Von Gaia umfangen
Wie die Gaia-Hypothese unsere Wahrnehmung verändert
In vielen Texten dieser Ausgabe von Hagia Chora wird der Philosoph David Abram zitiert, der das Denken der englischsprachigen Welt mit seinem einzigartigen Buch "The Spell of the Sensuous" bereichert hat. Er findet dort zu einer neuen Sprache für die von den Sinnen erschlossene Verwobenheit von Natur und Bewusstsein. In diesem Beitrag, einer seiner früheren Aufsätze, reflektiert er die Bedeutung der Gaia-Theorie für die Wahrnehmung - wie wir meinen, mit wichtigen Gedanken für die zeitgenössische Geomantie.

Die Gaia-Hypothese markiert ein einmaliges Ereignis im wissenschaftlichen Denken, nämlich das erste Aufblitzen der Möglichkeit, diesen Planeten als kohärentes, lebendes Wesen beschreiben zu können - ohne den Bereich der reinen und exakten Wissenschaft verlassen zu müssen. Die Hypothese entsprang dem Versuch, gewisse Anomalien der Erdatmosphäre zu begreifen. Sie formuliert die Vermutung, die gegenwärtige Stabilität der Atmosphäre mit ihrer sehr weit vom Gleichgewicht entfernten chemischen Zusammensetzung könne am besten unter der Annahme verstanden werden, dass die Atmosphäre von den Ozeanen, Böden, Pflanzen und Lebewesen - also von der gesamten Biosphäre - auf aktive und fühlende Weise aufrechterhalten wird. In James Lovelocks eigenen Worten besagt die Hypothese, "dass sich die Gesamtheit der Lebensformen auf der Erde, von Walen bis zu Viren und von Eichen bis zu Algen, als eine einzige lebende Wesenheit betrachten lässt, die fähig ist, die Erdatmosphäre nach ihren allgemeinen Bedürfnissen auszurichten, und die mit Fähigkeiten und Kräften begabt ist, die weit über jene ihrer einzelnen Komponenten hinausgehen." Erfreulicherweise findet die Hypothese in akademischen Kreisen allmählich Gehör, verstärkt unter anderem durch die Biologin Lynn Margulis, deren Studien zur mikrobischen Evolution bereits gewisse regulative Systeme Gaias zeigen.2 Dennoch dürfte sich die Hypothese nur langsam durchsetzen, denn sie anzuerkennen heißt, viele tief eingefleischte wissenschaftliche und kulturelle Annahmen in Frage zu stellen. Die Anerkennung Gaias hat gewaltige Auswirkungen auf beinahe jedes Gebiet wissenschaftlichen und philosophischen Bestrebens, da sie uns zu einer neuen Wahrnehmung unserer Welt aufruft. Im Folgenden untersuche ich einige Auswirkungen, welche die Gaia-Hypothese für unser Verständnis von Wahrnehmung selbst bereit hält.
Bezeichnenderweise kommt der erste Hinweis darauf, dass sich die Oberfläche dieses Planeten wie ein Lebewesen verhält, von der Erforschung der Atmosphäre - von dem Teil der Erde, den wir fast immer übersehen. Die Luft ist uns so nah, dass wir so gut wie nie an sie denken - so wie wir uns auch kaum mit der Erfahrung des Atmens befassen, einem für unser Dasein derart fundamentalen Akt, dass wir ihn schlicht für gegeben hinnehmen. Die uns umhüllende Luft ist für unsere Augen unsichtbar - zweifellos ein Grund dafür, dass wir so reden und tun, als gäbe es sie gar nicht.
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