Wilder Wald

Kulturgut Wildnis - der Nationalpark Bayerischer Wald

von Karl Friedrich Sinner erschienen in Hagia Chora 15/2003

Für den Leiter der Verwaltung des Nationalparks Bayerischer Wald, Karl Friedrich Sinner, ist Wildnis ein Kulturgut. Es sei wichtig, wieder zu lernen, die Natur wild und unberührt zu lassen. Die Verwaltung geriet in heftige Kritik, als sie den Borkenkäfer gewähren ließen. Doch die erstaunliche Selbstheilung des Waldes gibt ihr heute Recht.

Um die Bayerwaldberge Falkenstein, Rachel und Lusen erstreckt sich entlang der Grenze zur Tschechischen Republik der älteste Nationalpark Deutschlands - der Nationalpark Bayerischer Wald. Zusammen mit dem angrenzenden Nationalpark Sumava in Tschechien bildet er das größte Waldschutzgebiet Mitteleuropas. Nirgendwo sonst zwischen Atlantik und Ural darf sich die Natur auf so großer Fläche nach ihren ureigenen Gesetzen zu einem einmaligen wilden Wald entwickeln. Ein Netz von 300 Kilometern gut markierter Wanderwege, 200 Kilometern Radwege und 80 Kilometern Langlaufloipen erschließen dem Gast im Sommer wie im Winter das Gebiet. Das Panorama der Berggipfel vermittelt die Weite der Wälder des bayerisch-böhmischen Grenzgebirges. Der Besucher erfreut sich an Hochmooren und Auen, dem sagenumwobenen Rachelsee und klaren Bergbächen. Er lernt die Aufichtenwälder der Täler, den Bergmischwald mit Fichten, Tannen und Buchen und ab 1200 Meter Seehöhe den Bergfichtenwald kennen. Sie beherbergen so seltene Arten wie den Uhu, Dreizehen- und Weißrückenspecht oder die kleinste Eule Europas, den Sperlingskauz. Selbst Luchs und Schwarzstorch haben sich hier wieder angesiedelt, und auf den Almen des Bayerischen Waldes, den Schachten, blüht der Böhmische Enzian. Der Wanderer begegnet im Nationalpark aber nicht nur ursprünglichen Wäldern. Infolge heißer, trockener Sommer Mitte der 1990er-Jahre und schneearmer Winter brachte der 3 bis 5 Millimeter kleine Borkenkäfer auf großer Fläche den alten Fichtenwald zum Absterben. Zum Erstaunen der Betrachter wächst auf dem liegenden Moderholz ein neuer, artenreicher Wald heran.

Wildnis vor der Haustür

Wildnis im Nationalpark ist die Faszination der Natur, im Großen wie im Kleinen, im Sterben der alten Bäume, in der Szenerie des Zusammenbruchs, im Wachsen unscheinbarer Flechten, in der vielgestaltigen und vielfarbigen Welt der Pilze, im Ringen um den Platz an der Sonne des nachwachsenden jungen Waldes. Es ist die Faszination einer Natur, die alles aus sich selbst heraus bewirkt, ohne menschliches Zutun, in einer Welt, in der wir gewohnt sind, alles zu kontrollieren, zu steuern, nach unserer Vorstellung zu entwickeln. Wildnisse haben für viele Menschen eine eigentümliche Ambivalenz. Auf der einen Seite werden damit vielfach Chaos, Unbeherrschbares, lauernde Gefahren und vergleichbare negative Assoziationen verbunden. Auf der anderen Seite gibt es so etwas wie eine nostalgische Verklärung von Wildnis als "harmonischer Natur". Nationalparke tragen wesentlich dazu bei, dass der Eigenwert einer sich selbst entwickelnden Natur, aber auch deren Ästhetik und Erlebnisqualitäten zunehmend Wertschätzung erfahren. Im Nationalpark Bayerischer Wald nach dem Motto "Natur Natur sein lassen" zu arbeiten, sich nicht mehr einzumischen, sondern dem Wirken der natürlichen Kräfte freien Lauf zu lassen, war ein bewusster kultureller Akt, der die Bewahrung des natürlichen Erbes der Bewahrung des kulturellen Erbes gleichsetzt. Diese Entscheidung und die heute als faszinierende Waldwildnis zu erlebende Natur im Nationalpark war und ist eine Herausforderung an alle, die diese Waldlandschaft verwalten, besuchen oder in seinem Umfeld wohnen. Trauer über das Vergehen des alten Waldes, Angst vor der Zukunft, Hoffnung durch den jungen Wald, Begeisterung für große und kleine Wildnis - eine breite Palette von Gefühlen löst der wilde Wald im Herzen Europas aus. Die Herausforderung dieses wilden Waldes ist zugleich eine Aufforderung, sich auf ihn einzulassen, seine Einzigartigkeit und Besonderheit zu verstehen und mit allen Sinnen zu erleben. Herausforderung und Aufforderung stellt an jeden auch die Frage: Halten wir das aus? Sind wir wirklich fähig, uns einmal nicht einzumischen, die Finger von diesem Wald zu lassen und ihn nicht nach unseren Vorstellungen zu formen, sondern ihn ganz einfach so zu akzeptieren, wie er ist und wird? Gibt man sich dieser Faszination mit offenem Herzen und offenen Sinnen hin, dann wird die wilde Natur zu einem unvergesslichen Erlebnis. Dieser Wald hat Geschichten zu erzählen, die ein aufmerksames Zuhören verlangen, Geschichten, wie sie in keinem Lehrbuch zu finden sind.