Planetenkräfte am Dach der Welt

Ökologische Wiederaufforstung nach geomantischen Prinzipien in Tibet und China

von Stephan Schmidt erschienen in Hagia Chora 15/2003

Der Abt des tibetischen Klosters Zurphu sucht gemeinsam mit dem deutschen Baumzüchter Stephan Schmidt nach Samen des letzten verbliebenen Wacholderbaums in der Region - ein Bild, das eigenartig berührt: Es gibt kaum noch Wacholder, weil die Bäume von den Chinesen nach der Besetzung abgeholzt worden sind. Durch die Initiative von Stephan Schmidt wird nun am Kloster Zurphu eine Baumschule aufgebaut - eines seiner Aufforstungsprojekte in Tibet und China. Wie in so vielen Ländern der Welt sind dort große Flächen durch Raubbau in Wüsten verwandelt worden. Stephan Schmidt hat in seiner Baumschule in Rittershain bei Kassel jahrzehntelange Erfahrung mit der Aussaat von Bäumen zu besonderen planetaren Konstellationen gesammelt und bringt dieses Wissen in seine Hilfsprojekte ein.

Die Baumschule von Schloss Rittershain ist ein Experimentierfeld, auf dem sich Geomantie und Ökologie begegnen. Seit 25 Jahren sammeln wir hier Erfahrungen über die Wirkungen astronomischer Konstellationen auf das Wachstum von Bäumen. Dies steht im Kontext unseres biologisch-dynamischen Ansatzes nach Rudolf Steiner. In den letzten Jahren lag unser Schwerpunkt auf Entwicklungshilfeprojekten in China und Tibet, wo wir unsere Erfahrungen bei der Rekultivierung von versteppten Flächen einsetzen. Bäume sind Wesen, deren Lebensatem bedeutend weiter reicht als unser eigener. Forschungen über das Baumwachstum können deshalb nicht kurzfristig im Labor durchgeführt und überprüft werden. Ein Baum ist auch nicht in erster Linie ein Einzelwesen, sondern sollte immer auch im Zusammenhang mit seinem Ökosystem betrachtet werden. Wir haben z.B. festgestellt, dass Bäume nur in einer waldähnlichen Umgebung auf Planetenkräfte reagieren. In der Forschungs-Baumschule Rittershain haben wir allein fünf Jahre darauf verwendet, auf unserem Land waldähnliche Bedingungen zu schaffen. Nach fünf Jahren entwickelte sich schließlich ein Kleinklima, in dem sich die entsprechenden Kräuter und Mikroorganismen angesiedelt hatten. Während dieser Zeit mussten wir die Forstpflanzen anziehen, haben sie aber bereits zu bestimmten planetaren Konstellationen ausgesät, um die Technik zu lernen. Zu einem bestimmten Termin in wenigen Stunden 200 kg Eichensamen auszusäen, ist durchaus eine herausfordernde Aufgabe. Grundsätzlich gehen wir nach den bekannten Forstpflanzen-Anzuchtmethoden vor: Wir fräsen, ziehen Rillen und säen die Eicheln mit der Hand dicht an dicht aus. Je weiter sie auseinander liegen, desto weniger Keimkraft haben sie. Offenbar erlangen die Eicheln durch ihr gemeinschaftliches Feld eine größere Keimkraft, und eigenartigerweise bilden sich dabei auch größere Individualitäten heraus. Kleinere Pflanzen bleiben kleiner, größere werden größer. Heute stehen in unserer Forschungs-Baumschule auf einer Fläche von 4 Hektar etwa 100000 Bäume. Größere Bäume haben wir in weite Abstände gepflanzt, damit sie den heranwachsenden jungen Pflanzen Schatten spenden können. Alle Bäume in der Baumschule sind von uns zu bestimmten astronomischen Konstellationen ausgesät worden. Der Aussaat-Kalender nach Maria Thun, bekannt aus der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, hat für uns keine Bedeutung. Zwischen Landwirtschaft und Forstwirtschaft bestehen in den Gesetzen der Biologie große fachliche Unterschiede, was nicht allgemein bekannt ist. Der große Fehler, der das Waldsterben eingeleitet hat, war der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begonnene gezielte Forstbau im Geist einer Landwirtschaft. Statt den Wald so zu nutzen, wie er natürlich wächst, begann man, die landwirtschaftlichen Abaumethoden auf den Waldbau zu übertragen und erhielt als Ergebnis schließlich die Wald-Monokultur, unter der wir heute leiden.

Konstellations-Bäume

Die Aussaat-Konstellationen für die Landwirtschaft nach Maria Thun richten sich nach dem Tierkreiszeichen, in dem der Mond zum jeweiligen Zeitpunkt steht. Der Mond ist unser nächster kosmischer Trabant. Seine Zyklen verlaufen relativ schnell, deswegen hat er eine starke Wirkung auf einjährige Pflanzen. In der Forstwirtschaft haben wir es hingegen mit mehrjährigen Pflanzen zu tun, die nicht so individuell behandelt werden wie eine Kulturpflanze. Wildpflanzen brauchen ihren großen ökologischen Zusammenhang. Als ökologisches System haben sie einen Ewigkeits-Aspekt, denn ein Wald kann über Jahrhunderte hinweg bestehen, wenn der Wechsel von Bäumen den Waldbestand als Ganzes nicht zerstört. Deshalb stehen sie stärker in Resonanz mit den langsamen Zyklen der Planeten.
Selbstverständlich ist der Mond auch für die Bäume wichtig, er spiegelt die Kräfte eines Planeten oder Gestirns und bringt sie gewissermaßen auf die Erde. Jeder kennt die anregende Wirkung des Vollmonds, wenn der Mond in Opposition zur Sonne steht. Wir haben in detaillierten Versuchen herausgefunden, dass eine Planetenwirkung auf die Erde dann am stärksten ist, wenn der jeweilige Planet in Opposition zum Mond steht, so wie die Sonne beim Vollmond. Diese kurze Zeit der Opposition - und zwar entsprechend den tatsächlichen astronomischen Daten - nutzen wir für die Aussaat. Wenn es sein muss, stehen wir nachts um drei Uhr auf und legen die Samen. Jede Planeten-Opposition fördert in den Pflanzen eine bestimmte Qualität zutage, die jeweils ihren individuellen Wert besitzt. Es fällt mir schwer, einen einzelnen Baum als "gut" oder "schlecht" zu bewerten. Wenn ich einen Baum für den Hausbau verwenden möchte, brauche ich ein anderes Holz, als wenn ich aus derselben Baumart ein Musikinstrument bauen möchte. Es ist auch nicht möglich, einen Baum als Einzelphänomen zu betrachten, sondern wir müssen ihn im Zusammenhang des Waldorganismus sehen und diesen wiederum im Zusammenhang des Erdorganismus. Dieser Organismus ist nur lebendig, wenn jede Pflanze ihre individuelle Eigenheit ausprägen kann.

Die Individualität stärken

In diesem Sinn wirkt die Konstellations-Aussaat auch der Verarmung der Qualitätsvielfalt entgegen. Heutzutage ist das Saatgut durch Monokultur genetisch sehr eingeengt, was einem gesunden Waldgefüge abträglich ist. Stellen wir hingegen die Pflanzen durch den Zeitpunkt der Aussaat in individuelle kosmische Zusammenhänge, entwickeln sie wieder eine stärkere Eigenpersönlichkeit, denn jede Konstellation bringt eine in der Natur verhaftete Qualität mit sich. Je weiter wir eine Pflanze aus diesem kosmischen Zusammenhang herausdrängen, desto mehr ist sie für unsere kurzfristigen Bedürfnisse verfügbar, desto weniger aber kann sie sich selbst erhalten. Indem wir sie zum Zeitpunkt bestimmter Planetenwirkungen säen, ermöglichen wir der Pflanze die Verbindung mit den kosmischen Kräften. Selbstverständlich gilt bei allem, was wir tun: Wenn wir uns nicht nach den irdischen Gesetzmäßigkeiten richten, nützen uns auch die schönsten Planetenkonstellationen nichts. Die Basis unserer Arbeit ist eine fundierte fachliche Kenntnis der biologischen Grundlagen der Pflanzenzucht. Die Kulturgeschichte zeigt aber, dass es schon immer ein Anliegen des Menschen war, die Wechselwirkungen zwischen Erde und Kosmos zu beobachten und in ihr Leben einzubeziehen. Diese Beziehung äußert sich je nach Kultur in sehr unterschiedlichen Ausdrucksformen. Ein Indianerstamm im Regenwald lebt mehr in den elementaren irdischen Verbindungen. Buddhistische Mönche hingegen können sich unter Umständen der kosmischen Kraft so hingeben, dass sie sich in einer Klause einmauern und bei Minusgraden existieren können, ganz den irdischen Gesetzmäßigkeiten entrückt.

Erfahrungen in Asien

Eine herausfordernde Erfahrung bei meinen Wiederaufforstungs-Projekten in China und Tibet ist die Beobachtung, wie dort zwei krass gegensätzliche Kulturentwicklungen aufeinanderprallen: einerseits der Kommunismus und der wachsende Kapitalismus, die ohne spirituellen Zusammenhang pragmatisch den größten Nutzen aus der Erde ziehen wollen, und andererseits der stark auf die innerlich-geistige Ebene ausgerichtete Buddhismus. Seit in China vor 8000 Jahren die ersten Kulturpflanzen gezüchtet wurden, ist das Land fast vollständig in eine Kulturlandschaft verwandelt worden. Wildnis gibt es nur noch in der Wüste, im Dschungel oder im Hochgebirge. Ich arbeite dort mit landwirtschaftlichen Flächen, die aufgrund intensiver Nutzung radikal ausgebeutet und zum Teil schon unfruchtbar geworden sind. Eine Rekultivierung ist hier nur durch die Ansiedelung von Pionierpflanzen möglich. Wir müssen den Prozess einleiten, in dem sich auch die Natur eine versteppte Fläche wieder erschließt, von Moosen und Farnen über Stauden bis hin zum Wald. Meine Forschungen zu den kosmischen Zusammenhängen stehen bei dieser Arbeit eher im Hintergrund. Ich falle nicht mit der Tür ins Haus, sondern bringe mein Wissen behutsam im richtigen Moment ein. Der Grund, warum ich für diese Arbeit eingeladen wurde, liegt in erster Linie in meinen pädagogischen Erfahrungen aus Seminaren mit Schülern und Erwachsenen und meinen forsthandwerklichen Fähigkeiten, die heute in der westlichen Welt nicht mehr selbstverständlich sind. Mit der Hand aussäen, verpflanzen und jäten sind Techniken, die in einem Land wie China wichtig sind. In Asien kann ich selbstverständlich nicht von den technischen Rahmenbedingungen der europäischen Forstwirtschaft ausgehen. Alles, was ich weiß, muss ich auf die Grundlagen reduzieren und die Naturzusammenhänge neu verstehen lernen - Jahreszeiten, Klima, Bodenzusammensetzung etc. Meine Lehrer sind die lokalen Fachleute. Entwicklungshilfe hat oftmals die Tendenz, den anderen Ländern europäische Strukturen überzustülpen. Ich versuche, mich stattdessen in die sozialen und biologischen Zusammenhänge einzuleben, und lerne zunächst die dort üblichen Methoden und Arbeitsweisen. Zuerst habe ich in China nur mit einfachen Bauern und Forstleuten zusammengearbeitet. Erst in den letzten zwei Jahren konnte ich Kontakt zu einigen Universitäten aufnehmen, mit denen sich vielversprechende Kooperationen ergeben. Am wichtigsten bleibt aber die Arbeit mit den Bauern, die tagtäglich auf dem Feld stehen.

Totes Land wiederbeleben

Am Anfang meiner Arbeit mit einer verödeten Fläche steht die Analyse nach gängigen naturwissenschaftlichen Methoden. Wir stellen die Menge der organischen Masse im Boden fest, die zu erwartenden Niederschläge und Nährstoffentzüge etc. Dann bemühe ich mich um das Saatgut, zunächst von Pionierpflanzen, die sich in den Randgebieten der entsprechenden Fläche bereits selbständig entwickelt haben. Später kommen Sträucher hinzu, wie z.B. Ginster. Einiges Saatgut kann ich selbst am Ort sammeln, anderes beziehe ich über die mehr oder weniger gut organisierten staatlichen Saatgut-Stellen. Bei der Aussaat richte ich mich wieder nach den Planeten-Konstellationen. Im kommunistisch-sozialistisch geprägten China sind meine Partner auf derart exotische Themen wie Planetenbäume meist nicht ansprechbar, vielmehr muss die praktische Anwendbarkeit der Methoden im Vordergrund stehen. In Tibet bin ich wiederum mit einer ganz anderen Herausforderung konfrontiert: Zum Buddhismus gehört eine achtungsvoll-innige Naturbeziehung, aber es findet kaum aktiv-praktische Arbeit in der Natur statt. So war es ein außerordentlich berührendes Erlebnis, als ich mit dem alten Abt des Klosters Zurphu, in dem der Karmapa residierte, den Platz für die neue Baumschule des Klosters aussuchte und er mir den einzigen noch lebenden, alten Wacholderbeerbaum zeigte. Dieser wurde vor Generationen von einer Karmapa-Inkarnation selbst gepflanzt und ist rund 1000 Jahre alt. Alle anderen Wacholder der Region sind in der Vergangenheit gefällt worden. Zur Wiederansiedelung dieses Baumes in der extremen Klimaregion Tibet ist lokales Saatgut nötig, d.h. ich muss es von diesem letzten verbliebenen Baum gewinnen. Zusammen mit dem Abt suchte ich unter dem Wacholder in Laub und Erde nach den Samen. Erst musste ich sie ihm immer ein bisschen zuschieben, bis er selbst einen Blick für die Wacholder-Samen entwickelt hatte. Der Abt saß dort, glücklich und versunken, und hatte zum ersten Mal in seinem Leben Saatgut in den Händen. In diesem Augenblick war er im praktischen Tun ganz und gar mit der Erde verbunden. Das sind die ersten profanen, kleinen Schritte, die aber, vom Standpunkt der Kulturentwicklung aus gesehen, große Schritte sind, wenn diese Kultur wieder ihre elementare Erdbeziehung findet. Solche Prozesse liebevoll zu begleiten, sehe ich als meine eigentliche Aufgabe an, wenn ich mich als "Entwicklungshelfer" einsetze. Diesen inneren Prozess begleitet im Außen eine pragmatische Herangehensweise. Damit an diesem Kloster eine Baumschule entsteht, muss ich Beete einrichten, mich um die Bewässerung kümmern und Zäune bauen. Bei all diesen praktischen Aufgaben helfen mir die chinesischen Forstfunktionäre, mit denen sich eine gute Zusammenarbeit entwickelt. Bis ich mit ihnen auch über innere Zusammenhänge sprechen kann, muss noch Zeit vergehen, in der ich Erfahrung über mögliche Wege der Kommunikation sammeln kann. Eine Brücke, die sich gelegentlich im Gespräch ergibt, ist die traditionelle chinesische Medizin, denn von dort gibt es zu meinen Methoden viele Parallelen. Eine entsprechende mündliche Überlieferung zum Landbau ist in China vermutlich verlorengegangen.

Gemeinschaft erfahren

Am besten vermitteln sich die Zusammenhänge im konkreten Tun. Eine solche Erfahrung hatte ich bei der Herstellung von Präparaten gemeinsam mit vier Bauern, mit denen ich mein erstes Grundstück in China, ein ehemaliges Industrieland, bearbeitete. Die biologisch-dynamischen Präparate bilden die Grundlage, dass der Kosmos auf die Pflanze einwirken kann. Bei meinen ersten Reisen nach China habe ich bereits Hornkiesel und Hornmist mitgenommen. Davon werden kleinste Mengen in Wasser angerührt, um sie dann über das Land zu spritzen. Dieses Vorgehen war für die Bauern gut nachvollziehbar, weil ihnen das Prinzip der Homöopathie vertraut ist. Wir sammelten gemeinsam Brennesseln, um Präparate für Kompoststarter herzustellen, und auch das erschien ihnen vollkommen selbstverständlich. Das gemeinsame Anrühren der Präparate hatte eine erstaunliche soziale Wirkung. Die vier Bauern hatten am Anfang unserer Zusammenarbeit zuerst den Drang, mir, dem ungebildeten Europäer - in China betrachtet man Europäer zunächst einmal als Barbaren - zu erklären, wie gearbeitet werden müsse. Jeder vermittelte mir hoch motiviert seine Methode. Schließlich gerieten sie in Streit miteinander und konkurrierten darum, wer es am besten wüsste. Im gemeinsamen Tun des Präparate-Anrührens löste sich das jedoch auf, es entstand erstmals das Gefühl von Gemeinschaft.

Neue geomantische Punkte schaffen

Die Flächen, die wir in solcher gemeinsamer Arbeit wiederbeleben, erlebe ich als geomantische Punkte, an denen sich ein neuer Geist von Gemeinsamkeit, Kommunikation und irdisch-kosmischer Harmonie manifestieren kann. Hin und wieder experimentieren wir bei den Anpflanzungen mit bestimmten Pflanzformationen, aber mit diesen Versuchen sind wir noch in der Anfangsphase. Auf einem der bepflanzten Landstücke in China liegt ein Grab, das regelmäßig von den Angehörigen, die dort Feiern abhalten, besucht wird. Diesen Platz haben wir von der Bepflanzung ausgespart und werden ihn vielleicht auch gestalten, wenn das der Situation entspricht. Bäume sind immer Vermittler zwischen physischer und kosmischer Kraft. Sie nehmen über ihre Wurzeln Mineralstoffe auf, entheben sie ihrer irdischen Eigenschaften, transportieren sie kiloweise in die Höhe, um sie dort der Sonne auszusetzen. Die Blätter verwandeln sich wieder in Erde. Bäume sind Transformatoren; auch ihre Fähigkeiten, Elemente umzuwandeln, ist bekannt. Ich sehe meine Aufgabe darin, solche Zusammenhänge durch konkretes Handeln für jedermann zugänglich zu machen. Ökologische und geomantische Prinzipien werden dann relevant, wenn die Menschen etwas damit anfangen können. Wenn sie sehen, dass meine Konstellations-Aussaat kräftige Bäume hervorbringt und die Erde auf einem Hang nicht mehr abrutscht, dann möchten sie erfahren, wie so etwas möglich ist.