Geophilia

Die eingeborene Liebedes Menschen zur Landschaft

von Dr. Paul Faulstich erschienen in Hagia Chora 15/2003

Von einem anderen Ansatz für die Mensch-Natur-Beziehung als die bisherigen Beiträge geht der Anthropologe Paul Faulstich aus, der von einer angeborenen Geophilie, einer inneren Affinität zur Landschaft, spricht - für ihn die Grundlage für nachhaltiges, ökologisches Handeln. Von den indigenen Völkern könnten wir lernen, dieses Ur-Bedürfnis wieder zu leben.

Die menschlichen Fähigkeiten zu Fürsorge, Hoffnung und Neugierde, zu Mitgefühl und Kultur sind durch unser Eingebundensein in die Natur bedingt. Meine These lautet schlicht: Landschaften sind für den Menschen von höchster Bedeutung, und sie üben großen Einfluss auf seinen Intellekt, seine Intuition und sein Handeln aus. Während diese Annahme für sich betrachtet relativ unproblematisch erscheint, sind ihre kulturellen Ausdrucksformen oft komplex und häufig ausschlaggebend für den Erfolg naturschützerischer Bemühungen. Während indigene Völker oft schwer nachvollziehbare und unantastbare Einsichten in die Beziehung zwischen dem Geist (mind) und der Natur offenbaren, scheinen industrialisierte Völker diese Beziehung weitgehend zu trivialisieren oder sogar ganz abschaffen zu wollen, soweit sie als Einschränkung der menschlichen Möglichkeiten aufgefasst wird.

Mensch am Ort sein

Die zentrale Frage meiner Forschung heißt: Was bedeutet es, "Mensch am Ort" zu sein? Als Antwort biete ich das Konzept der Geophilie (wörtlich "Erdliebe", griech. philein, lieben) an und behaupte, dass Menschen eine angeborene Neigung haben, sich emotional an wildes, unberührtes Land zu binden. E.O. Wilsons Konzept der Biophilie1 weiterführend, untersuche ich, ob es Geophilie als menschliche Tendenz, sich mit Landschaften gefühlsmäßig zu verbinden, gibt. Der uns innewohnende Hang, sich einer Landschaft zugehörig zu fühlen, ist vielleicht Teil unseres evolutionären Erbes, gehört zu unserer genetischen Ausrüstung und ist verbunden mit der menschlichen Neigung, sich in Symbolen auszudrücken. Während die Biophilie-Hypothese die Eigenschaft des Menschen nahelegt, sich auf das Leben und lebensähnliche Prozesse zu fokussieren, bezieht sich Geophilie auf unsere Tendenz, Landschaft mit all ihren organischen und anorganischen Bestandteilen als lebensnotwendig zu begreifen. Die Geowissenschaften schließen die Ausbreitung des Lebens auf der Erde ein, insofern ist Biophilie eine Untermenge von Geophilie. Wir brauchen natürliche Landschaften, nicht bloß als Terrain, Territorium oder Ressource, sondern für unser kognitives Überleben. Wenn Geophilie tatsächlich als Bestandteil des evolutionären Erbes unserer Spezies existiert, so scheint es durchaus wahrscheinlich, dass auch ein evolutionärer Vorteil darin besteht, sich in emotionaler und intellektueller Weise mit dem Land zu verbinden. Begründung und Verwaltung eines Territoriums sind eng mit Sozialisationsprozessen verwandt; Liebe füreinander ist etwas Ähnliches wie die Liebe zu einem Ort.2 Genauso wie gegenseitige Liebe die Bindung an unsere Partner und Kinder nährt, brauchen wir die Liebe zur Landschaft, um die innere Verpflichtung zu Nachhaltigkeit und Erhaltung zu stärken. Geophobie, die Schattenseite von Geophilie, ist die angstvolle Reaktion auf Landschaften. In manchen Fällen schärfen geophobe Reaktionen unsere Wahrnehmung und machen uns physisch und emotional beweglicher; Höhenangst, die Angst vor Spinnen oder gefährlichen Raubtieren stärken mitunter unsere Anpassungsfähigkeit. Geophobie hat ihren Sinn, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. In unserer modernen Welt steht Geophobie in Konkurrenz zu Geophilie und findet reichlich Ausdruck in der Art, wie wir heute die Ressourcen der Erde ausbeuten oder Entwicklungsprojekte durchführen. Suburbane Landschaften, Golfplätze oder auch eine Stadt wie Las Vegas sind Beispiele von derart aus dem Ruder gelaufener Geophobie. Las Vegas fasziniert uns deshalb, weil es die Oase repräsentiert (wenn auch krankhaft und vollkommen denaturiert). In Bezug auf die menschliche Evolution ausgedrückt, ist Las Vegas das metaphorische Wasserloch in der ausgedörrten Savanne. Aber selbst in diesem fehlgeleiteten und ökologisch degradierten Ausdruck entdecken wir ein gewisses Maß an Philie in der Phobie. Der Punkt ist: Was auch immer uns motiviert, uns mit dem Land zu verbinden - seine kulturellen Manifestationen sind nicht selten komplex und schwer fassbar.

Geophilie und Naturschutz

Ein Teil unseres Menschseins leitet sich von der jeweils einzigartigen Weise ab, wie wir uns mit dem Land verbinden, und Landschaft ist ein entscheidendes Element für die Sinnsuche und Erfüllung des Menschen. Eine geophile Verbindung mit Orten ermöglicht das Verständnis ökologischer Prozesse und erleichtert die menschliche Kommunikation sowie die Herausbildung gesellschaftlicher Identität. Geophilie unterstützt das Gefühl einer Verpflichtung für den Ort, fördert eine ökologisch ausgerichtete Wahrnehmung und ermutigt zu ethischem Verhalten und verantwortlichem Handeln. Unsere Affinität zur Wildnis ist angeboren und integraler Bestandteil unserer Entwicklung als Individuen und als Spezies. Geophilie gibt uns eine Geographie der Hoffnung.3 Während Topophilie (Liebe zu Orten), ein von Yi-Fu Tuan geprägter Begriff, sich auf unsere affektiven und erworbenen Bindungen an unser materielles Umfeld bezieht, kann Geophilie als der angeborene Hang, sich einer natürlichen Umwelt zugehörig zu fühlen, beschrieben werden. Topophilie ist eine erlernte Haltung, Geophilie eine uns innewohnende, direkte Reaktion. Das Konzept des Bioregionalismus bietet einen weiteren Rahmen für das Verständnis und die Verbesserung menschlicher Beziehungen zur Landschaft. Darunter versteht man die wichtige gesellschaftliche Bewegung, bestimmte Plätze wieder ihrer Bedeutung gemäß zu bewohnen: die Geologie, das Klima und die Flora und Fauna bestimmter biotischer Gemeinschaften kennen zu lernen und in Achtsamkeit gegenüber einem Ort zu leben. Bioregionalismus ist eine von Geophilie angetriebene, bewusste und ethische Praxis. Während Geophilie sowohl mit Topophilie als auch mit dem Bioregionalismus verwandt ist, ist sie in gewisser Weise doch fundamentaler, da sie zehntausende von Jahren evolutionärer Begegnung mit Landschaft zum Ausdruck bringt; Geophilie könnte sogar ein genetisches Programm sein.4 Sie ist Teil unserer Tiefenpsychologie und wurzelt in den essenziellen Mustern menschlichen Lebens auf der Erde. Als Teil der ökologischen Geschichte unserer Spezies existiert Geophilie heute als eine Art kollektives Gedächtnis der Erfahrung mit unserer natürlichen Umgebung.5 Als universale Qualität gibt Geophilie dem Naturschutz ein mächtiges Argument und betont die Bedeutung einer Land-Ethik. Auf einer vielleicht tief unbewussten Ebene ist sie die motivierende Kraft, die uns Wildnis-Refugien, Nationalparks und andere Schutzgebiete anlegen lässt. Wildnis ist für unsere physischen und emotionalen Bedürfnisse nach einem ursprünglichen und geheiligten Raum unverzichtbar; das gilt besonders für unsere Zeit mit ihren unklaren Zielrichtungen und degenerierten Werten. Wie bei allen wilden Tieren, so entspringt auch unser psychisches und biologisches Erbe in der Wildnis. "Auch wenn wir uns gerne in Begriffen wie Kultur, Sprache etc. definieren," schreibt Paul Shepard, "ist deutlich, dass der Kontext unseres Seins, heute wie in der Vergangenheit, die Wildnis ist - eine Umwelt ohne domestizierte Pflanzen und Tiere, nach der unsere Gene beständig Ausschau halten, weil sie darin ihre optimale Umgebung erkennen."6 Alle Kulturen, die mir bekannt sind, kennen zweckbestimmte geheiligte Räume. In den modernen Industriekulturen lässt sich die Anerkennung von Wildnis als heiligem Raum teilweise in einer Land-Ethik erkennen, die als übertragene geophile Antwort auf die Natur interpretiert werden kann. Aldo Leopolds Einsichten sind hier für uns wertvoll: "Eine Ethik kann als eine Form der Führung im Umgang mit einer ökologischen Situation gedeutet werden, die so neu oder kompliziert ist oder derart verzögerte Reaktionen umfasst, dass der Pfad der sozialen Zweckmäßigkeit für den einzelnen Durchschnittsmenschen nicht mehr erkennbar ist. Tierische Instinkte sind Formen von Führung im Umgang mit solchen Situationen für das Individuum. Eine Ethik ist möglicherweise eine Art gemeinschaftlichen Instinkts in Vorbereitung."
Eine Land-Ethik umfasst demnach die erneuerte Verpflichtung zu einem uralten Diskurs mit dem Land; sie bedeutet eine Wiederentdeckung der Geophilie. Eine Ethik des Landes ist nicht nur "eine ökologische Notwendigkeit", sondern eine "evolutionäre Möglichkeit."8 Geophilie könnte die ethische Basis sowohl der radikalen Ökologiebewegung als auch für den Mainstream-Umweltschutz abgeben. Die radikale Ökologie gibt vor, weitgehend altruistisch zu sein und die immanente Integrität der Natur bewahren zu wollen. Der Mainstream-Umweltschutz ist hauptsächlich mit dem Erhalt des utilitaristischen Werts der Natur befasst. Wenn man nun diese beiden Perspektiven kombiniert, kann eine Ethik, die auf unserer Nähe zur Landschaft basiert, sozusagen als eine Ethik der altruistischen Eigennützigkeit verstanden werden.9

Ethik als natürliches Phänomen

Nach J. Baird Callicott sind wir moralische Wesen, und eine Land-Ethik ist ein natürliches Phänomen. Callicott argumentiert: "Nachdem die Natur wenigstens eine ethische Spezies, nämlich den Homo Sapiens, hervorgebracht hat, kann sie nicht amoralisch sein."10 Dementgegen nimmt Eugene Hargrove eine ethologische Position ein und behauptet, dass unser Interesse an Landschaft insbesondere in der Landschaftsmalerei begründet liege, aber auch in Literatur, Gartenbau und der Wissenschaft der Naturgeschichte. Die Basis, so meint er, sei kulturell begründet.11 Keine dieser Positionen ist jedoch vollständig; Kultur und Biologie schließen sich nicht gegenseitig aus. Wenn Geophilie tatsächlich als biologische Komponente unserer Spezies existiert, ist sie sicherlich nicht frei vom Einfluss unseres Gefühls und unseres Denkens. Die Frage, inwiefern Geophilie nun anthropozentrisch oder anthropogen sei, ist für mich von untergeordnetem Interesse; tatsächlich wirken hier beide Kräfte. Auch wenn mein Interesse weniger der Philosophie als der Biologie einer Ethik gilt, so können wir es doch wagen, die kulturellen und ökologischen Grundlagen einer Land-Ethik zusammenzuführen. Nach Leopold ist "das Ausmaß einer Ethik . tatsächlich ein Bestandteil der ökologischen Evolution;" wir können die Geschichte der Ethik daher sowohl in biologischen als auch in philosophischen Begriffen verstehen.12 Leopold behauptet, dass wir nur ethisch leben können im Bezug auf etwas, das wir sehen, fühlen, verstehen, lieben oder mit unserem Schicksal verbunden begreifen. "Es ist mir unvorstellbar," konstatiert er, "dass eine ethische Beziehung zum Land ohne Liebe, Respekt und Bewunderung für das Land und ohne eine hohe Achtung seines Wertes existieren könnte."13 Mit Wert meint Leopold, davon bin ich überzeugt, nicht ökonomische Werte, sondern das Nähren unserer emotionalen und philosophischen Bedürfnisse. Eine Land-Ethik im Sinne Leopolds ist durchdrungen von Gefühlen und stellt einen intellektuellen Ausdruck unserer geophilen Verfassung dar. Leopold versteht Land als einen Energiefluss durch einen Kreislauf von Böden, Pflanzen und Tieren.14 Eine Landschaft besteht folglich nicht nur aus verschiedenen Bestandteilen, sondern aus einem organisatorischen Muster, das seine Bestandteile miteinander verbindet. Ebenso wie Land mehr ist als einfach nur Schmutz, bezieht sich Geophilie auf noch mehr als nur auf einen angeborenen Respons auf Landschaft; es ist eine Antwort auf die Systeme, die Landschaften erhalten. Auch wenn wir in der Landschaft Einzelphänomene beobachten - Flora und Fauna, geologische Muster, Flüsse und Seen -, ist das Land doch nie gleichbedeutend mit diesen einzelnen Bestandteilen; vielmehr besteht es aus deren gegenseitigen Beziehungen. Verschiedene Forschungsarbeiten haben unsere starke Vorliebe für natürliche Umgebungen dokumentiert. Die Literatur über die menschliche Wahrnehmung der Umwelt ist reich an solchen Beispielen.16 Nach ästhetischen Gesichtspunkten geben die Menschen solchen Landschaften den Vorzug, in denen sie selbst gut überleben könnten, z.B. Landschaften, in denen Wasser sowie Bäume mit breiter Krone vorhanden sind und die sowohl einen guten Panoramablick bieten als auch geschützte Winkel. Auch ästhetische Reaktionen sind keinesfalls trivial; sie bilden vielmehr ein Schema menschlichen Verhaltens, das einerseits uralt ist, andererseits weit in die Zukunft weist.17

Das Land intuitiv erfassen

Unser Bedürfnis nach Wildnis beruht nicht nur auf Ästhetik, sondern ist zudem tief in unserem Wesen begründet. Wenn es eine innere Neigung zu bestimmten Landschaftstypen gibt, dann wäre deren Grundlage wohl eine gemeinsame menschliche Ökologie. Westliche wie östliche Gesellschaften meiden gleichermaßen räumlich eingeschränkte Umgebungen, reagieren jedoch positiv auf Landschaften mit einer mittleren bis starken visuellen Tiefe. Diese Präferenz mag mit unserem gemeinsamen evolutionären Erbe zusammenhängen, in dem unsere hominiden Vorfahren in der Savanne ein reichhaltiges Angebot an Nahrung vorfanden und auch aufgrund der Überschaubarkeit der Landschaft und guten Fluchtmöglichkeiten einem niedrigeren Risiko ausgesetzt waren.18 Moderne Menschen bevorzugen Landschaften mit Savannen-ähnlichen Eigenschaften wie Offenheit, verstreuten Bäumen und grasbedecktem Untergrund, was zumindest teilweise einer genetischen Prädisposition entspringen mag.19 Wir verwirklichen unser menschliches Potenzial weniger gut in künstlich zusammengesetzten Landschaften als an Orten, die direkt mit unserem evolutionären Erbe korrespondieren.20 Sicherlich ist die Fähigkeit, Gefahr wahrzunehmen und extrem ungastliche Umgebungen als solche zu erkennen, nützlich für unsere Anpassungsfähigkeit, doch garantiert dies allein noch nicht unser evolutionäres Überleben; geeignete Lebensräume müssen nicht nur wahrgenommen, sondern auch bewusst gewählt werden.21 In der Wahl des Lebensraums wird deutlich, dass wir solche Umgebungen bevorzugen, in denen wir uns leicht anpassen können. Die Biologie lehrt uns, dass nicht-menschliche Wirbeltiere im allgemeinen solche Umgebungen bevorzugen, in denen ihre Spezies gedeiht. Auch die Menschen drücken einen ästhetischen Vorzug für Lebensräume aus, die dem Überleben zuträglich sind, was wiederum nahelegt, dass Geophilie ein Charakteristikum unserer Spezies ist. Außerdem reagieren wir positiv auf Landschaften, die Hinweise auf menschliche Einwirkung geben, wie zum Beispiel Pfade, kleine Dörfer oder sogar Picknick-Tische. Solche Szenen weisen auf Sozialisation, Gemeinschaft und die Integration menschlicher in natürliche Systeme hin. Andererseits wird dort, wo der menschliche Einfluss als dominant oder aufdringlich wahrgenommen wird, eine negative Reaktion hervorgerufen. Geophilie ist unsere bis heute erhalten gebliebene Reaktion auf bestimmte Schlüsselreize in den Formen des Landes, die während der menschlichen Evolution vermutlich Risiken oder Vorteile darstellten.22 Ein kultureller und biologischer Vorteil entsteht für denjenigen, der die Erfahrung von Identität, Vertrauen und Wissen macht, die durch die Sicherheit des Lebens in Gemeinschaft an einem Ort hervorgerufen wird. Um an einen Gedanken von Levi-Strauss anzuknüpfen: Orte sind gut für das Denken.23 Vielleicht leiden industrialisierte Völker an einer Art kollektiver Amnesie, indem sie bestimmte Einstellungen, Wahrnehmungen und Denkweisen vergessen haben oder verdrängen.24 Die Herausforderung besteht darin, heute wieder neu zu verstehen, wie der Mensch sowohl seine Überlebensfähigkeit als auch seine geistigen Inspirationen von seiner Verbindung mit der Verschiedenartigkeit natürlicher Landschaften bezieht.

Die symbolische Ebene von Geophilie

Meine Position scheint mit jeglichem extremen Relativismus und Postmodernismus zu brechen, und ich will auch meine schwindende Begeisterung für eine dekonstruktivistische Haltung nicht leugnen. Sollten einige Leser das problematisch finden, bitte ich sie, noch nicht wegzulaufen, denn Kultur ist ein reales Phänomen und fügt unserem biologischen Eingebundensein in Ökosysteme weitere Dimensionen der Veränderlichkeit hinzu. Letztlich besteht die Welt ja nicht nur in unseren Vorstellungen. Selbst wenn wir die vermittelnde Rolle der Kultur in unserer transhumanen Welt anerkennen, müssen wir damit nicht automatisch glauben, dass Rohrkolbenschilf, Kreuzschnäbel und präkambrische Sandsteine nicht real seien. Aber Symbolismus ist genauso real und reich an Beispielen, wie menschlicher Intellekt und Intuition in Bezug auf die Landschaft interagieren.25 Die indigenen Völker Australiens und anderer Länder drücken Geophilie (oder etwas Vergleichbares) durch Mythen und Rituale, Totemismus und komplexe Systeme in der Organisation von Landbesitz aus. Sie beziehen sich auf persönliche Weise auf das Land, oft in Begriffen von Verwandtschaft. Warlpiri-Aborigines artikulieren diese gemeinsame Identität durch das Träumen, in dem Geistwesen, Menschen und Tiere sowie auch Orte als miteinander verbunden gesehen werden. Diese Erweiterung des Selbst auf Landschaft ermöglicht, persönliche Charaktere in Begriffen fassbarer Phänomene auszudrücken. Landschaft wird nicht nur als materielle Manifestation der höchsten Werte und Ideale verstanden, sondern auch als psychische und physische Fortsetzung des Individuums. Warlpiris haben mir Merkmale ihres Körpers gezeigt und erklärt, wie sich diese in den Ausformungen der Landschaft wiederholen; Landschaft und Anatomie sind spiegelbildlich zueinander. Die Warlpiri-Landschaft ist ontologisch bedeutsam; die Menschen sind Bestandteil der Kontinuität des Landes. Ein Individuum existiert nicht nur in Beziehung zu anderen Individuen, sondern auch im Zusammenklang mit der Landschaft. Da jede Identität in der Traumzeit entstand, transzendiert sie das Individuum und entwickelt sich durch seine Erfahrung mit der Welt. In der Traumzeit entstanden mythische Ahnen aus einer noch ungeformten Erde, transformierten sie und schufen so die Landschaft. Die Wolken und Hügel, Lagunen, Gräser und Bäume werden in dieser Zeit erschaffen, ebenso wie Tiere, Stammes-Strukturen, Tabus und Gesetze. Nachdem die Ahnen ihre Schöpfungswanderung vollendet hatten, verwandelten sie sich in Geistwesen und wohnen fortan an besonderen Plätzen des Landes.

Die Landschaft träumen

Die Traumzeit (eine deutsche Interpretation des Warlpiri-Konzeptes Jukurrpa) ist eine Zeit jenseits von Zeit, in der die Schöpfungskräfte beheimatet sind; sie bildet die unentrinnbare und machterfüllte Grundlage der Existenz.26 Die Traumzeit besteht in einer eigenen, aber dennoch für die gegenwärtige Existenz zugänglichen Sphäre. Das Land der Warlpiri ist wie die gesamte westliche australische Wüste durchzogen von mythischen Spuren. Jede davon ist mit einer begleitenden mythischen Erzählung versehen, einem Liederzyklus, szenischem Tanz und rituellen Hütern.27 Jeder dieser Traumpfade umfasst eine Reihe von heiligen Stätten und diese verbindenden Pfade. Ihre Mythen erzählen von den Taten der Ahnen - wie sie ihr Leben fristeten, kämpften, liebten und ihre Zeremonien abhielten. Heilige Stätten werden immer durch mythische Ereignisse definiert. Zum Beispiel ist die Totem-Stätte Puwarripuwarri eine Röstgrube der Riesin Warrpalypardu. In der Traumzeit zerquetscht Warrpalypardu die Menschen mit großen Felsen und grillt sie in jenen Gruben. Auch die Wasserlöcher sind von Warrpalypardu erschaffen, und deren Existenz beweist für die Warlpiri, dass sie in der Traumzeit lebendig ist. Die Traumpfade zwischen den heiligen Stätten der Warlpiri im ganzen Land sind im wesentlichen Linien, welche die Essenz der Schöpfungsmacht der Traumzeit enthalten. Kreuzungen von Traumpfaden sind nicht unbedingt bedeutsamer als andere benannte Plätze. Doch ermöglichen sie Zugang zu anderen Stätten und Geschichten, die in Verbindung mit anderen Träumen stehen, so dass sich die Welt des mythisch-konzeptionellen Raumes weitet. Der gesamte Komplex von aufeinander bezogenen Stätten wird dann als eine "Geschichte" verstanden: ein Geflecht von Naturgeschichten verschiedener Phänomene, das die Ursprünge der Welt erklärt. Warlpiri-Menschen lokalisieren ihre Identität in so vielen geographischen Kontexten wie irgend möglich und dehnen so ihr Selbst nach Außen in die dinghafte Welt aus. Mythische Bilder durchziehen die gesamte Landschaft, und so ist ihre Topographie von Geist durchdrungen; sie wird lebendig durch eine Reihe von Plätzen, die auf physische Weise das zum Ausdruck bringen, was unsichtbar ist, z.B. die Macht des Traumes. Die Warlpiri sehen einen kausalen Zusammenhang zwischen den totemischen Ahnen und den Formen des Landes. Meine Erfahrungen mit Warlpiris deuten darauf hin, dass ihre Mythen und Rituale am besten in Begriffen von Orten verständlich sind, weist doch die Landschaft am offensichtlichsten und beständigsten auf das Geschehen in der Traumzeit hin. Für die Warlpiri ist die Landschaft jedoch mehr als ein Zeugnis bestimmter Vorgänge, sie ist tatsächlich Ausdruck der beständigen Transfiguration von Ahnenwesen. Das Land ist der Traum. Die von mir hier angeführten Beispiele schildern nicht nur eine Eigenheit der Warlpiri, drücken doch viele ursprüngliche Völker ihre intime Beziehung zum Land auf ähnliche Weise aus. Das soll nicht heißen, dass es nicht auch bei indigenen Kulturen zu ökologischen Fehlentwicklungen kommen könnte. Es gibt sie, und mitunter sind sie recht tiefgreifend. Aber nichtsdestoweniger können solche Beispiele von ganz andersartigen ökologischen Beziehungen uns in unseren eigenen Bemühungen Hoffnung und Anhaltspunkte geben.

Unverbundene Werte

Menschen legen Mythen über das Land, um sich ihres Platzes in der Welt zu versichern und dies zu artikulieren. In der industrialisierten Welt erleben wir, wie diese erdgebundenen Mythen durch den Materialismus ersetzt werden und parallel dazu der fundamentale Kontakt mit dem Land verlorengeht. Das führt zu einer Vielzahl von Problemen, die in zunehmendem Maß offensichtlich und gefährlich werden. Allzu oft erweisen sich unsere Lösungsansätze für die dringlichen ökologischen Probleme als unangemessen - schon allein die Ausrichtung unseres Denkens hat uns wiederholt nur in noch größere Schwierigkeiten gebracht. Jede Lösung, die sich aus demselben Paradigma speist, aus dem das Problem entstanden ist, macht alles nur schlimmer. Zudem wollen wir uns emotional nicht einmal mehr mit diesen Problemen angemessen auseinandersetzen. Wir scheinen unfähig zu sein, das Verlangen nach jenen Dingen, die unsere Welt zerstören, aufzugeben, obwohl wir die Welt im Grunde mit Respekt behandeln möchten. Um unser gegenwärtiges industrialistisches Denken und unsere Werte (von denen viele ökologisch abträglich sind) zu begreifen, müssen wir deren Wurzeln erkennen - Wurzeln, an denen zwangsläufig Erde haftet. Wir müssen danach streben, das Denken und die Werte von anderen Menschen zu begreifen, die in ganz andersartiger Weise in Verbindung mit dem Land leben. Ein solches Verständnis ermöglicht auch, unsere eigene Sichtweise zu reflektieren, kritisch einzuschätzen und unsere eigene Beziehung zur Natur vollständiger zu begreifen.

Geophilie wiederentdecken

Meinen Spekulationen zur Geophilie liegt ein beunruhigendes Paradoxon zugrunde: obschon beinahe alle die Bedeutung der Umweltkrise anerkennen, verlässt doch keiner die Flugbahn, die kein gutes Ende zu nehmen scheint. Wir sind z.B. besessen von Informationstechnologie, was zu Lasten einer subtileren und sensibleren Beziehung zur Erde und untereinander geht. Technophilie beruht im Gegensatz zu Geophilie nicht auf einem Beziehungsnetz, sondern auf einer Kontrollstruktur. Viele der von uns entwickelten Megatechnologien wirken einem Wiedererwecken von bedeutungsvollen Beziehungen zum Land entgegen. Technologie hat die Macht, jenen Trugschluss zu rechtfertigen, den wir so begierig glauben wollen: nämlich dass die Natur für uns irrelevant ist. Viele feiern den Segen moderner Technologien: den höheren Lebensstandard, größere Geschwindigkeit, mehr Auswahl, Freizeit und Luxus. Doch wie Jerry Mander bemerkt hat, sagen diese Errungenschaften nichts über unsere Zufriedenheit, unser Glück, unsere Sicherheit oder unsere Fähigkeit, auf der Erde zu überleben, aus.28
Cyberspace, das Hyperreale, und auch Disneys antiquiert anmutende Pseudowesen sind Simulacra - ein Begriff, den Jean Baudrillard prägte, als er diskutierte, warum in post-literaten Kulturen die Abstraktionen und die indirekt mündlichen Berichte der Medien für realistischer gehalten werden als die erlebte Erfahrung.29 Die Natur im Fernsehen ist besser und authentischer als das Echte. Von der Gentechnologie bis zu den "Wäldern" der modernen Baumfarmen wurde die Wirklichkeit neu definiert, um sie reproduzierbar und simulierbar zu machen. Darin liegt selbstverständlich die große Gefahr des Selbstbetrugs, der uns vortäuscht, Menschen könnten vollständige Kontrolle über alles anders Geartete erlangen. Lasst uns der Frage nachgehen, wie wir wieder zu einem biokulturellen Bündnis finden könnten. Eine essenziell wichtige Dimension von Geophilie ist eine moralische, menschliche und relationale Ebene. So ist es wichtig, dass wir uns wieder als Fortsetzung des Landschaftskörpers erfahren, bevor wir auf eine substanzielle ökologische Wende hoffen können. Gary Snyder hat es so formuliert: "Sich zu entsinnen, dass wir einstmals an Orten wohnten, ist Teil unserer heutigen Selbst-Wiederentdeckung."30 Die gegenwärtige Erfahrung der Mensch-Natur-Beziehung basiert auf der Unterdrückung unseres ursprünglichen Respons auf Landschaften zugunsten intellektueller Abstraktion wie dem "globalen Dorf" und anderen ökologisch schrägen Vorstellungen.31 Nach Neil Everden waren die Revolten gegen solche Abstraktionen von der Romantik bis zur frühen Umweltschutzbewegung Versuche, die Erfahrung der Erde als ein Mosaik von Orten und Subjekten, die von diesen Orten begrenzt werden, wiederzubeleben.32 Der extreme Relativismus des Paradigmas du jour verwirft hingegen jedwede Annahme, es gäbe irgendeine Begrenzung des menschlichen Potenzials.

Ausdruck des Ortes

Everden schlägt in seinem Buch "The Natural Alien" vor, dass ein Tier nicht bloß als Anatomie definiert wird, sondern ebenso als Funktion eines Ortes in der Biosphäre. Der Körper ist also Ausdruck des Ortes. "Man könnte sagen," so Everden, "dass der Ort die Spezies ist, denn Orte sind noch realer und beständiger als das Fleisch."33 Mit einem Beispiel umreißt er ein Paradox beim Schutz von vom Aussterben bedrohten Arten: ". wenn man zum Beispiel den kalifornischen Kondor bewahren will, dann ist es notwendig, jedes noch vorhandene Tier einzusperren - doch was haben wir dann eigentlich bewahrt? Sicherlich, einen einzelnen Vogel; jedoch kann man ihn nur dann als gerettet betrachten, wenn man eine eingeschränkte biologische Definition des Vogels als einer physischen Manifestation der Informationen seines Gencodes akzeptiert. Würden wir ihn als Manifestation einer bestimmten körperlichen Begrenzung betrachten und damit als Funktion eines bestimmten Ortes‘, so würde die Tatsache, dass wir seinen Ort nach allen Regeln der Kunst vernichtet haben, die Behauptung, wir hätten den Vogel gerettet, als Unsinn entlarven."34
Wenn das Sein in Verbindung mit dem Ort entscheidend für eine gesunde und sinnvolle Existenz ist (wie ich meine), dann sollte es unser wichtigstes Anliegen sein, die Verbindung des Menschen zu seiner umgebenden Landschaft wiederherzustellen. Selbst wenn Geophilie eine evolutionäre Grundlage haben mag, so ist es doch kein universelles, in unseren Genen festgeschriebenes Erbprogramm. Wenn das so wäre, befänden wir uns nicht in den gegenwärtigen "Umwelt"-Schwierigkeiten. Ich behaupte nicht, dass Menschen sich notwendigerweise all ihrer Bedürfnisse bewusst sind oder dass Vorlieben für eine bestimmte Umgebungsform überall gültig seien. Geophilie impliziert - und das ist bereits ausreichend Stoff für Kontroversen -, dass unsere angeborenen und angelernten Reaktionen auf Landschaft in bestimmter Weise durch unser evolutionäres Erbe voreingenommen sind. Letztlich bilden die natürlichen Prozesse das Rohmaterial für unser Menschsein. Hier kehre ich zu meiner Eingangsfrage zurück, was es bedeutet, "Mensch am Ort" zu sein. Die Antwort ist ebenso einfach wie komplex: Wir sind integrale Bestandteile der Ganzheit der Erde; wir sind Ableitungen, und die Erde ist der Ursprung. Wir alle sind bewusste, atmende Brocken Erde.