Die Gaia-Hypothese
Eine Geophysiologie der Biosphäre
Die Gaia-Theorie ist auch in Geomantie-Kreisen ein gern und flott verwendetes Schlagwort - doch was ist das Revolutionäre daran? Auf welchen philosophischen und wissenschaftlichen Fundamenten baut sie auf? Der Wissenschaftshistoriker Jacques Grinevald gibt einen Überblick.

Die angelsächsische Literatur über die Gaia-Hypothese, die vor rund zwanzig Jahren in die Welt trat,1 gewinnt immer größere Bedeutung. In ihren komplexen Bezügen ist sie nicht immer leicht zu verfolgen, denn die Gaia-Hypothese hat Auswirkungen auf eine ganze Reihe wissenschaftlicher, zum Teil sehr technischer Fachdisziplinen. Seit einiger Zeit hat sie sich über die Netzwerke der interdisziplinären Avantgarde-Forschung hinaus weiter ausgebreitet. Die Grundidee des Gaia-Konzepts, das seit seiner anfänglichen Entwicklung in den Arbeiten von James Lovelock und Lynn Margulis von 1974 unterschiedliche Definitionen und Interpretationen erfahren hat, besteht in der Vorstellung einer selbstregulierten Evolution der Gesamtheit der lebenden Organismen und Mikroorganismen einer gegebenen Epoche, die gekoppelt ist mit derjenigen der verschiedenen geologischen Schichten (den durch Suess 1875 definierten Geosphären: Atmosphäre, Hydrosphäre und Lithosphäre) des äußeren Erdkörpers - eine für die gegenwärtige mechanistische und in isolierte Disziplinen getrennte Wissenschaft ketzerische Idee von einem lebenden Planeten, der einzigartig, autonom und selbstorganisiert ist.
Das Konzept der Biosphäre
Die Gaia-Hypothese, so wie sie von James Lovelock in seinen drei Büchern (1979, 1988, 1991) formuliert worden ist, stellt für mich als Philosophen und Wissenschaftshistoriker auch eine eigenständige kybernetische und physiologische Version des Konzepts der Biosphäre dar, das bis heute noch zu wenig Anerkennung gefunden hat. Nur von denjenigen wissenschaftlichen Ökologen, die in der Nachfolge des russischen Gelehrten Wladimir Wernadskij (1863-1945) stehen, ist sie angenommen worden.
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