Im Wasser geschaut

Die Praxis der Wassermantikvon der Antike bis heute, Teil 1

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 15/2003

In einer zweiteiligen Studie zur Divination mit Hilfe des Wassers erschließt hier der Naturphilosoph Reinhard Falter historisches Bedeutungswissen, das er im zweiten Teil in einen neuen Naturzugang integriert.

Wasser war zu allen Zeiten ein Grundelement des menschlichen Naturumgangs. Es ist für den Menschen lebensnotwendig. Zugleich ist es ein Grundprinzip der Welt, nämlich dasjenige, welches dem gegenständlich Fassbaren, dem Festen, der Erde gegenübersteht. Neben der Scheidung von Himmel und Erde (Uranos und Gaia) ist die von Wasser und Festem in allen frühen Kosmologien zentral. Der menschliche Umgang mit dem Wasser war nie nur ein praktischer. Der archaische Mensch erfährt im Wasser eine Grundart des Seins. Deshalb erscheint ihm das Wasser in seinen verschiedenen Erscheinungsformen göttlich. Die Götter sind die Grundcharaktere des Seins, und im Wasser können alle diese Charaktere erscheinen. Im brausenden Hochwasser erscheint der Sturm- und Kriegsgott - heiße er nun Ares, Mars oder Enki -, in der spiegelnde Fläche erscheint die Kraft, die der Mensch im eigenen Seelenleben als Fähigkeit zur Reflexion erfährt - im Griechischen heißt sie Pallas Athene, im Römischen Minerva -, in der entlang des Stroms verbindenden und die Ufer trennenden Kraft des Flusses erscheint Hermes oder Merkur, in der Fruchtbarkeit schenkenden Kraft die Muttergottheit Demeter.1 Der Mensch steht aber nicht nur staunend vor der Fülle der Wirklichkeit. Er will sich mit ihr ins Verhältnis setzen. Einerseits will er die Natur für seine praktischen Bedürfnisse nutzen, und dazu benötigt er kausales Wissen. Er muss wissen, wieviel Wasserkraft ein Schöpfrad verträgt, er möchte wissen, wann die Überschwemmung des Nils einsetzt, und die Beobachtung zeigt ihm einen Zusammenhang mit dem Erscheinen des Hundssterns. Zugleich sind all diese Zusammenhänge aber auch Wirken der Götter, und in der Tatsache der Regelmäßigkeit der Nilüberschwemmung und der Unzuverlässigkeit anderer Flüsse erfährt er etwas über die Welt als Ganze. Alle Einzelbeobachtungen bilden nicht nur ein praktisch verwendbares Wissen, sondern auch ein Weltbild. Das Weltbild der Ägypter ist von der Zuverlässigkeit und Güte der Natur geprägt, das der Bauern am Euphrat von der Unberechenbarkeit des Kampfs der Elemente, dem die Regelmäßigkeit der Gestirne gegenübersteht.2

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