Im Wasser geschaut

Die Praxis der Wassermantikvon der Antike bis heute, Teil 1

von Reinhard Falter erschienen in Hagia Chora 15/2003

In einer zweiteiligen Studie zur Divination mit Hilfe des Wassers erschließt hier der Naturphilosoph Reinhard Falter historisches Bedeutungswissen, das er im zweiten Teil in einen neuen Naturzugang integriert.

Wasser war zu allen Zeiten ein Grundelement des menschlichen Naturumgangs. Es ist für den Menschen lebensnotwendig. Zugleich ist es ein Grundprinzip der Welt, nämlich dasjenige, welches dem gegenständlich Fassbaren, dem Festen, der Erde gegenübersteht. Neben der Scheidung von Himmel und Erde (Uranos und Gaia) ist die von Wasser und Festem in allen frühen Kosmologien zentral. Der menschliche Umgang mit dem Wasser war nie nur ein praktischer. Der archaische Mensch erfährt im Wasser eine Grundart des Seins. Deshalb erscheint ihm das Wasser in seinen verschiedenen Erscheinungsformen göttlich. Die Götter sind die Grundcharaktere des Seins, und im Wasser können alle diese Charaktere erscheinen. Im brausenden Hochwasser erscheint der Sturm- und Kriegsgott - heiße er nun Ares, Mars oder Enki -, in der spiegelnde Fläche erscheint die Kraft, die der Mensch im eigenen Seelenleben als Fähigkeit zur Reflexion erfährt - im Griechischen heißt sie Pallas Athene, im Römischen Minerva -, in der entlang des Stroms verbindenden und die Ufer trennenden Kraft des Flusses erscheint Hermes oder Merkur, in der Fruchtbarkeit schenkenden Kraft die Muttergottheit Demeter.1 Der Mensch steht aber nicht nur staunend vor der Fülle der Wirklichkeit. Er will sich mit ihr ins Verhältnis setzen. Einerseits will er die Natur für seine praktischen Bedürfnisse nutzen, und dazu benötigt er kausales Wissen. Er muss wissen, wieviel Wasserkraft ein Schöpfrad verträgt, er möchte wissen, wann die Überschwemmung des Nils einsetzt, und die Beobachtung zeigt ihm einen Zusammenhang mit dem Erscheinen des Hundssterns. Zugleich sind all diese Zusammenhänge aber auch Wirken der Götter, und in der Tatsache der Regelmäßigkeit der Nilüberschwemmung und der Unzuverlässigkeit anderer Flüsse erfährt er etwas über die Welt als Ganze. Alle Einzelbeobachtungen bilden nicht nur ein praktisch verwendbares Wissen, sondern auch ein Weltbild. Das Weltbild der Ägypter ist von der Zuverlässigkeit und Güte der Natur geprägt, das der Bauern am Euphrat von der Unberechenbarkeit des Kampfs der Elemente, dem die Regelmäßigkeit der Gestirne gegenübersteht.2

Naturwissen verstehen

Die Suche alter Kulturen nach Naturwissen verfolgt also immer zwei Richtungen, die nicht so getrennt waren wie heute: einerseits das kausale Wissen, das dem sich Einrichten in der Natur und der möglichen Beherrschung ihrer Äußerungen gilt, und andererseits das verstehende Wissen, das in den Phänomenen etwas darüber erfahren will, wie die Welt ist. Ich nenne letzteres Bedeutungswissen.3
Wollen wir altes Naturwissen verstehen, dürfen wir die heutige Trennung nicht einfach voraussetzen. Die Geschichte des Kausalwissens ist als Naturwissenschafts- und Technikgeschichte präsent. Der Blick auf das alte Bedeutungswissen ist uns dagegen weitgehend durch seine Verflechtung mit religiös-dogmatischen Systemen verstellt. Mantik ist die Art von Wissenschaft, die im Lauf der Geschichte am stärksten zu abergläubischen Systemen und zu Pseudowissenschaften ausgebaut wurde: so sehr, dass wir gar nichts mehr verstehen. Der Philosoph Wolfram Hogrebe ist in seinem Buch "Metaphysik und Mantik" einigen Spuren nachgegangen; so hat er bei dem spätmittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Auvergne, den er zur Prärenaissance mit einem Wiedererwachen des Interesses für die Natur rechnet, die Rede vom sensus naturae (auch splendor naturae) gefunden.4 Mantik wird in dieser Interpretation zu einer natürlichen, präsensuellen Fähigkeit, die den Tieren sogar in höherem Maß eigen ist als dem Menschen, zu einer Witterung für Atmosphären. Bedeutungswissen wird konkret in der traditionellen Mantik, dem Versuch, aus bestimmten Naturphänomenen Auskunft über Verborgenes oder Zukünftiges zu erhalten. Zukünftiges ist hierbei nur ein Sonderfall des Verborgenen.5 Das Zukünftige wird gewissermaßen in Form von Keimen gedacht, die unter der Erde liegen und aufgehen werden bzw. zur Erscheinung kommen. Den Prozess dieses Zur-Erscheinung-Kommens bezeichnet die Antike als Physis bzw. Natura. Das Reich des Verborgenen ist das unterirdische Reich. Es hat ausdrücklich keinen übernatürlichen Status, sondern es ist der Wurzelgrund der Naturprozesse. Lebewesen haben verbergende und offenbarende Verhaltensweisen, z.B. Tarnung und Balztanz. Es gibt aber auch unabsichtlich hinterlassene und dennoch präzise Zeichen, etwa Spuren.
Bei den Quellen der Mantik handelt es sich nicht um adressatenspezifisch gerichtete Zeichen, sondern eher um Spuren. Versteht man Bedeutungswissen als Form des Wissens vom Indiskreten, Nicht-Gegenständlichen, nicht klar Abgegrenzten, sieht man von vorneherein ein, dass hier wenig digital Eins zu eins kommunizierbar ist. Digitale Information ist nach der Definition von Hogrebe diejenige, die keine andere Information als die explizite liefert. Die Information "sie trug eine rote Rose im Haar" sagt weder über sie noch über die Rose etwas anderes aus, als dass sie jeweils existieren. Jedes Bild würde aber viele weitere "Informationen" wiedergeben, die sich nur wortreich und auch nur angenähert digitalisieren lassen. Informationen sind nun tendenziell umso digitaler, je distanzierter, und umso analoger, je intimer sie sind.4
Mantik richtet sich nicht auf ein Kausalwissen. Das ist wichtig: Wer meint, "weil die Sterne so stehen, deshalb geschieht etwas", begreift schon nicht mehr, dass Bedeutungen keine kausalen Zusammenhänge sind. Mantik ist der Versuch, einen "Geschehenssinn" zu erkennen, ja, sie beruht im Grundansatz darauf, dass sich eine Qualität auf verschiedene Weise niederschlägt. Nicht die Sternkonstellation bei der Geburt oder die Linien in der Hand sind es, die kausal bestimmte biographische Ereignisse hervorbringen (das ist eben blanker Aberglauben), sondern sie sind Ausdruck desselben "Moments", man könnte sagen, einer Zeitqualität. Zeitqualitäten wie Ortsqualitäten (der so genannte Genius Loci) werden in der Antike mit denselben Namen benannt - mit denen der Götter. Götter der Erfahrungsreligion sind Grundcharaktere der Wirklichkeit, die in der Psyche ebenso wie in der Außenwelt auftreten bzw. diese erst bilden: Ares ist ebenso erlebbar im Zorn wie im vom Hochwasser angeschwollenen, wütend einherbrausendenWildbach, Aphrodite ebenso in meinem Verliebtsein wie in einer betörend duftenden Blumenwiese.6 Die unterschiedlichen Methoden, Zeitqualitäten zu erfassen, waren wiederum selbst einzelnen Göttern zugeordnet. Losorakel gehören in der griechischen Kultur dem Hermes zu, Inkubationsorakel den unterirdischen Gottheiten, Inspirationsmantik den Landschaftsgöttern, z.B. Pan und den Nymphen, aber auch Apoll.7 Man kann das, was Bedeutungswissen entdeckt, auf drei verschiedene Arten für bedeutsam halten:
- realistisch als a priori gegebene Struktur der Welt,
- idealistisch in dem Sinn, dass unsere kognitive Verfassung den Informationsfluss in bestimmter Weise ordnet, sowie
- fiktionalistisch, insofern etwas zweckmäßig ist, weil genau diese Struktur eine optimale Verarbeitung ermöglicht.4

Hydromantie

Eine der seit dem Altertum geübten Mantiken ist die Hydromantie, die Weissagung aus Wasserphänomenen. (Manchmal wird die Pegomantie8, das Weissagen an Quellen, eigens aufgeführt.) Diese soll hier dargestellt werden, um dann zu fragen, welche Art Wissen ihr zugrundeliegt. Der Ursprung der Hydromantie wie der meisten anderen mantischen Techniken wird allgemein den Chaldäern zugeschrieben. Nach einer spätantiken Definition bedeutet Hydromantie, durch Betrachtung des Wassers die Bilder der Dämonen hervorzurufen und ihre Erscheinung zu sehen oder dort von ihnen etwas zu hören. Wissen über die Zusammenhänge der Welt kommt aus Ursprungs- und damit Erdnähe. Der große Mythenforscher W.F. Otto schreibt lapidar: "Wo die Ursprünge des Werdens sind, da ist auch Weissagung. Daher sind die Wasserwesen prophetisch."9 Fließendes Wasser gilt als ursprungsnah, weil es erd- und damit (für uns, die wir das Jenseits paradoxerweise im Himmel verorten) jenseitsnah ist. Die Darstellung von auf der Erde lagernden Flussgöttern und Nymphen ist ebenso ein Hinweis auf ihre Erdnähe wie auf ihr schlaf- und traumverwandtes Wesen. Besondere Bedeutung kommt den Unterweltflüssen zu. Beim Styx schwören die Götter. Der Acheron ist Ort eines Totenorakels (Herodot 5,92, Pausanias IX, 30,6).

Grundsymbolik

Grundbedeutungen von "Fluss" lassen sich etwa aus dem Traumbuch des Artemidor (2. Jahrhundert) rekonstruieren, obwohl Artemidor bereits ein Zeichenverständnis besitzt und der Wirklichkeitsbereich, aus dem er Deutungen sucht, arg auf das Karrieredenken eines spätantiken Polisbürgers verengt ist. Wasser ist nach Artemidor ein Grundbild der Erfüllung von Bedürfnissen und Wünschen. "Wenn man nichts zu trinken findet und zu einem Fluss oder einer Quelle oder einem Brunnen kommt, ohne Wasser schöpfen zu können, so bedeutet das, dass man nichts von dem, wonach man trachtet, bewerkstelligen wird" (Artemidor I, 66 vgl. auch V, 78). "Flüsse, die reines, durchsichtiges Wasser haben und ruhig dahinströmen", bringen Reichtum und Wunscherfüllung. Schlammige und reißende dagegen sind eine Drohung. Ein Flusstraum entscheidet, ob man seine Sache politisch durchbringt. Träumt man, einen Fluss nicht durchqueren zu können, soll man den begonnenen Prozess lieber abbrechen. Besondere Bedeutung haben Flussträume auch für Reisepläne: "Denn die Flüsse gleichen Herren und Richtern, weil sie, ohne Rechenschaft schuldig zu sein, nach ihrem eigenen Ermessen tun, was sie wollen, aber sie gleichen auch Reisen und Bewegungen, weil das Wasser nicht stillsteht sondern weiterfließt" (Artemidor II, 27). Beide Bedeutungen fallen im Genius der Biographie zusammen. Quellen und Brunnen bedeuten gleichfalls Reichtum und Kinder. "Ein schön gelegener, kleiner See bedeutet eine reiche Frau, die ihre Freude an der Liebe hat; denn der See nimmt alle auf, die hineinsteigen wollen, und hindert sie nicht." Träume von Flüssen, Seen oder auch von anthropomorphen Wassernymphen sind für das Kinderzeugen günstig.

Praktiken am Wasser

Traum- und Wacherscheinung sind nicht prinzipiell unterschieden. Was uns in der Umwelt begegnet, hat genauso zeichenhafte Bedeutung, nur verschwindet sie oft hinter der lebenspraktischen Bedeutung, während sich beim Traum schneller die Frage nach einem Sinn stellt. Die methodisch betriebenen Praktiken können nur aus Bruchstücken der Überlieferung rekonstruiert werden. Machen wir uns zunächst klar, welche Möglichkeiten überhaupt bestanden. Ähnlich wie bei der Vogelschau das Geschrei, der Flug und das Fressverhalten, konnten ja unterschiedliche Vorgänge beobachtet werden. Es konnte sich zudem um erbetene Orakel (impetrativa) oder unerbeten erschienene (oblativa) handeln. Die Deutung konnte konventionell festgelegt oder situativ zu finden sein.

1. Wirbelformen

Die Wahrsagung aus den Formen erscheint bei Plutarch: "Die weisen Frauen, welche aus der Beobachtung der Wirbel und Strudel und aus dem Brausen der Flüsse die Zukunft deuteten, wollten eine Schlacht vor Neumond nicht zulassen." Dabei bleibt unklar, ob es festgelegte Zeichen gab, Grundgesten des fließenden Wassers wie Einrollung oder Überkreuzung von Wellen,10 oder ob die Seherinnen frei assoziierten. Auch in der Renaissance gibt es noch Hydromantie aus Wirbelformen, freilich aus selbst erzeugten. Pictorius schreibt, man werfe "unter Gemurmel drei Kieselsteine in ein ruhiges Wasser und betrachte die Kreise, welche sie hervorbringen, als ein Orakel".11 Ein Versuch zu einer Systematisierung der Wirbelformen findet sich bei Stefan Brönnle.12 Tacitus (Annales VI., 37) sagt, dass beim Flussopfer an den Euphrat zu Beginn des Partherfeldzugs des Vitellius die Schaumkronen des Flusses als diademförmig und damit als Verheißung der Herrschaft interpretiert wurden. Fische galten als Inkarnationen der Formbildungen des Wassers. Athenaios (Deipnosophistae VIII., 333d-e) berichtet über das Apollon-Orakel in Dinos an der lykischen Küste, dass hier ein Opferloch mit Meerwasser geflutet wurde. Dabei wurden auch Fische hereingespült oder durch Opferfleisch angelockt. Die Kombination der verschiedenen Fischarten war Grundlage für die Prophezeiung.5 Hier kommt jedoch eine negative Bedeutung hinzu: Der Fisch ist außerhalb seines Elements nicht lebensfähig (Artemidor 2,18, 34 und 2,27, 148). Insofern hatte auch der Traum des Plautianus, wonach Fische aus dem Tiber sprangen und ihm zu Füßen fielen, nicht die positive Bedeutung einer Herrschaft, sondern eher die, dass er zu Tode käme, wenn er seinen Strom verlasse, d.h. den Strom der Severer.13. Einen Sonderfall stellen Poseidon-Prozesse mit der Bildung von Festem aus dem Flüssigen, also neuer Landformen, dar. Überliefert ist, dass die Neubildung einer Insel beim großen Seebeben des Jahres 199 oder 198 v.Chr. politisch gedeutet wurde: Rom war in der metaphorischen Auslegung der Wahrsager die neu aufgetauchte Insel. Die römische Macht, die im Jahr zuvor mit militärischem Engagement im Osten begonnen hatte, würde sich fest etablieren.14

2. Farbe

Die Farbe eines Flusses (die Livius in seiner Liste des Prodigienwesens am Ende der 1. Dekade nennt15), gibt Aufschluss über die gelösten Feststoffe bzw über die Art des Wassers. Regenwasser färbt den Fluss erdbraun, Gletscherwasser milchig grau. Wie für die Herbeirufung unterschiedlicher Götter und Geister unterschiedliches Wasser (Regen-, Quell-, Fluss- oder Meerwasser) verwendet wurde,16 so wurden auch die Färbungen des Wassers den verschiedenen Göttern zugeordnet. Der Fluss beim phönizischen Byblos z.B. schwoll durch Hämatit-Partikel im Geschiebe bei Hochwasser rot an, was als Blut des Vegetationsgottes Adonis gedeutet wurde.17 Einen Blutbach, der Kriegszeiten ankündigen soll, gibt es auch am Auerberg im Allgäu. Die Farbe kommt von eisenhaltigem Gestein,18 und Eisen ist das Metall des Kriegsgottes. Auch in China gilt Blutfärbung des Wassers als besonders schlechtes Vorzeichen.19 Farbensymbolik ist uns auch beim Feuerorakel der Chataren oder Toghuzghuzen überliefert: Grün bedeutet Regen und Überfluss, weiß Dürre, Rot Blutvergießen, Gelb Seuchen, Schwarz Tod des Königs oder eine weite Reise.

3. Rauschen

Bei Plutarch war auch vom Brausen der Flüsse die Rede, aus dem geweissagt wurde. Das Rauschen entspricht im akustischen Bereich als Sprache des Wassers genau den optischen Wirbelformen als Ausdruckszeichen. Das Rauschen gilt als Sprache der Nymphen; so ist z.B. das Rauschen der Bäume für das Zeus-Orakel von Dodona, dem auch eine heilige Quelle zugeordnet ist, als Sprache der Dryaden belegt.
Der umstrittene österreichische Wasserforscher Viktor Schauberger glaubte gleichfalls aus dem Rauschen des Wassers seine Qualität und sogar bevorstehende Wetterumschwünge erkennen zu können.20 Bei den Bächen von Daphne bei Antiochia fällt Philostrat ihr mangelndes Rauschen auf. Das erscheint ihm als Zeichen dafür, dass die Kraft des Ortes gewichen ist.21 Ein schönes Beispiel ist der Wasserfall "zu Hölle" bei Innerstein am Brenner. Er "rauscht" bei schönem Wetter, bei schlechtem nicht.

4. Hoch- und Niedrigwasser

Aurelius Victor, ein Autor des 4. Jahrhunderts, berichtet in seinem "Liber de Caesaribus" (32, 3 f.), dass bei der Erhebung des Gallienus zum Kaiser der Tiber im schon fortgeschrittenen Sommer über die Ufer getreten sei. Zeichenkundige deuteten dies, dass der Stadt wegen der unsteten Geistesverfassung (fluxo ingenio) des jungen Mannes Gefahr drohe, der ebenso wie der Fluss aus Etrurien gekommen war. Beim bereits erwähnten Euphratübergang des Vitellius wurde das Anschwellen des Flusses ohne sichtbare Regengüsse als positive Reaktion auf das Flussopfer gedeutet. Eine vorbedeutende Tiberflut wird auch für das Jahr 27 für die Nacht, als Octavian den Augustustitel empfing, berichtet.22 Wahrsager deuteten sie so, dass Augustus große Macht erlangen und "die ganze Stadt unter seiner Herrschaft halten" werde. Fast gleichlautende Berichte liefert Cassius Dio aber für die Jahre 5 und 15 n.Chr. als schlechte Vorzeichen. Im letzteren Fall ist der neue Kaiser Tiberius eifrig bemüht, die gegen ihn gerichtete Unmutsbekundungen der Bevölkerung zu vermeiden.23 Im allgemeinen gelten Unregelmäßigkeiten als Warnungen der Götter. In China werden Überschwemmungen als Vorzeichen künftiger Erhebungen und, da das Wasser dem Yin angehört, eines Überhandnehmens des Weiblichen angesehen.20

5. Intermittierende Quellen

Flavius Josephus (Bell Jud VII, 5,1) und Plinius (Nat. Hist. XXXI, 11) erwähnen einen Sabbatfluss zwischen den syrischen Städten Arkea und Raphanea. Bei Josephus fließt der Fluss nur am Sabbat, bei Plinius ruht er gerade dann. Das Ausbleiben oder Einsetzen von nicht regelmäßig schüttenden Quellen galt vielfach als Vorzeichen vor allem für das Wetter. So genannte "Hungerbrunnen", deren Erscheinen oder Ausbleiben Teuerung anzeigt, gibt es eine ganze Reihe.24 Der auch kausal fassbare Hintergrund dafür war die Zeigerfunktion der Quellen für zu nasse oder zu trockene Jahre. Doch nicht regelmäßig schüttende Quellen waren auch ein Gleichnis für andere rhythmische Vorgänge. Die Quelle im Heiligtum von Dodona, die Nachmittags aussetzte, stand dafür, dass auch die Orakel nicht immer flossen - ein Bild für das Versiegen der mantischen Fähigkeit. So hieß es bezüglich der Quelle im Apollonheiligtum von Didyma, dass sie nach der Eroberung durch die Perser versiegt und erst nach dem Wiederaufbau des Tempels in der Zeit Alexanders des Großen wieder entsprungen sei.5 In China zeigt besonders heftiges Sprudeln einer Quelle Aufstiegsmöglichkeiten und eine rasche Beförderung von niedrigem Rang aus an.20 Durch Quellen sollte freilich das Wetter nicht nur angezeigt werden, sondern auch umgekehrt beeinflussbar sein. In der Neuzeit findet sich als häufiges Sagenmotiv, dass das Werfen eines Steins in einen See Unwetter erzeugen könne. So auch im "Simplizissimus" von Grimmelshausen, wo Simplizissimus erfährt, dass es 365 solcher Seen gibt; erwähnt werden neben dem Mümmelsee der Pilatussee sowie der von Kamarina und der Titicacasee. Der Ursprungsmythos der Inka aus diesem See wird mit Bezug auf das Alte Testament so gedeutet, dass "etliche Kanaanäer, so dem Schwert Josuae entronnen und sich aus Desperation in einen solchen See gesprengt, nach Amerikam geführt, maßen deren Nachkommen noch heutigen Tag den See zu weisen wisen, aus welchem ihre Ureltern anfänglich entsprungen."25 Auch die Quelle der Wöhhanda in Litauen gilt als eine, in die Steine zu werfen Unwetter verursacht.26 Die Wöhhanda ist übrigens auch einer der berühmtesten Fälle von Aufbegehren gegen wasserbauliche Maßnahmen im Mittelalter, die Errichtung einer Mühle am Bach wurde für die folgende Trockenheit verantwortlich gemacht.27 So gewendet erscheint das Motiv in den Texten der Renaissance, wohl als Dämonisierung eines in der vorchristlichen Zeit verbreiteten Regenzaubers. Die ursprünglichere Version dürfte gewesen sein, dass in Quellen oder Seen ein Opfer hineingeworfen wurde, um Regen zu erzeugen, wie es Pausanias aus Griechenland berichtet. Solche Vorstellung gibt es auch in China: Aus dem Teich des Drachenhaupts kommt auf das Gebet des Kaisers hin eine rote Schlange, worauf sich Wolken ausbreiten und Regen fällt.28 Ein entsprechender Brauch hat sich in Franken bis ins letzte Jahrhundert erhalten. Um Regen bittend, mussten junge Mädchen je drei Stöckchen in den dem heiligen Moritz geweihten Brunnen werfen. Zusätzlich hatte dies auch noch eine Orakelbedeutung nach dem Ja-Nein-Schema. Sank ein Stöckchen unter, so bedeutete dies Unglück der Werferin oder sogar Tod in diesem Jahr. Es findet sich hier auch eine Geschichte von der Schlangenkönigin mit goldener Krone. Ein Mittelding gibt es im Allgäu: In den Weißensee bei Füssen warf man allerlei Geweihtes ins Wasser, um sich vor Hagelschlag zu schützen.29

6. Hineinwerfen

Mit dem Stöckchenwerfen haben wir bereits den Bereich passiver Schau überschritten. Eine Ja-Nein-Alternative liegt vor allem den Opferorakeln zu Grunde. Man warf eine Münze in einen Quelltopf und beachtete, welche Seite (Herrscherkopf oder Götterbild) nach oben zu liegen kam.30 An der Ino-Quelle von Epidauros-Limera (Lakonien) wurden Kuchen in die Quelle geworfen, deren Annahme durch die Quelle als positives, ihr Wiederausspucken als negatives Zeichen gewertet wurde (Paus III, 23,8). Ähnliches berichtet Agrippa unter Berufung auf Dio von einem "Nymphäum", in dem Räucherwerk geopfert wurde.23 Umgekehrt ist die Symbolik einer sizilischen Quelle, mit der Schwüre geprüft wurden: Sank das Blatt, auf dem der Schwurinhalt geschrieben war, galt er als falsch (Agrippa III, 48 unter Berufung auf Aristoteles). Hierzu gehört auch die Flussprobe (Julian Ep 16 ad Maximum). Als eine Art Wasserprobe kann auch die Aussetzung von Neugeborenen in fließendes Wasser gesehen werden. Sie ist als Sagenmotiv häufig, so auch in der Moses-Legende des Alten Testaments, als historische Tatsache aber im keltischen Bereich mehrfach belegt.31 Jordanes (XVI, 93) berichtet von Markianopolis, einer von Traian gegründeten Stadt an den Quellen der Devnja, die auf kupfersteinzeitlichen Siedlungen fußt, die Legende, dass Marcia(na) beim Wasserschöpfen, ein goldenes Gefäß hineinfallen ließ, das sofort versank. Lange Zeit danach kam das Gefäß wieder zum Vorschein, und Traian, der das erfuhr, glaubte, dass eine Gottheit in der Quelle lebe und gründete dort eine Stadt, die er nach seiner Schwester benannte. Der heutige Orts- und Quellname Devnja in der frühneuzeitlichen Form Devino oder Devina könnte von Deva (Mädchen/Jungfrau) abgeleitet sein, vielleicht aber auch von einer indoeuropäischen Wurzel mit der Bedeutung "fließen" kommen. Das Sagenmotiv von einem zum Vorschein gekommene Gefäß (oder Schatz) verweist tatsächlich oft auf vorzeitliche Quellopfer.

7. Opferbefragung vor Übergang

Flüsse stellen in der gesamten Antike und besonders in römischer Auffassung natürliche und zugleich göttliche Grenzen dar.32 Auch als Gemeinde- und Feldgrenzen wurden gern Bäche bestimmt, daher der Begriff "Rivale", der "Bach-Anrainer". Jede Überschreitung eines Gewässers ist eine Grenzüberschreitung. Besonders bei Überschreitung der großen Grenzströme wie des Euphrat am Beginn jedes Partherfeldzugs wurde dem Fluss geopfert, so von Lucullus (Plutarch Lucullus 24), Crassus und dem schon erwähnten Vitellius. Crassus missachtete das böse Vorzeichen, dass der Euphrat Feldzeichen mit sich riss, und prompt scheiterte sein Unternehmen. Auch die Griechen betrachteten Annahme oder Ablehnung eines Flussopfers als Parteinahme des Flusses für eine Seite. Herodot beschreibt, wie der Feldherr Kleomenes an den Erasinos kommt: "Als Kleomenes an den Fluss kam, schlachtete er ihm ein Opfer. Als aber die Opferzeichen gar nicht günstig für den Übergang waren, sagte er, er müsse zwar den Erasinos rühmen, dass er die Sache seiner Landsleute nicht preisgeben wolle, die Argeier würden aber dennoch ihrem Schicksal nicht entgehen. Darauf machte er kehrt und zog nach Thyrea hinab, wo er dem Meer einen Stier als Opfer schlachtete und dann mit Schiffen nach der Küste bei Tyrins und Nauplia hinüberfuhr" (Herodot VI, 76). Hier handelt es sich nicht um Weissagung aus dem Wasser, sondern um Opferschau. Doch gilt der Flussgott als Urheber des Zeichens.
Im Fall der Temeniden, deren Verfolger durch plötzliches Anschwellen des Flusses Erigon, eines Nebenflusses des Axios (heute Wardar) am Nachsetzen gehindert wurden, (Herodot VIII, 138) wurde dies als eindeutige Willenskundgebung des Flusses aufgefasst und ihm ein Dankopfer gebracht.

8. Bild im Wasserspiegel

Als die Leute in Tralleis (Lydien) einen Knaben über den Ausgang des mithridatischen Krieges weissagen ließen, sah dieser im Wasser ein Bild des Hermes und antwortete in 140 Versen.33 Pausanias (VII, 21,12) beschreibt bezüglich einer Quelle beim Demetertempel in Patras eine Praxis, "wo die, welche wegen des Ausgangs von Krankheiten um Rat fragten, einen Spiegel sachte an einer Schnur bis zur Oberfläche des Wassers hinabließen und dabei gewisse Gebete hersagten und Räucherwerk anzündeten, worauf der Ausgang der Krankheit sich im Spiegel zeigte." Dies nannte sich Kaptromantie".34 Pausanias erwähnt auch eine Quelle bei Kyaneai in Lykien35 (VII, 21,13), die auch in anderen Angelegenheiten befragt wurde: "Das Wasser bei Kyane erlaubt einem, wenn man in die Quelle schaut, gleichermaßen alles, was man will, zu schauen". Darauf bezieht sich eine der wenigen kaiserzeitlichen bildlichen Darstellungen eines Quellorakels. Sie zeigt Apollon, einen bändergeschmückten Zweig über das auf einem Berg befindliche Quellbecken haltend. Der Wasserspiegel galt als unheimliches Phänomen. Nach Artemidor (2,7) hat es eine schlechte Vorbedeutung, sich im Traum im Wasserspiegel zu erblicken. Der Spiegel zeigt ein vom Wesen abgelöstes Bild, so stellte man sich die Wirklichkeit der Anderswelt vor. Der Tod verwandelt den Menschen in ein Bild seiner selbst. Im Spiegelungsphänomen ist das Sein als bloßes Bild, das sonst in der Anderswelt ist, auf der Erde. Auch in seinem Spiegelaspekt trägt das Wasser also andersweltlichen Charakter.36 Im Volksglauben hat sich vieles davon erhalten: Wassergefäße, bei einer Mondfinsternis ins Freie gestellt, zeigen dem hineinschauenden Mädchen den künftigen Bräutigam.37 Der Spiegelbrunnen in München soll einmal die Ursache der Pest geworden sein, weil aus ihm giftige Dämpfe aufstiegen. Man brachte über dem Brunnen einen Spiegel an und erblickte in ihm einen giftigen Lindwurm, der durch den Spiegel schließlich herausgelockt und getötet werden konnte.38 Eine phantastische Mischung von Orakel durch Hineinwerfen und erscheinendem Bild erzählt der Kirchenhistoriker Sozomenos über die Quelle von Daphne bei Antiochia. Hadrian soll ein Lorbeerblatt vom Baum der Daphne hineingeworfen haben und auf ihm sein gesamtes weiteres Schicksal geschrieben gefunden haben. Er habe die Quelle schließen lassen um zu verhindern, dass auch andere die Zukunft des Reichs erkennen könnten.

9. Trinken aus einer Quelle

Mantisches Trinken wird bei den Apoll-Orakeln von Klaros (Tacitus Annalen 2,54) und Kolophon (Jamblichos37) und in Hysiai erwähnt. Dass auch die Pythia in Delphi aus der Quelle Kassotis trank, bevor sie weissagte, findet sich bei Pausanias (10, 24,7), doch muss man bei Delphi vorsichtig sein, da die Geheimhaltung widersprüchliche Angaben hervorgebracht hat. Weissagungskraft und Dichtergabe vermittelt das Trinken der Quelle Kastalia, die namensgleich in Delphi und Daphne bei Antiochia vorkommt. Auf solche Orakel verweist auch die Erzählung, wie der römische Urkönig Numa die Anrufungsformel für den Zeuskult erfahren habe. Er habe die Quelle am Fuß des Aventin, an der die Faune Picus und Faunus zu trinken pflegten, mit Wein vermischt und so die beiden berauscht und gefangen (Plutarch Numa 15). Der Wein bringt eine dionysische Qualität hinzu, er ist die Form, in der Feuer und Wasser sich verbinden. Die mantische Kraft wird bei den Quellorakeln weniger der Stofflichkeit des Wassers als der Analogie zugeschrieben. Quellen sind der "Mund der Erde", aber auch Eingänge zur Anderswelt. Das Heraussprudeln aus dem Reich der Schicksalsmächte erschien als physische Darstellung des Orakelprozesses. Die Quelle verbindet Unterwelt und Welt, All-Leben und Einzelwesen. Sie ist das Bild des Schenkens einerseits und des sich Verdankens andererseits. Die Meditation des Quelle-Seins in der Natur vermittelt dem Dichter und Seher das Verständnis für sein eigenes Quelle-Sein.
Plutarch betrachtet die mantische Kraft prinzipiell als eine der Erde entsteigende, denn es geht bei der mantischen Kraft in seiner Sicht um eine Art gesteigerter Durchlässigkeit: "Aus sich heraus gelangt der Körper zu einer solchen Verfassung zwar nicht oft. Doch sendet die Erde den Menschen Quellen von mannigfaltigen Kräften herauf, teils Wahnsinn erzeugende, Krankheit und Tod bringende, teils gute, wohltätige und heilsame, wie sich denen offenbart, die hingehen und sie erproben; der prophetische Strom und Hauch aber ist der göttlichste und heiligste, ob er nun für sich allein in Luftform oder mit einem feuchten Nass heraufsteigt. Denn wenn er in den Körper eindringt, dann erzeugt er eine ungewohnte seltsame Verfassung."39 Plutarch stellt sich das so vor, "dass infolge der Durchflutung mit Wärme gewisse Öffnungen für das Eindringen von Vorstellungen des Zukünftigen sich auftun, wie der verdunstende Wein neben anderen Regungen, die er erzeugt, abgelegene, verborgene Gedanken enthüllt (...), wenn die Seele, erwärmt und glühend geworden, die Behutsamkeit abschüttelt, welche die sterbliche Vernünftigkeit anwendet, und so zu vielen Malen den Enthusiasmos verdrängt und erstickt." Das eindringende Medium wird dabei dem Licht als Bedingung für das Sehen parallelisiert. Das hängt auch damit zusammen, dass die Vergangenheit stromförmig gedacht wird.39 Während die ersten sieben Formen deutliche äußere Ereignisse aufweisen, die als Omina interpretiert werden, könnte man die letzten beiden eher als Formen innerer Erfahrung ansprechen, wobei die Omina sich erst durch Visionen ergeben.