Wie tief ist die Tiefenökologie?

Gedanken zur "Tiefe" oder "Flachheit" der Ökologie, zur Anderswelt und zur Lebendigkeit der Erde

von Jochen Kirchhoff erschienen in Hagia Chora 15/2003

Ihrem inneren Auftrag gemäß will die Tiefenökologie tiefere Fragen stellen. Wer dies ernst nimmt, so fordert der Philosoph Jochen Kirchhoff, darf bei der Natur nicht stehen bleiben: Die Tiefenökologie muss vor allem die Tiefe des Menschen und der Tiefe der Welt erforschen.

Vielleicht muss man den Zeitgenossen, auch den "kulturell Kreativen", von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass es so etwas gibt wie die ökologische Krise, und dass diese Krise, die die Erde als Ganze berührt, noch immer ungelöst, ja im Kern unverstanden geblieben ist. Ungebremst geht der große Vernichtungsfeldzug gegen die lebendige Natur weiter; was bislang realisiert wurde, sind allenfalls winzige Korrekturen, die eher kosmetischer Art sind, wobei diese Korrekturen ihrerseits den Rahmen des technischen Umweltschutzes nicht überschreiten. Technischer Umweltschutz, sofern er bezahlbar ist oder sich als politisch durchsetzbar erweist, wird in unterschiedlichen Graden praktiziert. Das herrschende Credo ist hier: Bessere Technik hilft auch der Umwelt. Katastrophen kleineren Umfangs passieren ständig. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, hört und sieht kaum richtig hin. Es ist fast langweilig geworden. Und da alle Untergangspropheten, wie der leidenschaftliche Mahner Herbert Gruhl († 1992), bislang widerlegt wurden und es augenscheinlich "irgendwie weitergeht", die Erde sich dreht und ihre ruhige, verlässliche Bahn um die Sonne zieht, die Jahreszeiten wechseln und so fort, glauben sich nur allzu viele berechtigt, generell Entwarnung zu geben. Wozu der ökologische Lärm? Jahrzehnte grüner Utopien, und nun? Als die ökologische Krise, reichlich spät übrigens, vor rund vier Jahrzehnten in die öffentliche Wahrnehmung trat, schuf dies einen Moment der Irritation, des Innehaltens. Damals, in den fernen 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, wurde der technische Umweltschutz geboren. Der Naturbegriff, der hier ins Spiel kam bzw. schlicht vorausgesetzt wurde, war der ohnehin herrschende: der technisch-naturwissenschaftliche. Natur wurde als berechenbarer Kräftezusammenhang und im klassischen Sinn als bloße Außenwelt verstanden, der der Mensch zwar über seine Leiblichkeit verbunden ist (sei es beglückend, sei es leidvoll), die aber als solche als bloßes Es gesehen wurde, als mehr oder weniger gegenständliches Etwas und Gegenüber "da draußen". Ein eigenes oder eigenständiges Innen, eine selbst-lebendige Innenwelt, wurde der natürlichen Außenwelt nicht zugestanden. Das galt als überholt, als animistisch, als "unwissenschaftlich", wurde abgedrängt in die Reservate des bloß Subjektiven und damit des Unverbindlichen. Dieser Naturbegriff, der sich einer rabiaten Abspaltung verdankt, war monologisch bis in die Fundamente hinein. Mit dem rein objekthaften Es, als das die Natur imaginiert wurde, gab es, wissenschaftlich gesehen, keinen Dialog, keinen lebendigen Austausch. Der Mensch war nicht (mehr) genötigt, auf die lebendige/bewusstseinserfüllte Natur zu lauschen, die eigene Seele der Weltenseele zu öffnen. Das hat den erlebten Innenraum des je Einzelnen abgesprengt von einem Außenraum, der als leblose Erstreckung der Mathematisierung und gedanklich-technischen Kolonisierung verfiel. Die als solche erkannte ökologische Krise war ein erstes Warnschild für das moderne Bewusstsein, ein erstes, noch recht zartes Menetekel. Worauf dieses Menetekel zielte, wurde umrisshaft deutlich: Irgendetwas in unserem Naturverhältnis, unserem Erdverhältnis, war gründlich entgleist, hatte sich abgekoppelt, losgerissen von der lebendigen Ganzheit und drohte nun, blinden Trägheitsgesetzen folgend, uns zu überrollen, uns die Lebensgrundlagen zu entziehen. Gewiss klangen hier alte Motive an, die alle mehr oder weniger zu tun hatten mit der Frage der Technik, der Technik-Kritik. ("Technik - Fluch oder Segen": Das war ein beliebtes Thema für den so genannten Besinnungsaufsatz im gymnasialen Deutschunterricht der 50er-Jahre.) Aber diese alten Motive bekamen nun eine neue Dringlichkeit und wirkten störend und verstörend für die Fortschrittseuphorie der technischen Weltbemächtigung. Ein Konzept der darwinistischen Biologie und Naturphilosophie, wortreich vorgetragen von dem glühenden Darwin-Bewunderer Ernst Haeckel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, begann eine zweite Karriere, diesmal eine politische. "Ökologie" wurde zu einem Schlüsselbegriff der politisch-gesellschaftlichen Debatte. Haeckel, der den Begriff prägte (in seiner "Generellen Morphologie der Organismen" von 1866), verstand unter "Ökologie" "die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zur umgebenden Außenwelt".1 Haeckel war Ökomaterialist seines Zeichens und nannte das eigene naturphilosophische System "Monismus". Das Einheitsprinzip, auf das sich der Begriff "Monismus" bezog, war für Haeckel die weniger quantitativ als qualitativ vorgestellte Materie. Im Gegensatz zu grobschlächtigen Materialismuskonzepten war die Haeckelsche Natur noch in Resten von der Goetheschen und auch romantischen Naturphilosophie beeinflusst. Die Wahrnehmung der ökologischen Krise (häufig auch als Umweltkrise bezeichnet) in den 60er-Jahren vollzog sich zum überwiegenden Teil im Rahmen der herrschenden Bewusstseinsverfassung, also (paradoxerweise?) in einem Kontext, der selbst die drohende Katastrophe hervorgebracht hatte. Die natürlich-planetare Umwelt wurde nicht als Mitwelt oder gar partizipatorische In-Welt verstanden, nicht als eigen-lebendiges/mit-lebendiges Gegenüber, als das Andere, das auch ich selbst bin, das bewusstseinserfüllt ist wie ich (nur anders, nur auf anderen Ebenen und Stufen). Es war, wie erwähnt, bloße Außenwelt und damit Objekt für den technisch-kolonisatorisch beflügelten Geist und Tatendrang des Menschen. So geriet der technische Umweltschutz zur grandiosen Selbsttäuschung, zu einem kollektiven Selbstbetrug, den die meisten nur deswegen nicht durchschauten, weil ihnen eine tiefere Wahrnehmung der Krise eine Grundlagenrevision ihrer eigenen Bewusstseinsform abverlangt hätte, die zu leisten sie überforderte und überfordert. Wo der Damm bricht, Sandsäcke werfen! Dies, verkürzt gesagt, war die Devise des technischen Umweltschutzes. Stets ging es darum, das von der Technik Verursachte durch eben diese Technik, durch bessere, zuträglichere Technik, zu korrigieren oder zu reparieren. Dass hierbei Teilerfolge erzielt wurden, ist unverkennbar, nur blieb das Kernproblem ungelöst und unverstanden.

Die psycho-kosmologische Krise

An dieser Stelle möchte ich zwei zentrale Thesen formulieren, die ich in meinem Buch "Was die Erde will" ausführlich begründet habe und die das eingangs Gesagte aufgreifen und weiterführen sollen:
- Die ökologische Krise ist die Ausdrucksform einer kollektiven Neurose, einer kollektiven Abspaltung. Das mentale Selbst bzw. die auf seiner Dominanz aufbauende Bewusstseinsform hat das natürliche Sein wie eine Raketenstufe abgesprengt und zugleich sich selbst als Omegapunkt der Bewusstseinsgeschichte gesetzt, was mit einer mehr oder weniger rabiaten Leugnung "höherer" oder transpersonaler Bewusstseinsformen oder -stufen zusammenfiel.
- Die ökologische Krise ist eine psycho-kosmologische Krise. In der technischen Welteroberung und ihren die Ganzheit des Lebendigen gefährdenden Pyrrhussiegen kommt ein zutiefst gestörtes Mensch-Kosmos-Verhältnis zur Erscheinung. Der Zerstörung und technischen Planierung der lebendigen Erde entspricht die gedanklich-konzeptionelle Zerstörung des lebendigen Kosmos; dieser gerät in den Köpfen der Menschen zur monströsen Himmelswüste, die auch die aufwendigsten und schlauesten "Weltmodelle" der allseits gefeierten "Kosmologen" nicht lebendiger machen. Was in den frühen 70er-Jahren als "Tiefenökologie" (deep ecology) aufkam, begründet von dem norwegischen Philosophen Arne Naess, war der Versuch, die Ebene des technischen Umweltschutzes und der herkömmlichen, nun als "flach" oder "seicht" etikettierten Ökologie zu überschreiten. Die tiefenökologische Bewegung hat sich zunächst in den USA ausgebreitet und war lange Jahre in Deutschland weitgehend unbekannt. Ursprünglich wollte Arne Naess sein neues und in seiner Sicht auch umfänglicheres, tieferes Konzept als "Ökosophie" bezeichnen, also als Weisheit vom Oikos; das griechische Wort oikos, auf das der Begriff Ökologie zurückgeht, meint soviel wie Haus oder Heim. Es ging in der geistigen Substanz um eine Art Wiedereinwohnung des Menschen auf der lebendigen Erde. Die "Umweltkrise" als eine kollektive Neurose und als psycho-kosmologische Krise trat zumindest umrisshaft in die Wahrnehmung derjenigen, die sich als Tiefenökologen verstanden. Ich benutze mit guten Gründen das Wort "umrisshaft"; ich könnte auch "schemenhaft" sagen. Denn bei aller Tiefe und bei allem Bemühen um Ganzheitlichkeit innerhalb der tiefenökologischen Bewegung konnte und kann einem kritischen Auge nicht verborgen bleiben, dass auch die Tiefenökologie einem Naturbegriff verhaftet blieb, der (wie Ken Wilber mit Recht hervorhebt) seinerseits ein technisch-industrieller ist. Das gibt der tiefenökologischen Bewegung eine seltsame Ambivalenz, die es manchmal schwer macht, das Großartige und Zukunftsträchtige in ihr zu würdigen, ja auch nur zu erkennen. Um zu zeigen, dass ich mich einerseits der Tiefenökologie verbunden fühle, die von ihr ausgehenden Impulse für tragfähig und existenziell bedeutsam halte, andererseits aber für eine Erweiterung und "Ergänzung" in Richtung auf höhere/transpersonale/integrale Bewusstseinsformen plädiere, habe ich den Begriff "integrale Tiefenökologie" geprägt.

Was ist Natur

Was den Naturbegriff überhaupt anlangt, so ist es aufschlussreich, einen kurzen Blick auf seine Entstehung zu werfen. Im altgriechischen Bewusstsein umschloss das Wort physis (= Natur, abgeleitet aus dem Verb phyein = blühen) vier Bedeutungsaspekte: Ursprung, Wesen, Prozess (etwa als Blühen) und Ziel. Alle vier Aspekte waren zu einer sehr lebendigen Ganzheit vereint, die nichts Starres oder Abstraktes in sich barg und stets den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner Leiblichkeit, seinem Leib-Sein (und das ist mehr als Körper-Sein) einschloss. Die Vorstellung einer alles durchstrahlenden Physis als die vierfache Einheit von Ursprung, Wesen, Werden und Ziel kennt noch nicht die Separatheit oder Abgetrenntheit des mentalen Selbst. Erlebtes Sein wurde als Eingetaucht- und Eingebundensein in ergreifende Mächte verstanden, denen ein numinoser, ein göttlicher bzw. quasi-göttlicher Charakter eigen war. In dem späteren römischen/lateinischen Begriff natura werden noch Reste davon spürbar. Bei den Römern ist Natur abgeleitet aus nasci (= geboren werden), soviel wie Geburt, aber auch die innere Beschaffenheit eines Dings oder Lebewesens, die Schöpferkraft des Kosmischen, die kosmische Ordnung selbst, das Weltall. Immer anwesend ist die Bedeutungsschicht des Schöpferisch-Zeugenden, auch im geschlechtlichen Sinne. Das gibt auch dem römischen Naturbegriff, trotz der schon damals zu erkennenden Verdinglichung und Abschleifung der komplexen Vielfalt, noch etwas großartig Lebendiges. Die mathematische Naturwissenschaft der europäischen Neuzeit hat den Naturbegriff dann zunehmend eingeengt und verflacht und auf dünnster Abstraktionsbasis ein Staunen erregendes Gebäude errichtet, in dem der lebendige Mensch nicht mehr vorkommt, ja lebendiges Sein und Bewusst-Sein sich gespenstisch auflöst zugunsten von Abstraktionen und Funktionen. Der größte Teil dessen, was heute als Wissenschaft gilt (und da sind auch die "alternativen Wissenschaften" eingeschlossen), ist geprägt und durchsetzt von diesem sowohl abstrakten als auch monologischen Naturbegriff. Das abgesprengte und vereinsamte moderne Selbst, meist nur unvollkommen inkarniert, das heißt dem eigenen Leib-Sein verbunden, sieht sich nun in eine seltsame und kalte Es-Welt hineingesetzt, eine Welt der Dinge und Oberflächen, zu der es keinen lebendigen oder dialogischen Zugang mehr gibt; und der wäre nur in einer Welt gegeben, die in ihrer Ganzheit dem Menschen als Du oder als eigenständiges/eigenlebendiges Ich oder Wir entgegentritt. Vor Computerbildschirmen aber verdampfen auch die letzten Reste dieser Weltganzheit und damit auch ihrer Tiefe! In dem Wort Tiefenökologie ist ja die Vorstellung enthalten, dass es so etwas gibt wie Tiefe (Tiefe der Welt, Tiefe des Bewusstseins, Tiefe des eigenen Zugangs). Und alles hängt offenbar an der Frage, was es mit dieser Tiefe auf sich hat. Wie tief ist die Tiefenökologie? Das führt schließlich zu der Frage: Wie tief ist die Welt? Die technisch fabrizierte "Tiefe" eines holografischen Bildes ist wohl nicht das, was hier gemeint ist. Auch nicht die betäubende räumliche Tiefe des Immer-Weiter, die die Außenwelt nicht verlässt und letztlich Fläche oder Oberfläche bleibt, so sehr sie das Bewusstsein beunruhigen und ängstigen kann.

Das Netz des Lebens

Um das, was heute als Tiefenökologie gilt, genauer in den Blick zu nehmen, möchte ich eine Passage aus dem Buch "Lebensnetz" von Fritjof Capra zitieren, die ein bezeichnendes Licht auf Struktur und Anspruch dieser Bewegung wirft. Capra schreibt (1996): "Jene philosophische Schule wurde in den frühen siebziger Jahren von dem norwegischen Philosophen Arne Naess begründet. Naess führte die Unterscheidung zwischen seichter‘ und tiefer‘ Ökologie ein, eine inzwischen weithin anerkannte Maßnahme, die auf einen Unterschied im heutigen Umweltbewusstsein verweist. Seichte Ökologie ist anthropozentrisch, stellt also den Menschen in den Mittelpunkt. Für sie steht der Mensch über oder außerhalb der Natur, als Ursprung aller Werte, und dementsprechend gesteht sie der Natur nur einen instrumentellen Wert, einen Nützlichkeitswert‘, zu. Die Tiefenökologie dagegen sieht weder den Menschen noch irgendetwas anderes als von der natürlichen Welt getrennt. Sie erblickt in der Welt nicht eine Ansammlung voneinander isolierter Objekte, sondern ein Netz von Phänomenen, die grundsätzlich miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig sind. Die Tiefenökologie ist darum bemüht, den allen Lebewesen innewohnenden Wert wahrzunehmen; sie betrachtet den Menschen gleichsam als einen der Fäden im Netz des Lebens. Letzten Endes ist tiefenökologisches Bewusstsein ein spirituelles oder religiöses Bewusstsein. Wenn der Begriff der Spiritualität einen Bewusstseinszustand meint, in dem der einzelne Mensch ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Verbundenheit mit dem Kosmos als Ganzem empfindet, dann wird klar, dass ökologisches Bewusstsein seinem tiefsten Wesen nach spirituell ist. Daher überrascht es nicht, dass das jetzt entstehende neue Bild der Wirklichkeit, das auf einem tiefenökologischen Bewusstsein basiert, der philosophia perennis [= der Ewigen Philosophie, J.K.] entspricht, der grundlegenden gemeinsamen Wahrheit aller spirituellen Traditionen ."2 Capra nimmt seinen Ausgang von der so genannten Systemtheorie, die er, wie viele andere heute, zur Grundlagenwissenschaft erklärt, zum universell gültigen Gedankenbau, der die Welt als Ganze zu einem großen Netzwerk ineinander verschachtelter Teilsysteme macht, die über abstrakte Systemeigenschaften miteinander kommunizieren. Geist, so hatte es schon der einflussreiche Gregory Bateson formuliert, wird zum "Muster, das verbindet", zur Struktur. Niemand wird leugnen können, dass die Systemtheorie mit ihren vielfältigen Ausformungen in den letzten Jahrzehnten in der Lage ist, sehr komplexe Prozesse und Zusammenhänge, auch die der lebendigen Welt, zu beschreiben und in ihren formalen Aspekten auch verständlich zu machen. Was jedoch nie geleistet wird und auch vom Grundansatz her gar nicht zu leisten ist, ist ein Verständnis der Innenseite der lebendigen Phänomene, Prozesse und Gestalten. Gerade diese Innenseite aber, die ja den alles entscheidenden Bewusstseinsaspekt darstellt, wird von dem systemtheoretischen und im Capraschen Sinne auch tiefenökologischen Konzept nicht einmal in zartester Annäherung erfasst.

Subjektblindheit

Wenn Capra mit Bateson Geist und Struktur gleichsetzt und die Allverbundenheit der Welt als eine primär formale begreift, dann spielt sich dieses Denken ganz im Bezugsrahmen der Subjektblindheit oder Subjektvergessenheit ab, die die neuzeitliche Naturwissenschaft seit Galilei kennzeichnet. Es geht nicht darum, die "Erfolge" zu leugnen, die ein subjektfreier Reduktionismus dieser Spielart aufzuweisen hat, auch gab und gibt es durchaus partiellen Erkenntnisgewinn - nur ist der Ansatz als solcher, wie man heute ohne großen Scharfsinn feststellen kann, langfristig lebensfeindlich. Ganzheitlichkeit, wenn dieses beliebte Wort nicht nur eine Floskel ist, kann und darf die Bewusstseinsseite der Welt nicht leugnen oder eliminieren. Und damit ist eine Herausforderung ganz eigener Art vorhanden, die auch eine ganz andere Intelligenz voraussetzt und verlangt - eine Intelligenz, die auf keiner Akademie dieser Erde gelehrt wird und die auch den meisten der "alternativen Wissenschaftler" unbekannt ist. Die Tiefenökologen setzen sich vehement von dem "Anthropozentrismus" ab, der ihrer Überzeugung nach zur Katastrophengeschichte des menschlichen Geistes gehört. Auch hier muss man zugestehen, dass eine Teilwahrheit ausgespochen wird, die etwas zu tun hat mit dem "Gattungsegoismus der menschlichen Spezies", insbesondere mit dem flächendeckenden Imperialismus, den der homo faber an den Tag legt und der die Erde, buchstäblich "auf Teufel komm raus", einem ungehemmten Willen zur Macht unterwirft. Andererseits steht dieser Teilwahrheit ein eigentümlich verengtes und verkürztes Menschenbild gegenüber, ganz zu schweigen davon, dass der angeprangerte Anthropozentrismus heute einem (häufig undurchschauten) Technozentrismus gewichen ist, der längst alles Menschenbezogene, auf den Menschen Zentrierte hinter sich gelassen hat. Und das Wesen dieser Technik blieb und bleibt weiterhin dunkel und unverstanden, ja scheint die Kapazität des Denkens überhaupt zu überfordern (so Heidegger in dem berühmten "Spiegel"-Gespräch von 1966). Mit anderen Worten: Zu behaupten, dass im großen Projekt der technischen Erderoberung und -planierung der Mensch in irgendeinem Sinn als zentrale Gestalt oder Bezugsgröße zu werten ist, erweist sich bei näherem Hinsehen als Täuschung. Der homo scientificus wirkt wie getrieben, vorangepeitscht von einer ihm rätselhaft verborgenen Instanz, einem Götzen, dem unermüdlich Opfer dargeboten werden, obwohl er selbst unsichtbar bleibt.

Mensch - Geist - Natur

Die anthropologische Kernfrage, nämlich die nach dem Wesen des Menschen, ist systemtheoretisch nun wirklich nicht zu lösen, auch nicht, wenn man die Systemtheorie mit spirituellen oder religiösen Konzepten zusammenzubringen versucht. Wäre der Mensch tatsächlich "nicht getrennt von der natürlichen Umwelt", würde das bedeuten, dass er dieser Umwelt nicht nur verbunden, sondern zugleich unlösbar an sie gefesselt, ja von ihr restlos dominiert wäre. Der Mensch würde verengt werden zum reinen Bios-Wesen; seine metaphysische Würde wäre dahin zugunsten eines Biologismus oder Biozentrismus, der auch erkenntnistheoretisch unhaltbar ist und zu unauflösbaren Zirkelschlüssen führt. Erkenntnis, wenn sie wirklich ist, also das bloße In-Beziehung-Setzen überschreitet, setzt logisch notwendig so etwas wie einen "objektiven Geist" in der Welt voraus, zu dem der "subjektive Geist" einen authentischen Zugang hat. Dieser Zugang ist aber nur über eine höhere Geistqualität zu haben, die das bloße Teil-Sein eines wie subtil auch immer vorgestellten Öko-Netzwerkes oder -Systems überschreitet. Allein die Behauptung, es gebe ein derartiges und universal gültiges "Netz des Lebens", ja des Kosmos überhaupt, ist eine solche, die das bloße Teil-Sein weit hinter oder unter sich lässt. Der Faden im großen Netz kann nicht dieses große Netz erkennen; könnte er es, und das postulieren ja auch die Systemtheoretiker, dann ist er "mehr", "steht höher" als das gesamte Netz. Wir berühren hier einen Schwachpunkt auch des Neo-Darwinismus: Als bloßer Seitenstrang der Evolution wäre der Mensch strukturell außerstande, den kosmischen Baum der Evolution zu überschauen. Wäre der Neo-Darwinismus wahr, würde er sich selbst widerlegen. Das ist elementare Logik ohne Inanspruchnahme höherer Weisheit. Wenn die Tiefenökologie den Menschen reduziert auf einen - mit allen anderen Lebensformen gleichberechtigten - Strang im großen Netz (Tiefenökologen benutzen gelegentlich sogar den Begriff der "Basisdemokratie" mit Blick auf die lebendige Welt), dann ist dies nicht nur philosophisch unzulänglich und erkenntnistheoretisch unhaltbar, sondern auch eine Kapitulation vor der wirklichen Tiefe, der der Welt und der des Menschen. Und diese Tiefe, die Innenseite der Welt, die niemals aufgeht und aufgehen kann in der verdinglichten Außenwelt, ist nur über ein Tiefenbewusstsein zu erschließen, das der stetigen Schulung bedarf (einer Schulung, wie sie, in anderer Form, jede ernst zu nehmende Wissenschaft oder Erkenntnisbemühung voraussetzt).
Damit werden die "Errungenschaften" und grundlegenden Intuitionen der tiefenökologischen Strömung, die ja alle mehr oder weniger auf die Allverbundenheit einer als lebendig vorgestellten Natur gerichtet sind, nicht gering geachtet oder gar geleugnet. Eher trifft das Gegenteil zu. Gerade um diese "Errungenschaften" und Intuitionen zu wahren und im höheren Sinn auch zu würdigen, bedarf es einer vertiefteren Betrachtung und Wertung, nicht zuletzt des Menschen. Dass es gerade an dieser häufig mangelt, wird sofort evident, wenn man sich die Mühe macht, einige der tiefenökologischen Basistexte und Praktiken in Augenschein zu nehmen, vor allem mit Blick auf die anthropologische Kernfrage. Und diese Kernfrage, die nach dem Wesen des Menschen, das heißt des wirklichen und ganzheitlichen Menschen, wird kaum gestellt, vielmehr wird das kosmische Rätselwesen Mensch schon im Vorfeld oder Grundansatz verkürzt, man kann auch sagen: reduziert. Parallel dazu wird auch der Geist verkürzt und reduziert und damit, entgegen den vorgetragenen Intentionen, gerade der Lebenswelt entfremdet. Was die Tiefenökologen im Hauptstrom ihrer Bewegung als "Ökologisches Selbst" bezeichnen (eco-noetic self) und gegen die abendländische Vorstellung eines separaten Selbst, einer isolierten Ich-Monade ausspielen, was in Teilen durchaus berechtigt ist, wirkt als Ganzes eher wie ein biozentrisches Selbst, das den Menschen zurückwirft auf die (systemisch gedeutete) Bios-Ebene. Der Mensch wird dadurch, wie schon im Neo-Darwinismus, zum höheren Tier, was er sicherlich auch ist, nur trägt er die Tierheit - ich spreche vom Tier-Selbst - als einen integralen Teil in sich, wie er auch das Pflanzen-Selbst und das Stoff-Selbst (oder Materie-Selbst) in sich trägt. Die naturwissenschaftliche Systemtheorie, auf die sich viele Tiefenökologen stützen, ist, bei Licht gesehen, eine abstrakte Theorie, die die Ebene des Materiellen und Strukturellen/Formalen nicht überschreitet. Kein Grashalm wird von ihr berührt, geschweige denn zureichend erklärt. Man muss dies in der gebotenen Deutlichkeit herausheben, auch wenn es polemisch-schroff wirken mag. Gerade mit uns selbst dürfen wir es uns nicht zu leicht machen. Hier lässt sich nichts delegieren an die Naturwissenschaft, auch nicht die subtilste, die immer subjektblind und auch leibvergessen ist. Im übrigen kann es bei der genannten Allverbundenheit ja nicht um moralisch-ökologische Postulate gehen, hier gibt es kein "Du sollst", sondern um lebendig-ganzheitliche Erfahrung. Fehlt diese Erfahrung, bleibt alles Reden über ökologisches Selbst und Lebensnetz nur öde Ideologie. Und wirkliche Ganzheitlichkeit der Erfahrung erschöpft sich nicht in gefühlvoll-ästhetischem Genießen oder gar in einem (sehr verbreiteten) Öko-Sentimentalismus und geht auch nicht auf im gedanklich-messenden Operieren mit "feinstofflichen Feldern", sondern sie fließt aus der tiefen Kommunikation oder gar Kommunion der Leib-Seele-Geist-Ganzheit Mensch mit der physisch-seelisch-geistigen Qualität der uns tragenden Natur, der lebendigen Erde und des lebendigen Kosmos. Und dazu bedarf es eines tiefen Erfassens und Verstehens der mit dem Menschen gegebenen Ich-heit, des Ich-Impulses. Was immer der Mensch "sonst noch" ist, er ist ein Ich. Würde und Abgrund seiner Existenz wurzeln hierin. Und nicht erst in Todesnähe wird dies offenbar. Tiefenökologie lässt sich nicht denken und sinnvoll "betreiben" ohne jene andere und höhere Schicht der Wirklichkeit, die ich in Anlehnung an die keltische Mythologie als Anderswelt bezeichne. Eine Ökologie, die sich das Etikett "tief" zulegt, kann nur gegründet sein in dem Wissen um diese Anderswelt, die keine "Hinterwelt" oder naturenthobene, gar abstrakte Ideenwelt darstellt, sondern das Fundament der Wirklichkeit.

Der Mensch als Doppelwesen

Alles spricht dafür, dass der Mensch ein Doppelwesen ist. Alle grenzüberschreitenden/transpersonalen/spirituellen Erfahrungen deuten auf einen grundlegenden Befund: In der so genannten Empfängnis steigt ein hohes Bewusstseinswesen in die Tiefe der Materie, verbindet sich, aus karmisch-vorgeburtlichen Impulsen heraus, mit der sinnlich-physischen Welt zu einem großen Durchgang, an dessen Ende die Exkarnation steht. Dies bedeutet für das sich inkarnierende Selbst (das kein nebelhaftes Geistgespenst ist) zunächst einmal eine heftige Regression, ein erschütterndes Vergessen des eigenen und höheren Ursprungs. Die körperliche Welt wirkt wie eine superstarke Droge. Wer sich inkarniert, hat gleichsam die Droge Maya eingenommen, die ihn nun erst einmal ganz einhüllt und durchdringt. Sich-Inkarnieren: Das kann als eine Art Umstülpung verstanden werden, wie man einen Handschuh umstülpt, eine radikale Vertauschung von innen und außen, von "Innenraum" und "Außenraum" (hier bewusst in Anführungszeichen gesetzt, wahrscheinlich ist der Raum "als solcher" immer innen und außen zugleich). In diesem Sinn scheint es wirklich ein Geburtstrauma zu geben. Jede Geburt ist auch das, was die Gnostiker als Abstieg oder Absturz bezeichnet haben; in seinem Buch "Atman-Projekt" hat dies Ken Wilber prägnant beschrieben.3 Zur Bewusstseinsevolution des Doppelwesens Mensch gehört es offenbar, sich vom Körper-Ich zum kosmischen Ich, vom Sinnenmenschen zum kosmischen Anthropos empor zu entwickeln. In der menschlichen Gestalt, verstanden als Manifestation des menschlichen Erde- und Kosmosverhältnisses, als absolutes Oben-unten-System gegen allen Relativismus, spiegelt sich diese Doppelnatur deutlich. Und alle Indizien sprechen dafür, dass nur der wirklich und wahrhaftig Inkarnierte, der Ganz-Geborene, sich der Erde wirklich verbinden kann, der sinnlich-physischen Erde unter seinen Füßen und der über-sinnlichen, die auch seine seelischen und geistigen Schichten erfasst. Wer diese vollständige Geburt nicht leistet oder leisten kann (bzw. will), wird sie "nachholen" müssen, z.B. auf der technischen Bewusstseinsebene; ich spreche, bezogen auf die Eroberungswut des Menschen, vom "imperialen Wahn der Nur-halb-Geborenen".4 Das Streben nach Über-Sinnlichkeit ohne Erdung im tiefsten Verständnis, ohne die Tiefe und Würde des Sinnlichen, muss neurotisch oder pathologisch entgleisen. Der Nur-halb-Geborene, der die kosmische Anderswelt gleichsam frontal angeht, als sei sie eine zu erstürmende "Himmelsfestung", wird und muss scheitern. Und häufig genug ist hier der Weg in die Psychiatrie geebnet.

Aufstiegstransformation und Erdbewahrung

In seinem letzten Essay ("Die Idee des Homo integralis - oder ob wir eine neue Politeia stiften können" von 1997) schreibt Rudolf Bahro: "Wir können die Welt nur bewahren von einer Aufstiegstransformation unserer geistigen Anlage her. Aber die ist kaum anders denkbar als auf dem Grund einer geistig-kulturellen Sezession vom Status quo."5 Diese "geistig-kulturelle Sezession" wirklich zu vollziehen, erfordert eine Bewusstseinsanstrengung eigener Art, die auch zu tun hat mit dem, was Bahro mit Ken Wilber als "Aufstiegstransformation" bezeichnet. Damit wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Ökologie oder Bewahrung der Erde und Bewusstseinsevolution, der, richtig verstanden und gewichtet, einen Schlüssel zu einer wirklich integralen Form der Tiefenökologie darstellt. Es muss uns nicht bekümmern, dass Bahro selbst in seinem Lebensvollzug und in seinen Schriften nur selten in der Lage war, diese Verbindung angemessen zu würdigen und sich ihr existenziell zu stellen. Ich sage das als Bahros langjähriger Freund und Mitstreiter, nicht aus der Anmaßung des "Besserwissens" oder "Besserkönnens" heraus. Ich weiß sehr wohl, wie schwer die hier aufscheinende Aufgabe und Herausforderung ist - auch wie schwer es ist, das theoretisch-konzeptionell Erkannte oder für richtig Gehaltene lebenspraktisch durchzuhalten. Aber es ist wichtig, dass diese "Sezession", wenn sie mehr sein soll als ein Postulat oder ein bloßes Ausstiegsprojekt, auf geistig soliden Fundamenten ruht, um nicht gleich im ersten Anlauf, wie so häufig, an den inneren Widersprüchen und an der Dürftigkeit der geistigen Konzepte zu zerbrechen. Eine wirklich integrale Tiefenökologie erscheint heute wichtiger denn je, und diese ist nicht zu haben (und zu halten) ohne ein vertiefteres Verständnis dessen, was Geist/Bewusstsein/Seele und was der Mensch ist. Der anthropologischen Kernfrage kann nicht ausgewichen werden. Und es muss nicht entmutigen, dass Sektierer und Ideologen jedweder Spielart die Frage nach dem Menschen auf ihre Weise beantwortet haben und alle anderen Ansätze nach Maßgabe der Nähe oder Ferne zu dem jeweils favorisierten Menschenbild werten.

Tiefe des Menschen - Tiefe der Welt

Die Tiefe des Menschen korrespondiert mit der Tiefe der Welt. Und der Mensch interpretiert die Welt "um ihn herum" nach den jeweils erreichten bzw. erschlossenen Tiefengraden des eigenen Bewusstseins. Die herrschende "Flachland-Ontologie" (Ken Wilber in Anknüpfung an Nietzsche) hat bekanntlich die Tiefe überhaupt planiert bzw. abgeschafft. Das ist dem Menschen nicht gut bekommen, wie man weiß. Und so verliert sich der homo technicus vor dem Bildschirm mehr und mehr in den Simulationen der Tiefe, in der technischen Magie, die für viele längst an die Stelle der Anderswelt getreten ist. Das hat auch weitreichende Auswirkungen auf die ökologische oder tiefenökologische Frage. Und wenn nicht weltgeschichtlich-kosmische Koordinatenverschiebungen erfolgen, die zur Stunde kaum absehbar sind, dann wird die Kolonisierung der natürlichen und der "übernatürlichen" Welt durch die virtuellen Schemen oder Gespenster weiter voranschreiten. Vielleicht (oder besser: sicher) wollen das viele Menschen gar nicht. Aber es geschieht. Es vollzieht sich, augenscheinlich wuchtigen Eigenimpulsen folgend, die dem Menschen gar keine "Mitsprache" mehr ermöglichen. Davon war schon im Zusammenhang mit dem von mir festgestellten Technozentrismus als kollektivem Wirkfaktor die Rede. Das muss uns nicht blockieren oder mutlos machen, aber es wäre naiv, den hier zutage tretenden Prozess in seiner alles Menschliche übersteigenden, ja alles Menschliche zermahlenden Kraft zu leugnen. Ich sage es einmal mehr, wie schon oft: Der faktische Weltherrscher ist der technische Pharao, vor dem fast alle auf dem Bauch liegen. Mit Wonne, so scheint es, malochen sie in seinem Dienst. Und, erstaunlich genug, fühlen sich weitgehend frei, ja weisen den Gedanken mit Empörung zurück, Opfer und Werkzeuge eines kollektiven Wahns zu sein, an dessen Ende die Zerstörung der lebendigen Erde (= Gaia) steht.

Kosmischer Großorganismus

Eine richtig verstandene Tiefenökologie, die ja von einem bestimmten Punkt an fast deckungsgleich ist mit "Tiefengeomantie", lässt sich nicht denken oder praktizieren ohne die Grundannahme, dass das Gestirn, das uns trägt und erhält, ein kosmischer Großorganismus ist. Das ist schon beinahe die starke Form der Gaia-Theorie (= die Erde ist wirklich und buchstäblich ein Organismus, ist wirklich lebendig), die der so genannten schwachen Form gegenübersteht (= die Erde ist nur ein Quasi-Organismus, ein "Als-ob-Organismus"). Welche der beiden Formen der Gaia-Theorie der Wirklichkeit mehr entspricht, die starke oder die schwache, wird sich empirisch oder gar wissenschaftlich-theoretisch wohl kaum entscheiden lassen. Aber wie wir uns entscheiden, wenn wir den Ansatz überhaupt für richtig oder tragfähig halten, berührt erneut die Frage nach der Tiefe: der Tiefe der Welt und der Tiefe des Bewusstseins. Ist das Gestirn Erde nur ein "Als-ob-Organismus", eigentlich aber ein vernetztes System mit allen Eigenschaften, die wir aus der Systemtheorie kennen, dann kann man immer noch spirituelle Gesichtspunkte ins Spiel bringen, die jedoch etwas nur Ergänzendes, in gewisser Weise auch Projektives haben. Faktisch trennt man dann zwischen der naturwissenschaftlich erschließbaren Wirklichkeitsebene, die die Reduktionisten aller Couleur für die "eigentlich wirkliche" halten, und der spirituellen Ebene, die es auch "geben darf", aber doch als "irgendwie weniger wirklich" gewertet wird, es sei denn, man legte einen schon im Ansatz verengten Begriff von Spiritualität zugrunde, wie in dem oben gebrachten Zitat aus Capras "Lebensnetz".

Erdgeist und Erdseele

Erst, wenn die Erde wirklich ein kosmischer Großorganismus ist, "wird die Sache spannend", und dies nicht zuletzt deswegen, weil sich sofort die Frage einstellt, ob diesem wirklich existierenden großen Lebewesen auch eigene, und dann wohl kosmische, Bewusstseinsqualitäten zuzuordnen sind. Hat dieser Organismus auch einen Geist, eine Seele über seine biologisch fassbare Lebendigkeit hinaus? Gibt es eine unsichtbare Erde, eine Erde hinter der Erde? (Damit sind jetzt nicht physikalische Felder gemeint, die sich der Sichtbarkeit entziehen.) Und, weiter gefragt: Wie steht es mit der organologischen und bewusstseinsmäßigen Lebendigkeit des Sonnensystems, der Galaxis, der Galaxiengruppen? Wenn die Welt eine Einheit ist (das war ja der Ausgangspunkt allen philosophischen und naturwissenschaftlichen Denkens im Abendland vor zweieinhalbtausend Jahren), dann ist nicht einzusehen, warum Gaia ein lebendiger Garten ist, der Rest "da draußen" aber, von eher zufälligen Oasen abgesehen, als tote Wüste gilt. Sinnvoll nähern kann man sich dieser Frage nur auf der Grundlage einer ganz anderen Kosmologie als der herrschenden. (Fingerzeige dazu finden sich in meinem Buch "Räume, Dimensionen, Weltmodelle" und in meinem Beitrag in Hagia Chora 7, Winter 2000/01). Tiefenökologie, die diesen Namen verdient, ist ohne "Tiefenkosmologie" nicht zu haben. Und damit meine ich nicht nur die innere Kosmologie der anderen/höheren/transpersonalen Ebenen des Bewusstseins, wie ich sie in meinem Buch "Die Anderswelt" beschrieben habe, sondern durchaus eine Kosmologie, die Aussagen macht über den wirklichen Zustand der kosmischen Umwelt, der Himmelskörper, der Sternensysteme. Das habe ich in "Räume, Dimensionen, Weltmodelle", hier vornehmlich auf die Philosophen Giordano Bruno und Helmut Friedrich Krause zurückgreifend, zu leisten versucht, wenigstens im Grundansatz. Aus der Radialfeld-Hypothese und der dadurch ermöglichten Neuinterpretation des kosmischen Lichts folgt, wenn die Prämisse stimmt, logisch zwingend die prinzipielle Allgegenwart des Lebens im Universum, die Lebendigkeit der Gestirne einschließlich der als glühende und tote Gaskugeln imaginierten Sonnen. Dann ist der Kosmos rundum lebendig, von brodelndem Leben erfüllt, von unvorstellbarer Fülle und Vielfalt, im Vergleich zu der sich die abstrakten Fiktionen und Projektionen der herrschenden Kosmologie seltsam virtuell ausnehmen .

Tiefere Fragen

"Das Wesen der Tiefenökologie", sagt ihr Begründer Arne Naess, "besteht darin, tiefere Fragen zu stellen".6 Einige dieser Fragen habe ich hier zu stellen versucht. Letztlich dreht sich alles um die Fragen:
- Wie tief ist der Mensch? Das ist auch die Frage nach seinem innersten Wesen, seiner Ganzheit, seinem Bewusst-Sein.
- Wie tief ist die Welt? Das ist zugleich auch die Frage nach der Wirklichkeit, der physisch-sinnlichen Wirklichkeit, und der anderen/höheren/transpersonalen Wirklichkeit, der kosmischen Anderswelt.
Beides gehört zusammen, ist integraler Teil eines großen kosmischen (und wohl auch karmischen) Zusammenhangs, der eine ständige Bewusstseinsaufgabe/Herausforderung darstellt, der sich niemand auf Dauer entziehen kann, weil Menschsein eben hierin wurzelt, weil Menschsein in gewisser Weise diese Aufgabe, diese Herausforderung ist. Nur die Annahme dieser bzw. Aufgabe dieser Herausforderung wäre die "gelungene" Inkarnation, die auch das Wissen um die Exkarnation einschließt, die der Tod uns abverlangt. Und alles, was wir "dann" sein werden, sind wir schon jetzt. Nur anders. Aber wie anders? Wie verhalten sich Sinnenwelt und Anderswelt, auch im Sinn einer übergreifenden, alles durchdringenden Wirklichkeit? Wenn "Tiefe" nur ein naiv-esoterisches und naiv-ökologisches Postulat ist und sich die wirkliche, das heißt bewusstseinsmäßige und existenzielle Tiefe gar nicht einstellt, ist auch die integrale Tiefenökologie nur ein Konzept mehr, ein Konstrukt mehr ohne höhere oder tiefere Verbindlichkeit. Alles, buchstäblich alles hängt an der lebendig-existenziellen und damit bewusstseinsmäßigen Erfahrung der in der Tiefenökologie vorausgesetzten Verbundenheit der Dinge und Phänomene.