir mit unseren fünf körpergebundenen Sinnen empfinden können. Schon weniger dicht, jedoch immer noch materiell ist das Element Wasser. Im erweiterten Modell entspricht diese Schicht der Seele und den Gefühlen. In den feinstofflichen Bereich hinein geht es beim Element Luft: Einerseits gibt es da noch eine gewisse Materialität, andererseits gelangt hier die physische Begreifbarkeit auch an ihre Grenze. Diese Schicht entspricht der mentalen Ebene der Gedanken, des Intellekts, des Verstandes und der Logik. Weit über das sinnlich Fassbare hinaus geht die Feinstofflichkeit auf der energetischen oder symbolischen Ebene. Hier ist das "Etwas" als Schwingung, als Idee oder Impuls vorhanden. In diesem Sinne kann man von dieser Ebene als der über-sinnlichen oder auch derjenigen jenseits des Rationalen - und damit auch jenseits des Erklärbaren - sprechen.
Ein Modell ist lediglich eine Vorstellungshilfe, eine Krücke, die entbehrlich wird, wenn die Wahrnehmung vollständig wird. Um es für die Stadt- und Regionalplanung zu instrumentalisieren, erscheint es mir zunächst nötig, die jeder Ebene entsprechenden Wahrnehmungsorgane zu beschreiben und gegebenenfalls neue Begriffe dafür zu benennen. Für die erdelementare Ebene ist das nicht schwer, denn hier sind es die fünf körpergebundenen Sinne des Menschen, mit denen die "erdige", d.h. stofflich-materielle Zustandform (für) wahrgenommen wird. Als Wahrnehmungsinstrumente zählen hier auch die technischen Verlängerungen dieser Sinnesorgane wie Mikro- und Teleskope oder Frequenz-Messgeräte. (Die zugehörigen Tätigkeiten - und Haltungen - sind die der gelehrten Herren, die Goethe im zweiten Teil seiner Tragödie "Faust" aufzählt. Da sagt Mephisto zum Kaiser:
"Daran erkenn ich die gelehrten Herrn! -
Was ihr nicht tastet, steht euch meilenfern;
Was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar;
Was ihr nicht rechnet, glaubt ihr, sei nicht wahr;
Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht;
Was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.")
Auf der nächst feineren Ebene, der wasserelementaren Ebene, finden sich die seelischen Kräfte. Seelische Kräfte nimmt man mit dem Gefühl wahr, und das Problem besteht einerseits darin, dass Gefühle keine wissenschaftliche Form der Wahrnehmung sind. In der integralen Form der Wissenschaft aber gehören alle emotionalen Wahrnehmungen explizit zur Gesamtheit aller Wahrnehmungen. Das erweiterte Erklärungsmodell sagt: Jedes "Etwas" hat einen seelischen Zustand - und der kann (nur) gefühlsmäßig (für) wahrgenommen werden. Der neuzeitliche Mensch hat keine lebendige Verbindung mehr zu seinen Gefühlen und ist im Umgang mit ihnen nicht geübt. Die in den Mittelpunkt rückende Erlebnis-Kultur ist für mich Ausdruck für die "Sehn-Suche" nach psychischen Erfahrungen, nach Erlebnissen, die gefühlsmäßig berühren, die die Seele bewegen. Das Instrument der luftelementaren Ebene ist uns wieder sehr viel vertrauter, und in den vergangenen drei Jahrhunderten ist es in vielerlei Hinsicht bis zu einer gewissen Perfektion ausgebildet worden: der Intellekt. Das Denken, die Logik kann aus diesem Grund aber auch als scharfe Waffe missbraucht werden - und wird es auch tagtäglich immer wieder. Das Problem dürfte aber nicht in der Rationalität selbst liegen, sondern darin, dass das Denken zu wenig mit den anderen drei Ebenen vernetzt ist. Die Logik, die Analyse und der Diskurs sind die Instrumente, mit denen auf der luftelementaren mentalen Ebene gearbeitet wird. Die Feuer-Ebene bereitet ähnliche Schwierigkeiten wie die Wasser-Ebene, denn auch dies ist ein Bereich jenseits des "aufgeklärten" Bewusstseins. Hier kann man die übersinnlichen Fähigkeiten als Wahrnehmungsinstrument ansiedeln. Doch den Begriff des Übersinnlichen möchte ich wegen seiner negativen Konnotationen beiseite lassen. C.G. Jung bietet noch einen anderen Begriff an. Auch er hatte ein vierschichtiges Modell, in dem er die Formen menschlicher Äußerung, die er alle als gleichrangig erachtete, in Form eines Achsenkreuzes darstellte:
intuieren
denken
fühlen
empfinden
In diesem Modell stellt Jung dem (sinnlichen) Empfinden das (übersinnliche) Intuieren gegenüber. Mit der grammatikalisch aktiven Verb-Form "intuieren" bringt Jung zum Ausdruck, dass der Mensch aktiven Zugriff auf die Intuition hat. Intuition ist demnach entgegen der üblichen Vorstellung nicht etwas, das einen unerwartet und unbeeinflussbar aus heiterem Himmel überfällt, das man entweder hat oder nicht hat, sondern eine Möglichkeit, sich aktiv Zugang zur Welt, respektive Aspekten derselben, zu verschaffen. Auch wenn noch zu erklären bleibt, wie man denn intuiert, so lässt sich dies als Wahrnehmungsinstrument auf der feuerelementaren Ebene ansetzen. Ein "Etwas" durchläuft nun auf dem Weg in die Manifestation, in der es dann sinnlich wahrnehmbar ist, in seinem Werden einen Verdichtungs-Prozess. Jedes "Etwas" ist zuerst in der Feuer-Komponente als Impuls, als Idee, als Energie oder Schwingung vorhanden. Das gilt unterschiedslos für "Luftiges", wie Gedanken, Worte, für "Wässriges", wie Gefühle oder Bilder, und auch ausnahmslos für die "erdigen", realen Gegenstände unserer Welt. Ein Impuls kann sich zu einem Gedanken, zu einer mentalen Figur verdichten und bekommt auf diese Weise eine geistige Form - eine luftige Komponente. Geht der Verdichtungs-Prozess weiter, so entsteht die wässrige Komponente, und man fühlt "es" auf der psychischen Ebene. Der letzte Schritt in diesem Prozess führt zur Entstehung der erdigen Form - das "Etwas" ist nun sinnlich wahrnehmbar.

Ganzheitliche, integrierte Planung

"Nur der ganzheitliche, integrierte Mensch kann eine ganzheitliche, integrierte Wissenschaft betreiben." (Jochen Kirchhoff) Und nur ein ganzheitlicher, integrierter Mensch kann eine ganzheitliche, integrierte Planung betreiben, könnte man ergänzen. An dieser Stelle spätestens werden die Grenzen der Anwendbarkeit geomantisch erweiterter Modelle und Instrumente für die Stadt- und Regionalplanung offenbar! Es lässt sich also wohl darstellen, dass der Ort, der Raum eine Seele hat: Neben seiner sinnlich erfahrbaren physischen Ebene besitzt er eine emotionale, bildhafte Dimension, zu der sowohl die mit den physischen Augen sichtbaren als auch die inneren Bilder gehören. Auch alle Bilder, die mit Worten "gemalt" werden, verweisen auf diese "wässrige" Ebene: Märchen und Geschichte(n), Sagen, Legenden und Mythen korrespondieren mit der seelischen Dimension des Raums. Ebenso gehören alle Namen und "Be-Zeichnungen" dazu.5
Der Raum hat auch eine rationale Ebene: seine Systematik, seine Logik, seine Funktion, seine messbaren Daten. Dies alles erfasst die heutige Planungspraxis nahezu perfekt. Darüber hinaus hat der Raum auch eine intuitiv-geistige Ebene, auf der die übersinnlichen und unerklärlichen Phänomene angesiedelt sind. Hier finden wir das Heilige und das Spirituelle oder auch das Feinstoffliche, die Kraft des Ortes. Die Begriffe sind nur Annäherungen, denn sie entstammen der "luftigen" Sphäre des Intellekts, die ja stets im Diesseits bleibt - und bleiben muss. Setzt also die geomantisch erweiterte Stadt- und Regionalplanung den "geomantisch erweiterten" Planer voraus, dessen Bewusstsein die Transformation zur integralen Struktur vollzieht? Der den Raum nicht nur vermisst und nach Daten und Fakten einteilt, sondern auch fühlend, sinnierend, gar meditierend das Ganze gegenwärtigt oder wahrt? Eine einstweilen unbefriedigende Vorstellung, so richtig sie in ihrem Kern auch ist. Unbefriedigend deshalb, weil es den Anschein hat, dass auf den Stühlen in den kommunalen und regionalen Planungsämtern in der Regel gerade nicht Menschen sitzen, die zur gesellschaftlichen Gruppe der kulturell Kreativen gerechnet werden können. Ausnahmen bestätigen freilich diese Regel, und sie legen einem nahe, genau dort zu beginnen. Die "geomantische Erweiterung der Stadt- und Regionalplanung" selbst ist als ein integraler Prozess zu begreifen, die den planenden Menschen ebenso in die Transformation einbezieht und nicht nur seine Instrumente. Darin ist selbstverständlich auch der siedelnde, wohnende Bürger integriert. Denn der Mensch ist nicht nur "Ertragender" eines jeden Strukturwandels, sondern in erster Linie der "Träger".