Die Erde als Körper

Archetypen der Geomantie in der bildenden Kunst und Poesie

von Jiri Zemanek erschienen in Hagia Chora 15/2003

Der tschechische Kunsthistoriker Ji?rí Zemánek beobachtet, dass zeitgenössische Künstler die Erde zunehmend als lebendiges, körperliches Gegenüber begreifen. Immer öfter stellen sie ihre Beziehung zur Erde ins Zentrum ihres Schaffens - für Zemánek deutliche Anzeichen eines Paradigmenwechsels.

Der "Ruf der Erde", der heute von allen Seiten deutlich zu vernehmen ist, ist ein Ruf nach dem verlorenen Gleichgewicht und nach Harmonie in der heutigen, von der ökologischen Krise gezeichneten Welt. Dieser Ruf verlangt nicht nur nach Naturschutzarbeit, sondern es ruft auch unsere eigene Seele - es geht um die Suche nach einer neuen Geschichte. In diesem Zusammenhang tauchen Vorstellungen von der Landschaft als einem lebendigen Körper oder vom menschlichen Körper als Landschaft auf, die mit dem Archetyp der Mutter Erde, der Göttin Gaia, verbunden sind. Es geht um eines der Schlüsselbilder, in dem die Umrisse einer neuen Mythologie kristallisieren - um eine integrale, Geist und Seele einbeziehende Ökologie, die unserem Leben einen tieferen existenziellen Sinn verleihen kann und uns wieder zu einer natürlichen Identifikation mit unserer Umwelt verhilft. Dieses Bild spricht von der inneren Verbindung des Individuums mit dem "Gewebe der Existenz", von der Verflechtung unserer Wahrnehmung mit der überall vorhandenen Lebensenergie, "die alles durchdringt: vom Insekt bis zum Menschen, vom Menschen bis zum Geist, vom Geist bis zur Pflanze, von der Pflanze bis zur Galaxie", wie die Malerin Ana Mendieta sagt. Die Imagination eines derart ökologischen oder mystischen Körpers widerspricht der Konzeption des Körpers als eines mechanisch-physiologischen Apparats, wie ihn die Wissenschaft des 20. Jahrhundert betrachtet. Seine Botschaft ist anders: Anstelle des Anspruchs, die Welt durch Technik zu beherrschen, was in der Konstruktion künstlicher Körper zu münden droht, steht eine Lebensphilosophie der "Verschmelzung", d.h. der Empathie und der Liebe. Darin liegt ein bedeutendes erotisches Element. Schon Gautama Buddha sagte: "Wir sind hier, um die Welt zu umarmen und nicht zu erobern." Wenn wir die Landschaft als Körper begreifen, ist Sinn nicht eine ausschließliche Eigenschaft des Menschen. Sinn durchdringt vielmehr die gesamte Evolutionsstruktur der Natur und ist deshalb auch außerhalb der menschlichen Wesen erfahrbar. In Konsequenz heißt das, dass, wie Mensch und Tier, auch der Baum, die Pflanze oder der Stein durch Bewusstsein belebt sind. Sie sind Bestandteil eines gemeinsamen gestaltgebenden (göttlichen) Bedeutungsfeldes, traditionell als "Geist der Erde" bezeichnet, dessen Vibrationen die vielfältigen Formen unserer Welt zeugen. Das Medium, das uns den Zugang zur lebendigen Entität und zum Körper der Erde öffnet, ist dabei eher die Intuition unserer eigenen körperlich-psychischen Wahrnehmung (Gefühlsintelligenz), die mit dem inneren Zuhören verbunden ist, als der rationelle Diskurs. Eine ähnliche Beziehung zur Welt war und ist in einigen Fällen bis heute Bestandteil spiritueller Traditionen indigener Kulturen. Im Prozess der so genannten Entzauberung der Natur kam es zur vollständigen Verdrängung dieser Aspekte in unserer heutigen Kultur, als hätte man die Wurzeln abgeschnitten, die unsere Verbindung mit der Mutter Erde halten, und damit die Quellen unserer eigenen Existenz zum Versiegen gebracht. Der Psychologe Carl Gustav Jung meinte, der moderne Mensch habe seine Seele gegen einen heterogenen Komplex von Tatsachen und Kenntnissen ausgetauscht. Auf diese und ähnliche Gefahren haben vor allem einige Künstler und Philosophen der Romantik hingewiesen.

Im Wandern mit dem Geist der Erde sprechen

Das Wandern ist die älteste und auch wirksamste Weise, sich mit dem Wesen der Landschaft zu verbinden. Wir durchdringen sie beim Gehen und vereinigen uns sogar mit ihrer Existenz, so wie es auch geschieht, wenn wir jemanden berühren und streicheln. So gesehen, sind menschliche Füße "wie die Hände und die Gehirnrinde zugleich" (Zdenÿek Neubauer). John Michell, der legendäre Pionier der modernen Geomantie, sagt über die nomadisch lebenden Menschen der Frühzeit: "Sie wurden nicht von anderen Menschen, sondern von den Geistern beherrscht, die dem ewigen Element in der menschlichen Natur entsprachen." Felsen, Bäume, Berge, Brunnen und Quellen erkannten sie als Gefäße des Geistes der Erde, der durch sie seine Fruchtbarkeit, Heilkraft oder Wahrsagekraft in bestimmten Perioden zum Ausdruck brachte. Die Verehrung der Erde ist schließlich auch in den monotheistischen Religionen latent vorhanden (Christentum, Judentum und Islam) - trotz Bemühungen ihrer Vertreter, diese ursprüngliche Spiritualität zu verdrängen. Das scheint Michells Ansicht zu bestätigen, dass das tiefste Element jeder religiösen Tradition der Kult des Geistes der Erde ist. Wir finden die Erfahrung des Wanderns als Archetyp eines geistigen Weges, der auf dem Prozess der inneren Vereinigung des Wanderers mit der Landschaft beruht, auch bei einigen Künstlern und Philosophen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der amerikanische Philosoph und Dichter Henry David Thoreau verstand das Gehen als Akt der Kontemplation, der Befreiung und Reinigung (der Wallfahrt ins "Heilige Land", d.h. der Wallfahrt "ohne Rückkehr"), durch den wir zur Klarheit des Sehens und zur Fülle des geistigen Daseins erwachen. Seine Auffassung des Lebens ist die eines Geschenks: Ein einziger tief durchlebter Sonnenaufgang oder -untergang sei für die menschliche Erfahrung wertvoller als ein Engagement in Revolutionen oder Kriegen. Das typische Bild eines romantischen Wanderers verkörpert der tschechische romantische Dichter Karel Hynek Mácha. In seinen suggestiv geschilderten Szenerien von dramatischen Landschaften mit Ruinen alter Burgen, fernen Bergen (das Riesengebirge), tiefen schwarzen Wäldern und auch geheimnisvollen Seen personifiziert er oft die Landschaft als ein lebendiges Wesen. Er spricht die Erde als "Mutter" an: "meine Wiege und mein Grab". Daniela Hodrová hat in ihrer Analyse von Máchas Texten darauf hingewiesen, dass sie Ausdruck einer psychischen Erfahrung sind, die mit dem Ganzheitsbewusstsein (holotropen Bewusstsein) der transpersonalen Psychologie korrespondiert. Die Autorin hat dies am Thema der Liebe illustriert, die bei Mácha oft zu einem metaphysischen Gefühl gesteigert wird, das die ganze Landschaft und Natur durchdringt und fast "eine metaphorische Benennung der inneren Kraft des Weltalls" wird. Vor kurzem hat der bildende Künstler Milo ejn in der Interpretation eines Textfragments von Mácha mit dem Körperbild der Erde als Gesicht dessen geomantisches Denken verdeutlicht. Er schreibt über Máchas Naturerfahrung als "Berühren des Wesens von Dingen und Orten, Steinen, Felsen, Bäumen und Pflanzen, Hügeln, Tälern und Gewässern in ihrem psychischen Sein". Das eigene künstlerische Schaffen von ejn, das in der Land-Art und Aktionskunst der 60er- und 70er-Jahre wurzelt, ist wesentlich mit dem Wandern verbunden. Oft arbeitet er direkt an konkreten Plätzen der Landschaft mit den vorhandenen Materialien (Ton, Steine, Pflanzen, Wasser), Prozessen und Elementen. Das Wandern in der Landschaft führt ihn auf eine Traumebene des Bewusstseins, in der Körper, Sinn und Landschaft in dem permanenten Zustand des wechselseitigen emotionalen Austauschs sind, aus dem die Sprache des künstlerischen Werks allmählich entsteht. Im Begleittext zur Veranstaltung "Das Gras berühren" (Bewusstes Träumen, 1967) schreibt er: "Ich habe das Gras berührt, und alles wurde erschaffen - ich habe alles gesehen, alles wahrgenommen, und ich wurde von allem wahrgenommen." Diesem Erlebnis der tiefen Vereinigung mit der Natur entspricht die Erfahrung der psychophysischen Verwandlung, die z.B. im Zen als Satori bekannt ist.

Gegenseitige Liebe

Auch die Arbeiten der kubanischen Performerin und Bildhauerin Ana Mendieta, des amerikanischen Bildhauers Charles Simonds sowie des slowenischen Bildhauers und geomantischen Künstlers Marko Pogaÿcnik gehen auf den schöpferischen Gärungsprozess in der Kunst der 60er-Jahre auf dem Gebiet der Aktionskunst, Land-Art und Konzeptkunst zurück. Sie bemühen sich um andere Formen der Kultur, frei von unseren ausschließlichen anthropozentrischen Ansprüchen. Die Erdkörperskulpturen von Mendieta, in denen sie ihren eigenen Körper wiederholt eintauchen, verschmelzen, rituell baden, auflösen und in Erde verwandeln ließ, sind Ausdruck ihres "Durstes nach Dasein", des Findens einer tieferen, authentischen persönlichen Identität, die aus dem primordialen Erlebnis der Einsamkeit entsteht. Es geht um die Sehnsucht nach einer wiederbelebenden Verschmelzung mit der Mutter Erde, um die Sehnsucht, "den Körper wieder zu weihen, . seine Bedeutung als Wunder zurückzuerlangen" (Donald Kuspit) und somit seinen Wert zu erneuern, den er heute infolge der Reduktion auf einen bloßen Mechanismus oder ein Objekt sexuellen Verlangens verloren hat. Mendietas tiefe dichterische Aussage wird zur wirkungsvollen Metapher einer gesuchten neuen Geschichte, die von der gegenwärtigen Verwandlung unseres Verhältnisses zur Erde zeugt. Eine ähnliche Dringlichkeit können wir auch aus den Arbeiten von Charles Simonds herauslesen. In seiner Performance "Geburt" (1970) stellte er die Geschichte des mythischen Lebensbeginns des Menschen dar, der aus dem Schlamm der Erde zur Welt kommt; er drückte dadurch seine Überzeugung von der schicksalhaften Einheit des menschlichen Daseins mit dem Dasein der Erde aus. In der Arbeit "Landschaft - Körper - Wohnung" (1971) tauchte er nackt wieder in die Tonmasse ein, um sie durch Modellieren direkt auf seinem Körper zu einer Landschaft und Stadt umzugestalten. Dieses Werk wurde Ausgangspunkt des gesamten weiteren Schaffens von Simonds. Dabei kreierte er die Geschichte des Nomadenvolks der "kleinen Menschen" (little people) in Form von zahlreichen Miniaturmodellen mythischer Landschaften mit Wohnungen und Kultbauten, die aus dem Körper der anthropomorphisierten, aufwallenden Landschaft entstehen. Es geht darin oft um die Evokation der Ordnung des menschlichen Lebens in Bezug auf die ursprünglichen animistischen Kosmogonien. Die Bemühungen von Marko Pogaÿcnik zielten von Beginn an (Gruppe OHO) auf neue Auffassungen der Welt, die möglichst frei sind von menschlichen Projektionen. 1971 gründete er mit Freunden eine Landkommune im slowenischen empas, die sich bemühte, Kunst mit der täglichen Arbeit im Projekt "Lebenskunst" zu verbinden. In der bewussten und liebevollen Kommunikation mit der Natur begannen sich hier seine Wahrnehmungen den unbekannten mehrdimensionalen Ausmaßen der Realität zu öffnen. Er begann die Landschaft und die Erde als lebendiges Ganzes ("Wesen") zu entdecken, das von verschiedenen Ebenen und Qualitäten des Bewusstseins durchdrungen ist. In diesem Zusammenhang wurde ihm bewusst, wie diese "andere Welt" Charakter und Gestalt unserer äußeren materiellen Welt formt und aufrechterhält, mit dem menschlichen Leben verbunden und von dessen Aktivitäten beeinflusst ist. Daraus entwickelte er schließlich seine Methoden der Erdheilung. Am bekanntesten wurden Pogaÿcniks Lithopunkturprojekte, die er in einer Reihe westeuropäischer Länder realisierte: Nach einer Untersuchung der "Meridiane" und "Akupunkturpunkte" des Landschaftskörpers platziert er an bestimmten Punkten Steinstelen mit gehauenen Reliefzeichen ("Kosmogrammen"), die an megalithische Menhire erinnern - mit womöglich ähnlicher Funktion: Sie sollen blockierte Energien befreien, unterstützen oder auch erneuern. Marko Pogaÿcniks Wahrnehmungen der Landschaft sind psychosomatische Erkenntnisse. In seiner "Schule der Geomantie" beschreibt er seine Begegnung mit der "Seele" des schweizerischen Seelands, die er "Göttin" nennt. Er hält sie für ein Dasein, das in der Landschaft nicht genau lokalisierbar ist, diese aber durchdringt und die geistig-seelische Qualität des Landschaftsraums zu verkörpern scheint. Seine Verbindung mit der Seele des Seelands beschreibt er als Vereinigung auf derjenigen Ebene des Bewusstseins, auf der wir Kräfte und Energien spüren, so dass ihm das vollständige Erlebnis des Körpers dieser Landschaft in seinem eigenen Körper zugänglich wurde: Ihm blieb nach diesem Erlebnis "ein tiefes Gefühl der Verbundenheit mit dieser Landschaft [.], das am besten mit der Bezeichnung gegenseitige Liebe zu charakterisieren ist". Die Imagination des menschlichen Körpers als Landschaft und der Landschaft als Körper ist keine bloße Metapher, sondern ein Zeugnis von der ganzheitlichen, lebendigen Natur der Welt, die von einem unendlichen Bewusstsein bewohnt wird. Die Erneuerung unserer Beziehung zur Erde, die mit der geomantischen Empfindung zusammenhängt, erscheint in diesem Licht als Voraussetzung für ein tieferes Erwachen einer authentischen Spiritualität. Die Tatsache, dass ähnliche Vorstellungen und Visionen in den letzten fünfzehn Jahren Gegenstand neuer wissenschaftlicher Theorien wurden und dass auch Biologen, Anthropologen, Psychologen und Ökologen die Gestalt dieser neuen Philosophie und Kosmologie zu beeinflussen beginnen, zeugt meiner Meinung nach von einer allmählichen Neubewertung, wenn nicht regelrecht von einer Wende in der weiteren Entwicklung unserer westlichen Zivilisation.